Die Kunst- und Naturalienkammer – ein pietistisches Bildprogramm

Über das Nikodemusgemälde und die Bekrönungsmalereien der Schränke

Die Restauratorin Silke Hönig und die Wissenschaftlerinnen Dr. Britta Klosterberg und Friederike Lippold führen durch den dritten Abend in unserer Reihe »Neu entdeckt. Neu erworben. Neu erschienen.«.

Wer die Kunst- und Naturalienkammer betritt, trifft gegenüber der Eingangstür auf mehrere Gemälde, die bedeutsam für das Selbstverständnis des Halleschen Waisenhauses im 18. Jahrhundert waren. Dazu zählt ein großformatiges Ölgemälde, das nach einer Bibelstelle im Johannes-Evangelium die nächtliche Unterredung zwischen Christus und Nikodemus zeigt. Das Thema des Gesprächs war die geistliche Wiedergeburt der Gläubigen – ein zentrales Anliegen der Theologie August Hermann Franckes.

Das Gemälde wies durch unsachgemäße Lagerung zahlreiche Fehlstellen auf. Es wurde von der Restauratorin behutsam und aufwändig wieder instand gesetzt. In der Veranstaltung informiert Silke Hönig zunächst über ihr Vorgehen bei der Restaurierung des Gemäldes. Danach wird Dr. Britta Klosterberg erläutern, wie sich August Hermann Francke in seiner Schrift »Nicodemus oder Tractätlein von den Menschen-Furcht« dem biblischen Stoff näherte und welche Rolle seine Schrift in der Geschichte der Emotionen und der Affektkontrolle einnimmt. Zudem geht sie der Frage nach, warum Franckes Traktat zu einem der wichtigsten Texte pietistischer Erbauungsliteratur und zu einem viel gelesenen Long- und Besteller bis weit in das 19. Jahrhundert hinein avanciert ist.