Halle Lectures

Mit Prof. Dr. Jakob Vogel und Prof. Dr. Georg Bertram

Die Erforschung des 18. Jahrhunderts spielt in Halle eine herausgehobene Rolle, an den Forschungszentren der Universität ebenso wie in den Franckeschen Stiftungen. Betrieben wird diese Forschung in dem Bewusstsein, an den Grundlagen der modernen Gesellschaft zu arbeiten und mit der Historie immer auch ein Stück unserer Gegenwart kritisch zu befragen und damit ‚aufzuklären‘. In jüngster Zeit ist die Maßgeblichkeit der Aufklärung sowohl in wissenschaftlichen als auch in gesellschaftlichen Debatten in die Kritik geraten. Wieviel Selbstüberschätzung steckt im Anspruch der Aufklärer? Ist Aufklärung nicht – wie die christlich-pietistische Mission – trotz der von ihr beanspruchten Universalität, ein partikulares Projekt, das die Vorherrschaft Europas mehr gestärkt als in Frage gestellt hat? Wieviel taugen die kritischen Verfahren, die anthropologischen Leitbilder und die politischen Ideale des 18. Jahrhunderts noch in einer Zeit, in der sich partikulare und nationalistische Tendenzen rapide auszubreiten scheinen? Um solchen Fragen nachzugehen, haben die in Halle ansässigen Forschungseinrichtungen, die zentral mit dem 18. Jahrhundert befasst sind, eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen. Jährlich zwei herausragende, international renommierte Wissenschaftler werden gebeten, ihre Sicht auf die Erforschung des 18. Jahrhunderts und deren Bedeutung im Kontext der aktuellen Weltlage darzulegen. Historische Fundierung und gegenwartsbezogene Problematisierung sollen dabei verbunden werden, ebenso lokale, nationale, europäische und globale Perspektivpunkte. Die Vorträge richten sich sowohl an Forscher und Studierende als auch an die weitere Öffentlichkeit.

Eine Kooperation von

  • Interdisziplinäres Zentrum für Pietismusforschung (IZP)
  • Franckesche Stiftungen zu Halle
  • Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA)
  • Alexander von Humboldt-Professur für Neuzeitliche
  • Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer
  • Landesforschungsschwerpunkt »Aufklärung — Religion — Wissen«
Donnerstag, 28.05.2020

Aufklärung postkolonial? Globale Wissensgeschichte und die Herausforderung des Exotismus

Prof. Dr. Jakob Vogel (Berlin/Paris)
Seit einigen Jahren mehren sich die Aufrufe, die Geschichte der Aufklärung einer postkolonialen Kritik zu unterwerfen. Im Rahmen kolonialer Machtstrukturen sei nicht-europäisches Wissen ausgebeutet, exotisiert und angeeignet worden, während gleichzeitig »westliches« Wissen als vermeintlich universelles Wissen verbreitet wurde. Der Vortrag fragt nach der Rolle von Exotismus und Universalismus in der Geschichte der Aufklärung. Der Blick auf »koloniale Zwischenräume« und »europäische Peripherien« verdeutlicht, wie vielfältig die Wissensordnungen des 18. Jahrhunderts waren. Die Geschichte der »Salzspindeln« sowie anderer Instrumente und Objekte des Wissens zeigt aber auch, wie wenig die Wissenschaft der Aufklärung ihren eigenen Ansprüchen gerecht wurde.
18:00 - 20:00 Uhr, IZEA Bibliothek, Haus 54
Donnerstag, 26.11.2020

Dinge im Konflikt. Für eine Hermeneutik der Improvisation

Prof. Dr. Georg W. Bertram (Berlin)
Die geistige Situation gegenwärtiger Gesellschaften ist, gängigen Theorien zufolge, durch umfassende Ästhetisierungen, durch Digitalisierung und durch Postkolonialität geprägt. Dies suggeriert, dass Individuen und Dinge von umfassenden diskursiven Zusammenhängen durchdrungen sind, von denen sie bestimmt werden. Heißt das, dass wir Dinge und ihren eigenständigen Ausdruck verloren haben? Wie lässt sich gegen einen solchen drohenden Verlust andenken? In diesem Sinn plädiere ich dafür, unsere Praxis als von Improvisation und Konflikt geprägt zu begreifen. In einer so verstandenen Praxis gewinnt der Ausdruck der Dinge ein Eigenrecht. Gefordert ist eine Hermeneutik, die nachvollzieht, wie wir uns in unseren Praktiken an den Dingen entwickeln.
18:00 - 20:00 Uhr, Aula des Löwengebäudes, Universitätsplatz 10