August Hermann Francke

Detailausschnitt des Francke-Denkmals, welche Francke mit ausgestrecktem Arm zeigt.
Uwe GaaschFrancke-DenkmalDetailausschnitt des Francke-Denkmals

Franckes Leben fällt in eine Zeit großer religiöser und gesellschaftlicher Veränderungen. Vom jungen Theologen zum Gründer der Glauchaschen Anstalten prägte er diese Epoche entscheidend mit.

Biografie

Kindheit und Jugend

Am 22. März 1663 wurde August Hermann Francke in Lübeck als Sohn des Juristen Johannes Francke (1625–1670) und Anna (1634–1709), der Tochter des Lübecker Ratssyndikus und Bürgermeisters David Gloxin, geboren. Bereits drei Jahre später (1666) zog die Familie nach Gotha, wo der Vater Hofrat bei Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (»der Fromme«, 1601–1675) wurde. Seine Ausbildung erhielt er unter anderem am Gothaer Gymnasium, das dank der Bildungsreformen des Herzogs einen guten Ruf genoss. Einige der Weggefährten Franckes in Gotha werden ihn lebenslang begleiten. In der Gothaer Zeit ist auch das Erweckungsmoment in Franckes Leben verankert. Seine Schwester Anna und die Lektüre von Johann Arndts »Vier Bücher vom wahren Christentum« gaben den Impuls.

Ausbildung und Studium

Dank eines Stipendiums aus der Familienstiftung nahm Francke 1679 das Studium der Theologie in Erfurt auf. Sein Onkel bewegte ihn noch im selben Jahr zum Wechsel nach Kiel. Hier lehrte Christian Kortholt (1633–1694), der als reformoffener Theologe galt. Die Verbindung von Glauben und Lebensführung im Rahmen der lutherischen Theologie gehörte zu seinen wichtigsten Anliegen.Finanzielle Schwierigkeiten zwangen Francke 1682 dazu, das Studium zu unterbrechen. Er widmete sich in Hamburg bei Esdras Edzardus (1662–1713) dem Hebräischstudium.

Als sich in Leipzig die Möglichkeit eröffnete, Hebräisch zu unterrichten, ging Francke 1684 zurück in die Messestadt. Ein Jahr später erwarb er bereits den Grad des Magisters, habilitierte sich mit einer Dissertation über die hebräische Grammatik und hielt biblisch-philologische Vorlesungen. Gemeinsam mit einigen jungen Magistern der Universität gründete er 1686 das Collegium philobiblicum zur Vertiefung der Kenntnis der biblischen Sprachen. In der Leipziger Zeit lernte Francke auch den Theologen Philipp Jakob Spener (1635–1705) kennen, der als Wegbereiter des Pietismus in Deutschland gilt. Beide verband eine lebenslange Freundschaft. Spener beeinflusste maßgeblich Franckes späteren Lebensweg.    

Entscheidend dafür war das Jahr 1687. Bei der Vorbereitung einer Predigt zu Johannes 20,31 (»Diese sind aber geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.«) geriet Francke in eine tiefe Krise. Wie sollte er der Gemeinde gegenüber treten, wenn er sich selbst seines Glaubens nicht sicher war?  Mit einem tief verwurzelten Glauben an Gott konnte er die Zweifel hinter sich lassen. Er widmete sich wieder seinen Studien in Hamburg bei Johann Winckler (1642–1705), einem Schüler seines geistiges Vaters Philipp Jakob Spener. 

Erste Dienstjahre

Den Beginn des Jahres 1689 verbrachte Francke bei Spener in Dresden. Im Februar traf man ihn wieder in Leipzig, wo er einer Lehrtätigkeit an der Universität nachging. Auch das collegium philobiblicum wurde fortgeführt, die Bibel praktisch-erbaulich ausgelegt und darüber meist auf Deutsch gesprochen. Bald hielten auch die Studenten Konventikel zur Bibelauslegung in Privathäusern ab. Dagegen protestierte die Theologische Fakultät entschieden. Kein geringerer als Christian Thomasius (1655–1728) belegte die Rechtswidrigkeit des eingeleiteten Verfahrens, Francke bestritt die Vorwürfe und trotzdem wurden die »Pietisten« in Leipzig verboten.

Bald darauf erreichte Francke die Nachricht, dass die Augustiner Gemeinde in Erfurt eine zweite Pfarrstelle zu besetzen hatte und Franckes Berufung erwirken konnte. So predigte er mit 27 Jahren an dem Ort, an dem Martin Luther 1505 mit 22 Jahren Mönch geworden war. Auch hier wurde er als Pietist nur ein Jahr später ausgewiesen und  wandte sich an Spener, der am 21. März 1691 als Propst und Konsistorialrat nach Berlin berufen worden war.

Wirken in Halle

Das aufstrebende Brandenburg-Preußen bestellte Francke am 22. Dezember desselben Jahres zum Pfarrer in Glaucha, einer Amtsstadt vor den Toren Halles. Gleichzeitig erhielt er eine Benennung zum Professor für orientalische Sprachen an der Universität in Halle, die sich in Gründung befand.  Der Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg blieb Francke lange Zeit gewogen. Streitigkeiten mit der Stadt und der Gemeinde konnte der Theologe und Pietist dank dieser Unterstützung überstehen und in der Salzstadt an der Saale den Grundstein für sein Lebenswerk legen.

Mit einem sicheren Auskommen versehen, heiratete Francke 1694 Anna Magdalena von Wurm (1670–1734). Drei Kinder gingen aus der Ehe hervor: der erste Sohn starb mit 10 Monaten, Gotthilf August (1696–1769) wird Theologe und Nachfolger im Direktorenamt der Glauchaer Anstalten (später: Franckesche Stiftungen), Johanna Sophia Anastasia (1697–1771) heiratete 1715 den Theologen, engen Mitarbeiter und späteren Nachfolger Franckes im Direktorenamt, Johann Anastasius Freylinghausen (1670–1739).

 

 

Am Anfang waren vier Thaler...

Francke berichtet, dass im Frühjahr 1695 eine gewisse Person »Vier Thaler und sechzehn Groschen« in die Armenbüchse der Pfarrwohnung gelegt habe und »als ich dieses in die Hände nahm, sagte ich mit Glaubens-Freudigkeit: Das ist ein ehrlich Capital, davon muss man etwas rechtes stiften; ich will eine Armen-Schule damit anfangen.« Innerhalb von nur 30 Jahren baute Francke vor den Toren Halles eine eigene Stadt auf. Bereits im 18. Jahrhundert sorgten die Dimension der überwiegend aus Fachwerk konstruierten Gebäude für Aufsehen. Der Kurfürst Friedrich III. erkannte seine Einrichtung, die als private Initiative begonnen hatte, als »publiques Werck« an. Er unterstützte Franckes Arbeit durch die Überreichung eines Gründungsprivilegs, das den Anstalten bedeutende Vorteile zusicherte. Ungeachtet dessen kämpften die Franckeschen Stiftungen in ihrer über 300-jährigen Geschichte immer wieder um das finanzielle Überleben. Dank der Umsicht ihrer Direktoren stehen sie heute für über 300 Jahre deutscher Bildungsgeschichte mit internationaler Ausstrahlung.

Parallel zur Waisenanstalt entstand eine Schule zur Unterrichtung der Armenkinder. Kurz darauf richtete Francke das Pädagogium als Erziehungs- und Bildungsanstalt für Kinder aus dem Adel und dem wohlhabenden Bürgertum ein. 1697 folgte schließlich die Lateinische Schule, die Bürger- und begabte Armenkinder auf ein Universitätsstudium vorbereitete und 1698 für die Mädchenbildung eigens ein Gynäceum. Damit war der Grund für ein differenziertes System von pädagogischen Einrichtungen gelegt, das weit über den Bildungsstandard der Zeit hinausreichte und Kindern aller sozialen Schichten die Chance auf eine angemessene Bildung bot. Die Lehrpläne der Anstaltsschulen enthielten einen breiten Fächerkanon. Besonderer Wert wurde auf die Realien gelegt, praxisnahe Fächer, zu denen die Vermittlung von Handfertigkeiten ebenso gehörten wie etwa früher Technikunterricht. Das Realschulwesen in Deutschland und die Professionalisierung des Lehrerberufs haben ihren Ausgangspunkt in den Franckeschen Stiftungen. Bis in die heutige Zeit sind die Franckeschen Stiftungen ein renommierter Bildungsstandort.

Der Hallesche Pietismus

Das Zentrum des Halleschen Pietismus bildete die 1698 von August Hermann Francke gegründete Schulstadt, die als »Pflanzstätte« für Kinder und Jugendliche eine Universalreform der Gesellschaft durch breite Bildung und Erziehung zur Selbstverantwortung nach christlichen Maßstäben anstrebte. Das Hallesche Waisenhaus wurde zum Kennzeichen dieser nach der Reformation größten gesellschaftlichen Reformbewegung der Frühen Neuzeit. Mittels eines sorgfältig gepflegten, engmaschigen Netzwerks erlangten die Reformideen Franckes nahezu weltweite Verbreitung. Die dem Pietismus eigene Hinwendung zum Individuum schärfte den Blick auf die Bedürfnisse und Förderungsmöglichkeiten jedes Einzelnen. Der so Bekehrte sollte mit seinem Handeln die Reformideen weitertragen, die dank der weltweiten Vernetzung rund um den Erdball wirksam werden würden. Basierend auf der Bibel und in dem Verständnis, »Werkzeug Gottes« zu sein, brachte Francke eine Reihe von Neuerungen auf den Weg, die noch heute als Ergebnis einer breit angelegten Bildungsreform, wegweisender Veränderungen im Sozial- und Gemeinwesen sowie einer fruchtbaren religiösen Erneuerung weltweit spürbar sind.

Der Besuch des Königs

Als 1713 der preußische König Friedrich Wilhelm I. dem Halleschen Waisenhaus Franckes einen Besuch abstattete, mag die Aufregung bei August Hermann Francke groß gewesen sein. Es war der Antrittsbesuch des neuen Kurfürsten und Königs in Halle. Sein Vater Friedrich I. hatte dem Waisenhaus umfangreiche Privilegien eingeräumt und den Aufbau der Franckeschen Stiftungen tatkräftig unterstützt. Würde dies unter dem neuen Regiment so weitergehen? Für August Hermann Francke war dieser Antrittsbesuch von größter Brisanz. Eine Mitschrift des Besuchs, die im Archiv der Franckeschen Stiftungen aufbewahrt wird, offenbart den Eindruck, den das Werk beim König hinterlassen hatte. Mit den Worten »Schreibe er mir nur, wenn Er ein Anliegen hat, ich will sein Procurator sein...«, verließ er, zufrieden mit dem Gesehenen, Halle.

Zu sehen sind die Schauspieler des Königs und Franckes im Freylinghausen-Saal
Falk WenzelBesuch des Preußischen Königs

Letzte Jahre

1715 eröffnete sich nach langen Jahren die Möglichkeit für Francke, aus der Vorstadt Glaucha in die Stadt Halle zu ziehen. Er wurde an die Pfarrkirche St. Ulrich in Halle berufen und ein Jahr später sogar zum Prorektor der Friedrichs-Universität gewählt. Eine Reise nach Südwestdeutschland ab August 1717 sollte dringend benötigte Erholung bringen. Die Fahrt ins Grüne wurde zu einer Werbetour ungeahnten Ausmaßes. An pietistisch gesinnten Grafen- und Fürstenhöfen wurd Francke wie ein Staatsgast aufgenommen und in vielen Städten eingeladen zu predigen. Oftmals reichten die Plätze in den Kirchen nicht aus für die Zuhörer. 

Immer wieder nahm sich Francke in den darauffolgenden Jahren kurze Auszeiten, fuhr in die Weinberge oder an die Saale. Sein Tagebuch gleicht auch in dieser Zeit noch dem eines Managers. Briefe schreiben, Besuche empfangen, lehren, predigen, die Baumaßnahmen beaufsichtigen. Das Arbeitspensum war riesig. 1725 sah man ihn noch einmal in Berlin. Der preußische Hofmaler Antoine Pesne  (1683–1757) konnte die Gelegenheit nutzen, Francke auf der Leinwand festzuhalten. Das Gemälde kann heute im Francke-Wohnhaus besichtigt werden.

Am 8. Juni 1727 starb August Hermann Francke in Halle und wurde auf dem Stadtgottesacker beigesetzt.

Literatur

Weitere Publikationen zu August Hermann Francke finden Sie in unserem Verlag.

Zur den Publikationen

August Francke und sein Werk

Helmut Obst: Augst Hermann Francke und sein Werk. Halle 2013.

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Die Welt verändern

August Hermann Francke - Ein Lebenswerk um 1700. Katalog zur Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen 2013

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Das Hallesche Waisenhaus

Die Franckeschen Stiftungen mit ihren Sehenswürdigkeiten.

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