»Mancherley Nutzen und Ergetzung« – Gärten in den Franckeschen Stiftungen

Kabinettausstellung in der Historischen Bibliothek
Ausstellung

Das Hallesche Waisenhaus erwarb im 18. Jahrhundert durch Ankauf und Zusammenlegung zahlreicher Grundstücke ausgedehnte Grünflächen, die lange Zeit das äußere Erscheinungsbild der Franckeschen Stiftungen prägten. Die Gärten wurden vor allem wirtschaftlich, aber auch zur Erholung und Bildung der StiftungsschülerInnen genutzt. Die Kabinettausstellung, die wir aufgrund der Corona-Pandemie auch online präsentieren, gewährt anhand von Plänen, Archivalien, Büchern und Herbarblättern einen Einblick in die einstige Gartenwelt der Stiftungen.

Der weitaus größte Teil der Grünflächen wurde wirtschaftlich genutzt, ob für die Küche des Waisenhauses oder zur Einnahme von Finanzen. Die Gärtner des Waisenhauses bestellten die Flächen je nach Lage und Bodenbeschaffenheit mit Küchengewächsen, Obstbäumen oder Futterpflanzen für das Vieh. Der Apothekergarten diente zur Kultivierung von Heilkräutern für die Waisenhausapotheke. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts prägten tausende Maulbeerbäume das Erscheinungsbild der Gärten, weil auf Befehl des preußischen Königs Friedrich II. auch im Halleschen Waisenhaus die Seidenraupenzucht betrieben werden musste.

Zur Erholung für die auf dem Stiftungsgelände lebenden Schüler und Lehrer führten Spazierwege durch die Gartenanlagen. Die Schüler des Pädagogiums verfügten dafür über eigene Gartenflächen, die ab Ende des 18. Jahrhunderts im Stil der englischen Gartenmode umgestaltet wurden. 1744 hielt ein Lustgarten Einzug in die Gartenlandschaft der Stiftungen. Gotthilf August Francke (1696–1769) ließ am Rand der ausgedehnten Wirtschaftsgärten im Stil der zeitgenössischen barocken Gartenmode 1744 ein Gewächshaus als Orangerie für mediterrane Kübelpflanzen errichten und dazu einen kleinen Garten mit Blumen anlegen.

Der erste Schulgarten Deutschlands

An August Hermann Franckes Eliteschule, dem Königlichen Pädagogium, fand im Rahmen des damals hochmodernen Realienunterrichts in den Erholungsstunden Botanik-Unterricht statt. Zur Veranschaulichung dieses Unterrichts schuf man 1698 einen als »Hortus Medicus« bzw. »Botanischer Garten« genannten Schulgarten nach universitären Vorbildern, in dem die Schüler die zeitgenössischen Heilpflanzen kennenlernten und Herbarien anlegten. Das Herbarium des einstigen Botanik-Lehrers am Pädagogium Christoph Friedrich Dam, für das er von 1729 bis 1732 Pflanzen sammelte, ist im Gleimhaus in Halberstadt erhalten und vermittelt in der Kabinettausstellung anhand originaler Pflanzen einen Eindruck von dem ältesten Schulgarten Deutschlands.

Literaturhinweis

Zum Nachlesen bietet der Verlag der Franckeschen Stiftungen ein Büchlein in der kleinen Schriftenreihe:
Cornelia Jäger: Vom Hortus Medicus zur modernen Umweltbildung. Die Geschichte der Schulgärten in den Franckeschen Stiftungen. Halle 2013, 112 S., 38 farb. Abb., 1 Lageplan, €7,50; ISBN 978-3-939922-41-4