Naturgewalten in alten Bibeln

Eine virtuelle Buchausstellung aus der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen

Überschwemmungen, Erdbeben, Feuersbrünste, Heuschreckenschwärme – die Bibel ist voller Geschichten von Naturgewalten, die als Strafe und Gericht Gottes aufgefasst wurden. Die Sintflut steht sprichwörtlich dafür. Diese Naturkatastrophen haben Menschen angeregt, sich davon ein Bild zu machen. Schon in den frühesten deutschen Bibeldrucken aus dem 15. Jahrhundert finden sich eindrucksvolle Illustrationen, die die Dramatik der Texte lebhaft in Szene setzen.

Ausgehend von Bibelzitaten werden in der virtuellen Ausstellung bildliche Darstellungen zu Naturgewalten in Bibeln gezeigt. Dabei spannt sich der Bogen von der Sintflut über den Untergang von Sodom und Gomorra, über die Ägyptischen Plagen bis hin zu den verstörenden Bildern der Apokalypse.

Die Ausstellung präsentiert herausragende Werke der Buchkunst aus fünf Jahrhunderten aus der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen: die 1494 von Steffen Arndes (ca. 1450-1519) in Lübeck gedruckte mittelniederdeutsche Bibel, die besonders durch ihre Illustrationen berühmt wurde; das 1522 in Wittenberg erschienene »Septembertestament« Martin Luthers (1483-1546) mit Holzschnitten aus der Werkstatt Lucas Cranachs d.Ä. (1472-1553); die Merian-Bibel mit ihren anschaulichen Kupferstichen; Johann Jacob Scheuchzers (1672-1733) »Kupferbibel« mit zahlreichen Kupfertafeln zur wissenschaftlichen Erläuterung der biblischen Naturereignisse. Für das 19. Jahrhundert stehen die kunstvollen Illustrationen von Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) und Gustave Doré (1832-1883), die als die bedeutendsten Bibelillustratoren ihrer Zeit gelten.

Als diese Buchausstellung im letzten Jahr geplant wurde, konnte keiner erahnen, dass das Thema »Naturgewalten in alten Bibeln« eine gewisse Aktualität gewinnen würde. Das Thema wurde in Korrespondenz zu der Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen »Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichte und die Anfänge der Geologie« gewählt. Als die Eröffnung der Kabinettausstellung wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden musste, haben wir uns dafür entschieden, die eindrucksvollen Illustrationen in den Bibeln aus dem Bestand der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen mit Fotos von Klaus E. Göltz und Texten zu den Bibelstellen, verfasst von Sven Hanson, Mitteldeutsches Bibelwerk – Canstein-Bibelzentrum, online zu präsentieren. Wir laden Sie dazu ein, die Holzschnitte und Kupferstiche auf sich wirken zu lassen und darüber nachzudenken, wie frühere Generationen auf Krisen reagiert und diese interpretiert haben.

Die Bibeln können ab dem 7. Mai 2020  im ehemaligen Lesezimmer neben der Kulissenbibliothek besichtigt werden.

Die Sintflut

1. Mose 7, 17-22
Und die Sintflut war vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen und hoben die Arche auf und trugen sie empor über die Erde. Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen sehr auf Erden, und die Arche fuhr auf den Wassern. Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen so sehr auf Erden, dass alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden. […] Da ging alles Fleisch unter, das sich auf Erden regte, an Vögeln, an Vieh, an wildem Getier und an allem, was da wimmelte auf Erden, und alle Menschen. Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb.

Die biblische Erzählung von der Sintflut, welche nur der gottesfürchtige Noah mit seiner Sippe und einer Auswahl von Tierpaaren in seiner Arche überlebte, hat bis in die Gegenwart hinein eine lebhafte Rezeptions- und Wirkungsgeschichte entfaltet. Das Wort »Sintflut« entstammt dem althochdeutschen »sinvluot«, wobei »Sin-« »immer, überall« bedeutet. Erst im 15. Jh. wurde daraus eine »Sündflut« (»sunden vlute«) - in der biblischen Erzählung taucht der Begriff »Sünde« dagegen nicht auf. Der Mensch wird jedoch im Umfeld der Erzählung als »boshaft« beschrieben.

Der Erzählstoff einer Sintflut ist in vielen, vor allem sehr alten, Kulturen zu finden: im Alten Orient und in der griechisch-römischen Antike, aber auch bei den Kelten, den Germanen, in Indien und China sowie bei den Indianerkulturen Nordamerikas.

Die eingangs erwähnten »vierzig Tage« für die Dauer der Flut stehen neben weiteren, abweichenden Zeitangaben – es gibt im gesamten Erzählungsverlauf keine einheitliche Chronologie.

Die Schilderung vom Anwachsen der Wasser folgt einer dreistufigen Steigerung: erst steht der Platz der Arche unter Wasser, dann wird die Arche emporgehoben, und schließlich sind alle hohen Berge mit Wasser bedeckt – die Flut ist allgegenwärtig. Darauf folgt das Verschwinden allen Lebens in drei Stufen: Alles Leben geht unter, stirbt und verschwindet von der Erde.

Es ist eine lautlose Katastrophe: ohne Sturm, Gewitter oder Erdbeben.

Die Sintflut stellt sicherlich die bekannteste Naturkatastrophe dar, die im Alten Testament überliefert ist. Die Geschichte von Noah und seinem Bau einer Arche hat die Phantasie der Menschen beflügelt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass diese Geschichte in vielen Bibeln illustriert ist. Nach dem biblischen Text war die Arche ein dreistöckiger Kasten. In der bildenden Kunst setzte sich aber die Darstellung der Arche als wogender Schiffsrumpf durch und prägte damit bis heute unsere Vorstellung von dieser biblischen Geschichte.

Schon die Abbildungen in den vorreformatorischen deutschen Bibeln präsentieren die Arche Noah entgegen dem Bibeltext wie ein gewaltiges Schiff. Martin Luther ließ sie dann in Kastenform abbilden, genau so wie es im Bibeltext beschrieben ist. Vorbildhaft wirkte aber die Darstellung der Arche als wogendes Schiff auf tosender See, die Johann Bocksperger (1525/35-1587) in den Bibeldruck einführte. Nach dessen Zeichnungen, geschnitten von dem Zürcher Meister Jost Amman (1539-1591), erschien in Frankfurt 1564 ein Bilderalbum zur ganzen Bibel, das die nun folgenden Bibelillustrationen nachhaltig beeinflussen sollte.

Bibel, niederdeutsch (1494)

Bibel, niederdeutsch (1494)
De Biblie mit vtlitigher achtinghe [...].
Lübeck : Steffen Arndes, 19. Nov. 1494.
BFSt: 7 A 7

Die mittelniederdeutsche Lübecker Bibel von 1494 gilt als die bedeutendste volkssprachliche Bibel vor der Reformation. Diese Inkunabel erwarb August Hermann Francke 1705 auf seiner Hollandreise in Den Haag. Es ist davon auszugehen, dass er sich für diese Bibel nicht nur wegen ihres Alters und der anschaulichen Holzschnitte, sondern wegen ihres Druckorts Lübeck, seinem Geburtsort, interessierte.

Die Bibel wurde besonders durch ihre qualitativ hochwertigen Illustrationen, 152 Holzschnitte und Initialen, berühmt. Die Abbildungen finden sich hauptsächlich im Alten Testament. Bereits in dieser frühen Bibel wird die Arche Noah entgegen dem Bibeltext mit einem Schiffsrumpf dargestellt. Hervorzuheben ist die Friedenstaube, die über der Arche als Zeichen der Hoffnung zu sehen ist. Ebenso dürfte auf die Betrachter eindrucksvoll gewirkt haben, dass die wilden und zahmen Tiere, paarweise wie der Bibeltext aussagt, einträchtig und dicht gedrängt in der Arche zusammenleben.

Informationen zu den Abbildungen

1. Bibel, lateinisch (1513)
Sanctus Hieronymus enterpres biblie […].
Lyon : Sacon ; Nürnberg : Koberger, 1513.
BFSt: 45 A 3

Von dem Nürnberger Buchdrucker und Buchhändler Anton Koberger (um 1440-1513), in dessen Druckwerkstatt unter anderem Schedels Weltchronik mit etwa 1.800 Holzschnitt-Illustrationen entstand, sind 250 Drucke bekannt. Nachdem er 1504 die eigene Druckertätigkeit ganz eingestellt hat, ließ er als Verleger unter anderem noch drei Werke bei Jacques Sacon (geb. um 1472) in Lyon drucken, darunter die hier präsentierte lateinische Bibel von 1513.

Im Mittelpunkt des Holzschnitts steht die Arche. Die Tiere befinden sich im Schiffsrumpf oder ragen durch eine Luke aus dem Dach hervor. Einträchtig stehen Noah und seine Frau am Heck des Schiffs und sehen auf die tosende See, wo Menschen und Tiere um ihr Leben kämpfen.

2. Biblia: Das ist: die gantze heilige Schrifft: Deudsch. D. Mart. Luth. Auffs new zugericht.
Wittenberg : Lufft, 1548.
BFSt: 9 A 5

Die vorliegende Ausgabe ist die insgesamt elfte Ausgabe der Luther-Bibel aus der berühmten Wittenberger Druckerei von Hans Lufft (1495-1584) und die vierte Ausgabe nach der Ausgabe letzter Hand Martin Luthers von 1545. In dieser Luther-Bibel wird die Arche als Kasten dargestellt, wie es dem biblischen Originaltext entspricht.

3. Biblia, Das ist: Die gantz Heylige Schrifft, Teutsch. D. Mart. Luth.
Sampt einem Register, Summarien, vber alle Capittel, vnd schönen Figuren.
Frankfurt am Main : Rab ; Feyerabend ; Han, 1564
BFSt: 8 A 4

Die gezeigte Darstellung der Sintflut präsentiert wie die meisten Flutbilder die Arche Noah mit einem runden, stark geschweiften Schiffsrumpf, und einen Baum, den Menschen besteigen, um dem Wasser zu entkommen. Diese Form der Arche führte Johann Bocksperger (1525/35-1587) ein, nach dessen Zeichnungen, geschnitten von dem Züricher Meister Jost Amman (1539-1591), Sigmund Feyerabend (1528-1590) in Frankfurt 1564 ein Bilderalbum zur ganzen Bibel druckte. Die großen Holzschnitte wurden in der Folge in viele Foliobibeln aufgenommen.

4. Biblia, Das ist: Die gantze H. Schrifft, Altes und Neues Testaments […].
Nürnberg : Endter, 1692.
BFSt: 1 A 9

In Nürnberg druckte die Familie Endter seit 1613 Lutherbibeln. Bis 1792 erschienen in diesem erfolgreichen Unternehmen 76 nachweisbare Ausgaben. Herzog Ernst von Sachsen-Gotha-Altenburg (1601-1675), genannt der Fromme, gab 1641 den Druck einer Lutherbibel mit von thüringischen Theologen überarbeitetem und ergänztem Text in Auftrag. Alle Auflagen dieses überaus populären Werkes werden als Kurfürstenbibel, Weimarer Bibel oder Ernestinisches Bibelwerk bezeichnet. Die Illustrationen konnten je nach finanziellen Mitteln und Wünschen des Bestellers beigefügt und ergänzt werden. Unter anderem war diese Bibel mit zahlreichen erklärenden Kupferstichen ausgestattet, wie der detaillierten Bildbeschreibung der Arche Noah. Die Arche wird hier textgetreu als dreistöckiger Kasten abgebildet. Im Mittelpunkt stehen nicht Mensch und Tier, wie sie in den Fluten um ihr Leben kämpfen, sondern es wird nüchtern eine Anleitung zum Bauplan der Arche gegeben, als wolle man die Zeitgenossen auf den Untergang der Welt um 1700 vorbereiten.

5. Biblia, das ist Die gantze heilige Schrift [...].
Frankfurt am Main : Merians Erben, 1704
BFSt: 73 A 8

Der Kupferstecher Matthäus Merian d. Ä. (1593-1650) verlegte 1630 eine Vollbibel in der Übersetzung Martin Luthers von 1545, die er mit persönlich gefertigten Kupferradierungen ausstattete. Dieses als Merian-Bibel bezeichnete Werk gilt als ein Höhepunkt der Bibel- und Buchillustration des 17. Jahrhunderts. Die hier präsentierte Bibel wurde 1704 bei Merians Erben mit den Originalkupfern aus Merians erster illustrierter Bibel gedruckt.

Der Kupferstich zeigt nicht vordergründig die Arche, sondern den Kampf von Mensch und Tier in den tosenden Wassern, die versuchen, an das rettende Ufer zu gelangen.

6. Kratzenstein, Christoph Heinrich: Kinder- und Bilder-Bibel das ist: Auszug Biblischer Historien [...]. [Theil 1.]
Erfurt : Sauerländer, 1767.
BFSt: 65 B 8

Diese Historien- und Bilderbibel für Kinder erschien zuerst 1737/38. Illustrationen waren in der frühen Literatur für Kinder und Jugendliche noch eine Rarität, entwickelten sich aber zunehmend zum zentralen Bestandteil der Bücher für Kinder, in dem Bestreben, mit plastischen Bildern Lerninhalte durch unmittelbare Anschauung zu vermittelten. So wurden in Kinderbibeln die Geschichten des Alten und Neuen Testaments in katechetischer Frage-Antwort-Form dargeboten und die Bilder als Memorierhilfe hinzugegeben. Auch in dieser frühen Kinderbibel wird die Arche als gewaltiges, schwankendes Schiff auf tosender See in Szene gesetzt. Eindrucksvoll wirkt die Darstellung des starken, unablässigen Regens, der die Flut auslöste. Die Illustration wird aus pädagogischen Gründen mit einem gereimten Sinnspruch kombiniert:
Ach! Seht, wie alles wird vergehen,
Laßt uns in wahrer Buße stehen. 

Die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments. (1867)

Die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments. Mit 230 Bildern von Gustav Doré.
4. Aufl.
Stuttgart : Hallberger, 1867.
BFSt: A:234

Gustave Doré (1832-1883) gilt als einer der bedeutendsten Buchillustratoren des 19. Jahrhunderts. Er illustrierte insgesamt 90 Werke. Sein größter Erfolg war die Bibel mit 230 Holzstichen. Auf die 1866 in Tours erschiene französische Ausgabe folgten schnell weiter Ausgaben in den verschiedensten Sprachen. Die deutsche Ausgabe erschien zuerst 1867/70 bei Eduard Hallberger (1822-1880) in Stuttgart. Die Doré-Bibel ist die bis heute meistverkaufte und global beliebteste Bilderbibel überhaupt. Doré wandte die Chiaroscuro-Technik, die hell-dunkle Malerei kontrastiert, an, mit der er auch die Sintflut eindrucksvoll inszenierte.

Wie in der Bibel von Merian steht in dieser Illustration nicht die Arche im Mittelpunkt, sondern der Überlebenskampf der Menschen, die versuchen, an das rettende Ufer zu gelangen.

Untergang von Sodom und Gomorra. Lots Errettung

1. Mose 19, 24-28
Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.

Abraham aber machte sich früh am Morgen auf an den Ort, wo er vor dem HERRN gestanden hatte, und wandte sein Angesicht gegen Sodom und Gomorra und alles Land dieser Gegend und schaute, und siehe, da ging ein Rauch auf vom Lande wie der Rauch von einem Ofen.

Sodom und Gomorra gelten im Alten Testament als Orte der Sünde, die von Gott zerstört wurden. Sie sollen im Bereich des Toten Meers gelegen haben - in dem Gebiet, das Abrahams Neffe Lot besiedelte (1 Mo 13,10f). Asphalt und Schwefelquellen treten dort zutage, und auch das Tote Meer selbst und seine Umgebung sind lebensfeindliche Orte.

Die schwere Sünde von Sodom wird in den biblischen Texten etwa mit Hochmut, Geiz oder dem Bruch der Gastfreundschaft begründet, wogegen der sexuelle Aspekt („Sodomie“) erst in der christlichen Tradition ab Augustin auftaucht.

Betont wird, dass Gott selbst der Urheber dieser Katastrophe ist. Die Städte werden zu einer Wüste, in der nichts mehr wächst noch bebaut wird. Dass in der Erzählung Lots Frau zur Salzsäule erstarrt, lässt sich wohl auf die geologische Besonderheit einer aus Steinsalz bestehenden Säule zurückführen, welche die Vorstellung der Menschen inspirierte. Salz ist hier zudem das dritte zerstörerische Element neben Schwefel und Feuer.

Der weitere Fortgang der Erzählung stellt wieder Abraham als Hauptperson in den Mittelpunkt. Abraham ist der einzige Zeuge dieser Katastrophe – ihm allein bleibt die Zeugenschaft für dieses Strafgericht vorbehalten. Der arabische Name für das Tote Meer lautet übrigens baẖr / buẖairat Lūṭ: „»Meer / Meerchen Lots«.

Bibel, niederdeutsch (1494)

Bibel, niederdeutsch (1494)
De Biblie mit vtlitigher achtinghe [...].
Lübeck : Steffen Arndes, 19. Nov. 1494.
BFSt: 7 A 7

Die 1494 von Steffen Arndes (ca. 1450-1519) in Lübeck gedruckte mittelniederdeutsche Bibel gilt als “die bedeutendste volkssprachliche Bibel vor der Reformation”. Sie wurde besonders durch ihre Illustrationen berühmt. Die beiden daran beteiligten unbekannten Meister (A und B genannt) setzten Licht und Schatten zur Erzeugung von Räumlichkeit und Perspektive ein.

Scheuchzer, Johann Jacob: Kupfer-Bibel, (1731)

Scheuchzer, Johann Jacob:
Kupfer-Bibel, In welcher Die Physica Sacra, Oder Geheiligte Natur-Wissenschafft Derer In Heil. Schrifft vorkommenden Natürlichen Sachen, Deutlich erklärt und bewährt […].I. Abtheilung.
Augsburg : Pfeffel, 1731.
BFSt: 66 A 4

Der Zürcher Arzt, Geologe und Lehrer der Mathematik Johann Jacob Scheuchzer (1672-1733) unternahm den Versuch, das biblische Weltbild mit den zunehmenden naturwissenschaftlichen Kenntnissen in Übereinstimmung zu bringen. In seiner „Kupferbibel“, erschienen 1731 bis 1734 in vier Bänden mit insgesamt 750 Kupfertafeln, wurden alle Naturerscheinungen wissenschaftlich erläutert. Der Schweizer Maler Johann Melchior Füßli (1677-1736) zeichnete die Tafeln nach den Vorgaben Scheuchzers.

Auf der vorgestellten Kupfertafel LXXX mit der Unterschrift "Lots Weib als Salzsäule" nimmt der Schwefelregen, also die Naturkatastrophe, einen großen Teil der Bildfläche ein. Im Vordergrund steht Lots Frau, die zur Salzsäule erstarrt ist. Drei Personen, darunter Abraham, sind nur noch in der Ferne zu erkennen.

Die Plagen Ägyptens

2. Mose 8, 1-2: Froschschwärme
Und der HERR sprach zu Mose: Sage Aaron: Recke deine Hand aus mit deinem Stabe über die Ströme, Kanäle und Sümpfe und lass Frösche über Ägyptenland kommen. Und Aaron reckte seine Hand aus über die Wasser in Ägypten, und es kamen Frösche herauf und bedeckten Ägyptenland.

2. Mose 9, 8-10: Blattern
Da sprach der HERR zu Mose und Aaron: Füllt eure Hände mit Ruß aus dem Ofen, und Mose werfe ihn vor dem Pharao gen Himmel, dass er über ganz Ägyptenland staube und böse Blattern aufbrechen an den Menschen und am Vieh in ganz Ägyptenland. Und sie nahmen Ruß aus dem Ofen und traten vor den Pharao, und Mose warf den Ruß gen Himmel. Da brachen auf böse Blattern an den Menschen und am Vieh.

2. Mose 9, 13-15: Schwerer Hagel
Da sprach der HERR zu Mose: Recke deine Hand aus gen Himmel, dass es hagelt über ganz Ägyptenland, über Menschen, über Vieh und über alles Gewächs auf dem Felde in Ägyptenland. Da streckte Mose seinen Stab gen Himmel, und der HERR ließ donnern und hageln und Feuer schoss auf die Erde nieder. So ließ der HERR Hagel fallen auf Ägyptenland, und Blitze zuckten dazwischen und der Hagel war so schwer, wie er noch nie in ganz Ägyptenland gewesen war, seitdem die Leute dort wohnen. Und der Hagel erschlug in ganz Ägyptenland alles, was auf dem Felde war, Menschen und Vieh, und zerschlug alles Gewächs auf dem Felde und zerbrach alle Bäume auf dem Felde. Nur im Lande Goschen, wo die Israeliten waren, da hagelte es nicht.

2. Mose 10, 4-6: Heuschreckenplage
Weigerst du dich aber, mein Volk ziehen zu lassen, siehe, so will ich morgen Heuschrecken kommen lassen über dein Gebiet, dass sie das Land so bedecken, dass man von ihm nichts mehr sehen kann. Und sie sollen fressen, was euch noch übrig und verschont geblieben ist von dem Hagel, und sollen alle Bäume kahl fressen, die wieder sprossen auf dem Felde; und sie sollen füllen deine Häuser und die Häuser deiner Großen und aller Ägypter, wie es nicht gesehen haben deine Väter und deiner Väter Väter, seit sie auf Erden waren bis auf diesen Tag.

2. Mose 10, 21-23: Finsternis
Da sprach der HERR zu Mose: Recke deine Hand gen Himmel, dass eine solche Finsternis werde in Ägyptenland, dass man sie greifen kann. Und Mose reckte seine Hand gen Himmel. Da ward eine so dicke Finsternis in ganz Ägyptenland drei Tage lang, dass niemand den andern sah noch weggehen konnte von dem Ort, wo er gerade war, drei Tage lang. Aber bei allen Israeliten war es licht in ihren Wohnungen.

Im Zentrum der Erzählung vom Auszug der Israeliten aus Ägypten (2 Mo 1,1-15,21) steht die ausführliche Schilderung der zehn Plagen, welche mit der Verwandlung des Nilwassers in Blut beginnen und mit der Tötung der ägyptischen Erstgeburt enden.

Ist die massenhafte Vermehrung von Fröschen (2 Mo 8,1-11) zunächst nur unangenehm, beginnen mit dem Auftreten der Blattern (2 Mo 9,8-12) die sechs existenzbedrohenden Plagen dieser Erzählung. Die Heuschreckenplage (2 Mo 10,1-20) steht als achte Plage in engem Zusammenhang mit der vorherigen Hagelplage (2 Mo 9,13-35) – beide Plagenerzählungen sind ähnlich aufgebaut und enthalten ein Sündenbekenntnis des Pharao. Auf das fragende Machtwort Gottes an den Pharao wird die Drohung ausgemalt: junge Baumsprossen als Zeichen der Hoffnung nach dem verheerenden Hagelschlag werden nun von den Heuschrecken restlos vertilgt, und ihre Fressgier wird durch den Mangel noch gesteigert. Sogar das Innere der Häuser ist vor den Heuschrecken nicht sicher, was es bisher in keiner Generation der Ägypter gab. Doch auch diese Plage sowie die hereinbrechende Finsternis als vorletzte Plage (2 Mo 10,21-29) bringen den Pharao nicht zum Einlenken, denn „der HERR verstockte das Herz des Pharao“, wie es selbst nach der zehnten und schrecklichsten Plage – der Tötung der ägyptischen Erstgeburt – heißt.

In ägyptischen Quellen lassen sich keinerlei Hinweise auf ein derartiges Geschehen finden. Die Plagenerzählung ist kein historischer Tatsachenbericht, verbindet aber auf kompositorische Weise natürliche wie katastrophale Phänomene mit der Rettungserzählung des Volkes Israel.

 

Bibel, niederdeutsch (1494)

Bibel, niederdeutsch (1494)
De Biblie mit vtlitigher achtinghe [...].
Lübeck : Steffen Arndes, 19. Nov. 1494.
BFSt: 7 A 7

Die mittelniederdeutsche Lübecker Bibel von 1494 gilt als die bedeutendste volkssprachliche Bibel vor der Reformation. Die Bibel wurde besonders durch ihre qualitativ hochwertigen Illustrationen, 152 Holzschnitte und Initialen, berühmt.

Auf dem Holzschnitt ist die sechste ägyptische Plage, die Blattern, dargestellt. Auf der rechten Seite steht Moses mit dem Stab, auf der linken Seite liegen die von schwarzen Blattern gezeichneten Menschen schmerzerfüllt auf der Erde.

Informationen zu den Abbildungen

1. Biblia, das ist Die gantze heilige Schrift [...].
Frankfurt am Main: Merians Erben, 1704
BFSt: 73 A 8

Der Kupferstecher Matthäus Merian d. Ä. (1593-1650) verlegte 1630 eine Vollbibel in der Übersetzung Martin Luthers von 1545, die er mit persönlich gefertigten Kupferradierungen ausstattete. Dieses als Merian-Bibel bezeichnete Werk gilt als ein Höhepunkt der Bibel- und Buchillustration des 17. Jahrhunderts. Die hier präsentierte Bibel wurde 1704 bei Merians Erben mit den Originalkupfern aus Merians erster illustrierter Bibel gedruckt. Auf der Darstellung ist gut zu erkennen, wie die Frösche das öffentliche Leben auf den Plätzen und in den Häusern okkupieren.
 

2. Bibel, niederdeutsch (1545)
Biblia: Dat ys: De gantze Hillige Schrifft […].
Magdeburg : Walther, 1545.
BFSt: Canst:1788

Martin Luther (1483-1546) überarbeitete kontinuierlich den Text seiner Bibelübersetzung. So entstanden auch vier Lutherbibeln in niederdeutscher Sprache (Lübeck 1534, Magdeburg 1536, Wittenberg 1541 und Magdeburg 1545). Da in Norddeutschland das Niederdeutsche auch als Schriftsprache geläufig war, konnte der Magdeburger Drucker Hans Walther (1500-?) mit einem breiten Absatz dieser Bibel rechnen. Die zahlreichen Holzschnitte stammten von Georg Lemberger (1495-1540), der sich die Illustrationen aus der Werkstatt von Lukas Cranach (1472-1553) zum Vorbild nahm. Diese Abbildungen trugen zum hohen Rang der Magdeburger Bibelausgabe von 1545 bei.

Auf dem Holzschnitt steht Moses, erkennbar an den zwei Hörnern, vor einer Burg, über die die Heuschrecken kreisen. Er wird also in ein Ambiente gesetzt, das den Betrachtern aus ihrer Zeit geläufig war. Dadurch wirkte die Darstellung der Plage auf den Betrachter authentischer und rückte das verstörende Geschehen näher an ihn heran. 

 

3. Die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments. Mit 230 Bildern von Gustav Doré.
T. 1. 4. Aufl.
Stuttgart : Hallberger, 1867.
BFSt: A:234:1

Gustave Doré (1832-1883) gilt als einer der bedeutendsten Buchillustratoren des 19. Jahrhunderts. Er illustrierte insgesamt 90 Werke. Sein größter Erfolg war die Bibel mit 230 Holzstichen. Auf die 1866 in Tours erschiene französische Ausgabe folgten schnell weiter Ausgaben in den verschiedensten Sprachen. Die deutsche Ausgabe erschien zuerst 1867/70 bei Eduard Hallberger (1822-1880) in Stuttgart. Die Doré-Bibel ist die bis heute meistverkaufte und global beliebteste Bilderbibel überhaupt.

Doré verwendete gerne die Chiaroscuro-Technik, die hell-dunkle Malerei kontrastiert. Diese Technik wurde in der vorliegenden Illustration zur dreitägigen Finsternis meisterhaft ausgeführt.

Scheuchzer, Johann Jacob: Kupfer-Bibel, (1731)

Scheuchzer, Johann Jacob:
Kupfer-Bibel, In welcher Die Physica Sacra, Oder Geheiligte Natur-Wissenschafft Derer In Heil. Schrifft vorkommenden Natürlichen Sachen, Deutlich erklärt und bewährt […]. I. Abtheilung.
Augsburg : Pfeffel, 1731.
BFSt: 66 A 4

Der Zürcher Arzt, Geologe und Lehrer der Mathematik Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) unternahm den Versuch, das biblische Weltbild mit den zunehmenden naturwissenschaftlichen Kenntnissen in Übereinstimmung zu bringen. In seiner »Kupferbibel«, erschienen 1731 bis 1734 in vier Bänden mit insgesamt 750 Kupfertafeln, wurden alle Naturerscheinungen wissenschaftlich erläutert. Der Schweizer Maler Johann Melchior Füßli (1677–1736) zeichnete die Tafeln nach den Vorgaben Scheuchzers.

Auf der Kupfertafel CXXXII »Egyptischer Hagel« nimmt die Darstellung des Himmels mit dem Hagelregen fast die Hälfte des Bildes ein. Die riesigen Körner treffen Menschen, Tiere, Bäume und Felder.

Die Offenbarung des Johannes

Offenbarung 6, 12-13:Öffnung des sechsten von den sieben Siegeln: Sternregen
Und ich sah: Als es das sechste Siegel auftat, da geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Früchte abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird.

Offenbarung 8, 6-7: Die erste Posaune: Hagel und Feuer mit Blut gemengt
Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen rüsteten sich zu blasen. Und der erste blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und wurde auf die Erde geschleudert; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte.

Offenbarung 8, 8-9: Die zweite Posaune: Der brennende Berg fällt ins Meer
Und der zweite Engel blies seine Posaune; und etwas wie ein großer Berg wurde lichterloh brennend ins Meer gestürzt, und der dritte Teil des Meeres wurde zu Blut, und der dritte Teil der lebendigen Geschöpfe im Meer starb, und der dritte Teil der Schiffe wurde vernichtet.

Offenbarung 16, 17-19: Das große Babylon, das im Erdbeben zusammenstürzt
Und der siebente Engel goss aus seine Schale in die Luft; und es kam eine große Stimme aus dem Tempel vom Thron, die sprach: Es ist geschehen! Und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner, und es geschah ein großes Erdbeben, wie es noch nicht gewesen ist, seit Menschen auf Erden sind - ein solches Erdbeben, so groß. Und aus der großen Stadt wurden drei Teile, und die Städte der Völker stürzten ein. Und Babylon, der Großen, wurde gedacht vor Gott, dass ihr gegeben werde der Kelch mit dem Wein seines grimmigen Zorns.

Offenbarung 18, 9-10: Klage über das brennende Babylon
Und es werden sie beweinen und beklagen die Könige auf Erden, die mit ihr gehurt und geprasst haben, wenn sie sehen werden den Rauch von ihrem Brand. Sie werden fernab stehen aus Furcht vor ihrer Qual und sprechen: Weh, weh, du große Stadt, Babylon, du starke Stadt, in einer Stunde ist dein Gericht gekommen!

Das gegen Ende des 1. Jahrhunderts verfasste Buch der Offenbarung des Johannes gehört zur Schriftengruppe der Apokalypsen. Das griechische Wort „Apokalypsis“ kann mit „Entschleierung“, „Enthüllung“ oder „Offenbarung“ übersetzt werden.

Die zur Apokalyptik gehörenden Schriften und Bücher im Alten Testament und im spätjüdischen Umfeld schildern ein endzeitliches Geschehen, geprägt vom Gericht Gottes und dem endgültigen Sieg über das Böse. Das neutestamentliche Buch der Offenbarung des Johannes nimmt dieses Denken auf, indem nun der gekreuzigte und auferstandene Christus - das „Lamm“ - zum Herrn und Vollender der Geschichte wird. Die katastrophalen Ereignisse bis zur Vollendung der „Gottesstadt“ stehen als ein letztes Aufbäumen der gottesfeindlichen Mächte für das Leiden und die Verfolgung der frühen Christenheit.

Das mit sieben Siegeln verschlossene Buch in der Hand Gottes deutet den die Weltgeschichte umspannenden Plan Gottes an. Die Lösung des sechsten Siegels zeigt die in der Endzeit hereinbrechenden Plagen an (Offb 6,12-17). Die genannten katastrophalen Erscheinungen entsprechen den Zeichen bei der Kreuzigung Jesu. Das Erdbeben steht für die Veränderung der Verhältnisse, die Verfinsterung von Sonne und Mond für den göttlichen Zorn, welcher sich in noch weiteren Erscheinungen offenbart.

Mit dem Ertönen der sieben Posaunen beginnt das Jüngste Gericht. Die ersten sechs Posaunen rufen die verschiedenen Akte des Vernichtungsgerichtes auf (Offb 8,6-8), während die siebte Posaune das Kommen des ewigen Heils andeutet. Den sieben Posaunen entsprechen bis in die Einzelheiten die sieben Visionen von den Schalen des Zorns, die über die gegen Gott sich empörende Welt ausgegossen werden (Offb 16,17-19). Im Schlussakt wird die antichristliche Weltmacht als die „große Hure Babylon“ dargestellt, die sich noch einmal zu furchtbarer Höhe erhebt, dann aber von ihrer Höhe gestürzt wird (Offb 18).

Die Offenbarung des Johannes gehört seit dem frühen Mittelalter zum Kanon der christlichen Ikonographie. Bereits in frühen Bilderhandschriften wird die Johannes-Apokalypse verbildlicht und kommentiert. Durch das Aufkommen der Druckerkunst erfuhr die Darstellung der Apokalypse eine weite Verbreitung. In einer von Endzeiterwartungen geprägten Zeit politischer und religiöser Umwälzungen stieg um 1500 das Interesse an apokalyptischen Themen. Berühmtheit erlangte Die heimlich offenbarung iohannis, lateinisch Apocalipsis cum figuris, die Albrecht Dürer (1471-1528) 1498 veröffentlichte, denn dieses Werk enthielt 15 Holzschnitte, die formprägend für die weiteren Illustrationen der Offenbarung des Johannes werden sollten. So schloss sich die lutherische Bibelillustration aus der Werkstatt von Lukas Cranach d.Ä. (1472-1553) den Motiven Dürers an.

Die Offenbarung des Johannes kann als das große „Engel-Buch“ der Menschheit angesehen werden. Hier treten die Engel nicht nur vorübergehend auf, sondern treiben selbst als Akteure die kosmischen und weltgeschichtlichen Umwälzungen bis zum Ende der Zeiten voran. Deshalb sind in den Bibelillustrationen zur Apokalypse die Engel äußerst lebendig, phantasievoll und prachtvoll gestaltet.

Informationen zu den Abbildungen

1. Propheten alle Deudsch.
Wittenberg : Kraffts Erben, 1584.
BFSt: 36 A 9

Hans Lufft (1495-1584) war der wichtigste Bibeldrucker Wittenbergs. Bei ihm wurde bis 1572 die hochdeutsche Luther-Bibel gedruckt. Nach 1572 wurde Johann Krafft d.Ä. (?-1578), der ab 1549 in Wittenberg tätig war, ebenfalls mit dem Druck der Bibel betraut. Er gilt als der bedeutendste Wittenberger Reformationsdrucker in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Seine Erben führten nach dessen Tod die Offizin in Wittenberg weiter.

Die Holzschnitte stammen von verschiedenen Meistern. Die Illustrationen zur Offenbarung lehnen sich an die Wittenberger Urdrucke des September- bzw. Dezembertestamtents an. Nach der Öffnung des siebenten Siegels blasen sieben Engel in ihre Posaunen und bringen dadurch weiteres Unheil. Die Illustration zeigt rechts über den Wolken stehend den ersten Engel mit der Posaune. Feuer mit Blut fallen vom Himmel und stecken die Stadt im Hintergrund in Brand.

2. Propheten alle Deudsch.
Wittenberg : Kraffts Erben, 1584.
BFSt: 36 A 9

Johann Krafft d.Ä. (?-1578) gilt als der bedeutendste Wittenberger Reformationsdrucker in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Seine Erben führten nach dessen Tod die Offizin in Wittenberg weiter.

Die Holzschnitte stammen von verschiedenen Meistern. Die Illustrationen zur Offenbarung lehnen sich an die Wittenberger Urdrucke des September- bzw. Dezembertestamtents an. Die Bibelillustration setzt eindrucksvoll den zweiten Engel mit der Posaune in Szene: Der feurige Berg stürzt ins Meer, so dass die Menschen auf den Schiffen in Seenot geraten.

3. Bibel, böhmisch (1537)
Biblij Czeska w starem miestir Przskem wytisstiena.
Prag : Seweryn, 1537.
BFSt: 6 A 10

Diese 1537 in Prag erschienene böhmische Vollbibel wurde von Pawel (Paul) Seweryn (?-1554) aus Kapí Hora (Kapenberg) verlegt und gedruckt. Sie wurde mit Kopien des umfangreichen Zyklus illustriert, der 1534 für den Wittenberger Druck von Luthers erster deutscher Vollbibel, der sog. Cranach-Bibel, entstanden war. Die Kolorierung der Holzschnitte in diesem Exemplar wirkt unbeholfen, als sei sie von Hilfskräften ausgeführt worden. Dennoch wirkt durch die Kolorierung die Darstellung lebhafter und anschaulicher und führt die Wucht des Geschehens dem Betrachter eindrucksvoll vor.

Ist im Septembertestament das brennende Babylon noch als Rom zu erkennen gewesen, so wurde es nun als Worms dargestellt. Mit dieser Symbolik wurde auf den Untergang des Edikts von Worms verwiesen, einen Erlass Karls V. (1500-1558) auf dem Reichstag von Worms 1521, mit dem die Reichsacht über Luther verhängt worden war.

Informationen zu den Abbildungen

1. Das Newe Testament Deutzsch. [Übers. von Martin Luther. Holzschn. von Lucas Cranach d.Ä.].
Wittenberg : Lotter, 1522. [Dezembertestament]
BFSt: Canst:1783

Bereits drei Monate nach dem Erscheinen von Martin Luthers (1483-1546) Septembertestament von 1522 war die Auflage von etwa 3.000 Exemplaren vergriffen. Im Dezember erschien dann die als Dezembertestament bezeichnete überarbeitete Ausgabe. Wie schon im Septembertestament dienten als Vorlage für die Illustration des "Buches der Offenbarung" (Apokalypse) die Holzschnitte von Albrecht Dürer (1471-1528), die Lukas Cranach d. Ä. (1472-1553) in seiner Werkstatt verkleinert nachschneiden ließ.

2. Das Newe Testament Deutzsch. [Übers.v. Martin Luther. Holzschn. v. Lucas Cranach d. Ä.].
Wittenberg : Lotter, 1522. [Septembertestament]
BFSt: 9 A 9

Martin Luther (1483-1546) nahm auf Veranlassung Philipp Melanchthons (1497-1560) im Dezember 1521 auf der Wartburg die Übersetzung des Neuen Testaments auf der Grundlage des griechischen Urtextes in Angriff. Nach gemeinsamer Durchsicht mit Melanchthon ging die Übersetzung ab Anfang Mai 1522 in Druck. Dieser war im September 1522 abgeschlossen (daher “Septembertestament”). Das »Newe Testament Deutzsch« erschien in Wittenberg als Folioband, der mit 21 Holzschnitten und zahlreichen Initialen geschmückt war.

Die zeitkritischen Illustrationen aus der Cranach-Werkstatt zu der Offenbarung des Johannes trugen zum überwältigenden Erfolg dieser Ausgabe bei. Als Vorlage für die Illustration des "Buches der Offenbarung" (Apokalypse) dienten Holzschnitte von Albrecht Dürer (1471-1528), die damals sehr bekannt und beliebt waren. Lukas Cranach d. Ä. (1472-1553) ließ sie in seiner Werkstatt verkleinert nachschneiden.

Die zeitbezogene Darstellung Babylons entspricht der Topographie Roms in der Weltchronik von Hartmann Schedel (1440-1514), Nürnberg 1493. Auch zur Illustration der Klage über das brennende Babylon (Offenbarung 18) diente im Septembertestament die Stadtansicht von Rom mit Kapitol und Engelsburg.