Historische Netzwerke

Zwei Firgurengruppen aus Holz zeigen Salzburger Exulanten in ihrer historischen Tracht mit jeweils einem Kind an der Hand.
Thomas MeinickeZwei Figurengruppen aus der Kunst- und Naturalienkammer

Die internationalen Netzwerke der Franckeschen Stiftungen haben historische Wurzeln: Bereits im 18. Jahrhundert knüpften August Hermann Francke und sein Sohn Gotthilf August Francke im Direktorenamt weitreichende Kontakte über Europa, Nordamerika und Asien hinweg. Schulen, Waisenhäuser, Bibliotheken und die erste lutherische Mission außerhalb Europas wurden zu Zentren interkultureller Begegnung, des Austauschs von Wissen und der gelebten religiösen Praxis. Auf dieser Basis setzen wir bis heute auf Kooperation, Bildungsarbeit und kulturellen Austausch.

Europa

Netzwerke im Baltikum

Im 18. Jahrhundert prägte eine lutherische deutsche Minderheit das Baltikum. Pietistische Reformen führten zur Förderung der Nationalsprachen von Letten, Esten und Litauern. Bedeutende Projekte waren estnische Gesangbücher, hallesche Waisenhäuser und litauische Seminare – begleitet von wichtigen Persönlichkeiten wie Eberhard Gutsleff, Johann Richter und Friedrich Wilhelm Haack.

Dreidimensionales, farbiges Diorama im Waisenhauskabinett der Franckeschen Stiftungen: Darstellung der Ankunft der Salzburger Exulanten im Jahr 1732 mit Reitern, Gepäck und einer Willkommensszene vor dem historischen Waisenhaus.
Markus ScholzDiorama im Waisenhauskabinett: Ankunft der Salzburger Exulanten 1732 in den Franckeschen Stiftungen

Böhmen und Mähren

Zu den wichtigsten Impulsen aus Böhmen für die Bildungsreformen August Hermann Franckes zählte der Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670). Von Beginn seines Wirkens in Halle an hielt Francke engen Kontakt zu den bedrängten lutherischen Gemeinden der Region. Er unterstützte sie mit Bibeln und pietistischen Druckschriften und entsandte von ihm ausgebildete Theologen als Pastoren in die Exilgemeinden nach Preußen. Ein bedeutender Meilenstein war die Veröffentlichung einer tschechischen Bibelübersetzung in Halle im Jahr 1722, die in großen Auflagen verbreitet wurde. Eine zentrale Vermittlerrolle spielte dabei der Slavist Heinrich Milde (1676–1739), der am Halleschen Waisenhaus tätig war.

Detail eines reich kolorierten bibeldrucks aus dem 16. Jahrhundert.
Franckesche StiftungenDetail einer Bibel aus Prag (16.Jh.)

Griechenland

Um 1700 plante Francke in Halle ein ehrgeiziges Bildungsprojekt: Ein Collegium Graecum sollte junge Griechen in Halle ausbilden. Trotz anfänglicher Kontakte nach Konstantinopel und Edirne scheiterte das Vorhaben. Nachhaltige Wirkung entfaltete jedoch die zweisprachige Ausgabe des Neuen Testaments auf Alt- und Neugriechisch – ein Meilenstein für die griechische Sprache und Kultur.

Eine historische Zeichnung zeigt den Aufriss eines Hauses in den Franckeschen Stiftungen
Franckesche StiftungenFassade

Königreich Dänemark

Seit dem frühen 18. Jahrhundert bestanden enge Beziehungen zwischen den Glauchaschen Anstalten, wie die Franckeschen Stiftungen im 18. Jahrhundert hießen, und dem dänischen Königshaus. Nach halleschem Vorbild entstand 1727 ein Waisenhaus in Kopenhagen. Unter König Christian VI. (1699–1746) prägten pietistische Reformen Kirche, Schule und Gesellschaft in Dänemark nachhaltig. Netzwerke über Halle und Wernigerode beeinflussten das geistige Leben – sichtbar etwa im Wirken von Adam Struensee (1708−1791) und seinem Sohn Johann Friedrich Struensee (1737–1772), einem der bekanntesten Schüler der Franckeschen Stiftungen.

kolorierte Karte von Kopenhagen mit Häusern und Kirchen aus dem 18. Jahrhundert.
Franckesche StiftungenHistorische Ansicht von Kopenhagen

Königreich Großbritannien

Heinrich Wilhelm Ludolf (1655–1712) begründete die engen Beziehungen zwischen den Franckeschen Stiftungen und Großbritannien. Über London entwickelte sich im 18. Jahrhundert das wichtigste internationale Netzwerk des Halleschen Pietismus mit Verbindungen nach Nordamerika und Indien. Zentrale Akteure wie Anton Wilhelm Böhme (1673–1727) und Friedrich Michael Ziegenhagen (1694–1776) verbreiteten Franckes Ideen im englischsprachigen Raum, förderten den Austausch von Studierenden und unterstützten lutherische Gemeinden in Übersee. Die Wirkung reichte bis ins 19. Jahrhundert – etwa mit den Waisenhäusern Georg Müllers (1805−1898) in Bristol.

Porträt des Orientalisten Heinrich Wilhhelm Ludolf, der an seinem rechten Arm das Tattoo eines Jerusalempilgers zeigt.
Franckesche StiftungenHeinrich Wilhelm Ludolf (1655-1712)

Niederlande

Über Korrespondenzen und Reisen war August Hermann Francke früh mit den religiösen und sozialen Verhältnissen der Niederlande vertraut. Das Land galt um 1700 als wegweisend in Waisen- und Armenfürsorge. Erkenntnisse aus niederländischen Waisenhäusern, insbesondere in Amsterdam, prägten maßgeblich den Aufbau des Halleschen Waisenhauses. Die Verbindung von Glauben, Wirtschaft und sozialem Engagement wurden Grundlage des Erfolgs für die hallesche Schulstadt.

 

Titelblatt der »Segensvollen Fußstapfen« August Hermann Franckes auf Niederländisch
Franckesche StiftungenTitelblatt der »Segensvollen Fußstapfen« auf Niederländisch

Polen und Schlesien

Seit dem späten 17. Jahrhundert bestanden enge Verbindungen zwischen den Franckeschen Stiftungen und den Protestanten Schlesiens. Schlesische Kinder besuchten das Pädagogium Regium, Polnischunterricht und polnische Bibeldrucke förderten die lutherische Bildung. Waisenhäuser nach halleschem Vorbild entstanden in Sorau, Züllichau, Ober-Glauche und Bunzlau. Besondere Unterstützung seitens der Halleschen Pietisten erhielt die 1709 im südschlesischen Teschen gegründete Jesuskirche. 

Blick in den Innenraum der Jesuskirche in Cieszyn mit der großen Orgel und den drei Emporen im Seitenschiff der Kirche, die sich mit halbkreisförmigen Bögen dem Hauptschiff öffnen.
Marcin GabrysAnsicht der Jesuskirche in Cieszyn

Russland

Die Reformpolitik Zar Peters des Großen förderte enge Verbindungen zwischen dem Halleschen Waisenhaus und Russland. August Hermann Francke knüpfte Netzwerke mit Gelehrten wie Gottfried Wilhelm Leibniz und dem Orientalisten Heinrich Wilhelm Ludolf, der 1698 den ersten akademischen Russischunterricht in Halle gab. Schüler und Mitarbeiter wirkten als Pastoren, Mediziner und Beamte in Russland und Sibirien; Waisenhäuser nach halleschem Vorbild entstanden bis Tobolsk.

kolorierte Karte der Stadt St. Petersburg im 18. Jh. mit den vorgalgerten Inseln.
Franckesche StiftungenHistorische Karte der Stadt St. Petersburg

Ungarn und das Karpatenbecken

Auch in Ungarn und Siebenbürgen fand der Pietismus im 18. Jahrhundert breite Resonanz. Als Vater des ungarischen Pietismus gilt András Torkos, der bei August Hermann Francke in Halle studierte. Pietistische Schriften, in Halle gedruckt und von ungarischen Studenten übersetzt, verbreiteten sich im Karpatenbecken. Bedeutend war Mátyás Bél, der nach seinem Studium in Halle als Gelehrter in Pressburg wirkte, das zeitgenössisch als »Klein-Halle« galt.

Koloriertes Detail einer Karte Siebenbürgens mit der Ansicht einer Siedlung an einem Fluss
Franckesche StiftungenDetail des Titelblattes »Die Hungarica Sammlung der Franckeschen Stiftungen«

Asien

Indien

1706 entsandte der dänische König Friedrich IV. mit Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau zwei Schüler August Hermann Franckes nach Tranquebar (Tharangambadi) und begründete damit die erste dauerhafte protestantische Mission. Die halleschen Missionare übersetzten die Bibel ins Tamilische, gründeten Schulen und sammelten Objekte, Briefe und Palmblatthandschriften. Diese Bestände prägen bis heute die Kunst- und Naturalienkammer. Auf diesem Erbe basiert die 1919 gegründete Tamil Evangelical Lutheran Church und das seit 2017 bestehende Museum für interkulturellen Dialog.

Blick auf den Hof der historischen Missionsstation aus dem 18. Jahrhundert mit dem zweigeschossigen, weiße Haus des ersten Missionars und seiner goldenen Büste im Vordergrund.
Jörg GläscherDas Ziegenbalg-Haus in Tharangambadi

Borneo

Im 19. Jahrhundert erlebte die Dänisch-Hallesche Mission im südindischen Tharangambadi eine einzigartige Fortführung. Zwei Missionare, Heinrich Julius Berger (1800–1845) und Johann Michael Carl Hupe (1818–1861), wurden vom Direktor Hermann Agathon Niemeyer in Zusammenarbeit mit dem Rheinischen Missionswerk nach Borneo entsandt. Die Spuren dieser Unternehmung in der Kunst- und Naturalienkammer sind Gegenstand der Forschung. 

Blick in die Borneo-Sammlung der Kunst- und Naturalienkammer mit verschiedenen Objekten aus Naturmaterialien.
Markus ScholzDetail der Kunst- und Naturalienkammer

Nordamerika

Georgia und Pennsylvania

Die Halleschen Pietisten pflegten seit August Hermann Francke enge Kontakte nach Nordamerika, unter anderem durch den Austausch mit Cotton Mather in Boston. Unter Gotthilf August Francke unterstützte das Hallesche Waisenhaus die Salzburger Emigranten, die ab 1731 nach Georgia auswanderten, mit Spenden, Druckwerken und Pastoren. 1741 entsandte Francke Heinrich Melchior Mühlenberg nach Pennsylvania, den Begründer der lutherischen Kirche Nordamerikas. Seine Söhne prägten die frühe Geschichte der USA.

Dreidimensionales, farbiges Diorama im Waisenhauskabinett der Franckeschen Stiftungen: Darstellung der Ankunft der Salzburger Exulanten im Jahr 1732 mit Reitern, Gepäck und einer Willkommensszene vor dem historischen Waisenhaus.
Markus ScholzDiorama im Waisenhauskabinett: Ankunft der Salzburger Exulanten 1732 in den Franckeschen Stiftungen