Die internationalen Netzwerke der Franckeschen Stiftungen haben historische Wurzeln: Bereits im 18. Jahrhundert knüpften August Hermann Francke und sein Sohn Gotthilf August Francke im Direktorenamt weitreichende Kontakte über Europa, Nordamerika und Asien hinweg. Schulen, Waisenhäuser, Bibliotheken und die erste lutherische Mission außerhalb Europas wurden zu Zentren interkultureller Begegnung, des Austauschs von Wissen und der gelebten religiösen Praxis. Auf dieser Basis setzen wir bis heute auf Kooperation, Bildungsarbeit und kulturellen Austausch.
Historische Netzwerke

Europa
Netzwerke im Baltikum
Im 18. Jahrhundert prägte eine lutherische deutsche Minderheit das Baltikum. Pietistische Reformen führten zur Förderung der Nationalsprachen von Letten, Esten und Litauern. Bedeutende Projekte waren estnische Gesangbücher, hallesche Waisenhäuser und litauische Seminare – begleitet von wichtigen Persönlichkeiten wie Eberhard Gutsleff, Johann Richter und Friedrich Wilhelm Haack.

Im Baltikum des 18. Jahrhunderts gab es eine einflussreiche deutsche Minderheit, die meist lutherischen Glaubens war. Pietistische Frömmigkeit hielt früh Einzug und viele deutsche Balten bemühten sich, unter Letten, Esten und Litauern den Pietismus zu verbreiten und zu diesem Zweck die Nationalsprachen zu fördern. Seit seinen Studientagen in Halle ein glühender Anhänger Franckes, gab beispielsweise Eberhard Gutsleff (ca. 1691–1749) ein estnisches Haus- und Kirchengesangbuch heraus, das in Halle gedruckt wurde. In Alp (Albu) bei Reval (Tallinn) wurde 1717 ein Waisenhaus halleschen Zuschnitts gegründet. Nur von kurzer Dauer war das Litauische Seminar in den Franckeschen Stiftungen, das Gotthilf August Francke im Sommer 1727 gründete. Johann Richter (Lebensdaten unbekannt) und Friedrich Wilhelm Haack (1706–1754) unterrichteten eine Anzahl von Studenten und 1730 erschien ein litauisch-deutsches Wörterbuch.
Böhmen und Mähren
Zu den wichtigsten Impulsen aus Böhmen für die Bildungsreformen August Hermann Franckes zählte der Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670). Von Beginn seines Wirkens in Halle an hielt Francke engen Kontakt zu den bedrängten lutherischen Gemeinden der Region. Er unterstützte sie mit Bibeln und pietistischen Druckschriften und entsandte von ihm ausgebildete Theologen als Pastoren in die Exilgemeinden nach Preußen. Ein bedeutender Meilenstein war die Veröffentlichung einer tschechischen Bibelübersetzung in Halle im Jahr 1722, die in großen Auflagen verbreitet wurde. Eine zentrale Vermittlerrolle spielte dabei der Slavist Heinrich Milde (1676–1739), der am Halleschen Waisenhaus tätig war.

Die universalistischen und pädagogischen Ideen des Böhmen Johann Amos Comenius (1592–1670) waren Vorbild für August Hermann Francke. Über die Niederlande war er in den Besitz eines Teilnachlasses von Comenius gekommen und veröffentlichte posthum eines seiner Werke. Als Teile der protestantischen Bevölkerung um 1700 aus Böhmen vertrieben wurden, fanden sie Aufnahme in Brandenburg-Preußen. Francke nahm sich ihres Schicksals an. In Halle wurden nun religiöse Bücher in tschechischer Sprache gedruckt, darunter auch Übersetzungen der Bücher A.H. Franckes und Freylinghausens. Die Herausgabe einer tschechischen Bibel 1722 war der Höhepunkt dieser Entwicklung. Heinrich Milde (1676–1739), ein Mitarbeiter A.H. Franckes, war für die Kontakte des Halleschen Waisenhauses nach Osteuropa zuständig und betreute böhmische Exilgemeinden in Barby an der Elbe und in der Lausitz. Er vermachte seine private Büchersammlung mit zahlreichen tschechischen Drucken der Bibliothek des Waisenhauses.
Die Comenius-Handschriften, die Francke erhalten hatte, wurden erst 1935 von Dmitrij I. Tschižewskij (1894–1977) in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen wiederentdeckt. Sie werden heute in der Nationalbibliothek Prag aufbewahrt, nachdem die DDR sie der damaligen CSSR als offizielles Gastgeschenk im Rahmen eines Staatsbesuches 1957 übergeben hatte. Eine Kopie der Handschriften vermachte Werner Koorthase (1937–2008) kurz vor seinem Tod den Franckeschen Stiftungen.
Griechenland
Um 1700 plante Francke in Halle ein ehrgeiziges Bildungsprojekt: Ein Collegium Graecum sollte junge Griechen in Halle ausbilden. Trotz anfänglicher Kontakte nach Konstantinopel und Edirne scheiterte das Vorhaben. Nachhaltige Wirkung entfaltete jedoch die zweisprachige Ausgabe des Neuen Testaments auf Alt- und Neugriechisch – ein Meilenstein für die griechische Sprache und Kultur.

Ein erstaunlicher, wenn auch erfolgloser Plan bestimmte die Kontakte der Franckeschen Stiftungen nach Griechenland. Erdacht von dem Diplomaten und Sprachwissenschaftler Heinrich Wilhelm Ludolf (1655–1712), sollte in Halle ein Collegium Graecum für junge Griechen entstehen. Hier ausgebildet sollten sie die griechisch-orthodoxe Kirche im Sinne des Protestantismus beeinflussen. Zur Umsetzung des Plans wurden 1700 zwei junge Theologen nach Konstantinopel (Istanbul) und Adrianopel (Edirne) entsandt. Sie sollten Griechen für das Studium in Halle gewinnen, was 1702 nach Gründung des Collegium orientale theologicum auch geschah. Die Enge der pietistischen Zirkel und das ausbleibende Stipendium ließ sie jedoch bald zurückkehren. Einziger bleibender Erfolg der Unternehmung war die altgriechisch-neugriechische Parallelausgabe des Neuen Testaments. Sie gilt heute als Meilenstein auf dem Weg der Griechen zur späteren nationalen Selbstständigkeit im 19. Jahrhundert.
Königreich Dänemark
Seit dem frühen 18. Jahrhundert bestanden enge Beziehungen zwischen den Glauchaschen Anstalten, wie die Franckeschen Stiftungen im 18. Jahrhundert hießen, und dem dänischen Königshaus. Nach halleschem Vorbild entstand 1727 ein Waisenhaus in Kopenhagen. Unter König Christian VI. (1699–1746) prägten pietistische Reformen Kirche, Schule und Gesellschaft in Dänemark nachhaltig. Netzwerke über Halle und Wernigerode beeinflussten das geistige Leben – sichtbar etwa im Wirken von Adam Struensee (1708−1791) und seinem Sohn Johann Friedrich Struensee (1737–1772), einem der bekanntesten Schüler der Franckeschen Stiftungen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab der dänische König Friedrich IV. (1671–1730) den Anstoß für die erste nachhaltige lutherische Mission in Südostindien. Von Beginn an wirkten Hallesche Pietisten als Missionare in der dortigen dänischen Handelsniederlassung Tranquebar. Damit festigte die Dänisch-Hallesche-Mission genannte Unternehmung seit 1706 den Kontakt der Franckeschen Stiftungen zum dänischen Königshaus. Sichtbarer Ausdruck dafür war das 1727 nach Halleschem Vorbild errichtete Waisenhaus in Kopenhagen. Christian VI. (1699–1746), ab 1730 Friedrichs Nachfolger auf dem dänischen Königsthron, förderte die pietistischen Reformen des Kirchen- und Schulwesens in seinen Landen massiv. Er stand in engem Kontakt mit seinem Cousin Graf Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode (1691–1771), dem wahrscheinlich wichtigsten adligen Verbündeten des Halleschen Waisenhauses im 18. Jahrhundert. Zahlreiche Pietisten gelangten über die Achse Halle – Wernigerode nach Dänemark und beeinflussten dort nachhaltig das geistige und kulturelle Leben. Dies gilt bspw. für den Theologen Adam Struensee (1708–1791), dessen Sohn Johann Friedrich Struensee (1737–1772), zu den berühmtesten Schülern der Lateinischen Schule der Franckeschen Stiftungen zählt. Johann Friedrich wurde nicht nur durch seine medizinischen Forschungen berühmt, sondern brachte als leitender Minister auch bedeutende Gesellschaftsreformen in Dänemark auf den Weg.
Königreich Großbritannien
Heinrich Wilhelm Ludolf (1655–1712) begründete die engen Beziehungen zwischen den Franckeschen Stiftungen und Großbritannien. Über London entwickelte sich im 18. Jahrhundert das wichtigste internationale Netzwerk des Halleschen Pietismus mit Verbindungen nach Nordamerika und Indien. Zentrale Akteure wie Anton Wilhelm Böhme (1673–1727) und Friedrich Michael Ziegenhagen (1694–1776) verbreiteten Franckes Ideen im englischsprachigen Raum, förderten den Austausch von Studierenden und unterstützten lutherische Gemeinden in Übersee. Die Wirkung reichte bis ins 19. Jahrhundert – etwa mit den Waisenhäusern Georg Müllers (1805−1898) in Bristol.

Heinrich Wilhelm Ludolf steht am Anfang der Verbindungen zwischen den Franckeschen Stiftungen und Großbritannien. Als Sekretär des Prinzen Georg von Dänemark (1653–1708), des späteren Gemahls von Königin Anne (1665–1714), wirkte er seit 1686 bis zu seinem Tod in London. Er vermittelte den Halleschen Pietisten Anton Wilhelm Böhme (1673–1722) als Hofprediger und Pfarrer an die deutsche Hofkapelle in St. James (1705) und legte damit den Grundstein für eine nachhaltige Netzwerkarbeit der Hallenser. Francke selbst wurde bereits im Juni 1700 korrespondierendes Mitglied der Society for Promoting Christian Knowledge (SPCK). London etablierte sich zum wichtigsten Knotenpunkt im internationalen Netzwerk des Halleschen Pietismus während des 18. Jahrhunderts. Hier liefen die Verbindungen von und nach Nordamerika und Indien zusammen. Böhme ebnete Franckes Ideen den Weg in den englischsprachigen Raum durch die Übersetzung wichtiger Schriften wie der „Segensvollen Fußstapfen“. Er vermittelte zudem englische Schüler nach Halle, für die eigens mit Mitteln englischer Spender ein "Englisches Haus" (heute Haus 26) errichtet wurde. Böhmes Amtsnachfolger Friedrich Michael Ziegenhagen (1694–1776) wurde später zum unersetzlichen Bindeglied zwischen Gotthilf August Francke und den nordamerikanischen lutherischen Gemeinden in Pennsylvania und Georgia. Weithin unbekannt ist zudem, dass der hallesche Student Georg Müller (1805–1898) 1836 in Ashley Down, Bristol, fünf Waisenhäuser nach dem Vorbild Halles gründete. Die heutige George Müller Foundation setzt diese karitative Arbeit in England nach modernen Gesichtspunkten fort.
Niederlande
Über Korrespondenzen und Reisen war August Hermann Francke früh mit den religiösen und sozialen Verhältnissen der Niederlande vertraut. Das Land galt um 1700 als wegweisend in Waisen- und Armenfürsorge. Erkenntnisse aus niederländischen Waisenhäusern, insbesondere in Amsterdam, prägten maßgeblich den Aufbau des Halleschen Waisenhauses. Die Verbindung von Glauben, Wirtschaft und sozialem Engagement wurden Grundlage des Erfolgs für die hallesche Schulstadt.

August Hermann Francke waren die religiösen und sozialen Verhältnisse im ausgehenden 17. Jahrhundert in den Niederlanden durch seine Korrespondenz unter anderem mit dem dorthin geflohenen Theologen Friedrich Breckling (1629–1711) bestens bekannt. Auf diesem Weg war er auch über die generelle Offenheit der Niederländer für puritanische Geistesströmungen und den reformtheologischen Sonderweg der »Nadere Reformatie« informiert. 1705 unternahm A.H. Francke zudem seine einzige Auslandsreise in die Niederlande. Die pietistische Lebensform fand dort aber wenige wirkliche Anhänger. Trotzdem war das Land in seiner Symbiose des geistlichen Lebens, wirtschaftlichen Handelns und sozialen Engagements ein wichtiges Vorbild für die hallesche Schulstadt August Hermann Franckes.
Die Niederlande galten aufgrund des Reichtums ihrer Städte im ausgehenden 17. Jahrhundert als wegweisend, vor allem auch in der Waisenfürsorge. Das war auch in Halle bekannt. Bereits 1697 war der engste Mitarbeiter Franckes, Georg Heinrich Neubauer (1666–1726), über Hannover in die Niederlande gereist. Sein Auftrag lautete, bereits existierende Waisenhäuser in Amsterdam, wie beispielsweise das Burgerweeshuis, zu begutachten. Die Waisen- und Armenfürsorge in den Niederlanden, einem der fortschrittlichsten Staaten der Zeit, sollte als Vorbild für das geplante Hallesche Waisenhaus dienen. Mit einem Katalog von ca. 200 Einzelfragen (!) wurden alle wichtigen Informationen erfasst. Auf der Basis der Erkenntnisse Neubauers legte Francke 1698 den organisatorischen und baulichen Grundstein für sein Waisenhaus.
Doch nicht nur für den halleschen Waisenhausbau war Neubauers Reise vorbildhaft. Neubauer selbst verfasste akribische Notizen, die nachfolgenden Reisenden des pietistischen Netzwerkes bei der Reisevorbereitung helfen sollten. Wie heutige Reiseführer oder Reiseblogs enthalten die Aufzeichnungen wertvolle Hinweise zur Reise in der Fremde, unter anderem eine erhellende Erklärung, was ein Reisender im 18. Jahrhundert bei der Fahrt in einer Schuyte (einem flachen Boot, dass durch die Kanäle gezogen wurde) beachten musste.
Polen und Schlesien
Seit dem späten 17. Jahrhundert bestanden enge Verbindungen zwischen den Franckeschen Stiftungen und den Protestanten Schlesiens. Schlesische Kinder besuchten das Pädagogium Regium, Polnischunterricht und polnische Bibeldrucke förderten die lutherische Bildung. Waisenhäuser nach halleschem Vorbild entstanden in Sorau, Züllichau, Ober-Glauche und Bunzlau. Besondere Unterstützung seitens der Halleschen Pietisten erhielt die 1709 im südschlesischen Teschen gegründete Jesuskirche.

Zu den Protestanten im rekatholisierten, habsburgischen Schlesien bestand von Anfang an eine enge Verbindung. So wurde das Pädagogium Regium, die für den Adel und das Bürgertum eingerichtete Schule auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen, seit seiner Etablierung 1695 von besonders vielen Kindern aus Schlesien frequentiert. Der Polnischunterricht ab 1702 am Collegium Orientale Theologicum und der Druck der Bibel in polnischer Sprache im Jahr 1726 markieren weitere Jahre intensiver Bemühungen der Halleschen Pietisten, um die konfessionell bedrängten Lutheraner in Polen und Schlesien zu unterstützen. Lutherische Landeskinder wurden in Franckes Schulen ausgebildet und 1709 der Versuch unternommen, zwei der engsten Mitarbeiter Franckes als Lehrer und Pastoren an der Gnadenkirche und Schule in Teschen (Cieszyn) anzustellen. Unterstützt wurde Francke dabei von einer Gruppe pietistisch gesinnter Adliger, die über familiäre Verbindungen nach Schlesien verfügten. In Breslau (Wrocław) wirkte von 1712–1745 beispielsweise der hallesche Emissär Anhard Adelung (gest. 1745). Waisenhäuser nach Halleschem Vorbild entstanden 1718 in Sorau (Żary), 1719 in Züllichau (Sulechów) und Ober-Glauche (Głuchów Górny) und 1754 auch in Bunzlau (Bolesławiec). Insbesondere das vom Nadler Sigismund Steinbart (1677-1739) in Züllichau errichtete Waisenhaus entwickelte sich durch den Aufbau von Wirtschaftsbetrieben, der Frommannschen Buchhandlung und eines eigenen Pädagogiums zu einem nachhaltig erfolgreichen Ableger des Halleschen Vorbildes. Im missionarischen Fokus des 1728 vom Francke-Schüler Johann Heinrich Callenberg (1694-1760) gegründeten Institutum Judaicum et Muhammedicum stand zudem das polnische Judentum. Die jüdischen Gemeinden wurden von den reisenden Mitarbeitern des Institutums besucht, deren Tagebücher aus den Jahren 1730/31 eine ausgeprägte interreligiöse Streitkultur belegen.
Russland
Die Reformpolitik Zar Peters des Großen förderte enge Verbindungen zwischen dem Halleschen Waisenhaus und Russland. August Hermann Francke knüpfte Netzwerke mit Gelehrten wie Gottfried Wilhelm Leibniz und dem Orientalisten Heinrich Wilhelm Ludolf, der 1698 den ersten akademischen Russischunterricht in Halle gab. Schüler und Mitarbeiter wirkten als Pastoren, Mediziner und Beamte in Russland und Sibirien; Waisenhäuser nach halleschem Vorbild entstanden bis Tobolsk.

Die Verbindungen des halleschen Waisenhauses nach Russland wurden durch die Reformpolitik Zar Peters des Großen (1672–1725) begünstigt. Francke korrespondierte über Russland mit dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1677–1752) und knüpfte zudem vielfältigen Beziehungen über den Orientalisten Heinrich Wilhelm Ludolf. Letzterer war der Verfasser der frühesten Grammatik der russischen Sprache und gab 1698 den ersten akademischen Russischunterricht in Halle. Mitarbeiter und Schüler A. H. Franckes profitierten von diesen Kontakten und Sprachkenntnissen und fanden als Hauslehrer, Pastoren, Beamte und Mediziner Anstellungen in St. Petersburg, Moskau und Sibirien. In Narva, Astrachan sowie Tobolsk entstanden außerdem Waisenhäuser nach halleschem Vorbild. Bis in diese abgelegenen Gebiete reichte zudem der rege Medikamenten- und Buchhandel des Halleschen Waisenhauses. Wissenschaftler, wie der Sibirienforscher Georg Wilhelm Steller (1709–1746), nutzten die guten Verbindungen zu Laurentius Blumentrost d.J. (1692–1755), der in Halle studiert hatte und später als Leibarzt des Zaren und Gründungspräsident der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg wirkte. Ein wichtiger Kontakt bestand zudem zu Feofan Prokopovitsch (1681–1736), Erzbischof von Nowgorod und Berater Peters des Großen.
Ungarn und das Karpatenbecken
Auch in Ungarn und Siebenbürgen fand der Pietismus im 18. Jahrhundert breite Resonanz. Als Vater des ungarischen Pietismus gilt András Torkos, der bei August Hermann Francke in Halle studierte. Pietistische Schriften, in Halle gedruckt und von ungarischen Studenten übersetzt, verbreiteten sich im Karpatenbecken. Bedeutend war Mátyás Bél, der nach seinem Studium in Halle als Gelehrter in Pressburg wirkte, das zeitgenössisch als »Klein-Halle« galt.

Auch im größtenteils zum katholischen Habsburgerreich gehörenden Ungarn und Siebenbürgen gewann der Pietismus eine breite Anhängerschaft. Als Vater des ungarischen Pietismus gilt András Torkos (1669–1737), der auf Anraten Philipp Jakob Speners (1635–1705) bei August Hermann Francke studierte. Er übersetzte u. a. Luthers „Kleinen Katechismus“ ins Ungarische und ließ ihn in Halle drucken. In der Folge fanden auch Franckes Schriften ihren Weg nach Ungarn, übersetzt von ungarischen Studenten in Halle. Einer der Übersetzer, János Szabó (1695–1756), eröffnete 1724 in Tschobing (Nemescsó) ein Waisenhaus nach halleschem Vorbild. Unter den vielen Pietisten des Karpatenbeckens, die in ihrer Heimat im Sinne August Hermann Franckes wirkten, ragt besonders Mátyás Bél (1684–1749) hervor. Er studierte von 1704 bis 1708 in Halle und wirkte dann viele Jahre als Gemeindepfarrer, Schulrektor und Gelehrter in Pressburg (Bratislava), das zu seinen Lebzeiten auch "Klein-Halle" genannt wurde. In die Geistesgeschichte seines Landes ging Bél als Verfasser der „Notitia Hungariae historico-geographica“, eines grundlegenden Werkes zur Geschichte und Landeskunde Ungarns, ein.
Asien
Indien
1706 entsandte der dänische König Friedrich IV. mit Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau zwei Schüler August Hermann Franckes nach Tranquebar (Tharangambadi) und begründete damit die erste dauerhafte protestantische Mission. Die halleschen Missionare übersetzten die Bibel ins Tamilische, gründeten Schulen und sammelten Objekte, Briefe und Palmblatthandschriften. Diese Bestände prägen bis heute die Kunst- und Naturalienkammer. Auf diesem Erbe basiert die 1919 gegründete Tamil Evangelical Lutheran Church und das seit 2017 bestehende Museum für interkulturellen Dialog.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts beabsichtigte der dänische König Friedrich IV. (1671–1730) in Tranquebar an der Südostküste Indiens eine protestantische Mission aufzubauen. Als erste Missionare wurden Bartholomäus Ziegenbalg (1682–1719) und Heinrich Plütschau (1677–1752), zwei Schüler A.H. Franckes, nach Tranquebar (Tharangambadi) an der Coromandel-Küste entsandt. 1706 erreichten sie die dänische Handelskolonie und erlernten dort die Landessprachen Tamil und Portugiesisch, gründeten Schulen nach dem Vorbild Halles und bauten enge Kontakte zu den Menschen vor Ort auf. Ihre vielleicht größte Leistung bestand in der Übersetzung der Bibel ins Tamilische. Ziegenbalg und Plütschau waren die ersten von 80 größtenteils halleschen Missionaren, die über einen Zeitspanne von annähernd 150 Jahre nach Indien entsandt wurden – der ersten dauerhaften protestantischen Mission überhaupt. Vor Ort und in Indien überhaupt standen die Halleschen Missionare in Konkurrenz zu anderen europäisch-christlichen Missionaren, wie etwa den Jesuiten und Herrnhutern, und trugen oft genug auch Konflikte mit den dänischen, später englischen Kolonialherren aus, deren Ziele nicht deckungsgleich mit denen der Mission waren.
Viele Objekte in der Kunst- und Naturalienkammer sowie zehntausende Briefe, Übersetzungen und eine große Sammlung von Palmblatthandschriften im Archiv der Franckeschen Stiftungen zeugen von der intensiven Beschäftigung mit den indischen Kulturen, aber auch der Erforschung der Natur. Die nachweislich durch Kauf, Tausch oder Schenkung erworbenen Kunst- und Kulturobjekte sowie die gesammelten Naturalien wurden später Kernbestandteil der noch heute erlebbaren Kunst- und Naturalienkammer der Stiftungen. Die Sammlungen erfüllten dabei zwei Aufgaben: Zum einen kamen sie einem Lehrzweck nach und versinnbildlichten anhand der Vielzahl und Verschiedenheit der Objekte die Vielfalt und Größe der Göttlichen Schöpfung. Zum anderen stellten sie auch eine Leistungsschau der Mission dar und präsentierten deren Erfolge und das gesuchte Fortschreiten des Reiches Gottes in der Welt. Diese Sammlungen sowie Tagebücher und Korrespondenzen waren zugleich Quellen für die seit 1710 erschienene erste protestantische Missionszeitschrift »Hallesche Berichte«. Zu den berühmten Abonnenten zählte auch Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). 1919 gründete sich auf dem Erbe der »Dänisch-Halleschen Mission« die Tamil Evangelical Lutheran Church (TELC). Seit 2017 hat im ehemaligen Wohnhaus des Missionars Ziegenbalg in Tharangambadi das »Museum für den interkulturellen Dialog« geöffnet. Dies ist ein Gemeinschaftsprojekt der Franckeschen Stiftungen und der Tamilisch Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien mit Hilfe vieler Partner. Ziel ist, die Vielfalt der historischen Akteure, die nichtlineare Entwicklung und die kulturellen Schnittpunkte indischer und europäischer Gesellschaften darzustellen.
Borneo
Im 19. Jahrhundert erlebte die Dänisch-Hallesche Mission im südindischen Tharangambadi eine einzigartige Fortführung. Zwei Missionare, Heinrich Julius Berger (1800–1845) und Johann Michael Carl Hupe (1818–1861), wurden vom Direktor Hermann Agathon Niemeyer in Zusammenarbeit mit dem Rheinischen Missionswerk nach Borneo entsandt. Die Spuren dieser Unternehmung in der Kunst- und Naturalienkammer sind Gegenstand der Forschung.

Nach dem Vorbild der Dänisch-Halleschen Mission des 18. Jahrhunderts entstand im 19. Jahrhundert in Borneo eine neue Missionsarbeit, die in weitreichenden Netzwerken wirkte. In Zusammenarbeit mit der Rheinischen Missionsgesellschaft mit Sitz in Barmen (heute Wuppertal), die zeitgleich ebenfalls eine protestantische Mission in Südborneo aufbaute, und in engem Austausch mit dem Barmer Missionsinspektor Johann Heinrich Richter, entsandte Stiftungsdirektor Hermann Agathon Niemeyer zwischen 1835 und 1847 die Missionare Heinrich Julius Berger (1800–1845) und Johann Michael Carl Hupe (1818–1861) auf die unter niederländischer Kolonialherrschaft stehende Insel im Malaiischen Archipel. Zahlreiche Objekte, die die beiden – ebenfalls in der Tradition der früheren halleschen Mission – aus dem Umfeld verschiedener lokaler Bevölkerungsgruppen zusammentrugen und nach Halle sandten, sind bis heute in der Kunst- und Naturalienkammer erhalten. Die von Berger 1838 gegründete Missionsstation ‚Bethabara‘ im Gebiet Pulopetak in Südborneo wurde nach seinem Tod von der eng verbundenen Rheinischen Missionsgesellschaft übernommen und die dortige Arbeit fortgeführt.
Nordamerika
Georgia und Pennsylvania
Die Halleschen Pietisten pflegten seit August Hermann Francke enge Kontakte nach Nordamerika, unter anderem durch den Austausch mit Cotton Mather in Boston. Unter Gotthilf August Francke unterstützte das Hallesche Waisenhaus die Salzburger Emigranten, die ab 1731 nach Georgia auswanderten, mit Spenden, Druckwerken und Pastoren. 1741 entsandte Francke Heinrich Melchior Mühlenberg nach Pennsylvania, den Begründer der lutherischen Kirche Nordamerikas. Seine Söhne prägten die frühe Geschichte der USA.

Bereits August Hermann Francke hegte ein Interesse an der Neuen Welt und stand in einer wissenschaftlich-theologischen Korrespondenz mit dem puritanischen Geistlichen und Gelehrten Cotton Mather (1663–1728) in Boston. Während der Amtszeit des dritten Direktors der Franckeschen Stiftungen, Gotthilf August Francke, vertieften sich die Kontakte der Halleschen Pietisten zu Nordamerika. Als ab 1731 etwa 20.000 Protestanten aus dem Erzstift Salzburg ihres Glaubens wegen ausgewiesen wurden und eine neue Heimat suchten (die sogenannten Salzburger Emigranten) beteiligte sich das Waisenhaus aktiv an der Versorgung dieser Glaubensflüchtlinge. Ein nicht unwesentlicher Teil der Salzburger übersiedelte in der Folge in die neugegründete Kolonie Georgia im damaligen britischen Nord-Amerika. Unterstützung von hallescher Seite erfuhren sie dabei nicht nur in Form von Spendengeldern und Druckwerken, sondern auch durch Hallesche Pastoren, die sie in ihre neue Heimat begleiteten und sich dort mit ihnen niederließen. Kurze Zeit später baten dann die deutschen Lutheraner in Pennsylvania ihren Kontaktmann Friedrich Michael Ziegenhagen in London um die Vermittlung ausgebildeter Pastoren. Ziegenhagen wandte sich an Gotthilf August Francke, der 1741 Heinrich Melchior Mühlenberg (1711–1787) entsandte. Mühlenberg gilt heute als „Patriarch der lutherischen Kirche Nordamerikas“. Seine Söhne, ausgebildet in Halle, sollten zu prägenden Persönlichkeiten der frühen US-amerikanischen Geschichte werden. Friedrich (Frederick) August (1750–1801) ist als erster Sprecher des Repräsentantenhauses und Erstunterzeichner der Bill of Rights bekannt, Johann (John) Peter Gabriel (1746–1807) kämpfte als Brigadegeneral unter George Washington (1731–1799) und wird mit einem Denkmal auf dem Capitol Hill geehrt.
