Geselligkeit, Bildung und hohe Politik
Der neu erworbene Nachlass der berühmten Hallenser Familie Niemeyer

Der neu erworbene Nachlass der berühmten Hallenser Familie Niemeyer

Am vierten Abend unserer Reihe »Neu entdeckt. Neu erworben. Neu erschienen.« wird Dr. Thomas Grunewald, der Leiter des Studienzentrums August Hermann Francke, gemeinsam mit der Historikerin und Niemeyer-Expertin Dr. Jessika Piechocki (Halle) die neuen Funde in die bisherige Forschung zu Niemeyer einordnen. Dabei wird über offene Fragen zu sprechen sein, wie die nach der Rolle, die Niemeyer wirklich für den Erhalt von Stiftungen und Universität gespielt hat oder was sich aus den Briefen über die Entwicklung des Verhältnisses von Niemeyer und seiner späteren Frau sagen lässt.
August Hermann Niemeyer gilt er als »Erneuerer« der Franckeschen Stiftungen, die sich um 1800 in einem Stadium des Niedergangs befanden und als deren »Retter«, da er ihre Kontinuität trotz der Besetzung durch die Truppen Napoleons und die anschließenden politischen Veränderungen zu sichern verstand. Zudem wird ihm, dem auch langjährigen Kanzler der Universität Halle, auch der Erhalt der alma mater hallensis zugesprochen: große Leistungen, die ihm trotz oder gerade wegen einer unfreiwilligen Reise – er sprach später von einer »Deportationsreise« nach Frankreich gelangen. Niemeyer, der Ur-Enkel August Hermann Franckes, war jedoch nicht nur Direktor der Franckeschen Stiftungen und Kanzler der Universität. Bereits vor 1800 hatte er sich einen Namen als hervorragender Pädagoge und Literat gemacht und pflegte Bekanntschaft mit Geistesgrößen wie Johann Wolfgang von Goethe oder Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Niemeyers Wohnhaus, am heutigen Jerusalemer Platz, direkt neben dem bekannten Riesenhaus gelegen, bildete in den letzten Jahrzehnten des 18. und den ersten Jahrzenten des 19. Jahrhunderts einen Ort aufgeklärter Geselligkeit. Zusammen mit seiner Frau Agnes Wilhelmine, geb. von Köpken, betrieb er gewissermaßen einen Salon, der in ganz Preußen bekannt war und selbst den preußischen König zu seinen Gästen zählte.
Durch die Schenkung des Familienarchivs Harsch-Niemeyer sind die Franckeschen Stiftungen kürzlich in den Besitz der privaten Korrespondenz Niemeyers, seiner Frau sowie seiner Schwiegereltern in Magdeburg gelangt – ein außergewöhnlicher Glücksfall für die Forschung!
Alle Interessierten erwartet ein deep-dive in Geselligkeit, Bildung und hohe Politik des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Halle.