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Ein Jahresprogramm 2019 über Krise und Aufbruch

Ob Umweltkrise, Flüchtlings-, Bildungs- oder Eurokrise, gegenwärtig scheint ständig und überall von Krisen die Rede zu sein. Die Feststellung von Krisen kann zwar mit großer Zustimmung rechnen, aber banalisiert das permanente Krisenempfinden diese nicht auch? Fakt ist: Außergewöhnliche Krisen stellen die Menschheit immer wieder vor außergewöhnliche Herausforderungen. Krisen bezeichneten ursprünglich einen Wende- oder Höhepunkt einer Entwicklung, einen Zustand der Ungewissheit, eine offene Situation. Was macht Krisen also eigentlich aus, wie nehmen Menschen Krisen wahr und sind wir auf den Umgang mit den aktuellen Krisen – vom Klimawandel bis zur Krise der westlichen Gesellschaften – überhaupt vorbereitet?

Mit unserem Jahresprogramm 2019 möchten wir uns deshalb dem Umgang mit Krisen der Gegenwart nähern und hier für uns so zentrale Werte wie Demokratie, Bildung und Gerechtigkeit in den Fokus rücken. Wie können wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen und Zukunft selbst mitgestalten?

"Vanakkam" in Indien – das erste Reiseziel der Weltreise durch Wohnzimmer

Weltreise_Indien1  Es ist ein Abend im Februar, das Thermometer zeigt Minusgrade an, zehn Menschen treffen sich vor dem Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen, in dicke Mäntel und Schals gehüllt, bereit, den deutschen Winter für ein paar Stunden hinter sich zu lassen und in die tropische Welt Indiens einzutauchen. „Vanakkam“, ruft Jasmin, die Gastgeberin der ersten „Weltreise durch Wohnzimmer“ in Halle und legt die Handflächen aneinander. „So heißt man bei uns in Tamil Nadu Gäste willkommen.“ Die zehn Reisenden betreten den Tholuck-Saal des Evangelischen Konvikts, in dem Jasmin derzeit wohnt, und schon sind alle in einem anderen Land. Gleich zu Beginn zeigt Jasmin, was indische Gastfreundschaft bedeutet: Mit würzigem Chai und einer fröhlichen Tanzdarbietung werden die Gäste ins Land gelockt. Das Eis ist sofort gebrochen. Nach diesem schwungvollen ersten Eindruck beginnt Jasmin von sich zu erzählen und zeigt Fotos aus ihrer Heimatstadt Coimbatore, von ihrem Haus, ihrer Familie, ihrem Hund und ihrer Kirchgemeinde. Sie erzählt, wie sie mit ihrem Motorrad durch die Stadt düst... oder meist im Stau steht. Sie zeigt Bilder von Elefanten, die aus dem Wald in die Stadt kommen und erklärt, wie in ihrer Stadt drei Weltreligionen zusammenleben. Die Gäste staunen, fragen, lachen und ergänzen eigene Eindrücke von Indien. Doch beim Gespräch sollte es nicht bleiben. Indien lernt man am besten mit allen Sinnen kennen. Das heißt zu allererst durch Bewegung: Jasmin bittet zum Tanz und bringt allen ein paar Tanzschritte zu einem tamilischen Lied bei.

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Nach so viel Verausgabung hat sich die Reisegruppe eine Stärkung verdient. An einer langen Tafel werden Bananenblätter ausgebreitet, die als Teller für das indische Biryani dienen sollen. Das würzige, leicht scharfe Essen aus Reis und Gemüse wird mit der Hand gegessen, gar nicht so leicht, doch schon bald sind alle Bananenblätter leergeputzt und der Nachtisch kann serviert werden: Payasam, ein süßer Pudding mit Nüssen. Beim Essen ist genug Zeit, Jasmin kennen zu lernen und alle Fragen zu stellen, die man immer schon mal über Indien stellen wollte. „Jetzt habe ich auch einmal eine Frage“, sagt Jasmin. „Wieso habt ihr diese Reise nach Indien gebucht?“ Die Antworten sind ganz unterschiedlich. Viele waren grundsätzlich neugierig auf das Projekt „Weltreise durch Wohnzimmer“. Eine Frau erzählt, dass sie nicht glaubt, jemals persönlich nach Indien zu kommen, warum dann also nicht mal ein fernes Land durch ein Wohnzimmer kennenlernen. Ein Gast kennt Tamil Nadu bereits von einer Reise und freut sich über die Auffrischung der Reiseerinnerungen. Für alle, die vielleicht doch einmal selbst nach Tamil Nadu reisen werden, hat Jasmin noch einen kleinen Sprachkurs in ihrer Muttersprache vorbereitet. „nanri“ (danke), „dhayavu seidhu“ (bitte), „suvai“ (lecker) – mit diesen Worten kommt man in Indien bestimmt schon weit.

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Zum großen Abschluss bittet Jasmin alle Gäste noch einmal zur Türschwelle. Dort hat sie ein „Kolam“ vorbereitet, ein mit weißem Pulver auf den Boden gezeichnetes Blumenmuster, das in Tamil Nadu an Festtagen die Eingänge der Häuser schmückt. Viele bunte Farbpulver liegen bereit. Gemeinsam füllten die Gäste das Kolam mit dem bunten Pulver aus. Das farbenprächtige I-Tüpfelchen einer einzigartigen Indienreise in Halle. Und was denkt die Gastgeberin? „Für mich war es eine tolle Möglichkeit, mein Land mit seinen schwierigen Traditionen auf einfache Weise zu vermitteln. Ich denke, durch eine Wohnzimmerreise können Ängste und Skepsis gegenüber einer Kultur, die der eigenen sehr fremd ist, genommen werden.“
Nanri Jasmin!

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Nota bene!
Indien mitten in Deutschland? Jasmin stieß bei der Vorbereitung ihres Abends immer wieder auf kleine Hürden, die jedoch mit deutsch-indischen Kompromissen schnell überwunden werden konnten. Wie können wir das Essen auf Bananenblättern servieren, wenn in Deutschland doch gar keine Bananenpflanzen wachsen? Es half ein gut sortierter Asiamarkt. Die Bananenblätter gibt es dort jedoch nur tiefgefroren (ein Fakt, der Jasmin sehr erheiterte). Das weiße Rangolipulver, das in Mengen für das Kolam benötigt wird, konnte ersetzt werden: durch weißen Sand aus dem Baumarkt, dem liebsten Einkaufsmarkt der Deutschen (auch ein Fakt, der Jasmin sehr erheiterte). Und anstatt das farbige Kolam einfach auf den Holzboden des Konvikts zu malen, musste eine Unterlage besorgt werden (dies sorgte für die wohl größte Erheiterung).

Hallesche Erklärung der Vielen

Die Franckeschen Stiftungen sind mit vielen Kultureinrichtungen der Stadt Halle Unterzeichner der »Halleschen Erklärung der Vielen«:

  • Die unterzeichnenden Kunst- und Kulturinstitutionen führen den offenen und kritischen Dialog über rechte Strategien, die demokratische Grundwerte untergraben. Sie gestalten diesen Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum in der Überzeugung, dass die Unterzeichner den Auftrag haben, unsere demokratische Gesellschaft als eine freie, offene und plurale Gemeinschaft fortzuentwickeln.
  • Alle Unterzeichnenden fördern im Sinne der Demokratie Debatten, bieten aber keine Foren für Propaganda jeder Art. Wir wehren die Versuche der Rechtspopulisten ab, Kulturveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
  • Wir setzen uns für eine vielfältige und freie Kultur- und Kunstszene in Halle ein.
  • Wir solidarisieren uns mit Menschen, die durch eine rechtspopulistische Politik an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Es geht um uns Alle. Daher: Kultur für Demokratie. Die Kunst bleibt frei!

Die HALLESCHE ERKLÄRUNG DER VIELEN zum Herunterladen(PDF, 456 kB)

Am Freitag, den 1. Februar 2019 um 12 Uhr, wurde die Hallesche Erklärung der Vielen auf dem Universitätsplatz im Beisein der Unterzeichner verlesen. Halle ist damit unter vielen Städten in Deutschland, die sich an diesem Datum an der Aktion beteiligten. 

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