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Ein Jahresprogramm 2019 über Krise und Aufbruch

Ob Umweltkrise, Flüchtlings-, Bildungs- oder Eurokrise, gegenwärtig scheint ständig und überall von Krisen die Rede zu sein. Die Feststellung von Krisen kann zwar mit großer Zustimmung rechnen, aber banalisiert das permanente Krisenempfinden diese nicht auch? Fakt ist: Außergewöhnliche Krisen stellen die Menschheit immer wieder vor außergewöhnliche Herausforderungen. Krisen bezeichneten ursprünglich einen Wende- oder Höhepunkt einer Entwicklung, einen Zustand der Ungewissheit, eine offene Situation. Was macht Krisen also eigentlich aus, wie nehmen Menschen Krisen wahr und sind wir auf den Umgang mit den aktuellen Krisen – vom Klimawandel bis zur Krise der westlichen Gesellschaften – überhaupt vorbereitet?

Mit unserem Veranstaltungsprogramm 2019 möchten wir uns deshalb dem Umgang mit Krisen der Gegenwart nähern und hier für uns so zentrale Werte wie Demokratie, Bildung und Gerechtigkeit in den Fokus rücken. Wie können wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen und Zukunft selbst mitgestalten? Sie sind herzlich eingeladen, mitzudiskutieren und mitzugestalten!

Identitäre stoppen!

Am 20. Juli 2019 will die “Identitäre Bewegung” in Halle aufmarschieren. Bundesweit und darüber hinaus mobilisiert sie in die Stadt, in der im Jahr 2017 ihr rechtsextremes Hausprojekt in der Adam-Kuckhoff-Straße 16 eröffnet wurde. Es sollte ein “Leuchtturm” der “Neuen Rechten” werden. Das Bündnis
Halle gegen Rechts ruft deshalb am 20. Juli zu Gegenprotesten auf. Ab 10.00 Uhr sollen die Gegendemonstrationen losgehen. Parallel organisiert die Stadt Halle und die Universität ein Demokratie-Fest auf dem Steintor-Campus. Die Freiwilligen-Agentur, die Bürgerstiftung und der Evangelische Kirchenkreis unterstützen das Fest. Viele Künstlerinnen und Künstler werden mit Angeboten daran teilnehmen. Auch die Franckeschen Stiftungen werden Präsenz für Demokratie und gegen Rechtsextremismus zeigen und der Ausgrenzung und dem Faschismus Offenheit und Toleranz entgegensetzen.

Halle gegen Rechts

#meinehood_halle

Jugendliche verändern ihre Stadt. Gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendbeauftragten der Stadt Halle wollen die Franckeschen Stiftungen Jugendliche stärken und ihnen dabei helfen, ihre Stadt mitzugestalten. Mithilfe der App STADTSACHE setzen sich die Jugendlichen kreativ mit ihren Lieblingsorten auseinander und zeigen per Foto oder Video, was ihnen fehlt und wo die Stadt etwas verändern soll. Die besten Ideen werden auf einem Jugendkongress vorgestellt und anschließend von der Stadt Halle umgesetzt. Alles zum Projekt:

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Kultour, Routen und Räume. Wieviel Kulturen können wir in uns entdecken?

Seit Anfang des Jahres 2019 bereiten sich über 100 HelferInnen auf das größte Fest für Kinder und Familien in der Region vor, das Historische Lindenblütenfest der Franckeschen Stiftungen. Am 22. und 23. Juni 2019 stehen unter dem Titel »Kultour, Routen und Räume« die Kulturen der Welt im Mittelpunkt. An 70 Mitmachständen können große und kleine Gäste erkunden, wie viele Kulturen in jedem von uns stecken. »Wir starten ins Festgelände mit dem Kulturaustausch zu Lande, schauen uns dann das Wasser genau an und fragen: Gab oder gibt es auch einen Kulturaustausch per Luft? Hier kann man in der Geschichte und in unserer heutigen Zeit viel entdecken«, verrät Andrea Klapperstück, die gemeisam mit Kerstin Heldt das Fest konzipiert und organisert. 

Für die vielen Themen und Angebote reicht der vorhandene Platz auf dem Historischen Lindenhof schon lange nicht mehr aus. Vom Eingangsbereich am Franckeplatz aus sind die Kirschbaumwiese und der Schulhof der Grundschule August Hermann Francke, der Schwarze Weg und der Lindenhof einbezogen. »Wir wollen Grenzen überschreiten und Zugänge aufzeigen«, freuen sich die Organisatorinnen auf das transkulturelle Fest und achten dabei auf jedes Detail. Überall kann man entdecken, wie sich fremde Kulturen gegenseitig beeinflussen, bereichern, ergänzen, sich auch manchmal widersprechen und doch immer im Austausch sind. Ausprobieren, Staunen und Mitmachen stehen im Mittelpunkt des Festes, das niemand ohne Anregungen und neue Ideen verlässt.

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Ist Deutschland unter Druck? 

Neben Reinhard Bärenz, dem Kulturchef des MDR, nimmt am 21. Mai 2019 Jana Simon Platz. In der Reihe »Persönlichkeiten«  spricht sie über sich und die Arbeit an ihrem Buch »Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert«. Wo sie daraus liest, geht es um die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in Deutschland und ihre Auswirkungen auf die Menschen.

Jana Simon, die als freie Journalistin für die taz, Berliner Zeitung und den Tagesspiegel gearbeitet hat und seit 2004 Autorin der Wochenzeitung DIE ZEIT in Berlin ist, konstatiert: »Es sind die einfachen, aber großen Fragen, die mich immer wieder interessieren: Wie reagieren Menschen auf neue Situationen, wie gehen sie mit ihnen um, und wie gehen sie schließlich aus ihnen hervor?« Für ihr Buch »Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert« begleitete sie Menschen aus Deutschland zum Teil über sechs Jahre hinweg. Ihre Porträts spiegeln den tiefgreifenden Wandel in Deutschland, wo das Wachstum der Wirtschaft dem Schrumpfen der Mittelschicht und der wachsenden Ungleichheit in der Verteilung des Reichtums gegenübersteht. Jeder sechste Deutsche ist armutsgefährdet, die sozialen Aufstiegschancen sind so gering wie in kaum einem anderen westlichen Land. Die rechtspopulistische AfD erzielt bei Wahlen zweistellige Ergebnisse und sitzt nun im Bundestag. Ein großer Teil der Deutschen steht unter erheblichem Druck. Was bedeutet das für das Leben Einzelner und für das ganze Land?

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Für die Kunstfreiheit, eine offene Gesellschaft und ihre demokratische Gestaltung in Respekt, Vielfalt und Toleranz!

»Hallesche Erklärung der Vielen«.

Die Franckeschen Stiftungen sind mit vielen Kultureinrichtungen der Stadt Halle Unterzeichner der »Halleschen Erklärung der Vielen«:

  • Die unterzeichnenden Kunst- und Kulturinstitutionen führen den offenen und kritischen Dialog über rechte Strategien, die demokratische Grundwerte untergraben. Sie gestalten diesen Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum in der Überzeugung, dass die Unterzeichner den Auftrag haben, unsere demokratische Gesellschaft als eine freie, offene und plurale Gemeinschaft fortzuentwickeln.
  • Alle Unterzeichnenden fördern im Sinne der Demokratie Debatten, bieten aber keine Foren für Propaganda jeder Art. Wir wehren die Versuche der Rechtspopulisten ab, Kulturveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
  • Wir setzen uns für eine vielfältige und freie Kultur- und Kunstszene in Halle ein.
  • Wir solidarisieren uns mit Menschen, die durch eine rechtspopulistische Politik an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Es geht um uns Alle. Daher: Kultur für Demokratie. Die Kunst bleibt frei!

Die HALLESCHE ERKLÄRUNG DER VIELEN zum Herunterladen(PDF, 456 kB)

Am Freitag, den 1. Februar 2019 um 12 Uhr, wurde die Hallesche Erklärung der Vielen auf dem Universitätsplatz im Beisein der Unterzeichner verlesen. Halle ist damit unter vielen Städten in Deutschland, die sich an diesem Datum an der Aktion beteiligten. 

Machen Sie mit: Am 19. Mai 2019 laden die Vielen nach Berlin ein:

Die Vielen 1905_1      Die Vielen 1905_2 

oder nach Leipzig:

Der „Glänzende Demonstrationszug der Vielen“ in Leipzig am 19. Mai 2019
UNITE & SHINE

Für den 19. Mai 2019 rufen DIE VIELEN zu bundesweiten GLÄNZENDEN DEMONSTRATIONEN auf. In Leipzig schließen wir uns der Demo »1 Europa für alle« an.

Startkundgebung 12 Uhr Leuschnerplatz, ab ca. 13 Uhr Demo auf dem Ring.

Wir werden als Glänzender Block die Leipziger Kulturschaffenden vertreten. Bitte seid dabei und bringt eine gold-silberne Lebensrettungsdecke (aus der Apotheke) mit, sie ist das Erkennungszeichen der Vielen.

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Leben wir in unpolitischen Zeiten? Im Gespräch mit Prof. Dr. Everhard Holtmann

170.000 Demonstranten gingen am 23. März europaweit gegen das neue Urheberrechtsgesetz der EU auf die Straße. Allein in Deutschland demonstrierten am 15. März knapp 300.000 Schülerinnen und Schüler bei den Fridays for Future. Am 17. November 2018, dem ersten Protesttag der Gelbwesten, nahmen knapp 300.000 Menschen an den Protesten in Frankreich teil. Nach den Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 setzten 65.000 Menschen auf einem Konzert unter dem Hashtag #wirsindmehr ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. Leben wir in unpolitischen Zeiten?

Prof. Everhard Holtmann ist als weitsichtiger Analytiker der politischen Situation ein anerkannter Fachmann. Wir haben ihn deshalb im Themenjahr »Krise und Aufbruch« zu einem Gespräch eingeladen. Sind wir wirklich politikmüde? Das Publikum ist eingeladen, sich an der Diskussion über die heutige politische Situation und die Gefühlslagen zu beteiligen, denn Ende Mai 2019 wird wieder gewählt. Wie entwickelte sich das Verhältnis zwischen WählerInnen und Gewählten? Ist das vieldiskutierte Misstrauen in die Politik gesundes Hinterfragen von Machtverhältnissen oder Ausdruck einer krisenhaften Entfremdung von den Säulen unserer Demokratie? Gibt es Unterschiede zwischen Ost und West und was können wir von den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg erwarten? Wie viel Einfluss sollten die Menschen durch direkte Demokratie wie den Volksentscheid erhalten? Für die Moderation konnte Thomas Bille von MDR Kultur gewonnen werden.

Mittwoch, 8. Mai 2019, 18:00 Uhr

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Weltreise durch Wohnzimmer

Viele Menschen aus der ganzen Welt leben und arbeiten in Deutschland. Und in Halle? 2019 laden die Franckeschen Stiftungen zu einer »Weltreise durch Wohnzimmer« ein. Das Projekt bringt Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammen und ist ein kleiner, aber höchst wirkungsvoller Beitrag für eine sich annähernde Gesellschaft. Die Idee ist dabei ganz einfach: Menschen aus einem anderen Herkunftsland öffnen als »ReiseleiterIn« ihre Wohnzimmer. Sie kommen mit den interessierten »Reisenden« ins Gespräch, die in einer kleinen Gruppe das Land des Gastgebers und Deutschland durch Geschichten aus dem Leben kennenlernen. Interkulturelle Begegnungen finden so in familiärer und persönlicher Atmosphäre statt. Monatlich wird eine Wohnzimmerreise in ein anderes Land stattfinden:

Syrische Herzlichkeit bei der sechsten Station unserer Weltreise durch Wohnzimmer

Weltreise_Syrien1  Syrien duftet nach starkem Kaffee und schmeckt nach Kardamom – so zumindest ist der erste Eindruck der kleinen Reisegruppe, die sich an unserem letzten Weltreiseabend in der kleinen Wohnung unseres Gastgebers Esmail versammelt. Denn kaum haben alle am Boden auf den Kissen und Decken Platz genommen, geht Esmail mit einer wunderschön verzierten Kaffeekanne herum und schenkt starken, bitteren, mit Kardamom gewürzten Kaffee ein. Die Kaffeetassen rotieren, denn es ist üblich, sich die Tasse mit anderen Gästen zu teilen. Wer gerne nachgeschenkt bekommen möchte, hält die Tasse still, wer genug hat, wackelt ein bisschen mit ihr herum. Selbst das Kaffeetrinken ist somit ein Prozess in Gemeinschaft – wie sehr die Gemeinschaft in Syrien im Mittelpunkt steht, sollte die Reisegruppe an diesem Abend noch in vielen Details erfahren.

Esmail stammt aus einer Kleinstadt in der Nähe von Damaskus, ganz nah an der libanesischen Grenze. Bereits 2011 kam er für seine Promotion nach Deutschland. Durch den Krieg in Syrien ist eine Rückkehr im Moment ausgeschlossen. Ginge er jetzt nach Syrien, würde man ihn sofort ins Militär einziehen. Die Bilder, die er uns an diesem Abend auf seinem Computer von Syrien zeigt, sind alle vor dem Krieg aufgenommen. Aktuellere Fotos möchte er nicht zeigen und vielleicht selbst auch gar nicht sehen. Stattdessen nimmt Esmail die Reisenden mit in eine uralte Kulturregion, die seit Jahrtausenden am Schnittpunt zwischen Europa, Asien und Afrika von den unterschiedlichsten Kulturen geprägt ist. Ein typisch syrisches Viertel lässt sich deshalb nicht mit einem Wort beschreiben. Sunniten, Alawiten, Juden, Christen, Kurden – sie alle leben Tür an Tür, ihre Gotteshäuser stehen in direkter Nachbarschaft, gemeinsam feiern sie das muslimische Zuckerfest ebenso wie Weihnachten. „Der Krieg in Syrien ist kein Bürgerkrieg“, sagt Esmail. Die Bürger bekämpfen sich nicht. Es ist ein Weltkrieg, den die unterschiedlichsten Mächte auf einem kleinen Gebiet austragen.

Doch der Krieg soll an diesem Abend nicht im Vordergrund stehen. Nach acht Jahren in Deutschland hat Esmail seinen deutschen Gästen auch viel über sie selbst zu erzählen. Denn nachdem so viele Menschen aus seinem Kulturraum nach Deutschland kamen, sieht er, wie Deutsche und Syrer in vielen Alltagsituationen auf Missverständnisse stoßen, ohne es selbst zu merken. Wer seine eigene Kultur verlässt und in einer neuen ankommen möchte, muss mehr verstehen als nur die neue Sprache. Gestik, Mimik, alles, was zwischen den Zeilen gesagt wird – für ihn als Syrer waren diese Details noch viel schwieriger zu erlernen als die deutsche Sprache an sich.

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Anhand vieler Beispiele entführt Esmail seine Gäste deshalb in eine Welt voller kommunikativer Herausforderungen. So waren seine Gesprächspartner anfangs ihm gegenüber äußerst skeptisch, da er ihnen beim Reden nicht in die Augen schaute (was in Syrien aber ein Zeichen des Respekts ist). In Syrien ist es auch normal, jemanden mit großem Hallo und viel Zuneigung zu begrüßen, obwohl man sich gerade erst tags zuvor kennen gelernt hat. Wenn jemand etwas erzählt, unterbrechen die Zuhörer mit vielen Zwischenrufen und eigenen Erzählungen, weil sie so zeigen, dass sie dem Erzählten gespannt folgen. Und anstatt eine Einladung einfach direkt auszuschlagen, wird mit vielen Worten ausgeführt, dass man versuchen wird, die Einladung anzunehmen. Für einen Deutschen bedeutet das „ja“, ein Syrer versteht darin die beabsichtigte Absage. In Syrien steht in der Kommunikation immer das Gefühl im Vordergrund, mit Worten, Berührungen, Lautstärke und Überschwang versichert man sich seiner gegenseitigen Zuneigung. Die knappe, direkte Kommunikation in Deutschland steht dazu in einem starken Gegensatz, merken die Wohnzimmerreisenden.

Nach so vielen spannenden Einblicken in die syrische Kultur haben sich alle eine Stärkung verdient. Auf dem Boden breitet Esmail deshalb allerhand arabische Leckereien aus. Syrisches Fladenbrot, das die Gäste in Olivenöl und Zatar (eine Gewürzmischung aus wildem Thymian und Kumin) tunken, sauer eingelegte Aubergine, gefüllte Weinblätter, Humus, Kichererbsen und Saubohnen, Labaneh (ein eingedickter Joghurt), Halawa (eine süße Paste aus Pistazien und Zucker) und natürlich Datteln, Oliven und Sonnenblumenkerne. Gegessen wird mit den Händen. Eine der Reisenden zückt eine Packung Papiertaschentücher für alle, falls beim ungewohnten Essen doch mal etwas Öl danebengeht.

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Nach einem Abend in Esmails Wohnzimmer nehmen die Reisenden viele neue Erkenntnisse mit. Einige selbsterlebte Missverständnisse werden ihnen jetzt erst deutlich, viel Neugier auf die arabische Kultur wurde geweckt. Aber auch etwas Wehmut nehmen die Gäste mit, denn das Syrien, das Esmail beschreibt, wird niemand so schnell selbst kennen lernen können. Esmail sagt, dass er viel gewonnen, aber auch viel verloren hat. Ein syrisches Zuhause lässt sich nicht so einfach in Deutschland wieder aufbauen. In Syrien würde man kaum auf die Idee kommen, überhaupt einmal umzuziehen. Man bleibt in der Nähe seiner Familie, kennt jeden Stein und jedes Haus in der Nachbarschaft. In der Freizeit rollt man einfach einen Teppich vor dem Haus aus, nimmt eine Kanne Tee mit und bleibt dort kaum eine Minute allein, weil sich sofort Nachbarn und Freunde hinzugesellen. Doch in Deutschland hat Esmail auch viel gewonnen. Er genießt mehr Freiheit. Außerdem hat ihn die Erfahrung, sich auf eine neue Kultur einzulassen, prinzipiell offener werden lassen. Er sagt, er begegnet Menschen jetzt nur noch als Menschen. Herkunft, Hautfarbe, Religion, Sexualität – nichts davon spielt mehr eine Rolle. Auch diese herzliche Offenheit ist bei unserem letzten Wohnzimmerabend für alle deutlich zu spüren gewesen.

شكرا (Shukraan) Esmail!

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Bienvenue en France! Unsere fünfte Station der „Weltreise durch Wohnzimmer“

Weltreise_Frankreich1  Unser Weltreisepass erhält einen weiteren Stempel. Betritt man das Haus unserer französischen Gastgeberin Florence, fühlt man sich sofort wie in Frankreich. Jeder Raum ist geschmackvoll eingerichtet, mit schönen alten Möbeln, Kunst an den Wänden und blauen Fenstern und Türen. Typisch französisch war wohl auch der Empfang an sich, denn die kleine Reisegruppe stand – ganz deutsch – pünktlich 18.00 Uhr vor der Tür. Viel zu pünktlich für unsere Gastgeberin, die selbst noch gar nicht da war, um ihre Gäste zu empfangen, da sie noch kurz zum Bäcker ihres Vertrauens eilte. Klar: ohne gutes Brot kein französischer Abend! „Wenn man in Frankreich eingeladen ist, erscheint man nie zur anberaumten Zeit“, erklärte Florence später.

Für unsere fünfte „Weltreise durch Wohnzimmer“ hätten wir gar keine fähigere Gastgeberin finden können, um in den deutsch-französischen Kulturaustausch zu treten. Florence ist die Vorsitzende der Deutsch-Französischen Gesellschaft in Halle und somit sehr vertraut beim Vermitteln zwischen den beiden europäischen Nachbarländern. Zum Einstieg ging es deshalb zuerst nach Grenoble, Halles Partnerstadt seit 1976. Florence zeigte ein paar Ausschnitte aus einem Film, den sie mit Jugendlichen aus Halle und Grenoble drehte und der 2011 mit dem „Prix Joseph Rovan“ der Französischen Botschaft ausgezeichnet wurde. Der Film zeigt, wie viel oder wie wenig Deutsche und Franzosen voneinander wissen und machte Lust, Halles Partnerstadt einmal selbst zu besichtigen.

Durch die Städtepartnerschaft kam Florence auch bereits als Studentin erstmals nach Halle (noch zu DDR-Zeiten!). Wenn der erste Aufenthalt auch nicht so lange währte, in den 90ern zog sie mit ihrem Mann dann endgültig in die Saalestadt. „Mit der Mentalität der Hallenser bin ich gleich gut ausgekommen.“, erklärte sie lachend. „Auch in Halle meckern die Menschen gern. Das ist ein bisschen wie in Frankreich.“ Zu meckern gab es an unserem Weltreiseabend jedoch nicht einmal etwas am Wetter: Nachdem die Wohnzimmerreise zuerst wegen extremer Hitze verschoben wurde (fast 40 ° C waren zum eigentlichen Termin angekündigt), und es nun beim zweiten Anlauf recht gewittrig wurde, machte es sich die Reisegesellschaft einfach in der regengeschützten Toreinfahrt gemütlich.

Weltreise_Frankreich2  Spielt das Wetter nicht mit, ist es in französischen Toreinfahrten auch sehr gemütlich. Weltreise_Frankreich3  Kir Breton - Cidre mit einem Schuss Kir (Likör aus schwarzer Johannisbeere)
Weltreise_Frankreich4  Ein erster Happen zum Apéro: leckeres Baguette mit Entenrillette

Weltreise_Frankreich5  Der Tisch war bald gefüllt mit allerhand französischen Köstlichkeiten: Cidre aus der Bretagne, auf Wunsch aufgepeppt mit Kir (ein sogenannter Kir Breton), Baguette mit Entenrillette, Käse aus der Region um Grenoble, Wurst, Salate aus Linsen und Ebli. Auch ein orangefarbener Käse wurde gereicht, der mit dem antillischen Farbstoff Annatto gefärbt ist. Denn neben Grenoble und der Bretagne hat Florence auch zu den französischen Antillen ein besonderes Verhältnis und ist in den französischen Überseedepartements der Karibik oft zu Besuch.

Beim Schmausen wurde viel über die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich gescherzt. So haben schon einige der Reisenden die Streikkultur der Franzosen selbst kennen gelernt. Doch auch wenn nicht gestreikt wird, kann die Fortbewegung in Frankreich abenteuerlich enden. Florence berichtete, dass sie als Französin auch schon einmal fast am Öffentlichen Nahverkehr in Paris verzweifelt wäre und trotz großzügigstem Puffer beinahe einen Flieger verpasst hätte. Solche Momente vermisst sie sicherlich nicht in Deutschland. Dafür aber oft den ausgeprägten französischen Humor, denn in Frankreich haben die Menschen immer einen Scherz auf den Lippen. Den Humor stellte auch unsere Gastgeberin immer wieder zur Schau. So ging ein äußerst quirliger Wohnzimmerabend zu Ende. Manch einer der Reisenden wird bei der nächsten – echten – Reise nach Frankreich bestimmt Grenoble mit auf die Reiseroute setzen.

Merci beaucoup Florence!

"Поехали": Los geht’s nach Russland, der vierten Station unserer Weltreise durch Wohnzimmer

Weltreise_Russland1  Typisch russisches Beisammensein Wenn Elena an russische Gastfreundschaft denkt, dann immer an kleine Küchen, in denen sich viele Menschen um eine reichgedeckte Tafel setzen, sich austauschen und Geschichten erzählen. Gastfreundschaft in Russland – besonders in den entlegenen Gebieten Sibiriens, wo man tagelang keiner Menschenseele begegnet und Dörfer wochenlang von der Außenwelt isoliert sind, bis endlich mal wieder ein Fremder vorbei kommt, wo es im Winter extreme Minustemperaturen gibt, nur wenig Licht und wo man sich umso lieber in warmen Küchen versammelt – Gastfreundschaft in Russland muss etwas Besonderes sein. Auf der vierten Reisestation unserer „Weltreise durch Wohnzimmer“ konnten wir diese besondere Gastfreundschaft kennenlernen. Elena und Oliver luden neun Reisende in ihre Küche ein, versammelten sie um eine reichgedeckte Tafel und berichteten von einem extremen Land, das so kalt und unwirtlich scheint und – vielleicht gerade deshalb – so viele warmherziger Begegnungen ermöglicht. Unsere Reise ging bis an den östlichsten Zipfel des eurasischen Kontinents: nach Kamtschatka. Hier ist Elena geboren und aufgewachsen, hier lernte sie den Hallenser Oliver kennen und hier sind beide immer noch zeitweise mit ihren beiden Kindern zu Hause.

Gleich zu Beginn erfuhren die Reisenden eine der wichtigsten Grundlagen der russischen Willkommenskultur: Der Wodka wurde hervorgeholt und jedem ein Gläschen eingeschenkt, kredenzt auf Preiselbeeren aus Kamtschatka. „За знакомство!“ [sa znakómstwa], ruft Oliver und prostet damit allen auf das Kennenlernen zu. Im Laufe des Abends werden wir noch viele solche Trinksprüche lernen. Der berühmteste ist jedoch nicht darunter. „Na sdorowje sagen nur die Deutschen“, erklärt Elena, „und sie behaupten so hartnäckig, dass "Na sdorowje" ein russischer Trinkspruch ist, dass man ihn in Russland inzwischen verwendet, wenn man mit Deutschen anstößt, da jeder weiß, dass die Deutschen es gerne sagen.“ Statt des deutschen "Na sdorowje" sollte man es lieber mit Juri Gagarin halten, der einen beliebten Trinkspruch in Russland prägte. Seine letzten Worte, bevor er ins All flog, eignen sich hervorragend, um einander mit Wodka zuzuprosten: „поехали“ [Pojechali] – Los geht's! Und noch etwas lernen wir zum Wodka: Er wird immer mit sauren oder scharfen Häppchen gereicht, den "заку́ска" [sakusska].

Weltreise_Russland2  Das "Wässerchen" begleitet den Abend.    Weltreise_Russland3  Sakusska – Häppchen zum Wodka

Auf dem Tisch stapelt sich deshalb Brot, saure Gurken, eingelegter Speck, Hering, Knoblauch, Krautsalat und eine würzige Tunke aus Paprika, Tomaten und Auberginen. Bevor man den Wodka trinkt, riecht man am besten an dem Brot, hält die Luft an, trinkt, atmet dann erst wieder aus und beißt vom Brot ab. Bei den Sakusska sollte es an diesem Abend aber nicht bleiben. So eine russische Tafel muss sich unter dem Essen biegen. Unsere Gastgeber tischen deshalb auch noch Pelmeni und Salate aus Roter Bete, Walnüssen und Knoblauch oder aus Möhren und Frischkäse auf.

Weltreise_Russland4     Weltreise_Russland5  Schlemmen auf Russisch.

Natürlich dreht sich bei diesem Wohnzimmerabend nicht alles ums Kulinarische. Elena und Oliver haben zusammen viele Reisen unternommen, immer mit dem Fahrrad, quer durch Russland, im Winter über den Baikalsee oder auf den Spuren von Georg Wilhelm Steller einmal um den Polarkreis herum.

Die Bilder, die sie zeigen, sind atemberaubend, die Geschichten anrührend. Wie sie mit dem Fahrrad über das Eis des Baikalsees fahren, wie sie sich im Sommer durch den aufgeweichten Permafrostboden kämpfen, wie sie überall, wirklich überall, sobald sie auf Menschen treffen, eingeladen, bekocht und zum Wodkatrinken verpflichtet werden, wie ihnen das Gerücht, dass da zwei Verrückte auf dem Fahrrad unterwegs sind, vorauseilt und sie in den kleinen Dörfern schon sehnsüchtig erwartet werden. Denn endlich kommt mal jemand vorbei, der neue Geschichten mitbringt. Und wie sie schließlich ihre Reiseleidenschaft zum Beruf machen und selbst den Touristen ihre schöne Heimat Kamtschatka zeigen, die vulkan- und braunbärenreichste Gegend der Welt.

Nota bene!

Der Name Georg Wilhelm Steller (1709–1746) fiel immer wieder an diesem Abend. Steller war Francke-Schüler und begleitete als Naturforscher Vitus Bering bei der Zweiten Kamtschatkaexpedition. Er bereiste unter anderem Alaska und Sibirien und beschrieb erstmals die nach ihm benannte Stellersche Seekuh. Elena und Oliver lernten die humorvollen Tagebücher Stellers kennen und ließen sich davon zu einer ihrer abenteuerlichen Reisen inspirieren: einmal mit dem Fahrrad rund um den Polarkreis auf den Spuren des berühmten Naturforschers. „Auf der Strecke hat sich seit Steller nicht wirklich viel verändert“, bemerkt Oliver dazu augenzwinkernd.

Die neun Reisenden verlassen schließlich das gemütliche "russische Wohnzimmer“ angefüllt mit wunderbaren Geschichten über das Reisen und das Leben in einem unvorstellbar weiten Land, angefüllt mit dem Wunsch selbst einmal die Berge und Vulkane Kamtschatkas zu besteigen, angefüllt mit dem leckeren Essen und, nun ja, auch der ein oder andere weitere Wodka ist geflossen.

Спасибо [spasiba] Elena und Oliver!

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„Yksi, kaksi, kolme“ – das dritte Reiseziel der Weltreise durch Wohnzimmer entführt nach Finnland

„Ich bin aus Finnland rausgeflogen, weil ich so viel rede“, erzählt Alina und lacht. Als besonders offenherzig gelten die Finnen tatsächlich nicht. Ein alter Witz besagt, man erkennt einen aufgeschlossenen Finnen daran, dass er beim Gespräch immerhin die Füße seines Gegenübers anschaut und nicht nur die eigenen. Alina, die Gastgeberin unseres dritten „Weltreise durch Wohnzimmer“-Abends bestätigt dieses Klischee nicht.

Weltreise_Finnland2  Tervetuloa! Alina freut sich über den Besuch.    Weltreise_Finnland1  In nur einem Wohnzimmer wurden gleich zwei Regionen Finnlands bereist.

Acht Reisende konnten sich für die Wohnzimmerreise nach Finnland anmelden. Am schnellsten sicherten sich acht Frauen ihr Reiseticket. Es hätte somit eine reine Mädelsrunde werden können, hätte sich nicht spontan Besuch bei unserer finnischen Gastgeberin angekündigt. Tapio, ein Freund aus Oulu, war zufällig genau zum Weltreisetermin in Halle zu Gast. Im Gemischten Doppel stellten die beiden somit ihr Heimatland vor. Alina, die weltgereiste, perfekt Deutsch sprechende Studentin aus Eura, einer kleinen Gemeinde im südwestlichen Finnland, und Tapio, der kaum Deutsch sprach, dafür aber aus Halles Partnerstadt Oulu in Lappland kommt und somit den Norden Finnlands vorstellen konnte.

Weltreise_Finnland3  Die finnische Sprache eröffnete auch den Wohnzimmerabend. Alina stellte sich auf Finnisch vor („Minun nimeni on Alina“) und ermunterte alle Gäste, sich ebenfalls auf Finnisch vorzustellen, was erste verknotete Zungen zur Folge hatte. „Kippis“ (Prost!) konnten sich die Gäste schon besser merken, obwohl Tapio auch mit seiner nordfinnischen Variante „Hölökyn kölökyn!“ Begeisterung auslöste. Angestoßen wurde – natürlich – mit süßlich-würzigem Salmiakki, dem berühmten finnischen Lakritzlikör. Dass Finnisch eine ganz einfache Sprache ist, zeigte Alina mit einem Arbeitsblatt, auf dem Bilder finnischen Vokabeln zugeordnet werden sollten. „sitruuna“ – Zitrone, „sukka“ – Socke, „kruunu“ – Krone. Finnisch ist doch ganz leicht! Nur dass „Saksa“ nicht für Sachsen sondern ganz Deutschland steht, erforderte etwas Grübelei.

Bei finnischen Schnittchen, Roggenbrot mit Munavoi (einem Butter-Ei-Aufstrich), Rieska (Alina übersetzt sie ins Deutsche mit „Kartoffelpfannkuchenbrot“) und natürlich Lakritz und Schokolade kamen Gäste und Gastgeber ins Gespräch. Alina räumte mit einigen Missverständnissen auf. „Das mit der Sauna haben die Deutschen irgendwie falsch verstanden!“, seufzt sie und berichtet von verwirrten Finnen, die von deutschen Saunameistern in die Schranken gewiesen werden, als sie selbst einen Aufguss machen wollten („Einen Aufgussmeister? So etwas gibt es in Finnland gar nicht!“) oder fassungslos das fast schon rituelle Luftdurchwedeln mit dem Handtuch beobachteten.

Weltreise_Finnland4  Roggenbrot und Rieska mit Munavoi    Weltreise_Finnland6 

Weltreise_Finnland5  Eine "Butterfahrt" in Halle war bisher nicht nötig. Alina wollte als Reiseleiterin aber vor allem wissen, welche Vorstellungen ihre Gäste von Finnland haben, und auf Themen eingehen, die alle interessieren. So kam das Gespräch von klischeebesetzten Themen schnell auch zu verblüffenden Eigenheiten des Landes wie kuriosen Sportarten („Gummistiefelweitwurf“, „Fußball auf Sumpf“ oder „Frauentragen“) oder die finnische Variante der „Butterfahrten“, bei denen auf Fährüberfahrten nach Schweden oder Estland literweise Alkohol gekauft wird. Viele nehmen sich dafür extra einen Handwagen mit. Als Alina so einen Butterfahrtenhandwagen hervorzauberte, den ihr ihre Großmutter nach Halle mitgegeben hatte, ist das Gelächter groß. Tapio hatte Fotos aus Lappland mitgebracht, mit denen die Gäste einmal durch alle vier Jahreszeiten reisen konnten, Eindrücke von winterlichen Nordlichtern und sommerlichen Moltebeeren inklusive. Und oft wurden politische und gesellschaftliche Themen angesprochen, wie die gerade erst durchgeführten Parlamentswahlen, die strenge Wehrpflicht im Land oder das hochgelobte finnische Bildungssystem, das Alina in vielen Punkten zwar genossen hatte, das sie jedoch auch fürs Studium nach Deutschland brachte, da Studienplätze in Finnland sehr viel schwieriger zu ergattern sind. „Merkt ihr den Klimawandel?“, wollte noch ein Gast wissen. Tatsächlich hätte es in Oulu diesen Winter gerade einmal anderthalb Monate Schnee gegeben, antwortete Tapio, was für Nordfinnland unfassbar wenig ist.

Was bleibt von so einem finnischen Wohnzimmerabend? Die Gäste nehmen ganz vielschichtige Erkenntnisse mit. Und oben drauf noch kulinarische Empfehlungen (alle sollen unbedingt „Karjalanpiirakka“ (karelische Piroggen) in Finnland probieren, Alinas liebstes finnisches Essen) und Tipps für Mittsommer, da ein Gast tatsächlich zu dieser Zeit in Helsinki sein wird. Ein Gast verlässt das Wohnzimmer sogar mit dem Wunsch, selbst bald finnisch zu lernen. Das ist ja bestimmt auch ganz leicht.

Kiitos Alina und Tapio!

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Eine musikalische Reise durch Chile – das zweite Reiseziel der Weltreise durch Wohnzimmer

Wie bereist man ein Land, das zu den längsten der Erde zählt, das sich von Nord nach Süd über 4000 Kilometer zwischen Anden und Pazifik erstreckt und dabei mehrere Klimazonen durchläuft? Zehn Hallenserinnen und Hallenser wollen dies am zweiten Abend unserer „Weltreise durch Wohnzimmer“ herausfinden. Ein paar bekannte Gesichter vom ersten Weltreiseabend sind unter den Gästen, die meisten nehmen aber zum ersten Mal an einer Wohnzimmerreise teil. Ein Gast kam sogar ganz spontan hinzu, nachdem ein Reisender kurzfristig verhindert war. Sie alle sind neugierig auf Chile.

Karl, der Gastgeber unserer Chile-Wohnzimmerreise, und seine Freundin Bonny heißen die Reisenden in ihrer Wohnküche mit Pisco Sour willkommen, ein Cocktail aus Limettensaft, Zucker, Ei und Pisco (einem chilenischen oder peruanischen Branntwein – die Herkunft bleibt ein Politikum in beiden Ländern). Platz ist in der kleinsten Hütte: Im chilenischen Wohnzimmer wird es kuschlig, doch es passt sogar ein weiterer Gast hinein, denn Karl hat sich musikalische Verstärkung geholt, um seinen Gästen einen ganz besonderen Eindruck seines Heimatlandes zu vermitteln: Tomy, ebenfalls Chilene und seit zwei Jahren in Deutschland, kam mit Gitarre, Charango und vielen Liedern im Gepäck, um von den schönen und auch zwiespältigen Themen des Landes zu singen.

Weltreise_Chile1  Gastgeber Karl   Weltreise_Chile2  Musiker Tomy mit dem Charango

Das Charango ist ein kleines Saiteninstrument aus dem Altiplano ganz im Norden von Chile. Hier beginnt die musikalische Reise. Ursprünglich wurde der Körper des Andeninstruments aus einem Gürteltierpanzer gefertigt. Tomys Instrument ist aber schon tierfreundlich aus Holz gebaut. Sein Charango bringt uns ins Gebirge und in die trockenste Wüste der Welt. Von Nordchile aus geht es musikalisch weiter ins Zentrum des Landes nach Valparaíso, die größte Hafenstadt Chiles und eins der wichtigsten kulturellen Zentren. Der Dichter Pablo Neruda hat hier gelebt und geschrieben, die Einflüsse aus aller Welt kamen über den Hafen ins Land, doch auch die Kontraste zwischen Arm und Reich werden in dieser Stadt sichtbar, betont Karl. Mit einem Liebeslied an Valparaíso als „Joya del Pacífico“ (Juwel des Pazifiks) ziehen wir weiter gen Süden und zum Archipel Chiloé. Die Inselgruppe gehört wohl zu den schönsten Flecken unseres Planeten, voller Mythen und, so Karl, mit wunderbar gastfreundlichen Menschen. Auf Chiloé gibt es jedoch auch schwere Konflikte zwischen den lokalen Fischern und den großen Fischfangunternehmen, die den Menschen vor Ort die Lebensgrundlage nehmen. Tomy greift zur Gitarre und beginnt mit Liedern von Violeta Parra, die wohl bekannteste Folkmusikerin des Landes. Sie verarbeitete die Konflikte des Landes in ihrer Poesie. Mit ihrer Musik geht es weiter in das Land der Mapuche, der größten indigene Gruppe Chiles. Karl berichtet von den Konflikten der indigenen Bevölkerung mit dem Staat, vom Selbstverständnis der Mapuche als „Volk der Erde“ und ihrer Sprache Mapudungun, der „Sprache der Erde“. Sie sind das einzige indigene Volk Lateinamerikas, das seit 500 Jahren Widerstand leistet, erst gegen die Spanier, dann gegen den chilenischen Staat, inzwischen vermehrt gegen große Industrien. Die Region Araucanía ist das angestammte Gebiet der Mapuche. Hier wachsen die Araukarien, nach denen die Region benannt ist und die die wichtigste Lebensgrundlage für die Mapuche sind. Mit „Arauco tiene una pena“ von Violeta Para beenden Tomy und Karl die musikalische Reise von Norden nach Süden.

Nach so vielen zurückgelegten Kilometern und spannenden Geschichten brauchen alle eine Stärkung. Bevor das Essen aufgetragen wird, stimmt Tomy noch eine Cumbia an. Zu dem eigentlich aus Kolumbien stammenden Rhythmus wird auch in Chile gern getanzt. Auf dem Wohnzimmertisch türmen sich nun duftende Sopaipillas. Die frittierten Hefeteigstücke konnten die Gäste herzhaft mit Pebre (einem Dip aus Zwiebeln, Koriander, Knoblauch und Paprika), Merkén (einer chilenischen Gewürzmischung aus Chili, Koriander und Salz) oder süß mit Marmelade oder Zucker probieren.

Nota bene!

Für die chilenischen Wohnzimmerreise gab es neben Musiker Tomy noch weitere helfende Hände. Carmen von nebenan (und ursprünglich aus El Salvador) half Karl und Bonny mit Gläsern und Tellern aus, damit die 10 Reisenden das leckere Essen genießen konnten. Noé, Freund aus Mexiko, kam auch vorbei und unterstützte als gelernter Koch beim Zubereiten der – natürlich trotzdem chilenischen – Speisen. Muchas gracias an das gesamte lateinamerikanische Team!

Weltreise_Chile3  Pebre und Sopaipillas   Weltreise_Chile4 

Nach dem Essen kommen Gäste und Gastgeber ins Gespräch: über Karls Familie, sein Leben in Deutschland, Politik, Literatur und deutsche Einflüsse in Chile. Denn im 19. Jahrhundert wanderten viele Deutsch nach Chile aus. Auch Karl (man sieht es am Namen) hat zum Teil deutsche Vorfahren. Ein eindrücklicher, vielstimmiger Abend geht zu Ende. Bereichert mit viel neuem Wissen über ein fremdes Land, Geschichten, Ohrwürmern und Literaturempfehlungen nehmen die Gäste Abschied. Karl freut sich, dass so viele unterschiedliche Themen zur Sprache kommen konnten, denn natürlich ist es einfach, über die schönen Dinge in Chile zu berichten, aber ihm war es wichtig, auch die Widersprüche und Konflikte zu zeigen.

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"Vanakkam" in Indien – das erste Reiseziel der Weltreise durch Wohnzimmer

Weltreise_Indien1  Es ist ein Abend im Februar, das Thermometer zeigt Minusgrade an, zehn Menschen treffen sich vor dem Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen, in dicke Mäntel und Schals gehüllt, bereit, den deutschen Winter für ein paar Stunden hinter sich zu lassen und in die tropische Welt Indiens einzutauchen. „Vanakkam“, ruft Jasmin, die Gastgeberin der ersten „Weltreise durch Wohnzimmer“ in Halle und legt die Handflächen aneinander. „So heißt man bei uns in Tamil Nadu Gäste willkommen.“ Die zehn Reisenden betreten den Tholuck-Saal des Evangelischen Konvikts, in dem Jasmin derzeit wohnt, und schon sind alle in einem anderen Land. Gleich zu Beginn zeigt Jasmin, was indische Gastfreundschaft bedeutet: Mit würzigem Chai und einer fröhlichen Tanzdarbietung werden die Gäste ins Land gelockt. Das Eis ist sofort gebrochen. Nach diesem schwungvollen ersten Eindruck beginnt Jasmin von sich zu erzählen und zeigt Fotos aus ihrer Heimatstadt Coimbatore, von ihrem Haus, ihrer Familie, ihrem Hund und ihrer Kirchgemeinde. Sie erzählt, wie sie mit ihrem Motorrad durch die Stadt düst... oder meist im Stau steht. Sie zeigt Bilder von Elefanten, die aus dem Wald in die Stadt kommen und erklärt, wie in ihrer Stadt drei Weltreligionen zusammenleben. Die Gäste staunen, fragen, lachen und ergänzen eigene Eindrücke von Indien. Doch beim Gespräch sollte es nicht bleiben. Indien lernt man am besten mit allen Sinnen kennen. Das heißt zu allererst durch Bewegung: Jasmin bittet zum Tanz und bringt allen ein paar Tanzschritte zu einem tamilischen Lied bei.

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Nach so viel Verausgabung hat sich die Reisegruppe eine Stärkung verdient. An einer langen Tafel werden Bananenblätter ausgebreitet, die als Teller für das indische Biryani dienen sollen. Das würzige, leicht scharfe Essen aus Reis und Gemüse wird mit der Hand gegessen, gar nicht so leicht, doch schon bald sind alle Bananenblätter leergeputzt und der Nachtisch kann serviert werden: Payasam, ein süßer Pudding mit Nüssen. Beim Essen ist genug Zeit, Jasmin kennen zu lernen und alle Fragen zu stellen, die man immer schon mal über Indien stellen wollte. „Jetzt habe ich auch einmal eine Frage“, sagt Jasmin. „Wieso habt ihr diese Reise nach Indien gebucht?“ Die Antworten sind ganz unterschiedlich. Viele waren grundsätzlich neugierig auf das Projekt „Weltreise durch Wohnzimmer“. Eine Frau erzählt, dass sie nicht glaubt, jemals persönlich nach Indien zu kommen, warum dann also nicht mal ein fernes Land durch ein Wohnzimmer kennenlernen. Ein Gast kennt Tamil Nadu bereits von einer Reise und freut sich über die Auffrischung der Reiseerinnerungen. Für alle, die vielleicht doch einmal selbst nach Tamil Nadu reisen werden, hat Jasmin noch einen kleinen Sprachkurs in ihrer Muttersprache vorbereitet. „nanri“ (danke), „dhayavu seidhu“ (bitte), „suvai“ (lecker) – mit diesen Worten kommt man in Indien bestimmt schon weit.

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Zum großen Abschluss bittet Jasmin alle Gäste noch einmal zur Türschwelle. Dort hat sie ein „Kolam“ vorbereitet, ein mit weißem Pulver auf den Boden gezeichnetes Blumenmuster, das in Tamil Nadu an Festtagen die Eingänge der Häuser schmückt. Viele bunte Farbpulver liegen bereit. Gemeinsam füllten die Gäste das Kolam mit dem bunten Pulver aus. Das farbenprächtige I-Tüpfelchen einer einzigartigen Indienreise in Halle. Und was denkt die Gastgeberin? „Für mich war es eine tolle Möglichkeit, mein Land mit seinen schwierigen Traditionen auf einfache Weise zu vermitteln. Ich denke, durch eine Wohnzimmerreise können Ängste und Skepsis gegenüber einer Kultur, die der eigenen sehr fremd ist, genommen werden.“

Nanri Jasmin!

Nota bene!

Indien mitten in Deutschland? Jasmin stieß bei der Vorbereitung ihres Abends immer wieder auf kleine Hürden, die jedoch mit deutsch-indischen Kompromissen schnell überwunden werden konnten. Wie können wir das Essen auf Bananenblättern servieren, wenn in Deutschland doch gar keine Bananenpflanzen wachsen? Es half ein gut sortierter Asiamarkt. Die Bananenblätter gibt es dort jedoch nur tiefgefroren (ein Fakt, der Jasmin sehr erheiterte). Das weiße Rangolipulver, das in Mengen für das Kolam benötigt wird, konnte ersetzt werden: durch weißen Sand aus dem Baumarkt, dem liebsten Einkaufsmarkt der Deutschen (auch ein Fakt, der Jasmin sehr erheiterte). Und anstatt das farbige Kolam einfach auf den Holzboden des Konvikts zu malen, musste eine Unterlage besorgt werden (dies sorgte für die wohl größte Erheiterung).

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