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Ein Jahresprogramm 2019 über Krise und Aufbruch

Ob Umweltkrise, Flüchtlings-, Bildungs- oder Eurokrise, gegenwärtig scheint ständig und überall von Krisen die Rede zu sein. Die Feststellung von Krisen kann zwar mit großer Zustimmung rechnen, aber banalisiert das permanente Krisenempfinden diese nicht auch? Fakt ist: Außergewöhnliche Krisen stellen die Menschheit immer wieder vor außergewöhnliche Herausforderungen. Krisen bezeichneten ursprünglich einen Wende- oder Höhepunkt einer Entwicklung, einen Zustand der Ungewissheit, eine offene Situation. Was macht Krisen also eigentlich aus, wie nehmen Menschen Krisen wahr und sind wir auf den Umgang mit den aktuellen Krisen – vom Klimawandel bis zur Krise der westlichen Gesellschaften – überhaupt vorbereitet?

Mit unserem Jahresprogramm 2019 möchten wir uns deshalb dem Umgang mit Krisen der Gegenwart nähern und hier für uns so zentrale Werte wie Demokratie, Bildung und Gerechtigkeit in den Fokus rücken. Wie können wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen und Zukunft selbst mitgestalten?

Eine musikalische Reise durch Chile – das zweite Reiseziel der Weltreise durch Wohnzimmer

Wie bereist man ein Land, das zu den längsten der Erde zählt, das sich von Nord nach Süd über 4000 Kilometer zwischen Anden und Pazifik erstreckt und dabei mehrere Klimazonen durchläuft? Zehn Hallenserinnen und Hallenser wollen dies am zweiten Abend unserer „Weltreise durch Wohnzimmer“ herausfinden. Ein paar bekannte Gesichter vom ersten Weltreiseabend sind unter den Gästen, die meisten nehmen aber zum ersten Mal an einer Wohnzimmerreise teil. Ein Gast kam sogar ganz spontan hinzu, nachdem ein Reisender kurzfristig verhindert war. Sie alle sind neugierig auf Chile.

Karl, der Gastgeber unserer Chile-Wohnzimmerreise, und seine Freundin Bonny heißen die Reisenden in ihrer Wohnküche mit Pisco Sour willkommen, ein Cocktail aus Limettensaft, Zucker, Ei und Pisco (einem chilenischen oder peruanischen Branntwein – die Herkunft bleibt ein Politikum in beiden Ländern). Platz ist in der kleinsten Hütte: Im chilenischen Wohnzimmer wird es kuschlig, doch es passt sogar ein weiterer Gast hinein, denn Karl hat sich musikalische Verstärkung geholt, um seinen Gästen einen ganz besonderen Eindruck seines Heimatlandes zu vermitteln: Tomy, ebenfalls Chilene und seit zwei Jahren in Deutschland, kam mit Gitarre, Charango und vielen Liedern im Gepäck, um von den schönen und auch zwiespältigen Themen des Landes zu singen.

Weltreise_Chile1  Gastgeber Karl   Weltreise_Chile2  Musiker Tomy mit dem Charango

Das Charango ist ein kleines Saiteninstrument aus dem Altiplano ganz im Norden von Chile. Hier beginnt die musikalische Reise. Ursprünglich wurde der Körper des Andeninstruments aus einem Gürteltierpanzer gefertigt. Tomys Instrument ist aber schon tierfreundlich aus Holz gebaut. Sein Charango bringt uns ins Gebirge und in die trockenste Wüste der Welt. Von Nordchile aus geht es musikalisch weiter ins Zentrum des Landes nach Valparaíso, die größte Hafenstadt Chiles und eins der wichtigsten kulturellen Zentren. Der Dichter Pablo Neruda hat hier gelebt und geschrieben, die Einflüsse aus aller Welt kamen über den Hafen ins Land, doch auch die Kontraste zwischen Arm und Reich werden in dieser Stadt sichtbar, betont Karl. Mit einem Liebeslied an Valparaíso als „Joya del Pacífico“ (Juwel des Pazifiks) ziehen wir weiter gen Süden und zum Archipel Chiloé. Die Inselgruppe gehört wohl zu den schönsten Flecken unseres Planeten, voller Mythen und, so Karl, mit wunderbar gastfreundlichen Menschen. Auf Chiloé gibt es jedoch auch schwere Konflikte zwischen den lokalen Fischern und den großen Fischfangunternehmen, die den Menschen vor Ort die Lebensgrundlage nehmen. Tomy greift zur Gitarre und beginnt mit Liedern von Violeta Parra, die wohl bekannteste Folkmusikerin des Landes. Sie verarbeitete die Konflikte des Landes in ihrer Poesie. Mit ihrer Musik geht es weiter in das Land der Mapuche, der größten indigene Gruppe Chiles. Karl berichtet von den Konflikten der indigenen Bevölkerung mit dem Staat, vom Selbstverständnis der Mapuche als „Volk der Erde“ und ihrer Sprache Mapudungun, der „Sprache der Erde“. Sie sind das einzige indigene Volk Lateinamerikas, das seit 500 Jahren Widerstand leistet, erst gegen die Spanier, dann gegen den chilenischen Staat, inzwischen vermehrt gegen große Industrien. Die Region Araucanía ist das angestammte Gebiet der Mapuche. Hier wachsen die Araukarien, nach denen die Region benannt ist und die die wichtigste Lebensgrundlage für die Mapuche sind. Mit „Arauco tiene una pena“ von Violeta Para beenden Tomy und Karl die musikalische Reise von Norden nach Süden.

Nach so vielen zurückgelegten Kilometern und spannenden Geschichten brauchen alle eine Stärkung. Bevor das Essen aufgetragen wird, stimmt Tomy noch eine Cumbia an. Zu dem eigentlich aus Kolumbien stammenden Rhythmus wird auch in Chile gern getanzt. Auf dem Wohnzimmertisch türmen sich nun duftende Sopaipillas. Die frittierten Hefeteigstücke konnten die Gäste herzhaft mit Pebre (einem Dip aus Zwiebeln, Koriander, Knoblauch und Paprika), Merkén (einer chilenischen Gewürzmischung aus Chili, Koriander und Salz) oder süß mit Marmelade oder Zucker probieren.

Nota bene!

Für die chilenischen Wohnzimmerreise gab es neben Musiker Tomy noch weitere helfende Hände. Carmen von nebenan (und ursprünglich aus El Salvador) half Karl und Bonny mit Gläsern und Tellern aus, damit die 10 Reisenden das leckere Essen genießen konnten. Noé, Freund aus Mexiko, kam auch vorbei und unterstützte als gelernter Koch beim Zubereiten der – natürlich trotzdem chilenischen – Speisen. Muchas gracias an das gesamte lateinamerikanische Team!

Weltreise_Chile3  Pebre und Sopaipillas   Weltreise_Chile4 

Nach dem Essen kommen Gäste und Gastgeber ins Gespräch: über Karls Familie, sein Leben in Deutschland, Politik, Literatur und deutsche Einflüsse in Chile. Denn im 19. Jahrhundert wanderten viele Deutsch nach Chile aus. Auch Karl (man sieht es am Namen) hat zum Teil deutsche Vorfahren. Ein eindrücklicher, vielstimmiger Abend geht zu Ende. Bereichert mit viel neuem Wissen über ein fremdes Land, Geschichten, Ohrwürmern und Literaturempfehlungen nehmen die Gäste Abschied. Karl freut sich, dass so viele unterschiedliche Themen zur Sprache kommen konnten, denn natürlich ist es einfach, über die schönen Dinge in Chile zu berichten, aber ihm war es wichtig, auch die Widersprüche und Konflikte zu zeigen.

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"Vanakkam" in Indien – das erste Reiseziel der Weltreise durch Wohnzimmer

Weltreise_Indien1  Es ist ein Abend im Februar, das Thermometer zeigt Minusgrade an, zehn Menschen treffen sich vor dem Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen, in dicke Mäntel und Schals gehüllt, bereit, den deutschen Winter für ein paar Stunden hinter sich zu lassen und in die tropische Welt Indiens einzutauchen. „Vanakkam“, ruft Jasmin, die Gastgeberin der ersten „Weltreise durch Wohnzimmer“ in Halle und legt die Handflächen aneinander. „So heißt man bei uns in Tamil Nadu Gäste willkommen.“ Die zehn Reisenden betreten den Tholuck-Saal des Evangelischen Konvikts, in dem Jasmin derzeit wohnt, und schon sind alle in einem anderen Land. Gleich zu Beginn zeigt Jasmin, was indische Gastfreundschaft bedeutet: Mit würzigem Chai und einer fröhlichen Tanzdarbietung werden die Gäste ins Land gelockt. Das Eis ist sofort gebrochen. Nach diesem schwungvollen ersten Eindruck beginnt Jasmin von sich zu erzählen und zeigt Fotos aus ihrer Heimatstadt Coimbatore, von ihrem Haus, ihrer Familie, ihrem Hund und ihrer Kirchgemeinde. Sie erzählt, wie sie mit ihrem Motorrad durch die Stadt düst... oder meist im Stau steht. Sie zeigt Bilder von Elefanten, die aus dem Wald in die Stadt kommen und erklärt, wie in ihrer Stadt drei Weltreligionen zusammenleben. Die Gäste staunen, fragen, lachen und ergänzen eigene Eindrücke von Indien. Doch beim Gespräch sollte es nicht bleiben. Indien lernt man am besten mit allen Sinnen kennen. Das heißt zu allererst durch Bewegung: Jasmin bittet zum Tanz und bringt allen ein paar Tanzschritte zu einem tamilischen Lied bei.

Weltreise_Indien2    Weltreise_Indien3 

Nach so viel Verausgabung hat sich die Reisegruppe eine Stärkung verdient. An einer langen Tafel werden Bananenblätter ausgebreitet, die als Teller für das indische Biryani dienen sollen. Das würzige, leicht scharfe Essen aus Reis und Gemüse wird mit der Hand gegessen, gar nicht so leicht, doch schon bald sind alle Bananenblätter leergeputzt und der Nachtisch kann serviert werden: Payasam, ein süßer Pudding mit Nüssen. Beim Essen ist genug Zeit, Jasmin kennen zu lernen und alle Fragen zu stellen, die man immer schon mal über Indien stellen wollte. „Jetzt habe ich auch einmal eine Frage“, sagt Jasmin. „Wieso habt ihr diese Reise nach Indien gebucht?“ Die Antworten sind ganz unterschiedlich. Viele waren grundsätzlich neugierig auf das Projekt „Weltreise durch Wohnzimmer“. Eine Frau erzählt, dass sie nicht glaubt, jemals persönlich nach Indien zu kommen, warum dann also nicht mal ein fernes Land durch ein Wohnzimmer kennenlernen. Ein Gast kennt Tamil Nadu bereits von einer Reise und freut sich über die Auffrischung der Reiseerinnerungen. Für alle, die vielleicht doch einmal selbst nach Tamil Nadu reisen werden, hat Jasmin noch einen kleinen Sprachkurs in ihrer Muttersprache vorbereitet. „nanri“ (danke), „dhayavu seidhu“ (bitte), „suvai“ (lecker) – mit diesen Worten kommt man in Indien bestimmt schon weit.

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Zum großen Abschluss bittet Jasmin alle Gäste noch einmal zur Türschwelle. Dort hat sie ein „Kolam“ vorbereitet, ein mit weißem Pulver auf den Boden gezeichnetes Blumenmuster, das in Tamil Nadu an Festtagen die Eingänge der Häuser schmückt. Viele bunte Farbpulver liegen bereit. Gemeinsam füllten die Gäste das Kolam mit dem bunten Pulver aus. Das farbenprächtige I-Tüpfelchen einer einzigartigen Indienreise in Halle. Und was denkt die Gastgeberin? „Für mich war es eine tolle Möglichkeit, mein Land mit seinen schwierigen Traditionen auf einfache Weise zu vermitteln. Ich denke, durch eine Wohnzimmerreise können Ängste und Skepsis gegenüber einer Kultur, die der eigenen sehr fremd ist, genommen werden.“

Nanri Jasmin!

Nota bene!

Indien mitten in Deutschland? Jasmin stieß bei der Vorbereitung ihres Abends immer wieder auf kleine Hürden, die jedoch mit deutsch-indischen Kompromissen schnell überwunden werden konnten. Wie können wir das Essen auf Bananenblättern servieren, wenn in Deutschland doch gar keine Bananenpflanzen wachsen? Es half ein gut sortierter Asiamarkt. Die Bananenblätter gibt es dort jedoch nur tiefgefroren (ein Fakt, der Jasmin sehr erheiterte). Das weiße Rangolipulver, das in Mengen für das Kolam benötigt wird, konnte ersetzt werden: durch weißen Sand aus dem Baumarkt, dem liebsten Einkaufsmarkt der Deutschen (auch ein Fakt, der Jasmin sehr erheiterte). Und anstatt das farbige Kolam einfach auf den Holzboden des Konvikts zu malen, musste eine Unterlage besorgt werden (dies sorgte für die wohl größte Erheiterung).

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Hallesche Erklärung der Vielen

Die Franckeschen Stiftungen sind mit vielen Kultureinrichtungen der Stadt Halle Unterzeichner der »Halleschen Erklärung der Vielen«:

  • Die unterzeichnenden Kunst- und Kulturinstitutionen führen den offenen und kritischen Dialog über rechte Strategien, die demokratische Grundwerte untergraben. Sie gestalten diesen Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum in der Überzeugung, dass die Unterzeichner den Auftrag haben, unsere demokratische Gesellschaft als eine freie, offene und plurale Gemeinschaft fortzuentwickeln.
  • Alle Unterzeichnenden fördern im Sinne der Demokratie Debatten, bieten aber keine Foren für Propaganda jeder Art. Wir wehren die Versuche der Rechtspopulisten ab, Kulturveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
  • Wir setzen uns für eine vielfältige und freie Kultur- und Kunstszene in Halle ein.
  • Wir solidarisieren uns mit Menschen, die durch eine rechtspopulistische Politik an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Es geht um uns Alle. Daher: Kultur für Demokratie. Die Kunst bleibt frei!

Die HALLESCHE ERKLÄRUNG DER VIELEN zum Herunterladen(PDF, 456 kB)

Am Freitag, den 1. Februar 2019 um 12 Uhr, wurde die Hallesche Erklärung der Vielen auf dem Universitätsplatz im Beisein der Unterzeichner verlesen. Halle ist damit unter vielen Städten in Deutschland, die sich an diesem Datum an der Aktion beteiligten. 

DieVielen_Bildergalerie

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