AAA

Die Seidenraupen sind zurück!

Nach 213 Jahren sind die Exoten wieder in den Franckeschen Stiftungen zu Hause.

Bereits im 18. Jahrhundert wurde in den Franckeschen Stiftungen mit einer Seidenraupenzucht experimentiert. Der preußische König Friedrich II. erhoffte sich, durch eigene Seidenproduktion die Abhängigkeit von den teuren Importen aus China zu umgehen. Mit königlichem Befehl und einer Schenkung von 330 Maulbeerbäumen konnte die Seidenraupenzucht 1744 aufgenommen und tatsächlich Rohseide produziert werden. Nach anfänglichen Erfolgen führten jedoch Krankheitsschäden und widrige klimatische Bedingungen zu einem Einbruch der Erträge, so dass im Jahr 1805 der Seidenbau gänzlich eingestellt wurde. 213 Jahre später ist es Cornelia Jäger gelungen, erneut Seidenspinnerraupen schlüpfen zu lassen. Im Rahmen der umweltpädagogischen Angebote im Pflanzgarten können die Kinder das Wachsen und die Wandlung vom Ei zum Falter miterleben. Ganz nebenbei erfahren sie die Geschichte des Seidenbaus in Preußen.

IMG_0389  Die kleinen Seidenraupen, kurz nach dem Schlüpfen. IMG_0663  Maulbeerblätter - die liebste (und einzige) Nahrung für Seidenspinner

Die kleinen Raupen haben nun erst einmal großen Hunger. Mehrmals täglich werden sie mit frischen Maulbeerblättern versorgt, damit sie wachsen und sich nach ca. einem Monat verpuppen können. Glücklicherweise stehen auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen noch vier Maulbeerbäume. Denn die hungrigen Raupen verschlingen Unmengen.

Dank der regelmäßigen Fütterung und gleichmäßiger klimatischer Bedingungen wachsen die Raupen rasant. Die Kinder werden im Pflanzgarten der Franckeschen Stiftungen die Entstehung der Falter bewundern können. Aktuell haben sie dafür Gestelle gebaut, die den Raupen helfen sollen, sich daran zu verpuppen.

  IMG_0662  Nach ca. vier Wochen sind die Seidenraupen ordentlich gewachsen. Bald werden sie sich verpuppen. IMG_0667  Konstruktion von Gestellen, an denen sich die Raupen verpuppen können.

Die Seidenraupen sind groß genug. Sie beginnen, ihren Seidenfaden zu spinnen und sich in ihrem Kokon zu verpuppen. Der Kokon besteht übrigens aus einem einzigen bis zu 900 Meter langen Seidenfaden. Der Bau des Kokons dauert ca. 3 bis 4 Tage. Danach verwandelt sich die Raupe in einen Falter.

IMG_0712  Die Seidenraupen beginnen sich zu verpuppen. IMG_0711  Nach und nach entsteht ein vollständig geschlossener Kokon.

Manche der Seidenraupen haben es nicht geschafft, einen Kokon zu bauen. In der freien Natur wären sie wohl eine zu offensichtliche Beute für Fressfeinde. Im Schutz unseres Pflanzgartens haben sie aber mit dem Verpuppungsprozess begonnen. Die Schulgartenkinder konnten beobachten, wie sich die Raupe immer mehr zusammenzieht und verfärbt. Wir sind gespannt, ob wir nun tatsächlich die komplette Umwandlung der Raupe in den Falter beobachten können - ein Prozess, der sonst ja nur innerhalb des Kokons stattfindet.

  IMG_0807  Eine Puppe ohne Kokon

Wunder der Metamorphose: Die ersten Falter trauen sich ans Tageslicht und schlüpfen aus ihren Kokons. Durch ein winziges Loch im Kokon, das sie mit einer ätzenden Darmflüssigkeit geschaffen haben, kämpfen sie sich ins Freie. Sobald es der Kopf durch das Loch geschafft hat, geht alles ganz schnell und der Seidenspinner ist als Falter zurück. Eine Schulgartengruppe hatte das Glück, bei einem der ersten Schlüpfversuchen live dabei zu sein. Es sind noch viele Kokons übrig, so dass es hoffentlich noch mehr Schulgartengruppen schaffen, den Schlüpfvorgang zu beobachten. Direkt nach dem Schlüpfen wirken die Falter noch recht benommen. Fliegen werden sie gar nicht. Sie warten auf ihre Artgenossen, um mit der Paarung zu beginnen.

IMG_0809  Frisch geschlüpft. Einer der ersten Seidenspinner erblickt als Falter wieder das Tageslicht. IMG_0801  Willkommen zurück! Aus der riesigen Seidenspinnerraupe ist ein kleiner Falter geworden.

Amore im Seidenspinnerquartier! Die ersten Falter sind paarungsbereit. Mehrere Stunden dauert die Paarung der Seidenspinner. Kann man die Weibchen von den Männchen unterscheiden? Die Kinder des Schulgartens haben ihre eigene Theorie: "Die Weibchen sind dicker", schlussfolgern sie. Das erscheint logisch, vor allem, wenn die Weibchen kurz vor der Eiablage sind. Zwischen 400 und 500 Eier legt ein einziges Seidenspinner-Weibchen ab.

IMG_0834  Zwei Seidenspinner haben sich gefunden. Für mehrere Stunden werden sie sich nicht mehr voneinander lösen. Seidenraupen  Massenablage der kleinen gelben Eier: Bis zu 500 Eier kann ein einziges Seidenspinner-Weibchen legen.

Kurz nach der Eiablage sterben die Falter. Die Eier können für die nächste Maulbeersaison aufbewahrt werden, die im Pflanzgarten beginnt, sobald die Bäume wieder frische Blätter austreiben.

 

Die Geschichte des Seidenbaus in Preußen

Anfang des 18. Jahrhunderts kam mit den Hugenotten die aus China stammende Kunst des Seidenbaus nach Preußen. Die Seidenraupenzucht galt bald als Zauberformel, um das preußische Außenhandelsdefizit zu bekämpfen und den Staatshaushalt zu sanieren. Der preußische König ordnete deswegen an, überall im Land Maulbeerbäume anzupflanzen, um Myriaden hungriger Raupen hochzupäppeln, aus deren Kokons dann wertvolle Seidenfäden gewonnen werden sollten. Am 17. Februar 1744 wies Friedrich II. (1712–1786) per Befehl auch das Hallesche Waisenhaus an, eine Maulbeerbaum-Plantage für die Seidenraupenzucht anzulegen "zu deren Anrichtung und würcklichen cultivirung die Waysen Kinder gebrauchet und beständig angeführet werden sollen […]". Unter dem Direktor Gotthilf August Francke (1696–1769) entstand dort, wo heute die Hochhäuser in der Voßstraße stehen, aus einem Grundstock von 330 geschenkten Pflanzen in den folgenden zwei Jahren eine Baumschule mit über 4.600 größeren und 15.000 jungen Maulbeerbäumen. Denn nur mit deren Blättern lassen sich die Seidenraupen füttern. Im Archiv gibt es über dieses aktuelle Thema des 18. Jahrhunderts viele Aufzeichnungen bis hin zu Zeichnungen und historischer Fachliteratur. Drei Jahre später begann hier die Produktion von Rohseide. 1805 musste der Seidenbau aufgrund der widrigen klimatischen Bedingungen in ganz Preußen eingestellt werden. Seidenraupen sind empfindlich und eigentlich in wärmeren Regionen zu Hause.

Sie verwenden einen veralteten Browser.
Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Google Chrome Frame.

Bitte aktivieren sie Javascript um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.