Mit Tatkraft und Gottvertrauen

Ausstellung Online vom Wandel der Franckeschen Stiftungen seit 1990

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Sie mit Aktivierung dieses Videos die Datenschutzerklärung von Youtube akzeptieren.

  

2020 steht die Rettung der historischen Bausubstanz der Franckeschen Stiftungen kurz vor dem Abschluss. Die barocke Schulstadt August Hermann Franckes konnte in einem 30-jährigen, unglaublichen Wiederaufbauprozess mit neuem Leben gefüllt werden. Keimzelle für die Rettung und Wiederbelebung des Stiftungsensembles war der Freundeskreis der Franckeschen Stiftungen e.V., der 1990 als Akt bürgerschaftlichen Engagements gegründet wurde und die Stiftungen seitdem unterstützt. Ihm ist 2020 eine Freiluftausstellung gewidmet, die zeigt, wie gemeinsam unmöglich Scheinendes möglich werden kann. Vor allem dem Präsidenten des Freundeskreises Michael Reinboth ist es zu verdanken, dass die Ausstellung durch maßgebliche Unterstützung des Freundeskreises entstehen konnte.

Der Franckeplatz

Das barocke Gebäudeensemble der Stiftungen ist historisch einzigartig und baulich imposant. Eine Freiluftausstellung setzt es in einer künstlerischen Intervention in Szene. Monumentale Fotografien auf Transparenten führen an den zentralen Sichtachsen des Lindenhofs und der historischen Gebäude vor Augen, mit welcher Kraft sich die Stiftungen in den letzten 30 Jahren entwickeln konnten. Sie können dabei sein, wenn wir die Erinnerungen an eine Zeit wecken, in der Manche zweifelten, ob ein Wiederaufbau machbar ist und in der Viele den Mut hatten, anzupacken.

40 Fotomotive lassen rund um den Historischen Lindenhof Details der Vergangenheit entdecken. 7 monumentale Fahnen wurden mit spezieller Technik an einzelnen Gebäuden und über Durchgängen mit zum Teil 5 Metern Höhe angebracht. Nicht nur die Anbringung ist Maßarbeit. Das spezielle Material der Transparente lässt alle Details der Fotos aus den Jahren um 1990 erkennen. Insgesamt wurden in der Ausstellung 305 m² dieses besonders leichten und wetterfesten (UV-beständigen und reißfesten) - Stoff verarbeitet.

Ansicht der infolge der baulichen Vernachlässigung ramponierten Fassade des Historischen Waisenhauses. Einige Fenster sind mit Holz vernagelt, weil die Scheiben fehlen.
Detailansicht des Histoischen Waisenhauses vor der Sanierung. Die Freitreppe ist nicht begehbar und Fenster sind mit Holz vernagelt.

1990 befanden sich die Gebäude in einem sehr schlechten Zustand. Fotos der Zeit zeigen die Stiftungen noch einmal kurz vor dem Verfall. Viele Menschen haben eine ganz persönliche Bindung zu den Franckeschen Stiftungen, sie haben hier gelernt, gewohnt oder gearbeitet. Bis heute sind ihre Biografien mit den Franckeschen Stiftungen verbunden.

»Der Unmut über die hässlichen Folgen der Vernachlässigung eines wichtigen kulturellen Erbes kam ja erst später, also für mich in der zweiten Hälfte der DDR-Zeit. Und da war die Ablehnung inzwischen so groß, dass ich lieber in einen Plattenbau gezogen wäre, weil die ständige Ansicht des Stiftungskomplexes krank machte.« Götz Traxdorf

Blick auf das Historische Waisenhaus mit der Basisstation der Freiluftausstellung auf der Wiese.

Das Historische Waisenhaus

An einer vielbefahrenen Handelsstraße südlich von Halle errichtete August Hermann Francke ab 1698 das Hallesche Waisenhaus. Das weithin sichtbare, dreistöckige Gebäude mit Sockelgeschoss, Freitreppe und geräumigem zweigeschossigem Mansarddach mit Tympanon adaptierte u. a die Architektursprache von Stadtpalais‘ und ist der Nukleus des Reformwerks Franckes. Die Grundstruktur der zukünftigen Schulstadt ist hier eingeschrieben: Ebenerdig lagen Druckerei, Labore und Lager, in der Empfangsetage öffneten Buchhandlung und Apotheke ihre Türen, in den oberen Geschossen waren die Wohn- und Unterrichtsräume der Schüler angeordnet.

Das die Umgebungsbauten um zwei Geschosse überragende Gebäude ist nachweislich erstmals in der Region mit einem Mansarddach ausgestattet worden. Diese Dachkonstruktion schafft eine zusätzliche Etage und erlaubt so eine optimale Raumausnutzung. Der zurückhaltende Fassadenschmuck wirkte stilbildend für eine Strömung im Barock, die von einem nüchtern-erhabenen Stil als Ausdruck des pietistischen Protestantismus geprägt ist. Hohe zweiflüglige Fenster leuchteten das Innere aus und schmückten die klar gegliederte Fassade. Das Mansarddach bot im Unterdach den Waisenknaben als Schlafsaal Platz, später wurde hier die Kunst- und Naturalienkammer, die berühmte »Wunderkammer« eingerichtet. Bereits im 18. Jahrhundert gab es öffentliche Führungen durch die Kammer. Bibelspruch und Bildprogramm im Tympanon der Fassade des Waisenhauses formulieren Franckes Motivation und sein Selbstverständnis als Werkzeug Gottes: »Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft auf dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler«, Jes. 40,31.

1995 konnte das Historische Waisenhaus als kulturelles Zentrum der Franckeschen Stiftungen wiedereröffnet werden. Hier werden seitdem regelmäßig Ausstellungen gezeigt, Tagungen organsiert oder im beeindruckenden Freylingahusen-Saal im Rahmen der kulturellen Jahresprogramme Veranstaltungen durchgeführt, die ihr Publikum weit über die grenzen der Stadt Halle hinaus finden. 

Die Rettung den Waisenhauses zeigt, wie gemeinsame Anstregungen zum Ziel führten. Zur Finanzierung trugen die Europäische Union, die Bundesrepublik Deutschland, die Stadt Halle, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Lotto-Toto Sachsen-Anhalt und maßgeblich der Freundeskreis der Franckeschen Stiftungen bei. Das unglaubliche Aufbauwerk hatte mit der Einweihung des Gebäudes im Herbst 1995 Fahrt aufgenommen.

Durch das Schwarze Tor

Foto des Francke-Wohnhauses in den 1990er Jahren, windschief und mit abgeblättertem Putz

»Im Francke-Wohnhaus – beim Bombenangriff am 31. 3. 1945 schwer beschädigt und danach notdürftig zum Wohnen wieder hergerichtet – wurde ich geboren. Ich war eines der zahlreichen ›Stiftungskinder‹ und lebte hier bis 1975. Die besondere Atmosphäre von Eintracht, gegenseitiger Unterstützung und Anteilnahme der alten und jungen Stiftungsbewohner hat mich nachhaltig geprägt. Noch heute bedeuten die Stiftungen mir Heimat.« Elke Wiegand

Das Francke-Wohnhaus

Im Jahr 1702 zog August Hermann Francke in das ehemalige Gasthaus zur Goldenen Rose, um den Aufbau seines sozialen und pädagogischen Reformwerks in enger räumlicher Anbindung an das Waisenhaus zu leiten. In der unmittelbaren Nachbarschaft zum herrschaftlich wirkenden Waisenhaus nimmt sich das Wohnhaus August Hermann Franckes vergleichsweise bescheiden aus. Das kann auch als Programmansage Franckes gewertet werden, der sein Privatleben gegenüber seinem großen Reformwerk immer in den Hintergrund gestellt hat. Dennoch ist es ein herausragender Ort, weil er sich so eng mit der Stifterpersönlichkeit verbindet.

Das Wohnhaus August Hermann Franckes ist Teil der historischen Bebauung des südlichen Franckeplatzes, der ältesten erhaltenen Bausubstanz des Stadtteils Glaucha. Im 18. Jahrhundert prägte die Handelsstraße nach Süddeutschland den gleichnamigen Vorort von Halle. Eine Situation, die August Hermann Francke im ausgehenden 17. Jahrhundert dazu bewegte, sein weltweit ausstrahlendes pädagogisches und soziales Werk in Glaucha zu begründen. Das Francke-Wohnhaus ist das erste Gebäude dieses Bauensembles, welches jetzt 2008 nach der Sanierung der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden konnte. Heute sind hier mit dem Infozentrum der zentrale Empfangsbereich für die Besucher und eine Ausstellung zum Leben und Wirken Franckes untergebracht. Im Dachgeschoss lädt der Stiftungspfarrer in die Bibelmansarde ein.

»Der Schwarze Weg, der in die Stiftungen führt, war nach Regenfällen kaum zu passieren. Auf allen Wegen sammelte sich das Wasser in tiefen Löchern. Manchmal war es ein Kunststück, von einem Haus zum nächsten zu gelangen.« Paul Raabe: In Franckes Fußstapfen. Aufbaujahre in Halle an der Saale. Hamburg 2002, S. 38

Am Mägdeleinhaus zeigt ein Riesenbanner den Zustand des Gebäudes vor der Sanierung.

»Am Ende der Häuserzeile war das etwas windschiefe, teilweise verbretterte Mägdeleinhaus (Haus 25) ein besonders drastisches Beispiel für den Verfall in den Stiftungen. Es hieß, dass es seit 1969 zum Abbruch bestimmt gewesen sei. Es war von Familien bewohnt, die dort, wie auch an vielen anderen Orten auf dem Gelände, unter sehr einfachen Verhältnissen leben mussten. Da es keine Heizung gab, sondern mehr als 120 Feuerstellen, war die Luftverschmutzung durch die Stiftungen enorm. Für die Ofenheizung mussten Kohlen angeliefert werden, die, wie es in der DDR üblich war, vor die Keller gekippt wurden. Der Kohlengrus - Briketts gab es selten - verursachte eine weitere unvermeidbare Verschmutzung, was den verwahrlosten Eindruck der Häuserzeile noch verstärkte.« Paul Raabe: In Franckes Fußstapfen. Aufbaujahre in Halle an der Saale. Hamburg 2002, S. 38

Der Lindenhof

An der Rückseite von Haus 1 hängt quer über den Lindenhof ein Riesenbanner mit einem Foto von 1990.
Zwischen den Häusern 7 und 8 flattert ein Riesenbanner mit einem Foto der Stiftungen von 1990 mit einer Frau an Mülltonnen.
  

Vom Waisenhaus ausgehend wuchsen in östlicher Richtung zwischen 1701 und 1748 auf längsrechteckigem Grundriss die beeindruckenden Fachwerk- und Steinbauten der barocken Schulstadt Franckes in die Höhe. Zwischen dem Waisenhaus im Westen und dem Königlichem Pädagogium im Osten setzten die heute vollständig erhaltenen Bauten Standards in der Geschichte der Bildungsarchitektur, darunter das Lange Haus als größter Fachwerkwohnhausbau Europas, der älteste erhaltene profane Bibliotheksbau Deutschlands und die erste Bibelanstalt der Welt. Repräsentation und Funktionalität wurden so geschickt verbunden, dass ohne größere Umbaumaßnahmen Schulräume zu Wohnräumen, Labore zu Wirtschafts- oder Archivräumen werden konnten. Der repräsentative Anspruch zeigt sich besonders am Langen Haus, das in drei kurzen Bauphasen errichtet wurde. Die einzelnen Gebäudeteile verschmelzen dank der gleichmäßig konstruierten Rasterfassade zu einem imposanten Baukörper, der entlang der Stadtmauer errichtet wurde und bei Einwohnern, Universitätsangehörigen und Gästen große Aufmerksamkeit erregte.

1990 lebten trotz des desaströsen Zustandes der Gebäude Familien mit ihren Kindern in den Gebäuden.

»1982 kam mein Sohn in den Stiftungen im Haus 21 in die Schule. Dort saßen die Kinder in der 1. Etage bei Regenwetter gemeinsam mit Eimern in ihrer Klasse! Und: Die Liebe meines Lebens habe ich hier, in Haus 8, entdeckt.« Christel Riemann-Hanewinckel

Für die Heranwachsenden war das vernachlässigte Stiftungsgelände ein aufregender Spielplatz. 

»Die Böden der heruntergekommenen Fachwerk-Langhäuser waren Abenteuer pur. Ein Ritt auf dem Rücken des ausgelagerten Krokodils der Naturaliensammlung ließ uns nach einem Knacken angstvoll davonstoben.« Hans-Dieter Wöllenweber

»Es muss nicht sein, dass ständig irgendwelche Schutthaufen im Lindenhof monatelang herumliegen, dass Mülltonnen unordentlich herumstehen, Abfallkisten mit Küchenabfällen im Sommer bis zum Himmel stinken, Fensterscheiben im Festsaal (jetzt Turnsaal) seit Jahren zerschlagen sind oder – wie in Haus 7, Rückfront – einfach mit Stroh zugestopft werden wie bei einem alten Kuhstall.« Jürgen Storz

»Bei der Rückkehr vom Wochenendbesuch bei meinen Eltern hatte ich in meinem Rucksack statt sauberer Wäsche Holzscheite zum Anheizen des Kachelofens in meinem Konviktszimmer. Durch die persönliche und überschaubare Atmosphäre im Konvikt und in den Franckeschen Stiftungen gelang mir der Wechsel aus meinem altmärkischen Dorf in die Großstadt problemlos. Im Sommer nutzten wir Studierende den Lindenhof wie ein Wohnzimmer. So mancher Tourist zückte deshalb seine (analoge) Kamera.« Ilka Reckmann

Blick in den Lindenhof mit zwei Infostelen der Freiluftausstellung.

Das Lange Haus

Das Lange Haus  ist in Bezug auf die Fachwerkarchitektur das ungewöhnlichste Gebäude. Errichtet wurde es in drei Bauphasen, die sich nicht an dem Gesamtkorpus ablesen lassen. So entsteht der Eindruck, vor einem großen Gebäude zu stehen, das ca. 115m lang und dessen Giebel knapp 26m hoch ist. Diese überzeugende Illusion wird durch die gleichmäßig verteilten Ständer, die durchgehenden Fensterbänder und die einheitlich schmucklosen Balkenköpfe erweckt.

Im Schulkosmos Franckes fanden hier in den Gebäudeteilen 8–9 (errichtet 1714–1715) im Untercollegium Studenten der Theologie eine Unterkunft. Viele von ihnen  begleiteten ihr Studium mit einer Lehrtätigkeit als Informator an den Schulen Franckes. Sie erhielten dafür freie Verpflegung und Logis. In den Gebäudeteilen 10–11 entstanden 1713–1714 Lehr- und Wohnräume für die bürgerlichen Schüler der Lateinischen Hauptschule. Kinder aus Halle und auswärtige Schüler lebten hier unter Aufsicht ihrer studentischen Informatoren.  In den Gebäudeteilen 12–13, errichtet 1715–1716, war das Obercollegium für Studenten in der Lehrerausbildung untergebracht. August Hermann Francke gründete hier das erste Lehrerbildungsseminar in Deutschland.

Damals wie heute waren ganze Bildungs- und Arbeitsbiographien mit den Stiftungen verbunden.

»Mein Leben ist seit 1961 bis heute auf vielfältige Weise mit den Franckeschen Stiftungen verbunden – als Lehrerstudent habe ich 1962 im Dachgeschoss des Pädagogiums und als Assistent 1966/67 im Haus 22 gewohnt, meine pädagogisch-psychologische Ausbildung erhielt ich in den Häusern 1, 5, 22 und 23, Fußball habe ich im heutigen Freylinghausen-Saal gespielt, meine Arbeitsräume waren im Haus 22 und im Haus 3, unendliche Stunden habe ich in der Bibliothek des Instituts für Pädagogik im Haus 1 verbracht. Die Hauptbibliothek mit Fräulein Mühl als unverzichtbarer Hilfe bei der Suche im handschriftlichen Katalog und das Archiv waren wichtige Arbeitsorte. So hat sich eine innige Beziehung zu den Franckeschen Stiftungen entwickelt, die seit der Rekonstruktion nach dem Ende der DDR noch enger geworden ist.« Berthold Ebert

 

»Die Böden der heruntergekommenen Fachwerk-Langhäuser waren Abenteuer pur. Ein Ritt auf dem Rücken des ausgelagerten Krokodils der Naturaliensammlung ließ uns nach einem Knacken angstvoll davonstoben.« Hans-Dieter Wöllenweber

Ein Riesenbanner am Ökonomiegbäude zeigt den ruinösen Zustand des Gebäudes um 1990.
Ein Riesenbanner mit der Ansicht des Lindenhofs als große Baustelle (um 1990) am Ökonomiegebäude.