Martin Prell (Jena): Digitale Religionsgeschichte am Beispiel computergestützter Erforschung des halleschen Korrespondenznetzwerks reußischer Pietist/innen

Im Kolloquium wird der aktuelle Stand des Dissertationsprojekts von Martin Prell mit dem Titel vorgestellt. Es erschließt das Korrespondenznetzwerk reußischer Pietistinnen und Pietisten des 18. Jahrhunderts. Zentrales religionshistorisches Erkenntnisinteresse der Arbeit ist die Verortung ausgewählter Personen innerhalb verschiedener Strömungen des Pietismus (bzw. dessen Problematisierung) und die Sichtbarmachung der von den Akteuren unternommenen Anstrengungen zur Aufrechterhaltung und Ausbreitung des ,Pietismus‘. Ergänzend zur Netzwerkerhebung sollen in der Dissertation ausgewählte Briefwechsel transkribiert und mit computerlinguistischen Methoden des „Natural Language Processing“ analysiert werden, um über die Untersuchung der in den Briefen verwendeten Sprachkonventionen zu eruieren, ob fundiertere Zuordnungen einzelner Personen zu verschiedenen sozial-religiösen Milieus möglich sind. Die Arbeit möchte neben ihrem religionshistorischen Erkenntnisinteresse insbesondere die komplementäre Verwendung verschiedener digitaler Zugänge evaluieren und dabei auch fragen, inwiefern forschungsfragengeleitete digitale Editionen eine Ausgangstechnologie für nachfolgende (bspw. die oben genannten) computergestützte Analysen bilden können. Die Dissertation befindet sich derzeit in einer noch frühen Phase, die insbesondere durch konzeptuelle und methodische Fragen, Datenrecherche und -erhebung gekennzeichnet ist, weshalb anregendes und kritisches Feedback im ausdrücklichen Interesse des Referenten ist. Zugleich soll versucht werden, bereits erste netzwerkanalytische Ergebnisse auf Grundlage der während des Stipendiums erschlossenen Quellen in den Franckeschen Stiftungen zu präsentieren.

Daniel Haas (Halle): Die Bibliothek des halleschen Institutum Judaicum et Muhammedicum und ihre orientalistischen Bestände

Ausgehend von ihren Beständen versucht der Vortrag der Entstehung, Entwicklung und Nutzung der Bibliothek des ehemaligen Institutum Judaicum et Muhammedicum nachzuspüren. Dieses Institut, an dem fremdsprachige Drucke für Juden, „Muhammedaner“ und die „alte orientalische Christenheit“ hergestellt und unter anderem von umherreisenden Mitarbeitern verteilt wurden, existierte von 1728 bis 1792 im Umfeld der Franckeschen Stiftungen in Halle. Nach der Auflösung gelangte die Bibliothek in den Bestand der Franckeschen Stiftungen.

Prof. Dr. Stephan Steiner (Wien/ Österreich): Kärntner in Ebenezer? Die Geschichte einer gescheiterten Auswanderung

Der Vortrag beschäftigt sich mit einer Gruppe von aus Kärnten geflohenenen Protestanten, die 1735 für den dritten Transport nach Ebenezer, Georgia angeworben wurden. Nachdem alle finanziellen und organisatorischen Vorbereitungen bereits getroffen waren, scheiterte die Auswanderung schließlich an einer mißglückten Familienzusammenführung. Dennoch hat man in der Forschung diesen Transport öfters als tatsächliche Begebenheit behandelt.

Gabriele Carlo Bellinzona (Mailand/ Italien): Die dänisch-englisch-hallesche Mission und ihre Beziehung zum Katholizismus und den anderen christlichen Konfessionen in den verschiedenen Phasen ihrer Geschichte (1706–1848)

Das Thema des Vortrags ist das Verhältnis der lutherisch-pietistischen Mission in Tranquebar zu den anderen christlichen Konfessionen, insbesondere zur katholischen Konkurrenz in den wichtigen Handelsplätzen Madras und Kalkutta. In der nicht weit von Madras gelegenen Stadt Mylapore befand sich die angebliche Grabstätte des Apostels Thomas. Der Hallesche Missionar Benjamin Schultz vertrat die Auffassung, dass die zahlreichen Legenden, die sich um dieses Grab rankten, von den Katholiken zur Bekehrung der Inder instrumentalisiert wurden und versuchte deshalb dies zu unterbinden. Von weitrechender Bedeutung war auch die Mission in Kalkutta, in welcher der aus Schweden stammende hallesch-pietistische Missionar Johannes Zacharias Kiernander von 1758 bis 1788 wirkte. In dieser Zeit traten einige der dortigen katholischen Missionare zur lutherischen Konfession über und waren anschließend für die evangelische Mission tätig, was zu Auseinandersetzungen mit den katholischen Ordensoberen führte. Der Vortrag fragt danach, wie die pietistischen Missionare ihre Konkurrenten betrachteten und welche Haltung sie zur katholischen Pastoralmethode bei der Bekehrung der „Heiden“ und zu den sogenannten „Akkomodationsversuchen“ einnahmen, durch die sich die katholischen Pater einen engeren Zugang zur indischen Welt verschafften.

Nicholas Mithen (Florenz/ U.K.): The pietist mission and the contacts between Francesco Bellisomi with Francke

This presentation has several objectives. Firstly, and most basically, it reconstructs the life of a little-known and highly intriguing priest and nobleman from Pavia, Francesco Bellisomi (1666-1741), as he travelled, and fled persecution, from Pavia to Rome and Naples, to Vienna, to Halle and Berlin, and to London and Paris, Jena and Warsaw, in the early 18th Century. Secondly, it uses Bellisomi’s biography as a prism through which to assess the foundations of inter-confessional ecumenism within European Christianity in the early 18th Century, between Catholic, Lutheran, Anglican and Orthodox communities. Thirdly, through Bellisomi’s life and writings it proposes a causal relationship between, on the one hand, the cultivation of an ‘inner’ religiosity – based more on personal experience and faith than on dogma or rational religion – and on the other hand, the theorisation of the non-confessional state. Finally, it will offer a methodological reflection upon the strengths and weaknesses of using biographical case-studies to trace intellectual-historical dynamics. In conclusion, retracing the European wanderings of an Italian ‘pietist’ can offer a window onto the multifaceted renegotiation of the religious and the political, the refashioning of Church and State, which typified early 18th-century Europe.

Dr. Stefano Saracino (Wien/ Italien): Die Wissensgeschichte einer Migration: Die mobile Präsenz Griechisch-Orthodoxer aus dem Osmanischen Reich im Heiligen Römischen Reich in der Frühen Neuzeit (1648-1806)

Im Rahmen der frühneuzeitlichen Migration Griechisch-Orthodoxer aus dem Osmanischen Reich ins Alte Reich stellt der Aufenthalt von griechischen Studenten am Collegium Orientale Theologicum (1703-1707) ein exzeptionell gut dokumentiertes Fallbeispiel dar. Bei dessen Konzeption und Gründung standen neben August Hermann Francke zwei weitere schillernde Figuren Pate: Der Äthiopist und Orientforscher Hiob Ludolf sowie dessen weitgereister und polyglotter Neffe und Unterstützer Franckes Heinrich-Wilhelm Ludolf. Ob das Collegium eher bibelwissenschaftliche oder aber gegenüber den Völkern des Orients „missionarische“ Zwecke verfolgte, ist in der Forschung umstritten. Der Vortrag wird aber abgesehen von der Perspektive der „Projektemacher“, auch die Perspektive der Studenten in ihrer Eigenschaft als Migranten in den Fokus stellen. Wie wurden diese in Praktiken der Wissensübermittlung und der interkonfessionellen Kommunikation eingebunden? Wie wurde ihr Alltag durch ihre Unterkunft, ihre Tisch- und Zimmergenossenschaften geprägt? Was lernte man aus dieser konfliktgeladenen Episode als in den 1730er/40er Jahre erneut griechisch-orthodoxe Studenten, dieses Mal aus der osmanisch-habsburgischen Grenzregion Ungarns, angeworben wurden?

Prof. Dr. Volodymyr Oleksijovyč Abaschnik (Charkow/Ukraine): Feofan Prokopovič (1681–1736): Ein ukrainisch-russischer Aufklärer zwischen der christlich orthodoxen Kirche und der evangelisch-lutherischen Kirche bzw. dem Pietismus

Die komplexen Verhältnisse zwischen der christlich-orthodoxen Kirche, der Frühaufklärung und der evangelisch-lutherischen Kirche bzw. dem Pietismus am Anfang des 18. Jahrhunderts stehen im Mittelpunkt dieses Vortrags. Sie werden am Beispiel von Feofan Prokopovič dargestellt, der nach seiner Studienzeit und Lehrtätigkeit in Kiew (1716) zu einem bedeutenden Wegbereiter der Reformen des Zaren Peter I. wurde. Der Erzbischof Prokopovič unterstützte Kontakte sowohl zu dem A.H. Francke-Kreis bzw. den lutherischen Theologen (J.F. Buddeus) als auch zu den Priestern und pietistisch gesinnten Wissenschaftlern, die in Charkow, Kiew, Moskau, Narva, Riga, St. Petersburg tätig waren (H.G. Nazzius, J.S. Scharschmid, A.A. Vockerodt, G.S. Bayer, G.W. Steller). Auf ihre Ideen sowie auf die Werke der Hallenser Aufklärer (Christian Thomasius) stützte sich Feofan Prokopovič bei der Verwirklichung der staatlichen und kirchlichen Reformen.

Dr. Inga Strungytė-Liugienė (Vilnius/ Litauen): The penetration of Hernhuter activities writings in East Prussia in the 18th Century and their repercussions in Halle

In this report, I am going to focus on the anonymous Herrnhuterian treatise with hymns translated into Lithuanian “Stebuklingo Meile warginga Giekininko=Szirdis priesz Jezaus kruwinos Ronus“ (1752, found in the GStA-PK). The collection is intended for Lithuanian-speaking East Prussian community of Evangelical Lutherans and is related to the efforts and penetration of Herrnhuters in the region at the time when the university was headed by the Professor of Divinity, adherent of A. H. Francke, F. A. Schultz (1692-1763). My aim is to answer the question, was there a Herrnhuter influence on regional Lithuanian-speaking community of Evangelical Lutherans, and to explore from which German source the treatise with the hymns was translated into Lithuanian, and is translation based on official, standard printed Lithuanian language.

Dr. Russell Palmer (Wolfenbüttel/ U.K.): Cultures of collecting and collecting cultures: Gotthilf August Francke, the Kunst- und Naturalienkammer, and Native Americans

Gotthilf August Francke sat at the centre of a transatlantic network, receiving news and reports of and from Pietist and other communities in North America, yet he never visited. This paper attempts to reconstruct Gotthilf August’s “North America” through written and material culture evidence. What was his engagement with North American objects in the Naturalienkammer, and why are there so few of them?

Prof. Dr. Michaela Schmölz-Häberlein (Bamberg): Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) und die globale Kommunikationsgemeinschaft des Halleschen Pietismus

Der Vortrag stellt auf der Grundlage neuester Quellenstudien die globale Dimension des Siebenjährigen Krieges aus der Sicht des Kommunikationsnetzwerks der Glauchaschen Anstalten dar. Die Korrespondenz von Gotthilf August Franke mit seinen Kollegen und Unterstützern in Deutschland, Dänemark, England, Nordamerika und Indien spiegelt eine protestantische Sichtweise auf die kriegsführenden Mächte Preußen, Großbritannien und deren militärische Verbündete wider. Zugleich zeigt sich die Reichweite und Dynamik des Netzwerks des Halleschen Pietismus. Anhand vier ausgewählter Beispiele werden Darstellungen des Krieges, die Rezeption der Ereignisse, individuelle Erfahrungen und die religiöse Interpretation innerhalb dieser Kommunikationsgemeinschaft vorgestellt.

Aleksej Tikhonov (Berlin/ Russland): Rixdorf – Halle – Herrnhut: die Wechselbeziehungen zwischen den drei Orten

Tschechischsprachige protestantische Flüchtlinge aus Böhmen fanden im 18. Jahrhundert in Sachsen und Preußen eine neue Heimat. Dabei spielten vor allem Berlin, Rixdorf, Halle und Herrnhut bedeutende Rollen. Auch wenn sich die protestantischen Exulanten in Berlin und Rixdorf in drei Zweige – lutherisch-pietistisch, reformiert und brüderisch-herrnhutisch – aufteilten, waren ihre lebensweltlichen Beziehungen untereinander und zu den jeweiligen Glaubenszentren in Halle und Herrnhut nicht so eindeutig differenzierbar. Im Vortrag sollen die verworrenen Wechselbeziehungen Berlin/Rixdorf-Halle-Herrnhut am Beispiel von diversen Protagonist*innen erläutert und problematisiert werden.

Dr. Beata Paškevica (Riga/ Lettland): Das pietistische Netzwerk in Livland (insbesondere die Tätigkeit der Magdalena Elisabeth von Hallart)

Das heutige Lettland und Estland im Baltikum hatte im ausgehenden 17. und das ganze 18. Jahrhundert hindurch enge Kontakte mit dem hallischen Pietismus. Halle war ein Umschlagplatz für die Kulturmittler als Hofmeister und Pfarrer im Baltikum. Die führende Mittlerin zwischen Halle, Dresden, Herrnhut und dem damaligen Livland war eine Frau - Magdalena Elisabeth von Hallart, die im Zentrum des Vortrages stehen wird.

Didi Rosa van Trijp (Leiden/ Niederlande): Marcus Elieser Bloch and the Halle missionary Christoph Samuel John in Tranquebar: Correspondence networks, natural history and the “Allgemeine Naturgeschichte der Fische”

How to save a dead fish from decay? Questions like these were on the mind of missionary Christoph Samuel John. He sent prepared fish alongside drawings and descriptions to Marcus Elieser Bloch in Berlin, who used this material in his natural history of fish. This talk is based on the correspondence of John in the archives of the Francke Foundations and reflects on the practices of natural history in the late eighteenth century.