Forschungsprojekt »Mesalliancen im Pietismus«

Wissenschaftler diskutieren im Kreis im Amerika-Zimmer des Historischen Waisenhauses.

Mesalliancen, also unstandesgemäße oder ungleiche Ehen, bezeichneten in der Frühen Neuzeit vorrangig die ehelichen Verbindungen, die zwischen Personen adliger und nicht-adliger Geburt geschlossen wurden. In der auf soziale Distinktion ausgelegten Ständegesellschaft der Zeit waren solche Heiraten höchst problematisch. Da der Adel seinen Anspruch auf gesellschaftliche und damit auch politische Führung auf vermeintlich von seinen Vorfahren ererbte Eigenschaften und Tugenden gründete, war die Erhaltung »reiner« Stammbäume ein Kernanliegen. Heiraten zwischen Adligen gleichen Standes und gleichen Ranges dienten deshalb sowohl der Erhaltung dieser Eigenschaften und Tugenden als auch dem damit einhergehenden Führungsanspruch. Diese Heiraten perpetuierten den Besitz von Geld, Territorien und Titeln innerhalb einer verhältnismäßig kleinen Gruppe adliger Häuser, deren eheliche Verbindungen untereinander immer auch politische Allianzen darstellten. Hieraus erwuchs eine sehr starke gesellschaftliche Norm, die ihren Niederschlag auch in zahlreichen Hausgesetzen adliger Familien fand, in denen klar geregelt war, welche Heiratspartner als akzeptabel angesehen waren und welche nicht.  

Trotz dieser dezidierten und mit durchaus drastischen Strafmaßnahmen versehenen Regelungen (etwa dem Verzicht auf die Regentschaft) ist die Frühe Neuzeit voller Beispiele für sogenannte Mesalliancen oder Missheiraten. Betrachtet man bspw. den mitteldeutschen Raum so stößt man beinahe zwangsläufig auf zahlreiche unstandesgemäße und ungleiche Ehen in der mehrfach verzweigten Familie der Fürsten von Anhalt. Die Ehe zwischen Fürst Leopold von Anhalt-Dessau (1676-1747) mit der nicht-adligen Anna Luise Föhse (1677-1745) ist hier die vielleicht bekannteste. Diese Heiraten lösten in der Frühen Neuzeit oft Skandale aus und wurden durchaus in den Medien der Zeit aufgegriffen. Ende des 18. Jahrhunderts wurden ganze Bücher über die rechtlichen Grundlagen von Mesalliancen publiziert und umfangreiche, mehrere Jahrhunderte abdeckende Kompilationen von »Fällen« zusammengestellt.

In der modernen Historiographie sind Mesalliancen immer wieder Gegenstand von einzelnen oder vergleichenden Untersuchungen gewesen. Auffällig ist dabei, dass die untersuchten Beispielfälle fast ausschließlich die Verbindung eines adligen Mannes zu einer nicht-standesgemäßen Frau beleuchten – eine Beobachtung, die sich im Übrigen in den »Fallsammlungen« des späten 18. Jahrhunderts wiederspiegelt.  Die Ursache hierfür ist zunächst in der Vererbungspraxis der Frühen Neuzeit zu suchen. Insbesondere auf dem Territorium des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurden Güter und Titel in männlicher Erbfolge weitergegeben. Heiratete nun ein Adliger eine nicht-adlige Frau und zeugte mit ihr legitime Söhne konnte und wurde deren Anspruch auf die Titel und weltlichen Besitztümer des Vaters häufig von den adligen Verwandten aus den oben skizzierten Gründen bestritten. Diese hier nur angedeutete Erbfolgeproblematik stellte oft den eigentlichen Untersuchungsgegenstand zahlreicher historischer Studien dar.

Aus diesem Grund und weil in den Werken und Beiträgen der Adelsforschung der Geschichtswissenschaft lange Zeit vorrangig die Männer und ihre Taten betrachtet worden sind, liegen kaum Untersuchungen zu Missheiraten von weiblichen Adligen und männlichen nicht-adligen vor. Dies ist umso bemerkenswerter, da solche Eheschließungen für die adligen Frauen weitaus schwerwiegendere Konsequenzen mit sich brachten als für die adligen Männer. Eine Adlige, die einen nicht-Adligen ehelichte, verlor ihren Geburtsstand, wurde fortan als nicht-adlig behandelt und musste mit der völligen Ablehnung durch ihre Familie rechnen. Würde das Fehlen von Untersuchungen zu diesen Fällen also bereits eingehende Studien rechtfertigen, so hat Wolfgang Breul in einem instruktiven und bisher einzigartigen Beitrag darauf verwiesen, dass diese Art der ehelichen Verbindung im pietistischen Umfeld eine bemerkenswerte Dichte aufzuweisen scheint. Er hat hier insbesondere auf die Heiraten adliger, zum Teil hochadliger Damen mit ihren pietistischen Informatoren oder Hofpredigern verwiesen und für einen Untersuchungszeitraum von 20 Jahren allein elf Fälle namhaft gemacht. Zu dieser Liste konnte der Bearbeiter jüngst den spektakulären Fall der Burggräfin von Kirchberg, Magdalena Christina (1681-1751), und ihres ehemaligen Hofpredigers Georg Christian Haine (1685-1757) hinzufügen. Hierbei war besonders das umkämpfte Zustandekommen der Ehe interessant, waren doch sowohl August Hermann Francke als auch dessen engster politischer Vertrauter in Berlin, der Baron Hildebrand von Canstein in die »Kirchberg-Affäre« verwickelt. Der Baron setzte sich explizit für die Ehe ein und argumentierte gegenüber dem Bruder der Gräfin mit Begründungen, die auf Darstellungen Phillip Jakob Speners, des Begründers des Pietismus, zurückgehen. Führt man sich zudem vor Augen, dass sowohl August Hermann Francke als auch sein Sohn Gotthilf August unstandesgemäß mit Adligen verheiratet waren, stellt sich die Frage nach einer Vorschubleistenden Wirkung des Pietismus für Missheiraten.

Auf dieser Basis und der Suche nach weiteren Fällen dieser Art von Mesalliancen im Archiv der Franckeschen Stiftungen soll der Antrag für ein Projekt entwickelt werden. Erleichterte das pietistische Verständnis von der christlichen Lehre unstandesgemäße Verbindungen und wenn ja wie und warum? Förderte der Pietismus womöglich egalitäre Vorstellungen und ist in diesem Zusammenhang konstitutiv für die Ausprägung eines bürgerlichen Eheverständnisses? Wie argumentierten die Pietisten pro Mesalliancen und welche Rahmenbedingungen wirkten sich positiv aus? Diese Fragen sollen unter Hinzuziehung einer Vergleichsebene beantwortet werden, wobei entsprechende Fälle aus dem Umfeld der Herrnhuter Brüdergemeine herangezogen werden sollen.

 

Literatur
Wolfgang Breul, Mesalliancen im Pietismus, in: »Der Herr wird seine Herrlichkeit an uns offenbahren«. Liebe, Ehe und Sexualität im Pietismus. Hrsg. von W. Breul u. Christian Soboth. Hallesche Forschungen 30, Halle 2011, S. 225-247.

Thomas Grunewald, Die Kirchbergaffäre. Der hallesche Pietismus und die Problematik der Mesalliancen, in: Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des Neueren Pietismus, Band 43 (2017), S. 143-178.