Jugend in der Klassischen Moderne. Jungsein in den Franckeschen Stiftungen 1890–1933

Das Bild zeigt die Fußball-Pokalmannschaft der Oberrealschule der Franckeschen Stiftungen im Jahr 1910. Zu sehen sind junge Sportler in zeittypischen Sportanzügen.
Fußball-Pokalmannschaft der Oberrealschule der Franckeschen Stiftungen, 1910

Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen 2019 mit zugehörigem Katalog

Ausgehend von der von der Stabsstellung Forschung kuratierten Ausstellung »Moderne Jugend? Jungsein in den Franckeschen Stiftungen 1890–1933« wird das Thema Jugend im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik in verschiedenen Aspekten weiter untersucht. Ein Fokus liegt dabei auf der Geschichte der Franckeschen Stiftungen als Schulstadt: auf dem Jungsein in den Stiftungsschulen und Internaten in dieser Zeit.

Die Jugend ist die Zeit des Aufbruchs, der Risikobereitschaft und des Vorwärtsdrängens, aber auch die Zeit großer Fragen und Verunsicherungen. Gerade in den Jahren der Klassischen Moderne scheinen Hoffnung und Enttäuschung nah beieinander zu liegen, wirken gegenläufige Tendenzen unmittelbar auf die Jugendlichen ein. Am Beispiel des Jungseins in den Franckeschen Stiftungen wird einer Reihe von Fragen nachgegangen, die diese Lebensphase definieren: Werden Schule und Bildungsperspektiven eher als Erfolgsgeschichten begriffen oder hinterlassen sie ein Gefühl der Krise oder des Scheiterns? Wie spiegelt sich die Entwicklung der Körperlichkeit in Sport und Sexualität zwischen Individualität und Normativität wider, wie wirken sich Militarisierung und Kriegserfahrung auf die Heranwachsenden aus? Dienen Radio, Literatur und Film eher als Informations-, Indoktrinations- oder eigenes, modernes Ausdrucksmittel?

Zeitgenössische Kunstwerke der Neuen Sachlichkeit und des Realismus vermittelten in der Ausstellung einen Einblick in diese besondere Lebenszeit, während Dokumente aus dem Archiv der Franckeschen Stiftungen die Jugendlichen selbst zu Wort kommen ließen. Mit dem Blick auf die Jugend sollte die Moderne als Zeit ambivalenter Erfahrungen greifbar werden. Die Ausstellung war vom 23. September 2019 bis zum 22. März 2020 auf der Ausstellungsetage des Historischen Waisenhauses in den Franckeschen Stiftungen zu sehen.

Katalog: Moderne Jugend? Jungsein in den Franckeschen Stiftungen 1890–1933. Hrsg. von Holger Zaunstöck und Claudia Weiß unter Mitarbeit von Tom Gärtig und Claus Veltmann. Halle 2019 (Kataloge der Franckeschen Stiftungen, 36).

Sport in den Franckeschen Stiftungen zwischen 1890 und 1933

Der 21. Tag der hallischen Stadtgeschichte am 13. November 2021, veranstaltet vom Verein für hallische Stadtgeschichte e.V., widmete sich dem Thema »Kein Abseits! Geschichte und Kultur des Sports in Halle«. In Vertiefung seines Beitrags zur Jahresausstellung 2019 erörterte Tom Gärtig in diesem Rahmen unter der Überschrift »›ein erziehliches Mittel ersten Ranges‹. Turnen, Spiel und Sport in den Franckeschen Stiftungen 1890–1933« die ambivalente Rolle des Sports in den Stiftungsschulen und -sportvereinen zur damaligen Zeit.

Neben dem Turnen, Croquet, Tennis und Cricket begeisterte auch der aus England importierte Fußball die männliche Stiftungsjugend. Die Möglichkeiten sportlicher Betätigung nahmen für Mädchen jedoch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nur langsam zu. Entsprechend der Forderung Kaiser Wilhelms II. (1859–1941) sollte der Sport vor allem dafür sorgen, die männliche Jugend körperlich zu ertüchtigen und damit wehrtauglich zu machen. Daneben sollte er auch ein Mittel sein, körperliche Spannungen abzubauen, um sexuellen Handlungen von Jugendlichen vorzubeugen.

Diskussionen um ›gute‹ und ›schlechte‹ Kinder- und Jugendliteratur zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs

Der Aufsatz »Diskussionen über ›Schmutz und Schund‹ in der Kinder- und Jugendliteratur im Deutschen Kaiserreich« (kjl&m 4/2021) von Claudia Weiß untersucht am Beispiel der Schulen und des Verlags der Franckeschen Stiftungen das Ringen unterschiedlicher Gruppen um eine für Heranwachsende geeignete Literatur. Zu dieser Zeit kamen neue Literaturformate wie Heftserien mit unterhaltsamen Kriminal-, Abenteuer- und Liebesgeschichten auf, welche insbesondere Kinder und Jugendliche begeisterten. Gleichzeitig mit solchen Veränderungen auf literarischem Gebiet, aber auch der Entstehung des neuen Mediums Film, entwickelte sich eine teils öffentlich, teils privat geführte Diskussion um den ›richtigen‹ Mediengebrauch Heranwachsender. An der unter dem historischen Begriff des »Kampfes gegen Schund und Schmutz« geführten Auseinandersetzung waren unterschiedliche, sich teils gegenüberstehende Gruppen, v. a. aus den Bereichen Bildung, Erziehung und Politik, beteiligt.

Im Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle erschienen zahlreiche Schriften zum Thema »Schund und Schmutz«. Diese in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen überlieferten Drucke geben Einblicke in die kontroverse Diskussion um ›gute‹ Kinder- und Jugendliteratur und verweisen auf konkrete lokale Auswirkungen wie Ausstellungen über die sogenannte Schundliteratur, welche hallesche SchülerInnen und LehrerInnen zu besuchen hatten.