Alchemie und Pietismus

Lesender Alchemist im Laboratorium
Alchemist im Laboratorium, Radierung, o.J. (Ausschnitt)

Im Zentrum der Untersuchungen steht die Bestimmung des Verhältnisses von pietistischer Religiosität und alchemischen Praktiken sowie theoretischen Übernahmen aus der spekulativen Alchemie am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert. Eine Kernthese ist dabei, dass die dort praktizierte Pharmazie und Medizin enger als bisher angenommen mit der medizinischen Alchemie der Frühen Neuzeit verbunden waren.

Aktuelles Forschungsvorhaben an der Stabsstelle Forschung

Derzeit befindet sich das Forschungsprojekt  Alchemie und Pietismus. Alchemische Praxis am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert an der Stabsstelle Forschung in Vorbereitung. Ausgehend von der Beobachtung, dass alchemische Praktiken der Medikamentenherstellung im 18. Jahrhundert eine entscheidende Grundlage für die Arbeit in den Laboratorien der am Halleschen Waisenhaus angesiedelten Apotheke und Medikamenten-Expedition darstellten, wird die Projektbearbeiterin Claudia Weiß der Frage nach den konkreten alchemischen Wissenspraktiken nachgehen, welche hier wirksam wurden. Dabei wird untersucht, welche naturphilosophischen Grundannahmen aus der alchemischen Tradition die medizinischen Auffassungen der Pietisten am Halleschen Waisenhaus beeinflussten.

Ziel des Projekts ist es, das umfangreiche pharmaziehistorische Quellenkorpus in Archiv und Bibliothek der Franckeschen Stiftungen – insbesondere die zahlreich überlieferten Laborberichte und alchemischen Manuskripte – erstmals einer eingehenden wissensgeschichtlichen Analyse bezüglich der alchemischen Praxis und argumentativen Einbettung in den Pietismus zu unterziehen.

Die Bearbeiterin stellte am 2.11.2021 einen Ausschnitt des Forschungsvorhabens im Kolloquium »Neuere Forschungen zur Geschichte der Frühen Neuzeit und Landesgeschichte« der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vor. Der Vortrag trug den Titel Alchemie am Halleschen Waisenhaus. Christian Friedrich Richter (1676–1711) – Pietist und alchemischer Praktiker? und befasste sich mit dem ersten Leiter der Medikamenten-Expedition sowie Entwickler der ersten hauseigenen Waisenhaus-Arzneimittel, welche auf alchemischen Rezepturen basierten. Bei der Medikamenten-Expedition handelte es sich um diejenige erwerbende Einrichtung am Halleschen Waisenhaus, welche für die Entwicklung und Produktion sowie den Versand der hauseigenen »Waysenhaus-Arzeneyen« zuständig war.

»Alchemie am Halleschen Waisenhaus« im Rahmen der medizingeschichtlichen Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen 2021

Dem Thema Alchemie am Halleschen Waisenhaus wurde im Rahmen der Jahresausstellung unter dem Titel »Heilen an Leib und Seele. Medizin und Hygiene im 18. Jahrhundert« ein eigener Ausstellungsraum – eingebettet in den pharmazie- und alchemiegeschichtlichen Kontext der Zeit – gewidmet. Unter der Überschrift »Stoffe zur Heilung – Im alchemistischen Laboratorium«wurden in vier Teilbereichen zentrale Aspekte des Themas vorgestellt: 1. ProtagonistInnen: die Alchemistin/der Alchemist, 2. Das Laboratorium als zentraler Ort alchemischer Tätigkeit, 3. Arzneimittel und Rezepturen, 4. Alchemische Literatur. Im Begleitkatalog zur Ausstellung erschien hierzu folgender Aufsatz von Claudia Weiß: »[V]on der löblichen Kunst Alchymia«. Alchemistische Pharmazie am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert.

Die Ausstellung wurde flankiert von einem umfangreichen Rahmenprogramm, welches einen Vortrag der Projektbearbeiterin unter dem Titel Die Essentia dulcis – das alchemische »Aspirin« des 18. Jahrhunderts. Wirkmechanismen und das Rezept ihres ökonomischen Erfolgs beinhaltete. Im Zentrum stand hierbei die auf der alchemischen Arzneitradition fußende Goldtinktur Essentia dulcis, die im 18. Jahrhundert am Halleschen Waisenhaus gefertigt sowie weltweit versendet wurde.

»Alchemie am Halleschen Waisenhaus« im Rahmen der geologiegeschichtlichen Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen 2020

In ihrem Aufsatz »In der Erde liegen die größten Geheimnisse« – Von ›belebten‹ Steinen und Metallen und deren Bedeutung in der alchemistischen Arzneitradition geht Weiß im Katalog zur Ausstellung »Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie« unter anderem den Anleihen nach, welche die Arzneiproduktion am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert an naturphilosophischen Vorstellungen der Alchemie nahm. Kenntnisse sowie Ausgangsstoffe (Metalle, Mineralien etc.) aus dem Bergwerks- und Hüttenwesen spielten für die alchemische Laborarbeit und Medizin eine bedeutende Rolle und waren auch für die pharmazeutisch-alchemischen Praktiken am Halleschen Waisenhaus unverzichtbar.

Quellenedition dreier Schriftstücke aus der Anfangszeit von Waisenhaus-Apotheke und Medikamenten-Expedition 2017

Eine Auswahl von drei Quellentexten aus dem frühen 18. Jahrhundert, die alle von Christian Friedrich Richter – einem wichtigen Protagonisten der pharmazeutisch-alchemischen Arbeit am Halleschen Waisenhaus – stammen, erschien 2017 im Verlag der Franckeschen Stiftungen:

Christian Friedrich Richter: Von der Apotheke und Artzney-Wesen bey dem Wäysenhause zu Glaucha an Halle. Drei Quellentexte zur Waisenhaus-Apotheke und Medikamenten-Expedition. Mit einer Einführung von Claudia Weiß. Halle 2017 (= Kleine Texte der Franckeschen Stiftungen 17).

Vorträge bei der Nachwuchstagung der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus und im Forum junge Stadtgeschichte 2016

Am 20. Mai und 10. Oktober 2016 sprach die Projektbearbeiterin zum Thema Alchemie und Hallescher Pietismus. Alchemistische Einflüsse auf die Pharmazie der Glauchaschen Anstalten im 18. Jahrhundert bei der Nachwuchstagung der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus sowie im Forum junge Stadtgeschichte des Vereins für Hallesche Stadtgeschichte in Halle. In Vertiefung dieser Vorträge sowie ihrer kurz zuvor verfassten Masterarbeit zum selben Thema erschien folgender Aufsatz in »Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus« (Bd. 43 – 2017): Göttliche Arzneien oder Häresie? Alchemistische Pharmaka am Halleschen Waisenhaus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.