Zwei Tagungsbände geben neue Einblicke in das Funktionieren des Netzwerks der Halleschen Pietisten


Neuerscheinungen im Rahmen des Kooperationsprojekts mit der Universität Zielona Góra »Halle und Züllichau als Pietismus- und Bildungszentren«

Von 2016 bis 2019 waren die Franckeschen Stiftungen Kooperationspartner in dem wissenschaftlichen Projekt »Halle und Züllichau als Pietismus- und Bildungszentren« unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Bogumiła Burda (Universität Zielona Góra). Das polnisch-deutsche Kooperationsprojekt ist das derzeit einzige vom polnischen Ministerium für Wissenschaft und Bildung geförderte Forschungsvorhaben zur Geschichte des Pietismus. Das Forscherteam unter maßgeblicher Beteiligung der Franckeschen Stiftungen konnte dank dieser großzügigen Unterstützung die Beziehungen zwischen dem Halleschen und dem Züllichauer Waisenhaus im 18. Jahrhundert untersuchen und auf Projekt begleitenden Workshops mit Wissenschaftler/innen aus Polen und Deutschland diskutieren.

Zum Projektende sind 2019 zwei Tagungsbände der insgesamt sechs Projektpublikationen im Verlag der Universität Zielona Góra erschienen. Die Beiträge sind auf Deutsch und Polnisch mit Abstracts in Englisch publiziert. Sie beruhen auf drei Workshops, die im Rahmen des Projekts sowohl in Zielona Góra bzw. Sulechów (Züllichau) als auch in Halle stattgefunden haben. Die Aufsätze belegen die engen Beziehungen des Halleschen Waisenhauses August Hermann Franckes (1663–1727) zu den Züllichauer Anstalten, gehen aber thematisch und zeitlich darüber hinaus. In den beiden Bänden finden sich Beiträge der Stiftungsmitarbeiter Holger Zaunstöck, Britta Klosterberg und Thomas Grunewald sowie der ehemaligen Dr. Liselotte-Kirchner-StipendiatInnen Michaela Schmölz-Häberlein, Markus Berger, Jan-Hendrik Evers und Michael Rocher.

Nach dem Vorbild Halles gründete der Nadler Sigismund Steinbart (1677–1739) in der brandenburgischen Neumark unweit der Grenze zu Schlesien u.a. ein Waisenhaus mit Schulen und einer Verlagsbuchhandlung. Auf der Grundlage der im Projekt geleisteten Forschungen in deutschen und polnischen Archiven und einzelner wissenschaftlicher Beiträge in den Tagungsbänden wird am Beispiel Züllichaus die Funktionsweise des hallischen Netzwerks vorbildhaft illustriert: Der Impuls für die Gründung Steinbarts ging nicht von Halle aus, war aber an dem Modell Halle ausgerichtet: So orientierte sich Steinbart beispielsweise in seinen Nachrichten über den Fortgang seiner Einrichtung an August Hermann Franckes »Fußstapfen«. Der sich entwickelnde intensive Austausch betraf nachweislich sowohl das pietistische Verlagsprofil der von Gottlob Benjamin Frommann (um 1702–1741) geführten Verlagsbuchhandlung als auch das Personal und die Schüler und hatte weit über die Grenzen der Region hinaus Einfluss auf die  Bildungslandschaft. Denn die Schulen hatten große Anziehungskraft. Nachweislich lernten hier Schüler nicht nur aus der Region, sondern auch aus der Lausitz, aus Großpolen, Galizien, Mähren und darüber hinaus. 

Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts emanzipierten sich die Nachfolger Steinbarts von dem hallischen Vorbild. Die Aufsätze in den Tagungsbänden fokussieren auf das 18. Jahrhundert. Darüber hinaus finden sich aber auch Aufsätze zur Züllichauer Stadtgeschichte und zur Auswertung der Schülermatrikel bis in das 20. Jahrhundert.   

Halle i Sulechów – ośrodki pietyzmu i edukacji, tło religijno-historyczne, powiązania europejskie. Hg. v. Bogumiła Burda, Anna Chodorowska, Bogumiła Husak u. Brigitte Klosterberg. Zielona Góra 2019 (= Halle und Züllichau – Zentren des Pietismus und der Bildung, religiös-historischer Hintergrund, europäische Verbindungen) [Download]

Sulechów na przestrzeni wieków. 300 lat Fundacji Rodziny Steinbartów. Uczniowie i nauczyciele szkół sulechowskich i ich powiązania europejskie. Hg. v. Bogumiła Burda u. Anna Chodorowska. Zielona Góra 2019 (= Züllichau im Laufe der Jahrhunderte. 300 Jahre Steinbart-Stiftung. Schüler und Lehrer der Schulen in Sulechów und ihre europäischen Verbindungen) [Download]