Erste wissenschaftliche Annäherung an Historische Schulbibliotheken im Verlag der Franckeschen Stiftungen erschienen

Wissenschaft
Sammelband zur gleichnamigen Tagung (2017)

Historische Schulbibliotheken zählen zu wichtigen Quellen der Bildungs- und Kulturgeschichte und sind doch die heute am wenigsten erforschten bibliothekarischen Sammlungen. Mit einem Tagungsband in der Reihe Hallesche Forschungen im Verlag der Franckeschen Stiftungen hat Dr. Brigitte Klosterberg, Leiterin des Studienzentrums August Hermann Francke – Archiv und Bibliothek, jetzt eine erste wissenschaftliche Annäherung an diesen Bibliothekstypus, dessen Nutzungs- und Bestandsgeschichte eine besondere Herausforderung darstellt, veröffentlicht. Mit dem Thema nimmt sie eine Herzensangelegenheit des Bibliothekars und Literaturwissenschaftlers Paul Raabe auf, für den es einer kleinen Sensation gleichkam, in den 1990er Jahren in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen zahlreiche Erstausgaben deutscher Dichtung aus der Zeit um 1800 vorzufinden. Sie gehörten einst zu der Oratorischen Bibliothek des Königlichen Pädagogiums, einer der frühen Beispiele einer Schulbibliothek, zu der Schüler explizit Zugang hatten. Sie durften ein Buch pro Woche nach Rücksprache mit dem zuständigen Lehrer entleihen. Diese Beschränkung auf ein Buch entsprach der grassierenden Angst vor der »Lesewut«, die es nach den pädagogischen Vorstellungen der Zeit zu zähmen galt (ein Diskurs, der sich bis heute – bezogen auf die neuen Medien – hartnäckig zu halten scheint). Paul Raabe ließ die Titel der Oratorischen Bibliothek in einer Datenbank verzeichnen und legte Brigitte Klosterberg die weitere Erforschung und Erschließung der Bibliothek ans Herz.

Der vorliegende Band mit einer Einleitung von Brigitte Klosterberg und Beiträgen von elf AutorInnen, VertreterInnen aus Wissenschaft und Praxis, will historische Schulbibliotheken in den Blickpunkt der (bibliotheks-) wissenschaftlichen Arbeit rücken. Mit Beispielen aus den Eckpunkten des Alten Reiches, von Königsberg und Liegnitz im Osten bis zu Speyer und Düsseldorf im Westen, von Altona/Hamburg und Lüneburg im Norden bis zu Nürnberg im Süden, will die Publikation dazu beitragen, sammlungsbezogene bildungs-, kultur- und regionalhistorische Forschungen anzuregen und das Bewusstsein für die dringende Notwendigkeit der materiellen Erhaltung der Schulbibliotheken als kulturelle Aufgabe zu schärfen.

In den wissenschaftlichen Sammelband führen zwei methodische Beiträge von Prof. Dr. Axel E. Walter (Eutin) und Prof. Dr. Stefan Ehrenpreis (Innsbruck) ein. Walter plädiert dafür, die Geschichte der Schulbibliotheken in die Untersuchung der regionalen Strukturen des Schul- und Bildungswesens einzubeziehen, Ehrenpreis fokussiert die praktische Aufgabe und Nutzung der Sammlungen, also ihren Platz im Alltag. Daran schließen sich – chronologisch nach den betrachteten Sammlungen geordnet – Fallbeispiele von AutorInnen aus den Bereichen Kultur- und Bildungsgeschichte, historischer Pädagogik und Literaturwissenschaften, aus Bibliotheken und Schulen aus ganz Deutschland an, die immer wieder Desiderata für die Erforschung und Erschließung ihrer Bestände offenlegen. Sie behandeln exemplarisch protestantische Schulbibliotheken aus den drei Gründungswellen zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Nürnberg, Speyer oder Schulpforte sind Schulbibliotheksgründungen der ersten Welle im 16. Jahrhundert, die dem Impuls der Reformation Martin Luthers (1483–1546) folgten. Ausgelöst durch den Halleschen Pietismus und befördert durch die Aufklärung wurden, wie am Pädagogium in Halle oder dem Christianeum Altona, in der zweiten Gründungswelle im 18. Jahrhundert systematisch Bibliotheken für Schulen angelegt. Im 19. Jahrhundert stieg die Zahl der Schulbibliotheken noch einmal mit der Ausdifferenzierung des Schulwesens an. Die Fehrbelliner Kreis-Schul-Bibliothek aus dieser Zeit ist gleichzeitig ein Beispiel aus dem ländlichen Raum. Die AutorInnen beleuchten praktische Aufgaben, Funktion im Schulalltag, Bestandsgeschichte(n), dokumentarische Aufgaben und Nutzung der Schulbibliotheken, den Schulbuchmarkt und das Wirken der Bibliothekare. Dass diese Themen trotz der oft schwierigen Quellenlage – die Bestände sind häufig nur unvollständig überliefert und die Provenienzen nur unvollständig dokumentiert – auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs interessant sein können, beweist der Beitrag von Anne Sturm über die von Paul Raabe wiederentdeckte Oratorische Bibliothek am Pädagogium in Halle, der im Rahmen ihres Volontariats in den Franckeschen Stiftungen entstanden ist. Sie konnte nachweisen, dass diese Bibliothek Schülern dazu diente, ein »Journal der Lektüre« zu führen und sich auf ihre öffentlichen und privaten Redeübungen vorzubereiten.

Der Sammelband ist in den Halleschen Forschungen des Verlags der Franckeschen Stiftungen an einem für die Geschichte der Schulbibliotheken bedeutenden Ort erschienen. 1698 gründete August Hermann Francke (1663–1727) zu Bildungszwecken die »Bibliotheca Orphanotrophei Halensis« als Lehrsammlung für sein Bildungskonzept, das bald weltweit ausstrahlte und vielfach nachgeahmt wurde. 1832 wandelte die preußische Schulverwaltung die Sammlung in die Hauptbibliothek der Lateinischen Hauptschule um, wodurch sie die Funktion einer Schulbibliothek für die Lateinische Schule übernahm. Unter dem Direktorat August Hermann Niemeyers (1754–1828), der den landesweiten Ausbau von Schulbibliotheken forderte, entstanden auch an den Stiftungsschulen zahlreiche kleinere Sammlungen, deren gedruckte und ungedruckte Kataloge im Archiv der Franckeschen Stiftungen erhalten sind. Das Landesgymnasium Latina August Hermann Francke pflegt heute noch diese Tradition mit einem eigenen Bibliothekar.

Historische Schulbibliotheken. Eine Annäherung. Hrsg. von Brigitte Klosterberg. Halle 2021 (Hallesche Forschungen, 56). XXV, 222 S., 21 Abb., € 52,00; ISBN 978-3-447-11479-0; e-ISBN 978-3-447-39063-7

Mit Beiträgen von
Stefan Ehrenpreis (Universität Innsbruck), Juliane Jacobi (Universität Potsdam), Kristina Hartfiel / Carolin Büttner (Universität Düsseldorf), Susanne Knackmuß (Bibliothek des Grauen Klosters in der Zentralbibliothek Berlin), Petra Mücke (Landesschule Schulpforte), Felicitas Noeske (Christianeum Hamburg), Armin Schlechter (Pfälzische Landesbibliothek Speyer), Sebastian Schmideler (Universität Leipzig), Joachim Scholz (Universität Bochum) / Stefan Cramme (Bibliothek für Bildungshistorische Forschung Berlin), Anne Sturm (Universität Halle), Axel E. Walter (Eutiner Landesbibliothek).

Bestellungen über den Verlag der Franckeschen Stiftungen oder den Harrassowitz-Verlag

Literaturhinweis:

Anne Sturm: Die Oratorische Bibliothek des Königlichen Pädagogiums zu Halle. Eine Schulbibliothek um 1800. Halle 2017 (Kleine Schriftenreihe der Franckeschen Stiftungen, 16). 152 S., 43 Abb., 9 Diagramme, € 12,50; ISBN 978-3-939922-54-4