Barmherzigkeit


Predigt unseres Stiftungspfarrers Friedrich Wegner

Auf dem Altar steht ein Kreuz und im Hintergrund sitzen Menschen.

Barmherzigkeit

Predigt von unserem Stiftungspfarrer Friedrich Wegner

Christus spricht: »Seid barmherzig wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.«

Wie unbarmherzig geht es zu in der weiten Welt! Ja, eigentlich wird schon die Vorstufe zur Barmherzigkeit nicht beachtet – die Gerechtigkeit. Was Recht ist und billig, was Gesetz ist und geboten im täglichen Verhalten gilt kaum noch. So zumindest das Gefühl beim Blick in die Medien. Es zählt nur der Drang, seine Meinung, seine eigenen Wünsche zu verwirklichen, in einer Masse einzutauchen, die einer Meinung ist. Die eigene Meinung gilt als Maßstab für alle. (Denk doch mal nach!) Das geht den Menschen in den USA so, wenn sie einem Egomanen und Populisten folgen bis in die Gewalt hinein, das ist deutlich bei den »Querdenkern« und rechten Populisten in Europa. Eine Meinung – das gilt in China und Russland, in Polen und Ungarn wieder von Staats wegen. Wir erinnern uns meist noch. Eine Partei, ein Mensch hat immer recht.

Junge Menschen fragen, auch mich, was sie tun können. Rückzug ins Private oder selber radikal werden? Hat denn wenigstens die Kirche eine Idee, wie es weitergehen soll? Was kann, ja, kann der Pfarrer etwas dazu sagen?

Ich schaue in die Schrift, die unserem Glauben ein Fundament gibt, und lese, was Paulus im Römerbrief schreibt. 12, 1 ff: »Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.«

Die Worte hier beziehen sich auf eine kleine Gemeinde. Es geht nicht um die große Ordnung eines Staates oder der Welt. Das überlässt Paulus anderen Kräften, anderen Mächten und am Ende Gott, auf den er sich beruft:

»3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. 4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. 6 Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7 Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. 8 Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.«

Nein, seine Sorge gilt der Gemeinde, gilt uns und unserem Leben. Jede und jeder bringe das ein, was er oder sie gut kann, bleibe sich selbst treu. So kann dein Sinn neu werden. Meine, deine Fähigkeiten, Gaben sind gefragt.

Sie sollen Raum haben, werden gebraucht. Paulus beschreibt es mit Ämtern. Hört sich erst mal steif, bedeutungsvoll, anstrengend an. Wenn wir den Begriff öffnen, so können wir merken, jede und jeder hat sein Amt, der Beruf ist so etwas, meine Rolle in der Familie, meine Aufgaben im Freundeskreis, das, was ich tue im Verein oder in einer Gemeinde. Manches tue ich für Geld, vieles ehrenamtlich, freiwillig. Immer wenn Menschen ihre Beziehungen gut ordnen gelingt die Gemeinschaft, in der sie leben. Immer wenn wir uns beschränken auf das, was unsere Gabe ist – so geht es im Miteinander gut.

Darum die demokratische Beschränkung der Ämter im Staat und in der übrigen Gesellschaft. Das, so scheint mir, gilt auch im großen Maßstab. Jedes Amt, jede Aufgabe, braucht Begrenzung, der Heiler soll nicht predigen und der Prediger ist ein schlechter Heiler usw. Es braucht, das Leben braucht Maß und Ort. So hat es Gott gedacht und entworfen – die Bibel bringt es im »Garten Bild« des Paradieses zum Ausdruck.

Wo wir das nicht respektieren, strömen die aufgeheizten Massen ins Capitol. Wird aus Menschen ein Mob. Werden die quersten Theorien verfolgt mit einer Inbrunst der Überzeugung, die irritiert – hartnäckig auf Straßen und im Internet. Wo die Grenzen nicht mehr angesehen werden, liebevoll angesehen werden, da wachsen die Kinder ohne Anlehnung auf, wird es regellos und Unruhe ist die Folge – kein Kind weiß mehr, wie es zur Ruhe finden soll. Oft ist ein übermäßiger Medienkonsum Ursache der Desorientierung bei Kindern und Erwachsenen. Die Kleinen können die Flut nicht verarbeiten und reagieren mit Unruhe, Störungen. Die erwachsenen Menschen können das ebenfalls nicht und flüchten sich in Chaträume, in denen die ihnen passende Meinung ungefragt verbreitet wird.

Immer geht die eigentliche Gabe, die Aufgabe verloren. Kinder brauchen Ruhe und Räume in denen sie ihre eigenen Entdeckungen machen können, wir brauchen das Gespräch, den Austausch mit Andersdenkenden, mit Antworten, die eine Diskussion ermöglichen. Ehrlich gesagt, die Diskussion mit andersdenkenden Menschen ist eine schwere Aufgabe. Demokratie hat aber in ihr die lebendige Grundlage, die sie braucht. Jede Familie weiß, die täglichen Dinge und die großen Entscheidungen müssen miteinander besprochen werden. Das ist in der Gesellschaft nicht anders. Das soll in einer Kirchengemeinde genauso sein. Nur so findet jede/ jeder, der seinen Platz, sein Amt lebt, seine Gabe. Dabei werden aus sorgenden Eltern zu versorgende Senioren, aus unmündigen Kindern handlungsfähige Töchter und Söhne. Gaben und Aufgaben haben ihre Zeit. Wenn es gut geht, so gibt mein Platz mir auch viel mehr zurück als nur das Gefühl etwas zu tun. Mein Tun hat Antworten, andere reagieren auf das, was ich als meine Aufgabe ansehe, Lob und Kritik – immer entsteht ein Bezug zur Welt zu den Menschen um mich herum. Wer ganz allein, wie in einem Turm, seinen Tag verbringt, ist nicht glücklich. Das ist die Ursache für viele Seelsorge-Gespräche in der letzten Zeit. Der Lockdown hinterlässt Spuren.

Beziehung, Begegnungen und ihr Wert im Leben werden deutlich spürbar.

Sie sind die Grundlage jeden Rechts, jeder Gerechtigkeit, jeder Ordnung.

Wie kann es gelingen, dass wir uns gut fühlen an unserem Platz, wirksam in dem was wir tun?

3 »Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. 4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Mein Platz, meine Aufgabe – das braucht jeder Mensch, ob klein oder groß.«

Verbunden sind wir im Bild des Organismus, das Paulus hier verwendet. Meine Grenzen, um der Räume der anderen Menschen zu achten und zu respektieren, ist die Kunst, die er fordert – vielleicht liegt hier auch das Geheimnis der Beziehung zu Gott. Er begegnet uns mit Liebe, oder hier im Ausdruck der Barmherzigkeit. Ein gutes, ein altes Wort in unserer Sprache. Barm heißt „etwas unterhalten, pflegen“ und herzig bedeutet es mit eben ganzem Herzen tun. »Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.«

Seinen Ursprung hat dieses Wort in der Verbindung von »rachamím« (רחמים, „Erbarmen“). Weil wir zusammengehören – darum ist unser Tun immer auch mit einem tätigen, mitfühlenden Handeln verbunden. So wie eine Mutter sich ihrer Kinder »erbarmt« handelt Gott, können wir handeln. Hat Paulus in der Thora gelernt.

Erst dann wird die Mutter ihrer Aufgabe, ihrem Amt gerecht, erst dann kann Leben in Gemeinschaft gelingen.

Alles öffentliche Recht basiert darauf. Alle Begrenzung will nichts anderes ermöglichen als gemeinsames Leben.

Das ist im Moment kaum spürbar. Wir sind in vielem voneinander getrennt – Ziel der Trennung aber bleibt das gemeinsame Leben wieder zu ermöglichen.

Wie unbarmherzig geht es zu in der weiten Welt – habe ich zu Beginn festgestellt. Habe gefragt, was ein Pfarrer dazu sagen kann, wenn es mehr als eine Floskel sein will.

Paulus entwirft uns ein Bild des Zusammenlebens, das im Kleinen und Großen Räume öffnet und Ansprüche begrenzt. Ein Bild, das mich zum Nächsten werden lässt, das wir mit dem Herzen bei dem sind, was wir tun. Dann kann ein Gespräch sein zwischen verschiedenen Meinungen ohne Angst vor Machtverlust, ein Wahrnehmen der Bedürfnisse von kleinen und großen Menschen, das Raum hat für das, was jeder braucht, ein Handeln, in dem wir ganz Mensch sein können und mit Gott verbunden. Amen.