Moderne Jugend?

Jungsein in den Franckeschen Stiftungen, 1890–1933
Ausstellung

Ausstellungsgrafik von »Moderne Jugend«: Sie sehen ein Zitat der Schülerin Barbara Holdefleiß aus dem Jahr 1927: »Von da an fing ich an, über die Dinge für mich selbst nachzudenken.«

Die Jahresausstellung »Moderne Jugend?« widmet sich als einzige Ausstellung im Bauhaus-Jubiläum der Lebensphase Jugend in der Zeit der »Klassischen Moderne«. Sie tut dies am Beispiel der Franckeschen Stiftungen, die bis heute ein authentischer Ort jugendlichen Lebens sind und einen herausragenden Quellenreichtum besitzen, der hier erstmals gezeigt wird. Zeitlich setzt die Ausstellung 1890 ein, zwei Jahre nach der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. ein, und sie endet 1933 mit der Schließung des Bauhauses. Den Ausgangspunkt bilden über 170 Lebensläufe von Schülerinnen und Schülern, in denen sich die Umbrüche der Zeit auf eindrückliche Weise spiegeln: die beginnende Emanzipation und Individualisierung, die Wirkungen und Möglichkeiten der Massenmedien, die Wunden und Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und ebenso die Entstehung der Kunst der Klassischen Moderne. Der multimedial aufwendig inszenierte Ausstellungsparcours präsentiert rund 400 Exponate, darunter über 300 zeitgenössische Fotos und Selbstzeugnisse von Jugendlichen, eine Vielzahl an originalen Film- und Tondokumenten sowie wertvolle Leihgaben bedeutender Werke der Neuen Sachlichkeit. Ein komplexes Panorama der Moderne entsteht, das der jugendlichen Lebenswelt erstaunlich nahekommt und ebenso einen zeitlosen Blick auf die Lebensphase Jugend wirft.

Das Klassenzimmer

»Wir wurden nicht behandelt wie Schulkinder, die nichts zu denken und zu sagen haben, sondern wie selbstständig denkende und urteilende Menschen.«

Die Jugend als eigenständiger und gesellschaftlich anerkannter Lebensabschnitt entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Besonders in den Städten richtete sich der gesellschaftliche Blick zunehmend auf die Jugend. Vielen wurde sie zum Ideal, aber auch zum Instrument: Staat, Kirche, Parteien, Schule und Familie versuchten gezielt, sie nach ihren Vorstellungen zu formen. Die Franckeschen Stiftungen, in denen Jungen und Mädchen aller Gesellschaftsschichten unterrichtet wurden, sahen sich christlich-überzeitlichen wie auch preußisch-kaiserlichen und deutsch-nationalstaatlichen Werten verbunden. Welche Rolle spielten die Stiftungsschulen im Lebenslauf der Schülerinnen und Schüler?

Der Schauplatz

»Immer wieder quälte mich die Frage: Warum mußte gerade unser Vater sterben?«

Der stürmische Gesellschaftswandel in der Moderne, vorangetrieben durch Industrialisierung, Urbanisierung und kulturelle Aufbrüche, bestimmte den Verlauf der Jugendzeit ebenso mit wie das weltpolitische Geschehen zwischen Kaiserreich, Erstem Weltkrieg und Weimarer Republik. Wie wirkten sich die Umbrüche, Militarisierung und Kriegserfahrung auf die Jugendlichen aus?

Die Werkstatt

»Ich fühlte mich zum Ingenieur berufen, zeigte auch einige technische Fähigkeiten. So baute ich mir zum Beispiel einen Rundfunkapparat.«

Waren es um 1900 noch die klassischen Druckmedien, eroberte ab 1905 das Kino die Städte und seit den 1920er Jahren galt der Hörfunk als das moderne Medium schlechthin. Zeitgenössische Ton-, Text- und Filmdokumente gehen der Wirkung moderner Massenmedien nach: Dienten sie eher als Informations- und Indoktrinationsmittel oder als eigene, jugendliche Ausdrucksform?

Der Ring

»Ich strebe danach, die Reinheit der Idee zu finden und will schaffen, sie als Künstler gestalten.«

Im Manifest der Künstlergruppe Brücke von 1906 heißt es: »[…] rufen wir alle Jugend zusammen und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen«. Hochkarätige Kunstwerke des Expressionismus und vor allem der Neuen Sachlichkeit ermöglichen einen sehr spezifischen Blick auf die Jugend, die in der Moderne erstmals zu einem eigenständigen künstlerischen Motiv wird. Herausragend sind hier auch die Arbeiten des ehemaligen Stiftungsschülers Wilhelm Krieg.

Das Stadion

»Schon früh zog mich der Sport in seinen Bann.«

Fußball, Turnen, Ausdruckstanz: Körperkultur und moderner Sport entwickelten sich nach 1900 zu einem gesellschaftlichen Massenphänomen. Sport wurde nicht nur in Schulen und Vereinen getrieben, sondern prägte ganz entscheidend die Freizeit der Jugend. Der Erfolg der Körperkultur machte auch für Mädchen und junge Frauen die moderne Gymnastik bis hin zum ›wilden‹ Tanz salonfähig.

Die Reifeprüfung

»Und immer ist das junge Herz in Unruhe, ob es gewinnen oder verlieren, ob es sich freuen oder ob es leiden soll.«

In der Ausstellung trifft der Erwartungshorizont von Erwachsenen auf die Lebenswelt der Jugendlichen: Werden Schule und Bildungsperspektiven eher als Erfolgsgeschichten begriffen oder hinterlassen sie ein Gefühl der Krise oder des Scheiterns? In zahlreichen Dokumenten aus dem Archiv der Franckeschen Stiftungen kommen die Jugendlichen selbst zu Wort. Sie geben Einblicke in ihren Alltag, ihre Sorgen, Ängste, Träume und Glücksmomente. Häufig gehörte schon der Tod zum jungen Leben. Doch vor allem zeigen sie junge Menschen, die lebten und lachten, für Tanz, Kino oder Sport schwärmten, sich für Kunst begeisterten und nach der Liebe ihres Lebens suchten.

Angebote

Moderne Jugend? –

Museumspädagogisches Angebot
Klassen 7–12
moderierter Rundgang

Ausstellungsgrafik von »Moderne Jugend«: Sie sehen ein Zitat der Schülerin Barbara Holdefleiß aus dem Jahr 1927: »Von da an fing ich an, über die Dinge für mich selbst nachzudenken.«

Die Jahresausstellung „Moderne Jugend?“ beleuchtet die Lebensphase Jugend im Zeitraum von 1890 bis 1933. In welchem Maße unterscheidet sich die Lebenswelt von Jugendlichen in der Weimarer Republik von der heute? Welche Erwartungen wurden an Mädchen und Jungen gerichtet? Und wie beschrieben junge Menschen ihr Leben in der Zeit? Diese und viele weitere Fragen werden im Rahmen des Rundgangs behandelt.
(Geschichte, Politik)

Info

  • Teilnehmer: 30 SchülerInnen
  • Dauer: 90 Minuten
  • Kosten: 30 Euro bis 15 SchülerInnen, 60 Euro bis 30 SchülerInnen
  • Treffpunkt: Haus 1 - Historisches Waisenhaus