Fromme Gefühle. Bilder und Texte in Büchern des Pietismus

Kabinettausstellung in der Historischen Bibliothek
Ausstellung

Beherrschung der Affekte, Herzensfrömmigkeit und Tränen der Reue: der Pietismus als Frömmigkeitsbewegung nutzte die Macht der Gefühle, um die Haltung zu Gott im Inneren der Gläubigen aufzuspüren und sie in der Gemeinschaft bezeugen zu lassen. In den frommen Schriften der Bewegung ist das Ziel – die Stärkung des individuellen religiösen Empfindens und die Anleitung zu einem frommen, sittlichen Leben – heute noch nachlesbar. Die Kabinettausstellung in der Historischen Bibliothek stellt die frommen Gefühle in Büchern des Pietismus an Kleinoden aus der Sammlung der Franckeschen Stiftungen vor. Im stadtweiten Themenjahr »Macht der Emotionen« zeigt die Schau eine Auswahl der Gefühle, die beim Betrachten der Illustrationen und beim Lesen in den Bibelausgaben und erbaulichen Schriften evoziert werden sollten.

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Buße und Bekehrung
Buße und Bekehrung beschreiben einen Prozess der Umkehr und Erneuerung im Glauben zur Erlangung wahrer Gotteskindschaft. Die Gläubigen durchlebten dabei eine breite Palette von Gefühlen – von tiefer Verzweiflung bis zur reinen, vollkommenen Freude. Bekehrungserzählungen, Predigten, Gebete und Lieder begleiteten die Gläubigen mit einer »einfältigen« Sprache auf ihrem Weg zur ewigen Seeligkeit. In mehrteiligen Bildprogrammen auf Titelkupfern, wie in Johann Heinrich Reitz` Historie der Wiedergebohrnen (1716) und in Johann Porsts Theologia Viatorum Practica (1722), wurden die Stationen des Heilswegs anschaulich in Szene gesetzt und sprachen Sinne und Verstand gleichermaßen an.

Erwünschte und unerwünschte Gefühle
Das Leben in Gottesfurcht und täglicher Glaubenspraxis führten zu einer Disziplinierung der Gefühle. Heftige Affekte sollten vermieden werden, wohingegen Demut, Geduld, Selbstbeherrschung und Seelenruhe einen wahren Gläubigen auszeichneten. Das Lesen von frommen Exempelgeschichten, selbst für Kinder, Anleitungen in der rechten Lebensführung und tägliches Tagebuchschreiben dienten der Vermeidung unerwünschter Affekte.

Das fromme Herz
Die persönliche Herzensbeziehung zu Gott spielt traditionell in der christlichen Ikonographie eine herausragende Rolle. Der Pietismus bediente sich dieser Bilder der Herzensfrömmigkeit im Kontext von Bekehrung und Wiedergeburt. Gebets- und Predigtliteratur, aber auch die darin enthaltenen Kupferstiche sollten sowohl Emotionen ausdrücken als auch bei den Betrachtenden auslösen. Das belegen beispielsweise eindrucksvoll zahlreiche Kupferstiche in Johanna Eleonora Petersens Hertzens-Gespräch mit Gott (1694). 

Der körperliche Ausdruck von Gefühlen
Im Verständnis der Zeit wurden Gefühle als körperliche Phänomene und Erfahrungen verstanden. Tränen, Weinen, Seufzen, Knien und Beten drückten Gefühle aus, wobei Tränen und Weinen sowohl mit Sündenerkenntnis und Reue als auch mit Freude verbunden sein konnten. In seltenen Fällen, wie bei den so genannten »begeisterten Mägden«, kam es sogar zu Ausdrucksformen religiöser Ekstase und Verzückung.

Die emotionale Gemeinschaft
Gemeinsames Beten und Singen, das Vorlesen pietistischer Erbauungsliteratur in der Hausgemeinschaft, divinatorische Praktiken, wie Losen, Däumeln oder Nadeln, dienten der Stärkung der pietistischen Bewegung und erzeugten eine emotionale Verbundenheit. Sie begleiteten den Gläubigen ein Leben lang bis zu seiner Sterbestunde. In sogenannten »Letzten Stunden«, einer beliebten Gattung der pietistischen Erbauungsliteratur, wurde das vorbildhafte Sterben der Bekehrten im Beisein ihrer Angehörigen und des Pastors als Trost und Stärkung für die Leser und Leserinnen mit bewegenden Worten dargestellt und verbreitet.