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Franckesche Stiftungen sehen keine internationale Unterstützung für den Welterbeantrag

Interview mit Prof. Dr. Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen, nach dem Urteil von ICOMOS International zum Welterbeantrag der Franckeschen Stiftungen

1. Wie ist der UNESCO-Bewerbungsprozess bisher verlaufen?

Die Franckeschen Stiftungen stehen seit 1998 auf der deutschen Tentativliste für die UNESCO-Welterbeliste. Die jetzige Landesregierung, insbesondere Herr Kultusminister Dorgerloh, hat es uns ermöglicht, den Antrag zu erarbeiten. Diese Chance haben wir selbstverständlich ergriffen und haben den Antrag in einem sehr konzentrierten Prozess innerhalb von 2 Jahren erarbeitet. Wissenschaftlich fundiert und fachlich gestützt enthält er alle grundlegenden Argumente und Begründungen für die Aufnahme der Franckeschen Stiftungen in die begehrte Welterbeliste. Für das Bewerbungsverfahren gibt es strenge Richtlinien, entsprechend denen wir im August 2014 den Antrag zum ersten Mal ICOMOS International zur Vorprüfung vorgelegt haben. Hier wurde zunächst die Vollständigkeit geprüft. Ein Signal, dass unser Antrag grundlegend verfehlt wäre, hat es weder zu diesem noch zu einem anderen Zeitpunkt gegeben. Im Dezember 2014 wurde der endgültige Antrag dem Land zur Weiterleitung an das Welterbekomitee in Paris über die Kultusministerkonferenz - denn der eigentliche Antragsteller ist die Bundesrepublik Deutschland - übergeben. Die formale Annahme des Antrags wurde uns im Februar 2015 mitgeteilt. Im September 2015 fand eine Begehung in den Franckeschen Stiftungen statt, zu deren Vorbereitung wir keine zusätzlichen Nachfragen oder Vertiefungswünsche erhielten. Auch unsere Vorschläge für die Begehung wurden ohne größere Änderungswünsche akzeptiert. Nur wenige Tage danach erhielten wir aus Paris einen Fragenkatalog zu unserem Antrag, der aber aufgrund der Kürze der Zeit die Ergebnisse der Begehung nicht enthalten konnte. Die darin gestellten Fragen ließen keinerlei grundlegende Kritikpunkte erkennen. Für den 30. November 2015 wurden Vertreter der Stiftungen dann nach Paris zu ICOMOS International eingeladen mit der Ankündigung, dort über Einzelheiten und Inhalte unseres Welterbeantrages zu diskutieren. Auf der Basis dieser Verfahrensschritte gibt ICOMOS International daraufhin eine Empfehlung an die UNESCO ab.

2. Was ist in Paris passiert?

Die Gesprächssituation in Paris war anders, als es der Einladungsbrief ausdrücklich angekündigt hat. Uns wurde umstandslos der Beschluss von ICOMOS International mitgeteilt, dass unser Antrag nicht unterstützt wird. Es folgten einige pauschalisierende Begründungen. Wir haben dann versucht einzuhaken und nachzufragen, ins inhaltliche Gespräch zu kommen, aber es herrschte keine diskursive Atmosphäre. Da das ganze Verfahren ja von seiner Anlage her eigentlich auf einen Diskurs angelegt ist mit unterschiedlichen Zwischenevaluierungsstufen und Rückfragemöglichkeiten, waren alle Beteiligten in der deutschen Delegation, die neben uns aus einer Vertreterin des Auswärtigen Amts sowie eines Mitarbeiters der ständigen Vertretung Deutschlands bei der UNESCO bestand, tatsächlich völlig überrascht.

3. Was sehen die UNESCO-Regularien jetzt vor?

Nach diesem Gesprächstermin sehen die Regularien keine Möglichkeiten mehr vor, inhaltliche Änderungen oder Nachbesserungen vorzunehmen. ICOMOS International verfasst nun seine Empfehlung für die UNESCO-Kommission. Für diese Empfehlungen gibt es vier Abstufungen. Ganz oben steht die Empfehlung zur Einschreibung, die nächste Stufe sieht ein Referral vor, das ist eine Rückgabe des Antrags mit Auflagen zur Überarbeitung, auf Platz 3 steht das Deferral: der bewerbenden Einrichtung wird erlaubt, den Antragsprozess von vorne zu beginnen und einen ganz neuen Antrag zu erarbeiten, und an vierter Stelle steht die vollständige Ablehnung. In diesem Falle sind die Chancen, dieselbe Stätte jemals wieder ins Rennen zu bringen, nahezu aussichtslos. Auf diplomatischem Wege könnte man mit sehr viel Mühe und Glück diese Komplettablehnung in ein Deferral verwandeln. Eine Komplettablehnung in eine Einschreibung zu verwandeln, ist dagegen nicht möglich. In der Situation, in der sich die Franckeschen Stiftungen jetzt befinden, gibt es auch die Möglichkeit, den Antrag zurückzuziehen und wieder auf die Tentativliste zu gehen. So kann der Antrag zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eingereicht werden.

4. Was ist der nächste Schritt?

Das Kuratorium der Franckeschen Stiftungen ist nach unserer Rückkehr aus Paris kurzfristig zu einer Sitzung zusammengekommen und hat vereinbart, zunächst einen Moment innezuhalten. Danach haben wir die Öffentlichkeit über den Stand der Dinge informiert. Die Entscheidung über die nächsten Schritte obliegt dem Kuratorium der Franckeschen Stiftungen, das am 7. Januar 2016 dafür zusammentritt.

5. Welche Erfahrungen aus dem Antragsverfahren werden die Arbeit der Franckeschen Stiftungen weiter begleiten?

Natürlich wollen wir diesen hochrangigen Titel erwerben. Trotzdem können wir schon heute sagen, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt, der für uns einen schwierigen Rückschlag bedeutet, sehr viel erreicht haben. Darauf können wir stolz sein. Wir haben in dem intensiven, von neun international renommierten Wissenschaftlern begleiteten Antragsprozess grundlegend neue Erkenntnisse über die Architektur, über die Baugeschichte, über die Formensprache der Franckeschen Stiftungen gewonnen. Und dann haben wir es geschafft, ein neues Interesse in der Stadt und in der Region für die Franckeschen Stiftungen und für ihre Themen zu wecken, wie wir uns das nicht besser hätten wünschen können. Wir waren überwältigt davon und wir werden an dieses neue Interesse und die Sympathiewelle anknüpfen, für die ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte.

 

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