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Warum wir Welterbe werden wollen

Waisenhaus und Bildungsarchitektur
Der UNESCO-Beauftragte der Franckeschen Stiftungen Prof. Dr. Holger Zaunstöck im Gespräch

Für die Aufnahme in die Welterbeliste ist der Nachweis eines „außergewöhnlichen universellen Wertes“ wichtig. Was macht die Franckeschen Stiftungen welterbewürdig?

Die grundlegende Idee des UNESCO-Welterbes ist, ein materielles Kulturerbe zu schaffen, das für die gesamte Menschheit gilt und das nationale Grenzen überspringt. Das heißt, es geht um Stätten, die in irgendeiner Form – sei es etwa in Bezug auf die Architektur, die Baufunktion, auf verschiedene Zeitepochen oder auf verschiedene Regionen der Welt – so bedeutend und singulär sind, dass sie für die Weltgeschichte sehr, sehr hohe Signifikanz haben und deswegen in diese Liste aufgenommen werden. Wir sind der Überzeugung, dass die Franckeschen Stiftungen einem solchen exquisiten Anspruch gerecht werden. Denn sie stehen sozusagen stellvertretend für die menschheitsgeschichtliche Aufgabe, sich um die Waisen, um die Armen, um die Benachteiligten zu kümmern, aber auch grundsätzlich für die Bedeutung der Bildung innerhalb von Gesellschaften überhaupt. Und diese grundlegenden menschheitsgeschichtlichen Aufgaben der Fürsorge und der Bildung sind hier in Halle zum ersten Mal in der Vormoderne systematisch zusammengeführt und zu einem neuen Gesamtkonzept entwickelt worden, welches Modellcharakter hatte. Und dafür ist mit den Franckeschen Stiftungen auch eine ganz neue Architektur entstanden, die dann ebenfalls modellhafte Züge aufwies. Kurzum, wenn man sich die Geschichte von Sozialfürsorge und Bildungsarchitektur ansieht, bilden die Stiftungen einen ganz entscheidenden Wendepunkt im internationalen Vergleich.

Es gibt verschiedene Kriterien für die Aufnahme. Welche sind für die Stiftungen relevant?

Für Weltkulturerbe-Stätten hat die UNESCO sechs Kriterien (I–VI) definiert. Die Franckeschen Stiftungen bewerben sich unter zwei Kriterien um die Aufnahme. Das Kriterium IV beschreibt „ein hervorragendes Beispiel eines Typus von Gebäuden, architektonischen oder technologischen Ensembles oder Landschaften“, das  „einen oder mehrere bedeutsame Abschnitte der Geschichte der Menschheit“ versinnbildlicht. Da es sich bei der Welterbe-Konvention um eine „site based convention“ handelt, ist dieses Kriterium von zentraler Bedeutung. Im Antrag wird durch ausgewiesene Fachgutachter umfassend dargelegt, dass die Stiftungen ein einzigartiges Beispiel vormoderner Sozial- und Bildungsarchitektur sind. In dieser ganz besonderen Architektur mit dem repräsentativen Waisenhaus haben sich Franckes Ideen materialisiert. Deshalb streben wir außerdem eine Einschreibung nach Kriterium VI an, welches Stätten umfasst, die „in unmittelbarer oder erkennbarer Weise mit Ereignissen oder überlieferten Lebensformen, mit Ideen oder Glaubensbekenntnissen oder mit künstlerischen oder literarischen Werken von außergewöhnlicher universeller Bedeutung verknüpft“ sind. Hierzu wird herausgestellt, dass die Stiftungen das Zentrum eines weltumspannenden Korrespondenz- und Aktionsnetzes waren, das die global angelegten Reformpläne von Halle aus in die Welt verbreitete. Betont wird ebenfalls, dass in den Stiftungen der Wandel der Sozialfürsorge weg vom Almosenwesen hin zur Bekämpfung sozialer Not mit den Mitteln der Bildung und Erziehung – und das für Jungen wie für Mädchen – erstmals umgesetzt wurde, verbunden mit einer auf die individuelle Begabung orientierten Pädagogik.

Was genau ist für das UNESCO-Welterbe nominiert?

Jede Stätte, die weltweit aufgenommen werden will, muss zwei Dinge definieren. Sie muss das eigentliche Kernensemble definieren, das in die Welterbe-Liste eingeschrieben werden soll. In den Franckeschen Stiftungen umfasst das nominierte Welterbe die um den zentralen Lindenhof liegenden Bauten, welche zwischen 1698 und 1748 unter August Hermann Francke und seinen Nachfolgern errichtet wurden – vom Historischen Waisenhaus im Westen bis zum Francke-Denkmal im Osten. Darüber hinaus gibt es eine sogenannte Pufferzone, die das eingeschriebene architektonische Gut umschließt und schützen soll.

Zur Pufferzone gehört auch ein Teil der Hochstraße. Welche Rolle spielt dies für die Bewerbung?

Die Pufferzone soll in unserem Fall vor allem die visuelle Integrität schützen. Denn die einzigartige Architektur der Stiftungen definierte sich in der Vergangenheit und definiert sich auch heute noch durch ihre Erhabenheit und ihre Wahrnehmbarkeit durch Sichtachsen. Und diese Sichtachsen müssen freigestellt und heute noch wie vor 300 Jahren erlebbar sein. Insofern bedarf es einer Pufferzone, um zu verhindern, dass künftig unmittelbar um die Stiftungen z. B. Bürohochhäuser oder vergleichbare Großbauten entstehen. Die Hochstraße leistet diesbezüglich einen konservierenden Effekt, obwohl sich das hohe Verkehrsaufkommen natürlich auch belastend auf die Stiftungen auswirkt. Gleichwohl ist durch sie die historische Stadtgrenze zwischen Altstadt und Glaucha, zur Erbauungszeit im frühen 18. Jahrhundert durch Stadtmauer und Stadtgraben eindeutig definiert, bis heute als Zäsur physisch erfahrbar. Die Lage vor den Toren der Stadt Halle wählte Francke bewusst, um der städtischen Enge eine neue, großzügige und lichtdurchflutete Architektur gegenüberzustellen. Im UNESCO-Kontext bedeutet dies, dass künftige stadt- und verkehrsplanerische Überlegungen berücksichtigen müssten, dass eben diese Zäsur erhalten bleibt.

Im Mittelpunkt des Kernensembles steht das Historische Waisenhaus. Was macht es so einzigartig?

Dieser Bau ist etwas ganz Besonderes. Denn er vereinigt  Elemente von Rathäusern, Schlössern, von Stadtpalais` sowie auch von Klöstern und Bildungsanstalten aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu einem ganz neuen, bis dahin nicht bekannten Bautyp. Dieser Bautyp fügte dem europäischen Barock eine gänzlich neue Facette hinzu, die ein Ausdruck des nüchternen, aber erhabenen Stils des pietistischen Protestantismus war. Das kann man besonders an der großartig reduzierten, sozusagen  „entschmückten“ Fassade sehen. Das Waisenhausdach überrascht als eines der frühesten Mansarddächer in Deutschland überhaupt, was gleichsam einen architektonischen Trend vorwegnahm. Es ist frappierend, dass eine damals so neuartige Konstruktionsform und das dafür nötige Know-how für ein Waisen- und Schulhaus Anwendung fand und nicht etwa für ein Schloss oder Palais. Insofern ist das Gebäude in sich singulär für die Zeit um 1700, was dann auch Vorbildcharakter für andere Bauten mit ähnlichen Funktionen hatte. Beispiele finden sich u.a. in Zürich, Potsdam und Kopenhagen. Entscheidend dabei ist, dass man erst mit dem Halleschen Waisenhaus von einem eigenständigen Bautyp Waisenhaus sprechen kann. Denn Waisenhäuser wurden bis dahin immer in anderen Bauensembles wie z. B. Klöstern oder Bürgerhäusern untergebracht.

Welche außergewöhnlichen Gebäude sind noch zu erwähnen?

Natürlich der wohl größte Fachwerkwohnhausbau Europas aus der Zeit um 1700, das sogenannte „Lange Haus“ im oberen Lindenhof. Mit seinen 115 Metern Länge und bis zu sechs Stockwerken stellt es das Maximum der Ingenieurstechnologie seiner Zeit dar. Mehr im Sinne von höher, länger, breiter konnte damals im Fachwerk nicht gebaut werden. Das Lange Haus ist aber noch aus einem anderen Grund ein ganz besonderer Bau. Denn die durchgehende Fassade vermittelt die Anmutung eines einzelnen Gebäudes, besteht aber in Wahrheit aus drei Einzelgebäuden, die direkt aneinander gefügt worden sind. Die Fassade ist dabei so minimiert und vereinfacht, dass hier von der ersten Rasterfassade im Fachwerkhausbau gesprochen werden kann, die später im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert flächendeckend industriell angewandt worden ist. Man kann das sehr schön daran sehen, dass das Fachwerk vor allen Dingen durch seine horizontalen und vertikalen Balken und Verstrebungen sichtbar wird. Die diagonalen Verstrebungen, die es in den Gefachen ebenfalls gibt, wurden bewusst überputzt. So ergibt sich eine serielle, klar gerasterte und strukturierte Fassade in einer bis dahin gänzlich ungewöhnlichen Größendimension.

Welche Kriterien müssen neben dem außergewöhnlichen universellen Wert für die Bewerbung noch erfüllt sein?

Die Integrität, d.h. die Unversehrtheit, und die Authentizität, also die historische Echtheit des architektonischen Gutes. Dafür ist ganz zentral, dass das nominierte Welterbe aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollständig erhalten ist. Die Franckeschen Stiftungen wurden über 300 Jahre lang analog der ursprünglichen Funktionen genutzt und konnten nach dem weltpolitischen Umbruch von 1989/90 umfassend gerettet und restauriert werden. Die kulturgeschichtlich einzigartigen Gebäude und die Intentionen der Architektur sind so heute am originalen, historisch authentischen Ort erlebbar. Dazu zählen auch die Kunst- und Naturalienkammer und die Bibliothek.

Wie muss man sich den Antragsprozess vorstellen?

Nach zweijähriger Arbeitszeit wurde im Sommer 2014 der Antrag auf Einschreibung in die Welterbeliste fertig gestellt und ins Englische übersetzt. Im Herbst haben wir nach der formalen Vorprüfung der Antragsunterlagen durch das Welterbezentrum in Paris grünes Licht für deren offizielle Einreichung erhalten. Zum Ende des Jahres 2014 haben die Stiftungen den Antrag dann der Landesregierung in Magdeburg übergeben, von wo aus er seinen Weg nach Paris genommen hat. Bis zum Frühjahr 2016 wird er nun einer eingehenden Prüfung unterzogen. Im Juni 2016 wird die Entscheidung bekannt gegeben. Drücken Sie die Daumen!

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