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Geschichte der Franckeschen Stiftungen

"Franckens Stiftungen" im 18. Jahrhundert


Der Aufbau der "Glauchaschen Anstalten"

Als der pietistische Theologe und spätere Pädagoge und "Unternehmer" August Hermann Francke (1663-1727) 1692 in Glaucha eine Pfarrstelle übernahm, war die Kleinstadt vor den Toren Halles von Krankheiten, Kriegsfolgen und sozialer Verwahrlosung gezeichnet. Dem begegnete Francke zunächst mit der Durchsetzung strenger Gemeinderegeln und der Gründung einer Waisenschule. Motiviert durch eine großzügige Spende, unterstützt von der preußischen Regierung und kritisch beäugt von Teilen der halleschen Stadtbevölkerung, erreichte er 1698 den Bau des großen Waisenhauses, der 1700 fertig gestellt werden konnte. Genial nutzte er das Lehrpotential der Studenten im Tausch gegen Kost für seine Schule. Deren Qualität überzeugte Bürgertum und Adel, die um eigene Schulen für ihre Stände baten. Das resultierende Schulgeld war eine der Einnahmen, die den Stiftungen zu Gute kamen. Im hohen Maße profitierten die Anstalten aber auch von der Gunst der Hohenzollern, die staatliche Vergünstigungen und Privilegien vergaben. Daneben spielten Zustiftungen und Spenden eine Rolle. Vor allem waren es aber eigene Unternehmen und Betriebe, die gewinnbringend arbeiteten und dem Sozial- und Bildungswerk ein so rasantes Wachstum ermöglichten. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts war der Lindenhof, fast so wie wir ihn heute kennen, fertig gestellt.

Zu den von Francke gegründeten Erwerbsbetrieben gehörten die Druckerei, die Buchhandlung und die Apotheke. Ab 1710 wurde auf Initiative des Berliner Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein (1667-1719) die Cansteinsche Bibelanstalt gegründet, die sich für die Verbreitung der Bibel mittels preiswerter Druckausgaben einsetzte. Daneben wurde seit 1708 dreimal wöchentlich die „Hallesche Zeitung“ publiziert, die in abgewandelter Form als Tageszeitung bis 1995 Bestand hatte.

Lokal prägend bei weltweiter Ausstrahlung

Neben der Funktion des Pastors und Waisenhausdirektors war August Hermann Francke Professor an der Theologischen Fakultät der 1694 gegründeten Universität Halle. Francke reformierte die theologische Ausbildung im Sinne des Pietismus: Bibelstudium und die zukünftige Amtstüchtigkeit der Studenten rückten gegenüber theoretischer Gelehrsamkeit in den Vordergrund. Die neue Ausbildung in Halle verhalf dem Pietismus zum Durchbruch. Ein Großteil der brandenburgisch-preußischen Theologen hatte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Halle studiert und die Theologische Fakultät bestimmte die Besetzung der wichtigen Kirchenämter in Brandenburg-Preußen.
Zeitgleich genoss Franckes nimmermüder Reformeifer hohes Ansehen. Seine bahnbrechenden pädagogischen und methodischen Neuerungen verfolgten das Ziel, eine neue Generation frommer, gut ausgebildeter und tatkräftiger Christenmenschen heranzuziehen. Seine innovativen organisatorischen und technischen Ideen erlaubten die schnelle und ausdauernde Blüte der Anstalten.

Die Stiftungen wurden Halles Tor zur Welt. Im 18. Jahrhundert wirkten pietistische Geistliche in Russland, Polen, Böhmen, Slowenien, Skandinavien und im Baltikum. Auf Einladung des dänischen Königs gelangten sie ab 1706 nach Südindien. Dort gründeten hallesche Pietisten die erste protestantische Mission der Kirchengeschichte. 1742 wurde Heinrich Melchior Mühlenberg (1711-1786) von den Franckeschen Stiftungen in die Kolonien Nordamerikas ausgesandt. Er ging als Patriarch der lutherischen Kirche Nordamerikas in die Geschichte ein. Seine Söhne, ebenfalls im halleschen Waisenhaus erzogen, zählen zu den Gründungsvätern der amerikanischen Demokratie und genießen dort hohe Verehrung.
Francke, ein begnadeter Kommunikator und Öffentlichkeitsarbeiter, baute ein weltweites Korrespondenznetz auf. Darüber verbreitete er die Reformideen des Halleschen Pietismus bis in die entlegensten Weltregionen. Umgekehrt erreichten ihn von überall her Informationen aus allen denkbaren Wissensgebieten, die er für den Ausbau seines Reformwerkes nutzte.

Die Anstalten nach dem Tod Franckes 1727

Franckes Nachfolger führten das Werk in seinem Sinne fort. Franckes Sohn Gotthilf August bewies viel Geschick bei der Erhaltung und Ausweitung der internationalen Kontakte, vor allem in die Kolonien Nordamerikas. Gemeinsam mit Johann Anastasius Freylinghausen, Schwiegersohn August Hermann Franckes, sorgte er für die Vollendung bereits geplanter Bauvorhaben. Der enge Kontakt zur Universität blieb bestehen, die Unternehmen Franckes blieben erfolgreich, auch wenn nach 1740 mit Friedrich II. kein ausgewiesener Freund der Halleschen Pietisten Preußen regierte.
Das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts war für die Franckeschen Stiftungen eine Krisenzeit. Die Aufklärung bestimmte die geistige Entwicklung und der Pietismus wurde als rückständig wahrgenommen. Die Stiftungsschulen verloren rapide an Ansehen, Einfluss und Weltläufigkeit.

Die Franckeschen Stiftungen im 19. Jahrhundert

Erst mit August Hermann Niemeyer (1754-1828), der 1799 Direktor der Stiftungen wurde, gelang eine behutsame Modernisierung. Geschickt setzte er aufklärerische Impulse und verhalf dem von Francke gegründeten Königlichen Pädagogium wieder zu neuem Ansehen. Dank seiner persönlichen Beziehungen zum preußischen König Friedrich Wilhelm III. gelang ihm die finanzielle Konsolidierung der Stiftungen, die aber durch die napoleonische Eroberung Halles 1806 erneut gefährdet waren. Das diplomatische Geschick Niemeyers erhielt die Stiftungen während der französischen Besatzung und nach der Rückeroberung durch Preußen 1813.
Auch nach dem Direktorat Niemeyers, das 1828 endete, wurden die Stiftungen weiter modernisiert. Die Schulen wurden zunehmend Teil des preußischen Schulsystems und verloren einen Teil ihrer Autonomie. Ihre Organisation und die Versorgung der Waisenkinder rückten ins Zentrum der „Schulstadt“. Durch weitere Schulbauten wurde das Areal stark verändert, der landwirtschaftliche Charakter ging verloren. Der wachsenden Bedeutung des Sports wurde durch den Bau von Turnhallen Rechnung getragen.

Die Franckeschen Stiftungen im 20. Jahrhundert

Im Kaiserreich war die Zahl der Schüler gesunken, doch blieb Einfluss und Ansehen der Stiftungen groß. Erschüttert vom Ersten Weltkrieg und den Unruhen der Nachkriegszeit gelang ein kurze Blüte, die von der Machtergreifung der Nationalsozialisten beendet wurde. Die Stiftungsschulen verloren ihren religiösen Charakter. Um den Preis nicht unerheblicher Kompromisse – so wurden die nationalsozialistischen Jugendbewegungen Teil des Schulalltags – behielten die Stiftungen ihr Eigenleben und weite Teile ihrer Traditionen. Im Zweiten Weltkrieg wurden während der Angriffe auf Halle auch Gebäude der Stiftungen durch Bomben beschädigt.

Auflösung und Verfall

Nach dem Krieg hob 1946 ein Erlass des Präsidiums der Provinz Sachsen die Rechtspersönlichkeit der Stiftungen auf. Die Schulgebäude, die Internate, die erwerbenden Betriebe sowie das gesamte Stiftungsvermögen wurden als "Franckesche Stiftungen, Pädagogisches Institut" in die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eingegliedert. Dieser Verwaltungsakt beendete vorläufig die 250 Jahre währende Geschichte der Franckeschen Stiftungen als eigenständige Einrichtung.

Aus den vormals christlich geprägten Stiftungsschulen wurde die sozialistische Einheitsschule. In den Stiftungen wurde die Arbeiter- und Bauernfakultät "Walter Ulbricht" errichtet, in der Arbeiter- und Bauernkinder auf das Abitur und ein Studium vorbereitet wurden. Baumaßnahmen in den 1970er Jahren, darunter die über das Stiftungsgelände führende Hochstraße, entstellten das Gesamtbild des Ensembles nachhaltig.
Weit schlimmer aber war der Verfall. Die historischen Gebäude wurden zu Ruinen. Die Holzkonstruktionen der Fachwerkhäuser waren von Hausschwamm, Nässefäule, Pilz- und Insektenbefall gezeichnet, der allgemeine bauliche Zustand verheerend.

Neues Leben in alten Mauern

Im Herbst 1989 begann mit der friedlichen Revolution in der DDR auch die "Wende" für die Franckeschen Stiftungen. Zusammen mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg setzten sich die Volkswagen-Stiftung und die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel für dringend notwendige Erhaltungsmaßnahmen ein. Durch neue Dächer konnte bereits 1989 der Verfall gestoppt werden. Mit der Gründung eines Freundeskreises startete 1990 auch die Appellaktion "Rettet die Franckeschen Stiftungen!" Heute zählt der Freundeskreis über 1200 Mitglieder und hat maßgeblichen Anteil daran, dass die Stiftungen 1991 als öffentlich-rechtliche Stiftung wiederhergestellt werden konnten. Mit der Verabschiedung einer neuen Satzung und der Einberufung des Kuratoriums unter dem Vorsitz von Hans-Dietrich Genscher nahmen die Stiftungen 1992 ihre Arbeit wieder auf.

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