AAA

Internationale Beziehungen

In den europäischen Machtzentren am beginnenden 18. Jahrhundert wurden die Reformideen August Hermann Franckes mit aufmerksamen Interesse verfolgt. Die preußischen Könige Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I. unterstützten Franckes Reformwerk durch weitreichende Privilegien, gewährten ihm großen Einfluss und modernisierten mit seiner Hilfe das Schul- und Sozialwesen im ganzen Land. Zum Hof Peters des Großen in St. Petersburg knüpften wichtige Mittelsmänner wie der Diplomat am englischen Hof und Autor der ersten russischen Grammatik, Heinrich Wilhelm Ludolf (1655-1712), Kontakte. Bereits 1698 suchten die Berater des Zaren für Bildungsfragen das Gespräch mit Francke in Halle. Die britische Königin Anne unterstützte englische Zöglinge am Halleschen Waisenhaus und die von Francke geprägten Hofprediger am Londoner Hof, Anton Wilhelm Böhme (1663-1722) und Friedrich Michael Ziegenhagen (1694-1776), wirkten als Vermittler des Halleschen Pietismus nach Südindien und Nordamerika. Auch zum dänischen König Friedrich IV. (1671-1730) hatte Francke engen Kontakt und der Pietismus beeinflusste in der Folge das dänische Kirchenwesen stark. Auf Wunsch des Königs errichteten Theologen aus Halle eine Missionsstation in der dänischen Handelsniederlassung Tranquebar in Südindien. Das war die erste protestantische Mission in der Geschichte.

Das historisch gewachsene internationale Netzwerk wird bis heute intensiv von den Franckeschen Stiftungen gepflegt.

Russland

FS_StPetersburg_klein  Karte von Sankt Petersburg

Es war die Reformpolitik Peters des Großen (1672-1725), die Halles Verbindungen nach Russland möglich machten. Zur Umgestaltung Russlands in einen modernen weltlichen Großstaat war der Zar auf westliche Berater angewiesen, die vor allem das höhere Bildungswesen aufbauen halfen. So leitete Laurentius Blumentrost – durch einen Freund seines Vaters mit den Franckeschen Stiftungen verbunden – ab 1716 den Aufbau der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Er wurde ihr Gründungspräsident. Francke baute vielfältige Beziehungen nach Russland auf. Seine Mitarbeiter gingen nach St. Petersburg, Moskau und nach Sibirien. Dort wirkten sie als Mediziner, Hauslehrer, Pastoren und Beamte. Hallesche Wissenschaftler, wie der Francke-Schüler Georg Wilhelm Steller, nahmen an Expeditionen teil. In Narva, Astrachan sowie Tobolsk entstanden Waisenhäuser nach halleschem Vorbild. Heute unterhalten die Franckeschen Stiftungen wieder lebendige wissenschaftliche und kulturelle Kontakte nach Russland.

Literatur / wissenschaftliche und kulturelle Projekte
MerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerken

Nordamerika

Heinrich Melchior Mühlenberg  Heinrich Melchior Mühlenberg

Der Einfluss des hallischen Pietismus auf die nordamerikanische Kirchengeschichte ist unübersehbar. Vor allem während der Amtszeit des zweiten Direktors der Franckeschen Stiftungen, Gotthilf August Francke, wurden die Kontakte ausgebaut. Nach ihrer Vertreibung aus dem Salzburger Land strömten ab 1731 Salzburger Protestanten über Brandenburg-Preußen in die neu gegründete Kolonie Georgia. Sie wurden von den Franckeschen Stiftungen mit Pastoren versorgt, die Halle verbunden blieben.
Die deutschen Lutheraner in Pennsylvania baten 1734 ihren Kontaktmann Friedrich Michael Ziegenhagen in London um ausgebildete Pastoren. Dieser wandte sich an Gotthilf August Francke, der 1742 Heinrich Melchior Mühlenberg entsandte. Mühlenberg schuf dort eine landesweite Kirchenorganisation. Heute gilt er als Patriarch der lutherischen Kirche Nordamerikas. Zwei seiner Söhne, ausgebildet in Halle, sollten zu prägenden Persönlichkeiten der frühen US-amerikanischen Geschichte werden.

Literatur / wissenschaftliche und kulturelle Projekte
MerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerken

Südindien

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts beabsichtigte der dänische König Friedrich IV., in der kleinen Handelskolonie Tranquebar an der Südostküste Indiens eine protestantische Mission  aufzubauen. Er entsandte Bartholomäus Ziegenbalg (1682-1719) und Heinrich Plütschau (1677-1752), zwei Schüler August Hermann Franckes, dem Begründer der Franckeschen Stiftungen zu Halle. Nach abenteuerlicher Reise erreichten die beiden Missionare die Küste Südindiens am 9. Juli 1706. Dort nahmen sie ihre Arbeit auf und suchten mit staunendem Interesse und großer Behutsamkeit den Dialog zu den Menschen vor Ort. Sie erlernten die Landessprachen Tamil und Portugiesisch und begannen mit Bibelübersetzungen auf Palmblattmanuskripten. Aufmerksam erkundeten sie ihre neue Lebenswelt. Davon berichteten sie und die nachfolgenden Missionare regelmäßig und ausführlich nach Halle, woher sie umgekehrt dauerhafte Unterstützung erhielten. Ihre Briefe und  Nachrichten erschienen seit 1710 in der ersten protestantischen Missionszeitschrift, den im Verlag der Buchhandlung des  Waisenhauses herausgegebenen, sogenannten „Halleschen Berichten“, die  große Verbreitung erfuhren und weite Kreise in Deutschland bis hin zu Johann Wolfgang v. Goethe beeinflussten.
Durch Kriege in Indien und Europa zerriss das Missionsnetz. Die finanzielle Hilfe schwand in dem Maße, in dem der Missionsgedanke im aufgeklärten Europa an Freunden verlor. 1837 starb der letzte hallesche Missionar in Tranquebar.
Heute sind die evangelisch-lutherischen Christen Tamil Nadus überwiegend in der Tamil Evangelical Lutheran Church vereinigt.

Literatur/ wissenschaftliche und kulturelle Projekte

Mädchenschule Tranquebar  Die Mädchenschule in Porayar: Der Einfluss des hallischen Bildungssystems ist heute noch in Südindien erlebbar. Rund um Tranquebar findet sich eine Vielzahl von christlichen Bildungseinrichtungen, die auch Mädchen offen stehen.Foto: Archiv der Franckeschen Stiftungen Bildarchiv

MerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerken

Niederlande

August Hermann Francke waren die religiösen und sozialen Verhältnisse in den Niederlanden durch seine Korrespondenz unter anderem mit dem wichtigsten Theologen des Landes Friedrich Breckling (1629-1711) bekannt. Francke war so über die Offenheit der Niederländer für puritanische Geistesströmungen und den Sonderweg der Nadere Reformatie informiert. Auch der Waisenhausvater Georg Heinrich Neubauer (1666-1726), den er 1697 über Hannover in die Niederlande sandte, wird ausführlich berichtet haben. Sein Auftrag war es, bereits existierende Waisenhäuser in Amsterdam, wie beispielsweise das Burgerweeshuis, zu begutachten. Francke versprach sich Informationen über die wirtschaftliche Führung, die bauliche Gestaltung und die sozialpädagogische Betreuung für seine eigenen Planungen.
Auch August Hermann Franckes einzige Auslandsreise führte ihn 1705 in die Niederlande. Die pietistische Lebensform fand dort aber wenige wirkliche Anhänger. Trotzdem war das Land Vorbild in seiner Symbiose des geistlichen Lebens, wirtschaftlichen Handelns und sozialen Engagements.

Literatur/ wissenschaftliche und kulturelle Projekte

Großbritannien

Footsteps  Mit der 1705 hier erschienenen englischen Übersetzung der „Segensvollen Fußstapfen“ Franckes hatte eine breite englischsprachige Öffentlichkeit Zugang zu den Informationen über das Reformwerk in Halle.

Heinrich Wilhelm Ludolf (1655-1712), Weggenosse Franckes, steht am Anfang der Verbindungen zwischen den Franckeschen Stiftungen und Großbritannien. Er war als Sekretär des Prinzen Georg von Dänemark und späteren Gemahls von Königin Anne, der letzten Stuart, nach London gekommen. Gestützt von der Verwandtschaft puritanischer und pietistischer Glaubensauffassungen wurden Ludolf und Francke korrespondierende Mitglieder der Society for Promoting Christian Knowledge, zu der auch Personen wie der Erzbischof von Canterbury gehörten. Ludolf vermittelte 1705 den Francke-Schüler Anton Wilhelm Böhme (1673-1722) als Hofprediger nach London. Dieser sandte englische Schüler nach Halle. Ihre Kost und Logis unterstützte die englische Königin Anne großzügig, so dass ihnen ein eigenes Gebäude errichtet werden konnte. Es existiert noch heute als "Englisches Haus" (Haus 26) in den Stiftungen. Sein Nachfolger, Friedrich Michael Ziegenhagen (1694-1776), erhielt die Verbindungen und fungierte als Schaltstelle zwischen Gotthilf August Francke und den lutherischen Gemeinden in den damaligen englischen Kolonien Pennsylvania und Georgia.
Weithin unbekannt ist, dass der hallesche Student Georg Müller 1836 in Ashley Down, Bristol, fünf Waisenhäuser nach dem Vorbild Halles gründete. Die heutige George Müller Foundation setzt diese karitative Arbeit in England nach modernen Gesichtspunkten fort.

Literatur/ wissenschaftliche und kulturelle Projekte

 

MerkenMerkenMerken

Baltikum

Im Baltikum des 18. Jahrhunderts gab es eine einflussreiche deutsche Minderheit, die meist lutherischen Glaubens war. Pietistische Frömmigkeit hielt früh Einzug und viele deutsche Balten bemühten sich auch unter Letten, Esten und Litauern den Pietismus zu verbreiten. Seit seinen Studientagen in Halle ein glühender Anhänger Franckes, gab beispielsweise Eberhard Gutsleff ein estnisches Haus- und Kirchengesangbuch heraus, das in Halle gedruckt wurde. In Alp bei Reval wurde 1717 ein Waisenhaus halleschen Zuschnitts gegründet. Nur von kurzer Dauer war das Litauische Seminar in den Franckeschen Stiftungen, das Gotthilf August Francke im Sommer 1727 gründete. Johann Richter und Friedrich Wilhelm Haack unterrichteten eine Anzahl von Studenten und 1730 erschien ein litauisch-deutsches Wörterbuch.

Literatur/ wissenschaftliche und kulturelle Projekte

Tschechische Republik

Tschechische Bibel  Tschechische Bibel Die universalistischen und pädagogischen Ideen des Böhmen Johann Amos Comenius waren Vorbild für August Hermann Francke. Über die Niederlande war Francke in den Besitz eines Teilnachlasses von Comenius gekommen und veröffentlichte posthum eines seiner Werke. Als Teile der protestantischen Bevölkerung um 1700 aus Böhmen vertrieben wurden, fanden sie Aufnahme in Brandenburg-Preußen. Francke nahm sich ihres Schicksals an. In Halle wurden nun religiöse Bücher in tschechischer Sprache gedruckt, darunter auch Übersetzungen der Bücher Franckes und Johann Anastasius Freylinghausens. Die Herausgabe einer tschechischen Bibel 1722 war der Höhepunkt dieser Entwicklung. Heinrich Milde, ein Mitarbeiter August Hermann Franckes, war für die Kontakte des Halleschen Waisenhauses nach Osteuropa zuständig und betreute böhmische Exilgemeinden in Barby an der Elbe und in der Lausitz. Er vermachte seine private Büchersammlung mit zahlreichen tschechischen Drucken der  Bibliothek des Waisenhauses.
Die Comenius-Handschriften, die Francke erhalten hatte, wurden erst 1935 von Dmitrij I. Tschižewskij in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen wiederentdeckt. Sie lagern heute in der Staatsbibliothek Prag, nachdem die DDR sie der CSSR als offizielles Gastgeschenk im Rahmen eines Staatsbesuches 1957 übergeben hatte. Eine Kopie der Handschriften vermachte Dr. Werner Koorthase (1937-2008) kurz vor seinem Tod den Franckeschen Stiftungen.

Literatur/ wissenschaftliche und kulturelle Projekte

Ungarn

Hungarica Titel  Hungarica in den Sammlungen der Franckeschen Stiftungen Vor der Gründung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gab es wenige Jahre größerer Religionsfreiheit in Ungarn und Siebenbürgen. In dieser Zeit gewann der Pietismus auch in Ungarn Anhänger. Als Vater des ungarischen Pietismus gilt dabei András Torkos (1669-1737), der auf Anraten Philipp Jakob Speners bei August Hermann Francke studierte. Er übersetzte u. a. Luthers Kleinen Katechismus ins Ungarische und ließ ihn in Halle drucken. In der Folge fanden auch Franckes Schriften ihren Weg nach Ungarn, übersetzt von ungarischen Studenten in Halle. Einer der Übersetzer, János Szabo (1695-1756), eröffnete 1724 in Nemescsó ein Waisenhaus nach halleschem Vorbild. Unter den vielen Pietisten des Karpatenbeckens, die in ihrer Heimat im Sinne August Hermann Franckes wirkten, ragt besonders Mátyás Bél (1684-1749) hervor. Er studierte von 1704 bis 1708 in Halle und wirkte dann viele Jahre als Gemeindepfarrer, Schulrektor und Gelehrter in Pressburg, das zu seinen Lebzeiten auch "Klein-Halle" genannt wurde. Bél ging als Verfasser der Notitia Hungariae historico-geographica in die Geistesgeschichte seines Landes ein.

Literatur/ wissenschaftliche und kulturelle Projekte

MerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerken

Polen

Innenansicht der Jesuskirche in Teschen  Innenansicht der Jesuskirche in Teschen Die schlesischen Gebiete im heutigen Polen hatten für August Hermann Franckes weltweite Reformpläne eine strategische Bedeutung. Die Lage der Lutheraner in Polen war wegen der erfolgreichen Rekatholisierung Polens nach der Reformation schwierig. Francke war über die Lage gut informiert und versuchte, seinen in die Defensive geratenen Glaubensbrüdern zu helfen. Unterstützt vom sogenannten „Geheimen Rat“, einer Gruppe schlesischer Adliger, publizierte er Werke in polnischer Sprache. 1716 erschienen so Johann Arndts Vier Bücher vom wahren Christentum auf Polnisch. Zehn Jahre später begann der Druck einer polnischen Bibel. Der Absatz blieb allerdings deutlich unter den Erwartungen und die von Francke geknüpften Verbindungen nach Polen trugen erst mit dem steigendem Einfluss der Herrnhuter Brüdergemeine Früchte. Mit dem Regierungsantritt Friedrich II. von Preußen gingen die Kontakte Franckes zu den Lutheranern und Reformierten in Polen nach und nach verloren.
Auf einem weiteren Gebiet wird das Interesse Franckes an Polen augenscheinlich: Bis heute erhalten sind die Reisetagebücher der Emissäre des Institutum Judaicum et Muhammedicum, das 1728 von Johann Heinrich Callenberg in den Franckeschen Stiftungen gegründet wurde. Die Tagebücher sind informative Dokumente über die „gelebte Religion“ des polnischen Judentums sowie über die interreligiös gelebte „Streitkultur“ zwischen Christen und Juden. Der gesamte Nachlass des Instituts befindet sich heute im Archiv der Franckeschen Stiftungen.

Literatur/ wissenschaftliche und kulturelle Projekte

 

MerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerken

Griechenland

Ein erstaunlicher, wenn auch erfolgloser Plan bestimmte die Kontakte der Franckeschen Stiftungen nach Griechenland. Erdacht von dem Diplomaten und Sprachwissenschaftler Heinrich Wilhelm Ludolf, einem Freund August Hermann Franckes, sollte in Halle ein Collegium Graecum für junge Griechen entstehen. Ausgebildet in Halle zu Anhängern des Pietismus sollten sie die zwischen protestantischem und katholischem Bekenntnis schwankende griechisch-orthodoxe Kirche in Richtung des Protestantismus beeinflussen. Zur Umsetzung des Plans wurden 1700 zwei junge Theologen nach Konstantinopel und Adrianopel entsandt. Sie sollten junge Griechen für das Studium in Halle gewinnen. Nach der Gründung des Collegium orientale theologicum 1702 kamen sie nach Halle. Die Enge der pietistischen Zirkel und das ausbleibende Stipendium ließ sie bald zurückkehren. Einziger bleibender Erfolg war die altgriechisch-neugriechische Parallelausgabe des Neuen Testaments. Sie gilt als Meilenstein auf dem Weg der Griechen zur nationalen Selbstständigkeit im 19. Jahrhundert.

Literatur/ wissenschaftliche und kulturelle Projekte

Sie verwenden einen veralteten Browser.
Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Google Chrome Frame.

Bitte aktivieren sie Javascript um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.