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Francke setzt Luther in Bewegung

Das reformatorische Erbe in den Franckeschen Stiftungen

200 Jahre nach der Reformation nahm August Hermann Francke in Halle die wichtigsten reformatorischen Forderungen Martin Luthers in den Blick und vollendete sie. Der Hallesche Pietismus gilt heute als die wichtigste gesellschaftliche Reformbewegung zwischen Reformation und Aufklärung auf dem Weg in die Moderne. Bildung und Sozialfürsorge sind die Bereiche, in denen Francke Impulse setzte und die bis heute als direktes reformatorisches Erbe in der Arbeit der Franckeschen Stiftungen lebendig sind.

Zu den wertvollsten Sammlungsstücken der Franckeschen Stiftungen zählen zwei Holzschnitte aus der Cranach-Werkstatt, die Martin Luther und Philipp Melanchthon zeigen. In der Dauerausstellung „Kraft des Wortes“ im Historischen Waisenhaus stehen sie für die Rückbesinnung der Halleschen Pietisten auf die Reformation und die Arbeit im Bereich der Bildung und Sozialfürsorge. Seit dem 2. Mai 2016 machen die Franckeschen Stiftungen die wichtigsten Themen August Hermann Franckes in der Nachfolge Martin Luthers öffentlich:

Straßenbahn Luther

JEDEM EINE BIBEL: Um diese reformatorische Forderung zu erfüllen, wurde mit Unterstützung des Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein (1667-1719) 1710 in den Franckeschen Stiftungen die Cansteinsche Bibelanstalt gegründet, die heute als erste Bibelanstalt der Welt gilt. Bis 1938 wurden mehr als 10 Millionen Bibeln gedruckt und verbreitet. In der täglichen Arbeit des Stiftungspfarrers in den Einrichtungen der Franckeschen Stiftungen lebt diese Tradition heute fort. Immer dienstags um 17.30 Uhr lädt er zum gemeinsamen Nachdenken über das Wort Gottes in die Bibelmansarde im Francke-Wohnhaus ein. Auch die Konferenz Reformation - Education - Transformation, die in der vergangenen Woche 140 Menschen aus 40 Ländern und 4 Kontinenten in die Franckeschen Stiftungen geführt hat, baut auf diesem Erbe auf.

BILDUNG FÜR ALLE: Martin Luther hatte im Rahmen einer breiten Bildungsoffensive die Gründung neuer Schulen für Kinder aller Stände angestoßen. August Hermann Francke nahm diesen Impuls auf und gründete eine ganze Schulstadt mit Bildungsanstalten für alle sozialen Schichten. Mit der Einführung des Realienunterrichts als Teil des umfassenden pädagogischen Programms revolutionierte Francke das Schulwesen. In ganz Europa fand das Hallesche Waisenhaus erfolgreiche Nachahmungen. Die Lese- und Schreibförderung in Kinderkreativzentrum Krokoseum führt diesen Gedanken heute weiter. Der kompetente Umgang mit Sprache und Schrift ist ein wichtiger Schlüssel zur Bildung, die Lebenschancen eröffnet. Mit der Buchkinderwerkstatt, der Lesefee und Schreibwerkstätten mit hallischen Autoren werden im Krokoseum alle Kinder gefördert. Immer montags und donnerstags um 17 Uhr treffen sich MigrantInnen aus allen Ländern der Welt in den Franckeschen Stiftungen, um gemeinsam Deutsch zu lernen.

FÜR SELBSTBESTIMMUNG: Martin Luthers Reformation weckte das selbständige Denken. Die Menschen erkannten ihre eigene Persönlichkeit und damit ihre Mündigkeit gegenüber Kirche und Staat. Der Pietismus schärfte den Blick auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen und erzog zum selbstverantwortlichen Handeln. Im Nachwuchsforum Geschichte der Franckeschen Stiftungen lernen heute Jugendliche, historische Quellen auszuwerten, sich aktiv mit der Geschichte auseinanderzusetzen und sich eine eigene, fundierte Meinung zu bilden. Aktuell entdecken in einem Fotoworkshop mit Andreas Herzau 8 syrische Jugendliche aus den internationalen Klassen der Sekundarschule August Hermann Francke gemeinsam mit 6 Schülerinnen und Schülern des Landesgymnasiums Latina fotografisch ihre (neue) Heimat. Die Ergebnisse werden am
27. Mai 2016 um 16 Uhr in der Ausstellungsetage im Historischen Waisenhaus präsentiert.

FÜR SOZIALE TEILHABE: Die Reformation hatte grundlegende Reformen des Sozialwesens angestoßen. August Hermann Francke strebte an, den Staat für die Armenfürsorge in die Pflicht zu nehmen. 1698 verfasste er eine Almosenordnung für Glaucha, die als Vorbild für spätere städtische Armenordnungen diente. Außerdem inspirierte er Landesherren dazu, ein Armenwesen in ihren Territorien auszubauen. Häufig wurden sie dabei von Beamten unterstützt, die zuvor selbst durch Franckes Schulen gegangen waren.
Ganz aktuell baut das Familienkompetenzzentrum der Franckeschen Stiftungen in Kooperation mit der Passendorfer Gemeinde und der Grundschule Kastanienallee in Halle- Neustadt ein Programm auf, dass Vorschulkindern mit und ohne Migrationshintergrund dank der Unterstützung vieler Freiwilliger eine konkrete Sprachförderung ermöglicht. Zukünftig soll das Angebot auch um die Hausaufgabenhilfe für Grundschüler erweitert werden.

Mit zwei großen Ausstellungen werden die Franckeschen Stiftungen diese Themen zum Reformationsjubiläum aufgreifen:

Wissensspeicher der Reformation
Die Marienbibliothek in Halle und die Bibliothek des Waisenhauses
Gemeinschaftsausstellung mit der Marienbibliothek
31. Oktober 2016–28. Februar 2017 im Historischen Waisenhaus

Lutherbibel  Im Herzen der Stadt Halle befindet sich die älteste und zugleich eine der größten evangelischen Kirchenbibliotheken Deutschlands – die im Jahr 1552 begründete Marienbibliothek an der Marktkirche. Sie entstand als Reaktion auf einen Aufruf Martin Luthers an die Städte und Gemeinden, evangelische Schulen und Bibliotheken zu gründen und damit Bildung in alle Bevölkerungsschichten zu tragen. In der Nachfolge des reformatorischen Bildungsideals begründete August Hermann Francke um 1700 seine Schulstadt mit der Waisenhausbibliothek, die ebenfalls reichhaltige Bestände aus dem 16. Jahrhundert besitzt, zudem aber auch bedeutende Zeugnisse der Verbreitung des Luthertums in alle Welt bewahrt. Diese beiden einzigartigen protestantischen Bibliotheken bilden den Ausgangspunkt der Sonderausstellung im Historischen Waisenhaus zum Start des Reformationsjubiläums, die die herausragende Bedeutung von Bibliotheken als Speicherort für Wissen und Erinnerung aufzeigen wird. Den Besucher erwartet ein anschauliches Panorama von den ersten reformatorischen Drucken über die pietistische Rezeption reformatorischer Schriften und fremdsprachige Bibeln im Dienst der Missionsarbeit bis hin zur Bibliothek als Hort von Erinnerungsobjekten wie Luthers Trinkbecher oder Melanchthons Schuh.

Der Wert der Reformation
Jahresausstellung für Kinder, Jugendliche und Familien
26. März 2017–1. Oktober 2017 im Historischen Waisenhaus

Im Jahr des Jubiläums der Reformation werden die Franckeschen Stiftungen mit einer Ausstellung im Historischen Waisenhaus der Frage nachgehen, welche Relevanz diese für uns heute, vor allem für Jugendliche, hat. Und in der Tat haben die Reformatoren am Beginn der Neuzeit Fragen zum Individuum, zur Gemeinschaft oder zum Handeln in der Welt aufgeworfen, die wir uns heute noch genauso stellen. Damit wird die Ausstellung getreu der pädagogischen Tradition der Franckeschen Stiftungen Brücken bauen zwischen einem jungen Publikum und einem Ereignis, das vor 500 Jahren die Welt veränderte.

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