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Zwischenbericht aus dem Studienzentrum August Hermann Francke

Projekt "Halle und Züllichau als (pietistische) Bildungszentren in Brandenburg-Preußen (18.-20. Jahrhundert). Austausch der pädagogischen und verlegerischen Ideen. Soziale Herkunft der Schüler und des Lehrkörpers sowie ihre beruflichen Karrieren"

Im Rahmen des dreijährigen Projektes unterstützt das polnische Ministerium für Wissenschaft und Hochschulwesen innerhalb des Programms zur Förderung der Geisteswissenschaften unter Leitung von Frau Prof. Dr. Bogumila Burda, Universität Zielona Góra, Forschungen zu den Verbindungen zwischen Halle und Züllichau vom 18. bis 20. Jahrhundert. Die Franckeschen Stiftungen zu Halle sind Kooperationspartner in diesem Projekt.
Am Studienzentrum August Hermann Francke der Franckeschen Stiftungen werden im Rahmen des Gesamtprojekts zwei Teilprojekte durchgeführt.

Teilprojekt 1: Schulen, Schüler, Lehrer

Um die Verbindungen zwischen den Schulen und den personellen Netzwerken zwischen Halle und Züllichau bzw. Schlesien sichtbar zu machen, werden die Schüler- und Informatoren-Matrikel der Schulen im Archiv der Franckeschen Stiftungen ausgewertet. Dazu zählen die Matrikelverzeichnisse der Waisenkinder (vaterlose Kinder), der Schüler und Lehrer der einzelnen Schulen (Lateinschule, Pädagogium, Real- bzw. Oberrealschule). Diese Matrikelverzeichnisse sind vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zum Jahr 1948 geführt worden. Seit Mai 2017 ist Herr Jan-Hendrik Evers als wissenschaftliche Hilfskraft in dem Teilprojekt tätig und hat damit begonnen, die Schülermatrikel der Lateinschule vom Ende des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in einer Datenbank zu erfassen. Räumlich konzentriert sich die Projektarbeit auf die Mark Neumark in Brandenburg-Preußen, in der Züllichau im 18. Jahrhundert gelegen hat, und das Gebiet Schlesiens, das unter Friedrich II. an Brandenburg-Preußen gefallen ist.

Evers 

Die Datenerfassung beginnt stets mit der Anlage eines Personenstammsatzes. Die Personennamen werden normiert angesetzt, sofern vorhanden nach der Ansetzung in der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek. In diesen Personenstammsatz können sämtliche Einträge zu dieser Person, die sich in den verschiedenen Matrikelverzeichnissen des Archivs der Franckeschen Stiftungen befinden, erfasst werden. So kann es beispielsweise vorkommen, dass ein Schüler mehrere Schulen der Franckeschen Stiftungen besucht oder nach seiner Schulzeit Informator in den Stiftungsschulen geworden ist, so dass sein Name in verschiedenen Matrikelverzeichnissen aufgeführt ist. Mit diesem Personenstammsatz werden die Datensätze zu den einzelnen Matrikelverzeichnissen verknüpft. In den Matrikelverzeichnissen der Lateinischen Schule werden die Schüler nach folgenden Angaben erfasst: Name, Geburtsdatum bzw. Alter bei Aufnahme, Name des Vaters, Beruf des Vaters, Heimatort, Aufnahmedatum, Aufnahmeklasse. In den Waisenmatrikeln und im Informatorenverzeichnis gibt es eine Rubrik zur Beurteilung der Fähigkeiten des Lehrers.

Beispiel zu dem Schüler und späteren Lehrer in den Franckeschen Stiftungen Johann Samuel Rettig:

Personenstammsatz mit zusammengefassten biografischen Angaben:

1 

Angaben im Matrikel der Lateinischen Schule (AFSt/S L 3, S. 379, Nr. 5351)

2 

Name: Jo. Samuel Rettig
Name des Vaters: Christian
Beruf des Vaters: Tuchmacher
Heimatort: Züllichau
Didactrum: gr.; d.
Alter bei Aufnahme: 19
Aufnahmedatum: 25.04.1741
Aufnahmeklasse: Lat. III sup.
Stube: nr. XVIII [bzw.] XX in aed. [= Pensionsanstalt]

Angaben im Informatorenverzeichnis (AFSt/H D 24a, S. 294f)

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Jo. Sam. Raettig, aus Züllichau in Schlesien, n. 1722 kam nach gelegtem Grund auf hiesiger lat. Schule auf hiesige Academie 1743 m. Mart. U. im Aug. zur information in der Mägdlein-Schule. Er beweist guten Ernst in seinem Christenthum, hat feine studia, trefflichen Vortrag u. regimen. A. 1744 m. Febr. Kam er in die lat. Schule. Er ist nur in moribus etwas unbequem. M. Aug. kam er in patria in condition. Seine Gottesfurcht hatte zuletzt sehr abgenommen.
Ist als Pastor. zu Wusterwitz in Pom. gestorben. (fil. non inter orph. receptus)

Umsetzung des Eintrags in der Datenbank:

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Teilprojekt 2: Drucke der Waisenhaus-Verlage in Halle und Züllichau im 18. Jahrhundert: Bibliographie, Verlagsprofil, Buchdistribution
Die zentrale Aufgabe in diesem Teilprojekt besteht in dem bibliographischen Nachweis der Verlagserzeugnisse. Die im Waisenhaus zu Züllichau gedruckten und verlegten Werke sollen erstmals systematisch bibliographisch erfasst und ihre Verbreitung in deutschen und polnischen Bibliotheken nachgewiesen werden. Vorarbeiten dazu sind 2016 am Studienzentrum durchgeführt und den Kolleginnen in Polen zur Verfügung gestellt worden. Für den Verlag der Buchhandlung in Halle existiert bereits eine Datenbank mit den Titeln vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zum Jahr 1806, die überarbeitet und mit polnischen Bestandsnachweisen ergänzt worden ist. Nach den bis jetzt durchgeführten Recherchen sind Titel des Verlags der Buchhandlung des Waisenhauses an folgenden polnischen Bibliotheksstandorten ermittelt worden: Cieszyn (415 Titel), Gdansk (5 Titel), Katowice (1 Titel), Kraków (11 Titel), Olsztyn (2 Titel), Poznan (1 Titel), Torum (2 Titel), Warszawa (9 Titel), Wroclaw (18 Titel). Die Titelsätze sollen in einer Publikation am Projektende veröffentlicht und statistisch ausgewertet werden.
Eine weitere Aufgabe wird darin bestehen, Quellen aufzuspüren und auszuwerten, die Auskunft über den Austausch der Bücher zwischen Halle und Züllichau geben können. Die Bücher sollen also nicht nur als Träger von Inhalten und Speichermedien des Wissens ihrer Zeit verstanden werden, sondern als zirkulierende Medien, die in die personellen Netzwerke sowohl des Halleschen Waisenhauses als auch des Züllichauer Waisenhauses eingebunden waren. Beispielsweise befindet sich in Siegmund SteinbartsFünfte[n] Fortsetzung der wahrhaftigen und umständlichen Nachricht über das Waisenhaus in Züllichau von 1731ein Kapitel „Von der Bibliothec des Waysenhauses“, in dem die Titel, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Bibliothek in Züllichau befanden, aufgelistet sind. Darunter zählen zahlreiche Drucke aus Halle, wie beispielsweise August Hermann Franckes Bußpredigten in zwei Bänden, seine Öffentliche Reden über die Passionshistorieoder Johann Hieronymus WieglebsEvangelische Kirchenhistorie von 1718. Dieses Beispiel illustriert, das Bücher aus Halle in Züllichau vorhanden waren und gelesen worden sind.

5 

Darüber hinaus ist festzustellen, dass Bücher aus dem Verlag des Waisenhauses in Züllichau nach Vorlagen oder Vorbildern aus Halle produziert worden sind. Eine hervorragende Quelle stellt der ausführliche, 1740 erschienene Verlagskatalog mit dem Titel Zuverläßige Nachricht von den Büchern der Privilegierten Buchhandlung des Waysenhauses zu Züllichau, nach deren Inhalt, Absicht und Nutzen hinlänglich ertheilet dar. Aus diesem Verzeichnis geht beispielsweise hervor, dass das Züllichauer Gesangbuch von 1730 nach dem Vorbild des Geist-reichen Gesangbuchs von Johann Anastasius Freylinghausen (1670-1739) aus Halle konzipiert worden ist. Der Züllichauer Verlag brachte so ein regional nachgefragtes Gesangbuch auf den Markt, das die Besitzer im handlichen Format mit dem Neuen Testament der Cansteinbibel aus Halle zusammenbinden lassen konnten. Das Gesangbuch verstand sich also nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den Verlagserzeugnissen aus Halle. Das trifft auch auf den Klassiker pietistischer Erbauungsliteratur, Johann Arndts (1555-1621) Bücher vom wahren Christentum, zu. Obschon in Halle erstmals 1704 eine Arndt-Ausgabe erschienen war, der immer wieder neue Ausgaben und Auflagen bis 1779 folgten, kamen in Züllichau 1734 Arndts Sechs Bücher vom Wahren Christenthum und 1739 eine weitere Ausgabe in Kombination mit dessen berühmten Paradiesgärtlein heraus, die mit einer Vorrede Rambachs und sog. Summarien von Johann Christian Steinbart (1702-1767) versehen waren und sich gut verkaufen ließen. Ein reger brieflicher Austausch zwischen Halle und Züllichau entspann sich wegen der Herausgabe einer Bibelausgabe. In Halle war 1710 die erste Bibelanstalt der Welt gegründet worden, die später nach ihrem Ideengeber Carl Hildebrand von Canstein (1667-1719) Cansteinsche Bibelanstalt genannt wurde. Sie erhielt 1733 ein königliches Druckprivileg und avancierte zu einem der erfolgreichsten Unternehmen des Halleschen Waisenhauses. Allein bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden zwei Millionen Vollbibeln und eine Million Neue Testamente gedruckt und für einen erschwinglichen Preis vertrieben. Dennoch wagte es Johann Christian Steinbart, eine eigene Bibelausgabe in Züllichau zu publizieren. Er hatte die Idee, die deutsche Übersetzung der Canstein-Bibel zu übernehmen und synoptisch mit dem hebräischen Text das Alte Testament und mit dem griechischen Text das Neue Testament zu drucken. 1736 wandte er sich deshalb an Gotthilf August Francke (1696-1769) nach Halle, der sein Einverständnis zu dem Bibeldruck gab. So erschien von 1740 bis 1741 die synoptische Bibel mit einer Vorrede Johann Muthmanns (1687-1747) und einem Vorbericht Steinbarts, in dem die Übernahme des Textes der Canstein-Bibel ausführlich erklärt wird.

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Workshops
Das Projekt wird von wissenschaftlichen Workshops begleitet. Der erste Workshop fand im Dezember 2016 in Zielona Góra und Sulechów (2016) statt. Die Vorträge werden in einer Publikation erscheinen. Am Standort in Halle wurden die deutschsprachigen Aufsätze redigiert, die am Standort in Zielona Góra ins Polnische übersetzt werden. Der nächste gemeinsame Workshop wird vom 6. bis 8. Juni 2018 in Halle stattfinden.

BK.

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