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Lutheraner in Russland und Sibirien: Frömmigkeit – Forschung – Kultur

CALL FOR PAPERS

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Internationale wissenschaftliche Konferenz zu den wechselseitigen deutsch-russischen Beziehungen im 18. Jahrhundert

Lutherans in Russia and Siberia: Piety – Scholarship – Culture
International Conference on German-Russian Exchange Relations during the Eighteenth Century

23. Deutsch-Russische Begegnungen in den Franckeschen Stiftungen in Verbindung mit der 10. Jahrestagung der Internationalen Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft e.V.

Halle (Saale) | 11. bis 15. Oktober 2017 | Tagungsort: Franckesche Stiftungen zu Halle

Organisation: Dr. Anna-Elisabeth Hintzsche, Friederike Lippold M.A., Dr. Han F. Vermeulen, Prof. Dr. Holger Zaunstöck

Abstract: Die 23. Deutsch-Russischen Begegnungen in Halle (Saale) widmen sich im Jahr des 500. Jubiläums der Reformation Martin Luthers der Frage, wie Lutheraner in Russland und Sibirien im 18. Jahrhundert wirkten. Im Mittelpunkt stehen dabei die Expeditionen der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg nach Sibirien sowie die Beteiligung der Halleschen Pietisten daran. Die Tagung legt den Fokus auf das Spannungsfeld zwischen Frömmigkeit, Forschung und Kultur. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Erlernen und Anwenden des Russischen im frühen 18. Jahrhundert gewidmet.

On the occasion of the 500th anniversary of Martin Luther’s Reformation, the 23rd German-Russian Encounters in Halle (Germany) addresses the issue of how Lutherans were active in eighteenth-century Russia and Siberia. Of central concern will be the expeditions to Siberia dispatched by the Academy of Sciences in St. Petersburg and the participation of Pietists from Halle in these research travels. The conference focuses on the tensions between piety, scholarship and culture. Special attention will be paid to the learning and application of the Russian language during the early eighteenth century.
(Call for Papers in English)

Frömmigkeit

Am Ende des 17. Jahrhunderts richtete sich die Aufmerksamkeit August Hermann Franckes (1663–1727) auf evangelisch-lutherische Deutsche in Russland. Im Briefwechsel mit Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und in engem Kontakt mit Heinrich Wilhelm Ludolf (1655–1712) wurde diese Region zu einem wichtigen Thema des sich entwickelnden Halleschen Pietismus. 1696 entsandte Francke mit Justus Samuel Scharschmidt (1664–1724) seinen ersten Emissär von Halle nach Russland, der als Prediger und Lehrer pietistisches Gedankengut unter den Lutheranern verbreiten und Schulen gründen sollte. Junge Universitätsabsolventen aus Mitteldeutschland, die während ihres Studiums mit dem Halleschen Pietismus in Berührung gekommen waren oder diesen vertraten, arbeiteten im 18. Jahrhundert als Lehrer und Pfarrer oder als Wissenschaftler in Russland. Eine besondere Rolle spielten zudem die nach der Schlacht von Poltawa (1709) im sibirischen Tobolsk stationierten schwedischen Kriegsgefangenen. Sie gründeten vor Ort eine lutherische Kirche, ein Waisenhaus und eine Schule nach hallischem Vorbild.
Die Tagung fragt nach der speziellen Situation der lutherischen und pietistischen Reisenden: Wie fand ihre Frömmigkeit während der Reisetätigkeit Ausdruck, wie gestaltete sich der interreligiöse Kontakt der ansässigen Bevölkerung mit den reisenden Lutheranern und Pietisten, wie entwickelte sich das innerlutherische Binnenklima in den Gruppen der Forschungsreisenden?

Forschung

Berühmte Forschungsreisende wie Daniel Gottlieb Messerschmidt (1685–1735), Johann Christian Buxbaum (1693–1730) und Georg Wilhelm Steller (1709–1746) hatten an der Universität in Halle Medizin, Theologie und Naturgeschichte studiert und waren eng mit dem Halleschen Pietismus in Berührung gekommen. Sie wurden an der Medizinischen Kanzlei oder der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg (gegründet 1725) angestellt und als Forschungsreisende in alle Gegenden des Russischen Reiches entsandt.

Die Tagung will die Frage beleuchten, wie die Forschungsreisen und religiösen Praktiken der lutherischen bzw. pietistischen Teilnehmer miteinander verwoben waren. Sie lädt ein, Konzepte wie die Physikotheologie, aber auch die persönlichen Motivationen der Wissenschaftler zu ergründen. Darüber hinaus werden die strukturellen, kommunikativen und alltagsrelevanten Aspekte von Expeditionen in den Blick genommen: die organisatorischen Voraussetzungen in Russland vor der Gründung der Akademie der Wissenschaften sowie die Arbeit der Medizinischen Kanzlei als zentraler Ort für Wissenschaftsorganisation vor 1725; die Art und Weise der Berufung ausländischer Wissenschaftler; wichtige Schlüsselfiguren und Netzwerke im Kontext des pietistischen Luthertums; die infrastrukturelle und finanzielle Vorbereitung und Durchführung der Reisen; die Praktiken der Sammelns, Aufzeichnens und Archivierens (in Form von Tagebüchern, Briefen, Forschungsdokumentationen); die oft kräftezehrende und existenzgefährdende Lebenswelt auf den Reisen in Sibirien und Alaska u.v.m. Zudem kann die Frage gestellt werden, welches Erfahrungswissen die Reisen jenseits ethnografischer, naturkundlicher, militärischer etc. Wissensbestände hervorgebracht haben. Dabei sei auch zu berücksichtigen, wie sich die reisenden lutherischen und pietistischen Forscher mit den Gemeinden in Sibirien vernetzten und auf deren Lebenswelten reagierten bzw. deren Wissensbestände vor Ort nutzten.

Kultur, Bildung und Sprache

Für die Tagung werden aus dem breiten Spektrum des Kulturbegriffs die Dimensionen der Bildung und Sprache in den Blick genommen. Voraussetzung für die Zusammenarbeit vor Ort war die Kenntnis der Landessprache. Ludolf hatte 1692–94 Russland bereist. Er publizierte in Oxford 1696 die erste auf Latein geschriebene Grammatik des gesprochenen Russischen ( Englisch 1698) und wies auf die zentrale Bedeutung des Erlernens der Sprache hin – nur so könne ein nachhaltiger Austausch entstehen. Im Januar 1698 kam Ludolf aus England über Holland nach Halle, wo er den Winter verbrachte. Ob er hier den ersten akademischen russischen Sprachunterricht tatsächlich gegeben hat, ist nicht eindeutig geklärt. Deutlich ist jedoch, dass in der Folge seines Interesses und seiner Berichte der russischen Sprache – nicht nur unter den Pietisten aus Halle – zunehmend Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Wichtig war dabei z. B. das Manuskript von Johann Werner Paus (1670-1735), „Anweisung zur Erlernung der Slavonisch-Rußischen Sprache, Zum Nutzen, sonderlich der Teutschen Nation, aufgesetzt“, das um 1720 in St. Petersburg geschrieben wurde.

Kommunikation in Form von Sprache und Übersetzungen als kulturelle Praktiken sollen in der Tagung Niederschlag finden: Wie und zu welchen Zwecken verbreitete sich das Wissen um die russische Sprache um 1700 und im frühen 18. Jahrhundert außerhalb Russlands? Dies verweist darauf, dass lutherische Pietisten in Sibirien auch konkrete Projekte initiierten: So ist zu fragen, wo etwa Schulprojekte angebahnt bzw. Waisenhäuser (nach hallischem Vorbild) in Sibirien und Russland gegründet worden sind – und welche Rolle dabei die Sprachpraxis gespielt hat.

Ihre Anmeldung zur Tagung mit einem kurzen Abstract (max. 500 Zeichen) wird erbeten bis zum 15. März 2017 bei

Friederike LippoldKultur- und Öffentlichkeitsarbeit; Koordination von Kooperationsprojekten mit Mittel-/Osteuropa und Russland Friederike Lippold (Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit; Koordination von Kooperationsprojekten mit Mittel-/Osteuropa und Russland) Friederike LippoldKultur- und Öffentlichkeitsarbeit; Koordination von Kooperationsprojekten mit Mittel-/Osteuropa und Russland Tel.+49 345 2127 431Fax+49 345 2127 418
Halle, den 15. Dezember 2016

Das Call for Papers (deutsch)(PDF, 106 kB) als pdf zum Herunterladen.

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