Pietismus
Der Pietismus ist die wichtigste geistesgeschichtliche Strömung in Deutschland nach der Reformation und vor dem Durchbruch der Aufklärung. Die Blütezeit dieser religiösen Erneuerungsbewegung liegt im letzten Drittel des 17. und im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts. Die Ideen und Initiativen des Pietismus bereiteten in vieler Hinsicht die Moderne vor und machten die Bewegung zu einem "Eingangstor der deutschen Aufklärung" (Carl Hinrichs).
Durch das Wirken August Hermann Franckes (1663 – 1727) wurde Halle an der Saale zum sichtbaren Zentrum der Bewegung.
Der Pietismus trat europaweit und konfessionsübergreifend vielfältig in Erscheinung. Im Kern zielte die Bewegung auf eine religiöse und gesellschaftliche Erneuerung und die Vollendung der Reformation. Individualisierung und Verinnerlichung des religiösen Lebens spielten dabei eine ebenso große Rolle wie die Verbesserung der Welt im christlichen Sinne durch tätige Frömmigkeit (‚praxis pietatis’). Der Theologe Philipp Jakob Spener (1635-1705) veröffentlichte 1675 die Programmschrift des lutherischen Pietismus unter dem Titel "Pia Desideria". Diese Publikation führte zu einer raschen Verbreitung der pietistischen Ideen und Forderungen in Deutschland. Die etablierte Kirche im Verbund mit der weltlichen Obrigkeit suchten die pietistische Bewegung zu stoppen. Denn indem der Pietismus die etablierten Machtstrukturen in Frage stellte und dem Individuum Verantwortung gab, schwächte er die Möglichkeiten obrigkeitlicher Einflussnahme.
Der Pietismus hinterließ vielfältige Spuren. In der Literatur hatte er beträchtlichen Anteil an der Aufwertung von Gefühl und Individuum in der Romantik. Mit seiner Konzentration auf Innerlichkeit und das persönliche Erweckungserlebnis bereitete er in mancher Hinsicht auch der Psychologie den Weg. Pietistische Lieder sind bis heute Bestandteil evangelischer Gesangbücher. Die am Ziel der Verbreitung von Gottes Wort ausgerichteten Bibelübersetzungen sind häufig Meilensteine der Entstehung fester Nationalsprachen. Pietistische Frömmigkeit prägt bis heute einige Kirchenströmungen, wie beispielsweise die Herrnhuter Brüdergemeinde.









