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Gebaute Utopien: Franckes Schulstadt in der Geschichte europäischer Stadtentwürfe

Historisches Waisenhaus | 9. Mai – 3. Oktober 2010 | Di-So 10-17 Uhr

Aus welchem Ideenraum heraus erfolgte der Stiftungsaufbau? In welcher Weise wirkte dieser selbst idealtypisch fort? Keine einfachen Fragen für eine Ausstellung, der es aber gelingt, unangestrengt und spielerisch hallesche Bau- mit europäischer Geistes- und Sozialgeschichte zu verbinden. Der Rechercheaufwand, den das Team um den Kurator Holger Zaunstöck geleistet hat, muss enorm gewesen sein.
Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung, 7. Mai 2010

 Die Zukunft der Stadt ist nicht nur in unserer Gegenwart und im Jahr der Internationalen Bauausstellung ein intensiv diskutiertes Thema, auch die Menschen der Frühen Neuzeit hat es beschäftigt und fasziniert. Vielerlei Ursachen haben diese Beschäftigung angestoßen: die Renaissance hat ideale Stadtvorstellungen auf der Grundlage antiker Vorbilder entwickelt und nördlich der Alpen popularisiert, Kriege haben neue Fortifikationen der Städte erfordert, die gesellschaftlichen und religiösen Krisen des 16. und 17. Jahrhunderts haben das Verfassen von Stadtutopien ausgelöst, das biblische Motiv des Himmlischen Jerusalem war eine städtische Leitvorstellung. Die als defizitär erkannte Lebenswirklichkeit sollte durch die Neugestaltung von Städten, in denen verbesserte hygienische Standards angestrebt wurden, zum Besseren verändert werden. Dabei blieb manches gedankliches Konzept, manches aber wurde realisiert – die Stadtentwürfe der Frühen Neuzeit standen in einem Spannungsbogen zwischen Utopie und Bau.

Ein Ort, an dem zur Realisierung geschritten wurde, war Glaucha vor Halle in Brandenburg-Preußen. Hier ging seit 1698 August Hermann Francke mit seinem Mitarbeiterkreis daran, zur Verwirklichung seiner pietistischen Gesellschaftsreform eine neue Schulstadt zu errichten. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden ein Waisenhaus von schlossartiger Dimension, mehrere Schulen und Internate, eine Bibliothek, Druckerei, ein Krankenhaus, Meierei, Brau- und Backhäuser sowie weitere Wirtschafts- und Funktionsgebäude, umgeben und abgeschlossen war die pietistische Schulstadt durch eine Mauer.

Die Ausstellung wird erstmals den Versuch unternehmen, die Schulstadt in die Geschichte europäischer Stadtentwürfe einzuordnen und vor diesem Hintergrund zu interpretieren. Daran anknüpfend folgt die Ausstellung ihrem Weg in die Gegenwart: Wo lassen sich Wirkungsimpulse und Vergleiche in den religiösen Siedlungs- und Stadtgründungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts in Deutschland, Europa und Nordamerika finden, wie hat der preußische Schulbau während der Kaiserzeit um 1900 die Schulstadt selbst verändert, und wie ist die sozialistische Moderne in der DDR mit dem Gebäudeensemble umgegangen? Die Ausstellung wird damit die europaweite Einzigartigkeit der Schulstadt herausarbeiten und für die auf der deutschen Vorschlagsliste für das UNESCO-Welterbe stehenden Franckeschen Stiftungen ein zentrales Themenfeld erschließen.

Kurator: PD Dr. Holger Zaunstöck, Franckesche Stiftungen

Eröffnung der Ausstellung:
8. Mai 2010, 16.00 Uhr
"Vorwärts, wir müssen zurück - Zum Neohistorismus unserer Gegenwartsarchitektur"
Festvortrag von Dr. Dieter Bartetzko, Architekturkritiker und Publizist

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