August Hermann Francke
 
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   August Hermann Francke

AUGUST HERMANN FRANCKE (1663-1727)



2013 jährt sich zum 350. Mal der Geburtstag des lutherischen Theologen und Begründers der Franckeschen Stiftungen. Unter dem Titel „Vision und Gewissheit. Franckes Ideen 2013“ sollen ein Jahr lang die Wirkungen der Reformen August Hermann Franckes im Kontext der Geschichte Preußens als zentraler Teil des Themenjahres „Reformation und Toleranz“ der Lutherdekade im Mittelpunkt stehen. Weltverbesserung durch Menschenverbesserung war Franckes Vision, die den Fokus auf das Individuum richtete und damit in der Frühen Neuzeit tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen bewirkte, die bis heute spürbar sind.

Der Theologe August Hermann Francke machte die Ausbildung in praktischer Theologie im Rahmen des Universitätsstudiums stark und brachte die Lutherische Kirche in die entferntesten Regionen der Welt, nach Sibirien, Nordamerika und Südindien.

Als Pädagoge wandte er sich dem Kind als Individuum mit eigenen, ganz speziellen Bedürfnissen zu. Er gründete das erste Lehrerbildungsseminar Deutschlands, rückte die Bildungsbiographie jedes einzelnen Kindes in den Mittelpunkt und baute mit einem durchlässigen Schulsystem Bildungsschranken ab. Das erste Kinderkrankenhaus Deutschlands, der erste Schulgarten und mit dem durchgängig praktizierten Anschauungsunterricht auch die Realschule nahmen hier ihren Ausgangspunkt.

Weltweit zu einem Symbol für eine moderne Waisen- und Armenfürsorge wurde Franckes Waisenhaus. Neben der geistigen und geistlichen Versorgung der Kinder entwickelte Francke eine Almosenordnung, die wegweisend wurde für das preußische Sozialwesen. Sein Wirken war Vorbild für die bekannten Rettungshäuser des 19. Jh. von Johannes Daniel Falk (1768-1826) in Weimar bis zum ‚Rauhen Haus‘ von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) in Hamburg.

International
knüpft Francke enge Kontakte zu den großen Herrscherhäusern der Zeit. Der preußische Hof, das dänische Königshaus, der Zar in St. Petersburg und die englische Königin in London: die führenden europäischen Mächte hatten die Strahlkraft der Reformideen Franckes erkannt.

als Bauherr ging er eigene Wege und schuf mit den Franckeschen Stiftungen zu Halle eine einmalige Schularchitektur, die bis heute vollständig erhalten ist und auf der deutschen Vorschlagliste für das UNESCO- Welterbe steht. In nur 30 Jahren errichtete er ein weltweit ausstrahlendes Gebäudeensemble, das den etwa 300 Meter langen Lindenhof heute nahezu umschließt. Darunter sind das längste Fachwerkhaus Europas und der heute älteste erhaltene profane Bibliothekszweckbau Deutschlands.

Als Ökonom sicherte er mit vielfältigen Maßnahmen den Unterhalt seines weltweiten Reformwerks. Er nutzte die Handelswege nach Russland, verkaufte Bücher und Medikamente aus der Buchhandlung und der Apotheke des Waisenhauses im großen Maßstab und macht den Handelspartner für Preußen interessant.

Die wertvollen Sammlungen in Archiv und Bibliothek der Franckeschen Stiftungen spiegeln eines der wichtigsten weltweiten Kommunikationsnetzwerke der Frühen Neuzeit. Briefe, Tagebücher, die erfolgreiche Spendenzeitschrift „Hallesche Berichte“, die regelmäßig neue Informationen direkt aus Südindien in die Wissenschaftswelt einspeiste, die erste Zeitung für die Stadt Halle und eine Vielzahl von Büchern, religiöser Literatur und Lehrmaterialien werden hier aufbewahrt. 1836 erschien in der Verlagsbuchhandlung erstmals die Lyrikanthologie Echtermeyer, die seitdem Generationen von Schülern geprägt hat. Das deutschlandweit einzige nachgewiesene Exemplar der Erstausgabe wird heute in Halle aufbewahrt und steht symbolhaft für die jahrhundertealte erfolgreiche Schulbuchproduktion in Halle.

Technische Innovationen machte sich Francke geschickt zunutze. Deutschlandweit erstmals wendete er ab 1710 die Drucktechnik des Stehenden Satzes an, produzierte in der Cansteinschen Bibelanstalt, dem ersten Bibelwerk, Millionen Handbibeln preiswert, in gleichbleibender Qualität und erreichte die privaten Haushalte. Die Halleschen Pietisten gaben damit der Entwicklung einer breiten privaten Lesekultur den entscheidenden Impuls. Die Hinwendung zum Individuum, seinen Bedürfnissen und Gefühlen fand in der Folge auch in der Literatur ihren Niederschlag