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Hallescher Pietismus und Reformation.

RELIGIÖSER AUFBRUCH IN EUROPA IM 17. JAHRHUNDERT

Philipp Jakob Speners (1635-1705)  Philipp Jakob Spener (1635-1705) In Folge der Reformation zeigte sich die europäische Landkarte konfessionell gegliedert. Ständige Kriege erschütterten im 17. Jahrhundert die Zivilgesellschaften zutiefst. Die sich europaweit aneinanderreihenden Katastrophen schufen eine Atmosphäre der Endzeit, auf deren Boden der Ruf nach religiöser Erneuerung laut wurde. In den Niederlanden fokussierte sich eine calvinistische Reformbewegung auf den Lebenswandel des Einzelnen, in England forderte der Puritanismus eine moralische Erneuerung der Kirche. In den lutherischen Teilen Deutschlands wuchs unter der geistlichen Führung Philipp Jakob Speners (1635-1705) die Schar der Anhänger einer individuell verinnerlichten Frömmigkeit, des Pietismus.
Seit Kurfürst Johann Sigismund 1613 zum reformierten Glauben der Anhänger Johannes Calvins übergetreten war, das Volk aber beim lutherischen Glauben belassen hatte, war Brandenburg, später auch Preußen, ein gemischtkonfessionelles Land, in dem der Toleranzgedanke durch die Herrscher in das öffentliche Recht aufgenommen wurde. Hugenotten, Salzburger und Böhmen strömten in das Land, belebten die Wirtschaft und das öffentliche Leben. Die enge Anbindung der Pietisten an den brandenburgisch-preußischen Hof bewirkte Spener, der 1691 die Stelle als Propst an der Berliner Nikolaikirche angenommen hatte.

 

HALLESCHER PIETISMUS

Stich-Gesamtansicht FS 3 Kupferstich, Gottfried August Gründler Das Zentrum des Halleschen Pietismus bildete die 1698 von August Hermann Francke gegründete Schulstadt, die als „Pflanzstätte“ für Kinder und Jugendliche eine Universalreform der Gesellschaft durch breite Bildung und Erziehung zur Selbstverantwortung nach christlichen Maßstäben anstrebte. Das Hallesche Waisenhaus wurde zum Kennzeichen dieser nach der Reformation größten gesellschaftlichen Reformbewegung der Frühen Neuzeit. Mittels eines sorgfältig gepflegten, engmaschigen Netzwerks erlangten die Reformideen Franckes nahezu weltweite Verbreitung. Die dem Pietismus eigene Hinwendung zum Individuum schärfte den Blick auf die Bedürfnisse und Förderungsmöglichkeiten jedes Einzelnen. Der so Bekehrte sollte mit seinem Handeln die Reformideen weitertragen, die dank der weltweiten Vernetzung rund um den Erdball wirksam werden würden. Basierend auf der Bibel und in dem Verständnis, „Werkzeug Gottes“ zu sein, brachte Francke eine Reihe von Neuerungen auf den Weg, die noch heute als Ergebnis einer breit angelegten Bildungsreform, wegweisender Veränderungen im Sozial- und Gemeinwesen sowie einer fruchtbaren religiösen Erneuerung weltweit spürbar sind.

WIEGE DER ANSTALTSDIAKONIE

Am 13. Juli 1698 legte August Hermann Francke den Grundstein für das Hallesche Waisenhaus, das weltweit zu einem Symbol für eine moderne Sozialfürsorge wurde. Die Koppelung aus materieller Versorgung und hervorragender Schulbildung sollte bedürftigen Jungen und Mädchen die Chance geben, aus Armut und sozialem Elend auszubrechen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Nach hallischem Vorbild“ kam es zu zahlreichen Neugründungen von Waisenhäusern bis hin zum Rauhen Haus von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) in Hamburg.

Neben der Waisenversorgung führte Francke auch regelmäßige „Armensprechstunden“ ein, in denen mittellose Arme unentgeltlich vom Anstaltsarzt untersucht und kostenlos mit Medikamenten aus der Anstaltsapotheke versorgt wurden. Daneben erhielten sie auch finanzielle Unterstützung durch die Anstalten.
Aber Francke strebte auch an, den Staat für die Armenfürsorge in die Pflicht zu nehmen. 1698 verfasste er eine Almosenordnung für Glaucha, die als Vorbild für spätere städtische Armenordnungen diente. Außerdem inspirierte er Landesherren dazu, ein Armenwesen in ihren Territorien auszubauen. Häufig wurden sie dabei von Beamten unterstützt, die zuvor selbst durch Franckes Schulen gegangen waren.

  Spendenbüchse1_Ziegler Die Anfänge seines Sozialwerks gestaltete Francke zu einer Legende aus: In einer Spendenbüchse fand er vier Taler und 16 Groschen vor und entschloss sich, mit diesem Kapital eine öffentliche Armenschule zu gründen.Foto: Thomas Ziegler

BILDUNGSOFFENSIVE UND PREUSSISCHE TUGENDEN

Museumsnacht 2009_Illumination Waisenhaus  Gemäß zentraler Forderungen der Reformation setzte auch August Hermann Francke als Schlüssel für die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen eine Bildungsoffensive in Gang, die Jungen und Mädchen, Männer und Frauen aus allen Schichten erreichen sollte. Zur Professionalisierung des Lehrerberufs gründete er das erste Lehrerbildungsseminar in Deutschland. Jedes einzelne Kind an den Stiftungsschulen wurde von den Informatoren (Lehrern) genau beobachtet, gefordert und gefördert. Das durchlässige Schulwesen der Anstalten ermöglichte die Überwindung sozialer Schranken. Das sogenannte Fachklassensystem erlaubte eine flexible Anpassung der Schulausbildung jedes Kindes je nach Wissensstand in den einzelnen Fächern. Innovative Wege der Wissensvermittlung korrespondierten mit einem minutiös strukturierten und kontrollierten Tagesablauf, der sich vor allem auf die Vermittlung eines allgemeinen Wertekanons konzentrierte. Dieser gründete sich auf dem verantwortungsvollen Umgang mit der Lebenszeit als einem kostbaren Geschenk Gottes. Ordnung, Pflichtgefühl, Selbstverantwortlichkeit und Sinn für das Gemeinwohl zählen zu den bekanntesten preußischen Tugenden, die sich von Halle aus über Generationen von Schülern, die später als Pastoren, Hauslehrer, Informatoren und Beamte arbeiteten, in ganz Preußen und Europa verbreiteten.

ANSCHAUUNGSUNTERRICHT UND ERSTE REALSCHULE

Zwei Modelle von Salzkothen  Die Modelle in der Kunst- und Naturalienkammer stehen heute für den Realienunterricht, den Francke an seinen Schulen eingeführt hatte. August Hermann Franckes Reformen richteten sich auch auf den Schulunterricht selbst. Nach dem Vorbild von Johann Amos Comenius (1592-1670) machte er den Anschauungsunterricht zu einem festen Bestandteil der Pädagogik an seinen Schulen und begründete damit das Realschulwesen. 1718 wurde der Realienunterricht durch die wertvolle Sammlung mechanischer Modelle des hallischen Pfarrers Christoph Semler (1669-1740) erweitert, die noch heute in der Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen präsentiert werden. Ausdruck des lebensnahen Unterrichts ist auch das Schulgartenprinzip, wie es in Halle entwickelt wurde, denn hier stand erstmals ein Unterrichtsgarten zum Vermitteln botanischer Inhalte zur Verfügung.

An Franckes wegweisender Pädagogik orientierten sich auch die Aufklärungspädagogen Johann Bernhard Basedow (1724–1790) und Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827). Johann Julius Hecker (1707-1768), der als Lehrer an Franckes Schulen dessen Bildungsreform kennengelernt hatte, gründete 1747 die Ökonomisch-mathematische Realschule in Berlin und etablierte damit einen neuen Schultyp, der bis heute die praktische Ausbildung der Schüler in den Vordergrund stellt. Maßgeblich wirkte Hecker zudem an der Reform des preußischen Elementarschulwesens mit.

AUSBILDUNGSSTÄTTE DES EUROPÄISCHEN ADELS

Königliches Pädagogium  Zeitgleich mit der Armenschule gründete August Hermann Francke eine Bildungseinrichtung, die sich an die Söhne des europäischen Adels sowie des vermögenden Bürgertums richtete. 1702 erhielt diese Schule das Königliche Privileg Friedrichs I. in Preußen und wurde als Königliches Pädagogium weltweit bekannt. Zunächst unterstützte Francke die Söhne des konfessionell bedrängten lutherischen Adels in Schlesien. Die enge Verbindung des englischen Puritanismus zum Pietismus ließ auch Zöglinge aus Großbritannien, für deren Kost und Logis die englische Königin Anne Stuart (1665-1714) aufkam, nach Halle kommen. Mit den zunehmenden internationalen Aktivitäten Franckes wurden Kinder aus Russland, den baltischen Ländern, aus Siebenbürgen, Schweden, Dänemark und der Schweiz am Halleschen Pädagogium ausgebildet, die die Reformideen Franckes später als Politiker, Beamte, Wissenschaftler und Theologen in alle Welt trugen. Das Pädagogium zählte zu den bekanntesten protestantischen Bildungseinrichtungen der Zeit, bot die besten räumlichen Bedingungen, einen breit aufgestellten, fundierten Ausbildungsplan und war mit umfangreichen Lehrmaterialien und der größten Bibliothek der Region ausgestattet. Aufgrund der räumlichen und organisatorischen Nähe zu den übrigen Anstalten kam diese herausragende Ausstattung auch allen anderen Schulen zugute.

IMPULSE FÜR DIE AKADEMISCHE AUSBILDUNG

Im Gegensatz zur katholischen Kirche und lutherischen Orthodoxie stand der Pietismus den damals aufkommenden Naturwissenschaften positiv gegenüber. Denn Francke war der Auffassung, dass das Studium der Natur nützlich sei und zur Ehre Gottes diene.
Darüber hinaus bemühte sich Francke im Rahmen seiner Professur um eine Reform des Theologiestudiums mit dem Ziel einer bestmöglichen Vorbereitung auf das Pfarramt mittels größerer Praxisnähe. Hierfür bot sich den Studenten die Möglichkeit, als Informatoren an den Anstaltsschulen erste Berufserfahrung zu sammeln. Gleichzeitig sicherte die Informatorentätigkeit ärmeren Studenten den Lebensunterhalt, da sie dafür freie Kost und Unterkunft erhielten. Aufgrund dieser Reformen wurde die Theologische Fakultät der Universität Halle wegweisend und zog besonders viele Studenten an. Zudem legte ein königlicher Erlass fest, dass alle Studenten, die eine Pfarrstelle in Brandenburg-Preußen anstrebten, zumindest einen Teil ihres Studiums in Halle abgelegt haben mussten. So wirkte der Hallesche Pietismus flächendeckend auf das preußische Kirchenwesen ein.
Medizinstudenten konnten unter Aufsicht des Waisenhausarztes praktische Erfahrungen im Krankenhaus der Anstalten sammeln. Diese Praxis gab einen wichtigen Impuls zur Einführung der Famulatur in das Medizinstudium.

BIBEL, BÜCHER UND LESEKULTUR

Schreibkunstschrank Bekrönung Göltz_klein  Die detailreiche Bekrönungsmalerei verweist auf die Bedeutung des Schreibens und Lesens für die Halleschen Pietisten.Foto: Klaus E. Göltz In seiner Ablehnung der sogenannten Mitteldinge, also von allem, was lediglich der Zerstreuung und dem Zeitvertreib diente, schien der Pietismus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Entwicklung belletristischer Literatur zu hemmen. Jedoch produzierten Pietisten in unvergleichbarer Menge religiöse Erbauungsliteratur, die eine private Lesekultur quer durch alle Schichten erzeugte. Die erste Bibelanstalt der Welt am Halleschen Waisenhaus ermöglichte durch drucktechnische Neuerungen einen qualitativ hochwertigen, sehr preiswerten Buchdruck und machte die in vielen Sprachen produzierten Bibeln und Erbauungsbücher zu einem Verkaufsschlager. August Hermann Francke folgte damit der grundlegenden reformatorischen Forderung, jedermann eine Bibel an die Hand zu geben, erreichte jedoch viel mehr: Die vom Pietismus angeregte Leserevolution verbunden mit einer Reflexion der individuellen Gefühlswelten, befruchtete die belletristische Literatur ungemein. Alle großen Autoren der Romantik und der Empfindsamkeit sind vom Pietismus beeinflusst worden, dazu gehören Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Wieland und viele andere mehr. Der aus einer pietistischen Familie stammende Schriftsteller Karl Philipp Moritz (1756-1793) gründete sogar ein Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, das als erste psychologische Zeitschrift gilt.

 

DIE SINGENDE BEWEGUNG

Macht_Hoch_Die_Thür Schon Luther hatte die integrierende Wirkung des gemeinsamen Gesanges auf die Gemeinden erkannt und dichtete selbst Kirchenlieder. So wurde der Gemeindegesang ein Medium, das die Anliegen der Reformation tief in der Gesellschaft wirksam werden ließ.
Das zunächst noch eng an die Kirche gebundene Singen wurde mit dem Auftreten des Pietismus auf breiter gesellschaftlicher Basis populär und sog neue Impulse der Musikkultur auf. Noch im 17. Jahrhundert hatte das Volk in der Kirche zumeist auswendig gelernte, einfache Lieder gesungen. Den gemeinschaftsbildenden Impuls des Liedes wussten die Pietisten geschickt zu nutzen und so lud Franckes Schwiegersohn Johann Anastasius Freylinghausen (1670-1739) am Halleschen Waisenhaus zu öffentlichen Singestunden ein. Bis zu 2000 Menschen besuchten diese Andachten mittwochs und samstags.
Freylinghausen veröffentlichte zudem 1704 ein Gesangbuch, in dem das neue Liedgut, z.B. die Lieder Paul Gerhardts, Aufnahme fand. Die bewegten Melodien und die rhythmische Beschwingtheit der neuen Lieder machten sie für den häuslichen Gebrauch populär und entfalteten ihre Wirkung auch auf die Kirchenmusik Johann Sebastian Bachs (1685-1759) oder Georg Friedrich Händels (1685-1759).

FRANCKE UND DER REICHSSTÄNDISCHE ADEL IN DEUTSCHLAND

Graf_Stolberg_Wenigerode_Stekovics_ganz Engen Kontakt pflegten die Halleschen Pietisten zum protestantischen Adel in den Gebieten Süddeutschlands, Thüringens, Sachsens, Brandenburgs und im Harz. Die Fürsten und Grafen dieser Regionen waren häufig reichsunmittelbar, so dass sie gemäß des Augsburger Religionsfriedens die Religionshoheit in ihren Ländern behielten. Viele dieser vom Pietismus beeinflussten Adligen holten Schüler Franckes als Beamte oder Pfarrer in ihr Territorium, die dort die Verwaltung, das Fürsorge- und Schulwesen verbesserten. Auf diese Weise erlangten die pietistischen Reformideen Einfluss auf ganze Herrschaftsgebiete.
Besonders intensiv unterstützte Francke den protestantischen Adel in Schlesien bei dessen konfessionellen Auseinandersetzungen mit den katholischen Landesherren, den Habsburgern. Dabei stand Francke ein „Geheimer Rat“ zur Seite, dem zahlreiche mitteldeutsche Adlige angehörten.
Wie auch viele andere Adlige ließ Henriette Katharina von Gersdorff (1648-1726) ihren Enkel Nikolaus Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf (1700-1760) am Königlichen Pädagogium Franckes ausbilden, der dann als Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine hervortrat und einen eigenen Pietismus prägte.
Über seine Verbündeten im Reichsadel konnte Francke seine Verbindungen bis hin zum kaiserlichen Hof in Wien ausdehnen, einem Zentrum europäischer Mächtepolitik.

FRANCKE UND DIE EUROPÄISCHEN HÖFE

Porträt Hohenzollern  Porträts von zehn Mitgliedern der Hohenzollerndynastie: Das Gemälde in der Wunderkammer erinnert an die engen Beziehungen der Hohenzollern zu Francke. Auf die Reformideen August Hermann Franckes wurden mehrere europäische Machtzentren aufmerksam. Die preußischen Könige Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I. unterstützten sein Reformwerk durch weitreichende Privilegien, gewährten ihm großen Einfluss und modernisierten mit seiner Hilfe das Schul- und Sozialwesen im ganzen Land.
Zum Hof Peters des Großen in St. Petersburg knüpften wichtige Mittelsmänner wie der Diplomat am englischen Hof und Autor der ersten russischen Grammatik, Heinrich Wilhelm Ludolf (1655-1712), Kontakte. Bereits 1698 suchten die Berater des Zaren für Bildungsfragen das Gespräch mit Francke in Halle. Die britische Königin Anne unterstützte englische Zöglinge am Halleschen Waisenhaus und die von Francke geprägten Hofprediger am Londoner Hof, Anton Wilhelm Böhme (1663-1722) und Friedrich Michael Ziegenhagen (1694-1776), wirkten als Vermittler des Halleschen Pietismus nach Südindien und Nordamerika. Auch zum dänischen König Friedrich IV. (1671-1730) hatte Francke engen Kontakt und der Pietismus beeinflusste in der Folge das dänische Kirchenwesen stark. Auf Wunsch des Königs errichteten Theologen aus Halle eine Missionsstation in der dänischen Handelsniederlassung Tranquebar in Südindien. Das war die erste protestantische Mission in der Geschichte.

 

TRANSMISSIONSRIEMEN DES LUTHERTUMS IN INDIEN UND NORDAMERIKA

Heinrich Melchior Mühlenberg  Heinrich Melchior Mühlenberg (1711-1787) Das weltumspannende Netzwerk des Halleschen Waisenhauses sorgte zwei Jahrhunderte nach der Reformation für die systematische Verbreitung des Luthertums über Europa hinaus. August Hermann Francke arbeitete bereits ab 1699 als korrespondierendes Mitglied mit der Society for Promoting Christian Knowledge (SPCK) in London zusammen, die für das britische Weltreich ähnliche Reformziele wie der Pietismus verfolgte. Die SPCK veröffentlichte 1705 unter dem Titel „Pietas Hallensis“ die englische Übersetzung der wichtigsten Werbeschrift Franckes und unterstützte die Verbreitung des Halleschen Pietismus in die britischen Kolonien Nordamerikas und Indiens. Ab 1706 waren hallesche Missionare im südindischen Tranquebar aktiv. Dort gründeten sie nach dem Vorbild Franckes Sozialeinrichtungen und Schulen, darunter die erste Mädchenschule auf dem indischen Subkontinent. Mit einer kompletten Druckerei samt Personal aus Halle wurde von hier aus der Buchdruck auf indischem Boden etabliert.
Francke interessierte sich auch schon früh für Nordamerika und korrespondierte mit dem Puritaner Cotton Mather (1663-1728) in Neuengland. Später besiedelten salzburgische Lutheraner unter Leitung hallescher Pastoren die Kolonie Georgia. Ab 1742 wurde der aus Halle entsandte Heinrich Melchior Mühlenberg (1711-1787) zum Patriarchen der lutherischen Kirche Nordamerikas.

GEBAUTE WELTREFORM

WaisenhausKab Modell_Meinicke  Eine Spende von 4 Talern und 16 Groschen gab den Anstoß für ein zukunftsweisendes Werk. Die Reformideen August Hermann Franckes erhielten durch die grandiose Schulstadt, die er innerhalb weniger Jahrzehnte vor den Toren Halles errichtete, eine äußere Gestalt. Die Anlage des Ensembles spiegelt bis heute die Erziehungskonzepte und Ordnungsvorstellungen des Halleschen Pietismus wider: im Zentrum befinden sich Schulräume und Lehrkabinette, ergänzt um Gemeinschaftseinrichtungen in teils mehrstöckigen Bauten wie Bet- und Singesaal, Speisesaal und öffentlichem Bibliothekszweckbau. Hinzu kommen die Wohnbereiche der Waisenknaben und -mädchen, der Internatszöglinge und der Angestellten; getrennt davon die Funktionsbauten mit Brau- und Backhaus, ein Wasch- und Aborttrakt, das erste Kinderkrankenhaus Deutschlands sowie eine hochmoderne Wasserversorgung. Eigene Zweckbetriebe wie Meierei, Druckerei und Apotheke runden das Bild ab. Franckes Schulstadt wurde beispielgebend für zahlreiche Einrichtungen dieser Art weltweit. Heute ist der von Francke konzipierte Kernbereich der Anlage um den Lindenhof in seiner historischen Vollständigkeit ein einmaliges Beispiel sozialer und pädagogischer Zweckarchitektur der frühen Neuzeit.

ANZIEHUNG UND WELTWEITE AUSSTRAHLUNG

Mittels eines wohlorganisierten zweibahnigen Informationsnetzes konnte Francke einerseits seine Konzepte verbreiten und andererseits neue Ideen sammeln und für seine Zwecke fruchtbar machen. So stand er mit vielen Gelehrten seiner Zeit wie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) in engem Kontakt. In Dänemark wurde der Pietismus zeitweilig Staatsreligion. Theologen wie der Novgoroder Erzbischof und Staatsmann Feofan Prokopovich (1681-1736) integrierten Franckes Ideen in ihre Reformpläne.

Die erste protestantische Mission im südindischen Tranquebar wurde zur Keimzelle der Tamil Evangelical Lutheran Church (TELC) und zum Vorbild für einen offenen Austausch der Kulturen. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) besaß die vollständige Ausgabe der Halleschen Berichte, einer Zeitschrift, die erstmals direkt und regelmäßig aus Südindien berichtete. Vom Halleschen Pietismus geprägte Männer gehörten zum innersten Zirkel der Begründer der Vereinigten Staaten von Amerika.
Im 19. Jahrhundert erhielten weltweit sowohl die protestantische Erweckungsbewegung als auch besonders die christliche Sozialfürsorge Impulse durch das Werk August Hermann Franckes. Aus dem 1836 von dem deutschen Auswanderer George Müller (1805-1898) bei Bristol gegründeten Waisenhaus ging die George Müller Foundation in Ashley Down/Großbritannien hervor, die bis heute Franckes sozialen Ideen verpflichtet ist.

  Weltweite Ausstrahlung Die Ausstrahlung der Franckeschen Stiftungen in den deutschsprachigen Raum

 

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