Die Franckeschen Stiftungen zu Halle/Saale 

Die Kunst- und Naturalienkammer im Barock


Die virtuelle Wunderkammer



Im Zeitalter des Barock sind Kunst- und Naturalienkammern nichts Ungewöhnliches. Seit dem 17. Jahrhundert entstanden in ganz Europa neben adligen zunehmend auch bürgerliche Sammlungen, vorwiegend durch Apotheker, Ärzte und andere Wissenschaftler. Das Ziel bestand darin, sich in der eigenen Studierstube anhand möglichst vielfältiger Gegenstände aus allen Bereichen der Natur und der Kunst einen Mikrokosmos zu schaffen, der eine eingehende Untersuchung der göttlichen Schöpfung erlaubte.

Diese Kammern mit einem - heute kühn erscheinenden - ganzheitlichen Ansatz gerieten ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Mode, als sich die wissenschaftlichen Fragestellungen im Zuge der Aufklärung veränderten und spezialisierten. Die alten Kuriositätensammlungen verschwanden, lediglich begrenzte Sammlungsbereiche oder Einzelobjekte wurden bisweilen in neuere spezialisierte Museen aufgenommen, wo sie teilweise bis heute nachzuweisen sind.

Die Kunst- und Naturalienkammer in den Franckeschen Stiftungen ist vermutlich die letzte komplett erhaltene Wunderkammer der Barockzeit. In ihrer Originalform wieder auf-gebaut, führt sie dem staunenden Besucher eine Urform heutiger Museen vor, in der die frühmoderne ganzheitliche Weltschau auf plastische Weise erlebbar wird. Im Flur, der vom Lift zur Naturalienkammer führt, sind fotografische Abbildungen von Wunderkam-mern aus ganz Europa zu sehen, die im Zu-sammenhang mit der hiesigen Sammlung ste-hen. Alle Abbildungen sind der kleinen Handbibliothek entnommen, die im 18. Jahr-hundert für die Wunderkammer des Waisenhauses angelegt wurde.

Die Geschichte der Sammlung

Ende des 17. Jahrhunderts begann August Hermann Francke, unterstützt vom branden-burgischen Kurfürsten Friedrich III., eine Kunst- und Naturaliensammlung in seinem Waisenhaus. Durch seine weltweiten Verbindungen gelang es ihm, die erstaunlichsten Kuriosiäten aus aller Herren Länder zusam-menzutragen. Von Beginn an erfüllte die Sammlung einen doppelten Zweck: Während sie in erster Linie der Anschauung im Schul-unterricht diente, gewann sie auch als öffentliches Museum zunehmend an Bedeutung. Nachdem die Sammlung in den ersten Jahrzehnten weitgehend ungeordnet über das ganze Waisenhaus verteilt gewesen war, ließ sie das Direktorium ab 1734 im ehemaligen Schlafsaal der Waisenknaben im Dachgeschoß des Hauptgebäudes unterbringen. Im 19. Jahrhundert verlor die Wunderkammer ihre ursprüngliche Bedeutung und geriet allmählich in Vergessenheit. Während des zweiten Weltkrieges wurde sie ausgelagert und war später in der DDR in Nebenräumen wie-der zugänglich, bis der allgemeine Verfall der Stiftungsgebäude auch dieses einmalige Kabinett zu zerstören drohte. Im Vorraum rechts neben der Eingangstür zum Saal wird die Geschichte der Kunst- und Naturalienkammer des Waisenhauses anhand von vier Grundrissen mit erläuternden Texten erzählt.

Vorsicht!

Wenn Sie diese Wunderkammer aus der Barockzeit betreten, werden Sie sich zunächst darüber wundern, daß vieles so anders ist, als Sie es aus einem heutigen Museum gewohnt sind. Aber dies ist kein normales Museum, sondern - wenn überhaupt vergleichbar- des-sen Urform. Deswegen unterscheidet sich die Präsentation der einzelnen Sammlungsstücke erheblich von der in einer modernen Ausstel-lung. Hier drängen sich atemberaubend viele Gegenstände auf engstem Raum, und auf den ersten Blick fällt das Fehlen einer Beschrif-tung im Saal auf. Jedoch tritt in dieser früh-modernen Kuriositätenkammer das Einzelob-jekt gegenüber dem Gesamtensemble beste-hend aus dem Raum, den Möbeln, den Objek-ten und dem Konzept zurück. Um Ihnen einen möglichst authentischen Eindruck zu vermitteln, ist so wenig wie möglich hinter Glas verborgen. Deswegen bitten wir Sie, sich besonders vorsichtig in diesem Raum zu be-wegen, nichts zu berühren, Taschen und Mäntel nicht mit in den Saal hineinzunehmen und die dezenten Absperrleisten nicht zu überschreiten. Bitte fotografieren Sie ohne Blitzlicht.


Rundgang

Grundriß der Kunst- und Naturalienkammer

Der Raum

Heute ist die Kunst- und Naturalienkammer des Waisenhauses wieder in ihren ursprüngli-chen Raum im Unterdach des Hauptgebäudes zurückgekehrt. Hier wurde sie durch den Al-tenburger Maler und Kupferstecher Gottfried August Gründler zwischen 1736 und 1741 nach modernsten zeitgenössischen Kriterien eingerichtet. Er entwarf eine Ordnung für die vielen tausend Exponate, schrieb einen Kata-log und ließ entsprechende Sammlungsschränke bauen, die genauestens sowohl auf den jeweiligen Schrankinhalt als auch auf die Raumverhältnisse abgestimmt waren. Das zei-gen am deutlichsten die Motive auf den be-malten Schränken, aber auch deren individu-elle Innenausstattung. Obwohl der Raum heu-te etwas schmaler und kürzer ist als vor 250 Jahren, sind seine originalen Proportionen er-halten geblieben, und auch die Andeutung der Tageslichtquellen an den Kopfenden des Raums spiegelt die Position der ursprüngli-chen Dachfenster wieder. Die jetzige Anord-nung der Sammlung entspricht im wesentli-chen derjenigen von 1741, das belegt die zeit-genössische Beschreibung des halleschen Chronisten Dreyhaupt aus dem Jahr 1755, die rechts neben der Eingangstür zu lesen ist.

Wenn man den Saal betritt, befindet sich zur Linken - also im Süden - die Naturaliensammlung. Sie enthält alle Sammlungsgegenstände natürlicher Herkunft. Klar davon getrennt ist die Kunstsammlung, die an der gegenüberliegenden Stirnseite im Norden des Saals beginnt und sich in den grauen Schränken entlang der Ostwand fortsetzt. Hier sind alle von Menschenhand geschaffenen Dinge aufgehoben. Dieser strikten Unterscheidung folgt auch die Anordnung der Exponate außerhalb der Schränke.

Die Naturaliensammlung

Innenexponate

Soll ein Rundgang durch die Sammlung der alten Systematik Gründlers folgen, so beginnt er bei den drei Schränken (I A, II B und III C) in der südwestlichen Ecke. Aus dem Reich der unbelebten Natur ist dort eine große Sammlung von mehreren hundert Steinen zu sehen (I A), die sich im Unterschrank fort-setzt. In den beiden daneben befindlichen Schränken sind Landpflanzen (II B) und Seepflanzen (III C) untergebracht. Das anschließende Schrankensemble beginnt mit der Tiersammlung (IV D). Bis hin zu menschli-chen Embryonen sind hier die unterschied-lichsten Sammlungsstücke aus der Tierwelt zusammengetragen. Im Anschluß daran (V E und VI F) sind Muscheln, Schnecken und Schalentiere zu sehen, das sind die Reste der alten Conchyliensammlung, übrigens einem Grundbestandteil frühmoderner Naturalienkabinette.

Außenexponate

In einer frühmodernen Naturalienkammer durfte ein Krokodil nicht fehlen, und so hängt ein großes Exemplar mitten unter der Decke, flankiert von zwei anderen an den Decken-stützen sowie weiteren Exponaten aus dem Tierreich. Zwischen den Naturalienschränken hängen vier indische Vogelnester. Neben dem Südwestfenster schwingt der wuchtige Kieferknochen eines Bartenwals zur Decke auf. Links und rechts davon sind zwei Schulterblattknochen sowie die Rippe eines Wals an der Wand befestigt. Schließlich steht hier auch der Apothekentisch, in dem früher Pflanzen und Pflanzenteile, die in der Pharmazie gebraucht wurden, untergebracht und ausgestellt waren.

Die Kunstsammlung

Innenexponate

Entlang der Ostwand sind sechs grau bemalte Schränke aufgestellt. Sie blieben vermutlich ohne farbige Motivbemalung, weil der Künstler sein Werk nicht abschließen konnte. Der Schrank, der sich an die Naturaliensamm-lung anschließt, zeigt die alte Handbibliothek der Kammer mit reich bebilderter Fachlitera-tur (VII G). Daneben befindet sich der alte Münzschrank (13), in dem heute neben der Münzsammlung vor allem Totenwachsmasken unterschiedlicher, teilweise noch nicht identifizierter Personen aus dem pietistischen Umfeld aufbewahrt werden. Oben links ist z.B. eine Wachsmaske Anna Magdalena v. Wurmbs, der Ehefrau August Hermann Franckes, ausgestellt. Die beiden Schränke ohne Bekrönung (14 und 18) links und rechts neben der Eingangstür sind der Kammer später hinzugefügt worden und sind mit Sammlungsstücken aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gefüllt. Während in Schrank (14) ethnologische Exponate gesammelt sind, die überwiegend aus Borneo übersandt wurden, ist auf der anderen Seite der Eingangstür ein Ensemble aus der königlich-preussischen Porzellanmanufaktur zu sehen, das einst als private Schenkung in das Waisenhaus gelangten. Die beiden weiteren grauen Schränke (IX J und X K) enthalten schließlich die ausgedehnte Modellsammlung und bilden so das eigentliche Charakterisitikum der Kuriositätenkammer des Waisenhauses. Denn dieser Sammlungsteil kennzeichnet am deutlichsten die schulische Absicht der ganzen Kammer, den Unterricht lebensnah und begreifbar zu gestalten.

Die sechs reich verzierten Sammlungs-schränke an der nördlichen Stirnseite bilden das Pendant zu den gegenüberliegenden Naturalienschränken und enthalten den Grundstock der Kunstsammlung. Jeder Schrank ist einem anderen Sammlungsgebiet gewidmet. Setzt man den Rundgang von der Modellsammlung aus fort, so steht man zunächst vor dem Malabarenschrank (XI L), in dem etwa 100 Stücke zu sehen sind, die im 18. Jahrhundert von den halleschen Missionaren aus Indien übersandt wurden, und hier dazu dienten, eine ferne Welt mit einer völlig fremden Kultur vorzustellen. Der Eckschrank (XII M) ist religiösen Gegenständen gewidmet und reicht von Kultgegenständen ganz entlegener Religionen, wie z.B. der kleinen sitzenden Steinfigur einer aztekischen Gottheit aus Mittelamerika, bis zu geweihten Kerzen römisch-katholischer Herkunft. Der dritte Schrank dieses Eckensembles (XIII N) umfaßt Dinge der Alltagskultur im weitesten Sinne. Dazu gehören neben Schmuckgegenständen auch Haushaltsgegenstände und verschiedenes Kriegsgerät. Im nächsten Schrank (XIV O) sind frühmoderne Kleidungsstücke aus aller Herren Länder zu sehen, u.a. eine Schuhkollektion und eine Puppensammlung mit vielfältigen Trachten in Modellform. Dem danebenliegenden schmalen Schrank (XV P) sind Bildnisse, das heißt Reliefs, Kupferstiche und Gemälde zugeordnet. Unten im Vordergrund ist ein wertvolles Holzrelief aus dem frühen 16. Jahrhundert mit einer Darstellung des heiligen Abendmahls zu sehen. Der letzte Schrank (XVI Q) zeigt schließlich Gegenstände aus dem Bereich der Schreibkunst. Neben vielfältigen Schrift- und Papierproben, Schreibgeräten und weiterem Zubehör sind hier auch halbverbrannte Exemplare pietistischer Literatur ausgestellt, deren Rettung aus den Flammen im 18. Jahrhundert als Wunder bestaunt wurde.

Außenexponate

Die Kunstsammlung setzt sich außerhalb der Schränke fort, die Exponate sind aber thema-tisch immer einem Schrank zugeordnet. Ebenso wie im 18. Jahrhundert hängt eine lappländische Zaubertrommel über dem Nordfenster zwischen den Schränken. Auf zwei Tischen sind einige Gebäude aus der Modellsammlung zu sehen. Korrespondierend zu dem Krokodil in dem Naturalienbereich hängt im Norden des Raums ein großes grön-ländisches Kajak von der Decke, umgeben von weiteren völkerkundlichen Exponaten. An der Westwand ist eine kleine Waffensammlung zu sehen, in deren Zentrum frühneuzeitliche Panzerbekleidung russischer Herkunft, bestehend aus Kettenhemd und Haube hängt. In die Mitte des Raums zurückgekehrt, steht man vor der großen Armillarsphäre, die von einem Himmels- und einem Erdglobus flankiert wird. Das große Weltensystem wurde in mehrjähriger Bauzeit durch den halleschen Theologen Christoph Semler erschaf-fen. Es handelt sich dabei um ein geozentri-sches System, das seit etwa 1720 neben einem kopernikanischen Modell für den Astronomieunterricht an den Anstaltsschulen eingesetzt wurde. Zur Modellsammlung gehören schließlich auch die drei Nachbauten von frühmoderne Atlantiksegelschiffen im Südteil des Saals. Abschließend sei der Blick auf die Reste der alten Gemäldesammlung in der Kunst- und Naturalienkammer gelenkt.Die meisten Ölgemälde, die heute über das Gebäude verteilt sind, gehören zum ursprünglichen Inventar der Kammer. Hinter dem Weltensystem hängt an zentraler Stelle ein Gemälde der kurfürstlichen Hohenzollern-familie, die den Anfang der Kunst- und Naturalienkammer auf Franckes Bitte hin tatkräftig unterstütztet und deswegen von Beginn an einen Ehrenplatz in dieser frühmodernen Weltschau erhielt.


Publikationen zur Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen:


Öffnungszeiten: Di - So 10.00 - 17.00 Uhr

Sonderführungen nach Voranmeldung

Telephon: 0345-2127400

Verantwortlich: Dr. Thomas Müller-Bahlke 


Franckesche Stiftungen 1997-98


 

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