Kabinettausstellung der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen

"Das Buch von dem Pilger (1498). Eine Bildergeschichte aus der Inkunabelzeit"

Die zweite Kabinettausstellung der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen ist als ein kleiner Beitrag zum "Gutenberg-Jahr" zu verstehen. Im Mittelpunkt steht ein äußerst seltener, kleinformatiger niederländischer Druck aus dem Jahr 1498, in dem das menschliche Leben als Pilgerfahrt zum himmlischen Jerusalem in Form einer Traumallegorie erzählt und mit 62 Holzschnitten anschaulich illustriert wird. Die Dichtung, die im 14. Jahrhundert in Frankreich entstand, thematisiert den dramatischen Konflikt zwischen Tugenden und Lastern in der menschlichen Seele. Ihr Autor, der Zisterziensermönch Guillaume de Digulleville, griff damit ein zentrales Thema mittelalterlichen Denkens auf. Seine Dichtung wurde so erfolgreich, dass sie in zahlreichen Handschriften und frühen Druckausgaben überliefert ist.

Die Inkunabel aus der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen ist eine Übersetzung der Dichtung ins Niederländische. Von diesem Druck aus Delft existieren nur noch drei weitere nachweisbare Exemplare. Da das Exemplar in Halle beschädigt und in einem Sammelband aus dem 18. Jahrhundert eingebunden war, ist es zu Restaurierungszwecken aus dem Einband gelöst worden. So besteht die einmalige Möglichkeit, die einzelnen Lagen des Drucks und damit viele Holzschnitte wie in einer Bildergeschichte zu präsentieren. Die Holzschnitte zeichnen sich durch eine klare Formensprache, die lebendige Darstellung der Personen und durch eine annährend perspektivische Beherrschung des Raums aus. Dem heutigen Betrachter mögen die Gestalten, Personifikationen der Tugenden und Laster, fremd erscheinen, aber ihre anschauliche Darstellung lassen die Begeisterung erahnen, mit der die Zeitgenossen solche Bücher wahrgenommen haben.

Es dürfte kein Zufall sein, dass dieses Buch zu den frühen Schenkungen an die Bibliothek des Waisenhauses gehört, denn seine Thematik war auch noch in den Zeiten August Hermann Franckes populär. Der Druck wurde mit ca. 600 anderen Büchern 1704/05 von Friedrich Breckling (1629-1711), einem wegen seiner separatistischen Neigungen in die Niederlande emigrierten Theologen, an die Bibliothek in Halle gegeben. Das Motiv von der Pilgerschaft auf Erden und den Anfechtungen auf dem Lebensweg hat einer der bekanntesten Erbauungsschriftsteller, der englische Prediger John Bunyan (1628-1688), von Guillaume de Digulleville übernommen. Sein berühmtes Werk, The Pilgrim´s Progress, wurde durch den Halleschen Pietismus rezipiert und durch den Druck im Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses verbreitet. In der Ausstellung sind daher zahlreiche Ausgaben dieser puritanischen Erbauungsschrift wie auch weitere niederländische Drucke aus der Inkunabelzeit zu sehen.