Kabinettausstellung der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen


"Praxis pietatis. Erbauungsliteratur aus der

Bibliothek der Franckeschen Stiftungen"




Die Kabinettausstellung "Praxis pietatis. Erbauungsliteratur aus der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen" widmet sich einem heute wenig beachteten, aber bis Mitte des 18. Jahrhunderts äußerst populären und weit verbreiteten Literaturzweig. Erbauliche Schriften stellten nächst der Bibel die Hauptlektüre des Volkes dar, begleiteten den christlichen Leser ein Leben lang und prägten damit das fromme, sittliche Leben und die Glaubenshaltung zahlreicher Generationen.

Die ausgesprochen blumigen Titel dieser Bücher wie "Güldenes Schatz-Kästlein der Kinder Gottes", "Himmlischer Liebeskuß", "Göttliche Liebesflamme" oder "Köstlicher Brautschmuck einer gläubigen Seele" mögen auf den heutigen Betrachter befremdlich wirken, weisen aber deutlich auf die Zweckbestimmung der Erbauungsliteratur hin: Sie sollte das individuelle religiöse Empfinden ansprechen und zum praktischen Christentum anleiten. Ausgesucht schöne Kupferstiche in den alten Drucken - nicht nur zur einprägsamen Herzensmetaphorik - unterstreichen eindrucksvoll die religiös-moralische Wirkungsabsicht dieser Literatur, die dem frommen Leser oder Zuhörer in einer Fülle von Gattungen und Themen wie Gebets-, Beicht- und Andachtsbüchern, Traktat- und Predigtsammlungen, Trost- und Sterbebüchern oder Liederbüchern zur Verfügung standen.

Für Philipp Jakob Spener und August Hermann Francke, die Hauptvertreter des Pietismus, war Erbauung ein Schlüsselbegriff für die geforderte Reform der Kirche, der Theologie und des Lebens. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen, die von August Hermann Francke selbst gegen Ende des 17. Jahrhunderts begründet wurde, zahlreiche lutherische Erbauungsschriften vorhanden sind und in der Kabinettausstellung präsentiert werden können. Die Ausstellung setzt ein mit dem einflussreichsten, verbreitetsten und bedeutendsten Werk lutherischer Erbauungsliteratur, Johann Arndts "Vier Bücher vom wahren Christentum", das durch die halleschen Pietisten in zahlreichen Neuausgaben und Übersetzungen, u.a. ins Tamil, in alle Welt verbreitet wurde. Sowohl von diesem Werk Arndts als auch von seinem "Paradies-Gärtlein" kursierten bald nach ihrem Erscheinen Geschichten über die wunderbare Errettung der Bücher aus Feuersbrünsten und Katastrophen. Zwei verkohlte und durch Brandspuren reichlich mitgenommenen Exemplare dieser Werke aus der stiftungseigenen Kunst- und Naturalienkammer zeugen von der besonderen Wirkung und Heiligkeit, die den Arndtschen Erbauungsschriften zugeschrieben wurden.

Nebst diesen zu Klassikern der Erbauungsliteratur avancierten Schriften Johann Arndts wird in der Kabinettausstellung exemplarisch die Entwicklung der Erbauungsliteratur bis in das 19. Jahrhundert nachgezeichnet. Den Werken der Epigonen und Nachfolger Arndts, besonders Joachim Lütkemanns, Heinrich Müllers und Christian Scrivers, folgt die reiche Erbauungsliteratur des Pietismus, durch den die Tendenz zur Verinnerlichung und Subjektivierung verstärkt, die aus der Selbstbeobachtung erwachsene Tagebuch- und Vitenliteratur gefördert sowie die Erbauungsliteratur zurückliegender Epochen popularisiert wurde. Im Zeitalter der Aufklärung setzte sich allmählich eine säkulare Umdeutung der Erbauung als innerweltliches Lebensgefühlt durch, wenn auch zeitgleich die Erbauungsliteratur kirchlich-religiöser Prägung ihre Fortsetzung fand und schließlich die traditionelle erbauliche Literatur durch die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Neuauflagen und -drucken wiederbelebt wurde.


Der Katalog "Praxis pietatis. Erbauungsliteratur aus der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen" zum Preis von DM 5.- ist zu beziehen über:
Franckesche Stiftungen
Franckeplatz 1 / Haus 1
06110 Halle (Saale)
Tel.: (0345) 21 27 450

Veranstalter: Franckesche Stiftungen in Zusammenarbeit mit dem Interdisziplinären Zentrum für Pietismusforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg