"Collegium Orientale Theologicum: Das erste wissenschaftliche Institut im Deutschen Reich"

Johann Heinrich Michaelis (1668-1738)
1702 gründete August Hermann Francke (1663-1727) das "Collegium Orientale Theologicum", ein Institut für junge begabte Studenten, die eine sprachliche und biblisch-theologische Ausbildung erhalte sollten, um später im Kirchen- und Universitätsbetrieb Führungspositionen einzunehmen.
Unterstützt und begleitet wurde das Projekt von Carl Hildebrandt von Canstein (1667-1719), dem großen Förderer des halleschen Waisenhauses, sowie von Hiob Ludolf (1624-1704) und dessen Neffen Heinrich Wilhelm Ludolf (1655-1712). Die beiden Sprachgelehrten und Diplomaten traten jedoch stärker für einen missionarischen Zweck des Collegiums ein. Sie sahen in ihm eine Ausbildungsstätte für Missionare, die den Einfluss der protestantischen Kirche im Orient verstärken sollten. Eine Idee, die Francke geschickt ablehnte.
Zum Leiter des Collegium Orientale Theologicum berief August Hermann Francke den Orientalisten Johann Heinrich Michaelis (1668-1738), einen Schüler von Hiob Ludolf, der seit 1694 in Halle tätig war. Unter seiner Anleitung begannen im März 1702 zwölf sprachbegabte Studenten mit ihren bibelwissenschaftlichen Studien. Im Vordergrund stand die Exegese der Heiligen Schrift, besonders des Alten Testaments. Neben dem Hebräischen sollten die Studenten Chaldaeisch, Syrisch, Samaritisch, Arabisch, Äthiopisch und Rabbinisch lernen.
In der Kabinettausstellung werden Zeugnisse von der Planung und dem Wirken des Instituts erstmals präsentiert. Dabei sollen ein Einblick in die Arbeitsweise gegeben und die Mitglieder des Collegiums sowie ihre wissenschaftliche Leistung beleuchtet werden.
Das wohl wichtigste Ergebnis dieser Arbeit ist die "Biblia Hebraica", eine kommentierte Ausgabe des Alten Testaments, die im Waisenhaus-Verlag zunächst in Lieferungen herausgebracht wurde. 1720 erschien sie im Oktav-, Quart- und Folioformat in einer Gesamtauflage von 4500 Exemplaren.
Das Druckbild ist in der Tradition klassischer jüdischer Drucke gestaltet, d. h. der Benutzer findet den Textabschnitt und alle wichtigen Informationen zum Verständnis des Textes auf einer Seite. Im Falle der Biblia Hebraica heißt das: In der Mitte der hebräische Bibeltext, auf dem inneren Rand die Zusammenfassung des Bibeltextes in lateinischer Sprache, auf dem äußeren Rand die biblischen Parallelstellen und auf dem unteren Rand die Textvarianten der zur Edition herangezogenen Manuskripte und Drucke.