Kabinettausstellung der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen 


"Annalen, Chroniken, Viten : Zeugnisse früher Geschichtsschreibung aus den Beständen der
Franckeschen Stiftungen"

 

                                                                   

Die frühe Geschichtsschreibung vom Altertum bis zum Beginn der Neuzeit hat in ihrem Bemühen um die Darstellung von Vorgängen, Zuständen und Personen der Vergangenheit eine ganze Reihe von Gattungen hervorgebracht. Hauptformen waren Annalen, Chroniken und Viten bzw. Tatenberichte (Gesta), die oft nicht eindeutig voneinander abzugrenzen sind. In der Kabinettausstellung werden ausgewählte Beispiele dieser Gattungen und ihrer Mischformen aus den Beständen der Bibliothek und des Archivs der Franckeschen Stiftungen gezeigt.

Ein Großteil der präsentierten Drucke entstammt dem Zeitalter des Humanismus, in welchem dem Buch eine besondere Wertschätzung entgegengebracht wurde. Die Humanisten nahmen sich die Kunst- und Lebensauffassung des Altertums, speziell der römischen Antike, zum Vorbild. Ihr Streben nach einer quellenkritischen Methode und ihr Wunsch nach zuverlässigen, authentischen Texten führten zu text- und sachkritischen Bemühungen nicht nur bei den Texten der antiken Klassiker, sondern auch beim Bibeltext und den mittelalterlichen historiographischen Quellen. Buchdruck und Humanismus förderten sich gegenseitig. So gelangten nun viele handschriftlich überlieferte antike und mittelalterliche Texte, so die berühmten Kaiserbiographien Suetons oder die Zeittafeln des Eusebius, ebenso zum Druck wie die zeitgenössischen chronistischen, landesgeschichtlichen und biographischen Werke der Humanisten.

Die schon im Altertum entstandene Gattung der Annalen als Aufzeichnungen von Ereignissen nach ihrer jährlichen Abfolge wurde von den Humanisten übernommen und in die Neuzeit übergeleitet. Nach griechischen Vorbildern war die Annalistik zur Grundform der römischen Historiographie geworden. Als Frühform der mittelalterlichen Annalen gelten die mit knappen Anmerkungen zu wichtigen Ereignissen an bestimmten Tagen versehenen Ostertafeln zur Festlegung des Osterdatums in den frühen christlichen Kirchen. Bald hatte sich daraus eine eigenständige Literaturgattung entwickelt, die unbeeinflusst von antiken Vorbildern war. Diese Annalen wurden oft über Generationen hinweg geführt.

Die Chronik (griech. "Zeitbuch") hielt sich nicht so eng an eine jährliche Abfolge wie die Annalen. Die christlichen Universalchroniken beschrieben die Weltgeschichte unter heilsgeschichtlichem Aspekt vom Anbeginn bis zur Zeit des Autors. Der Verlauf der Geschichte wurde als auf das Reich Gottes hin ausgerichtet betrachtet. Im Spätmittelalter erschienen neben lateinischen auch zahlreiche landessprachige Chroniken, die einerseits noch der Gattung Weltchronik und damit der mittelalterlichen Vorstellungswelt verpflichtet waren, sich andererseits aber auch als geographisch, inhaltlich und zeitlich begrenzte Darstellungen zur Geschichte eines Volkes, eines Territoriums, einer Stadt oder eines Geschlechtes präsentierten, mit denen neue historiographische Wege beschritten wurden.

Dem antiken Schema der Reihung exemplarischer, der philosophischen Ethik entnommener Tugenden folgend, brachte das Mittelalter sowohl stark legendarische Heiligen- und Märtyrerviten als auch nichthagiographische Herrscher- und Fürstenviten hervor. Im späten Mittelalter tauchten vermehrt auch Philosophen- und Künstlerviten auf. Die Vitensammlungen des Humanismus folgten in ihrer Form der säkularen, antiken Tradition. In der Frühen Neuzeit ist ein wachsender Sinn für das Individuelle zu beobachten.

So bietet die Kabinettausstellung eine Fülle interessanter und lehrreicher Beispiele der hier kurz beschriebenen Gattungen. Als unvergängliche Quellen geschichtlichen Wissens präsentieren sich unter vielen anderen die knappe weltgeschichtliche Darstellung des Kartäusermönchs Werner Rolevinck in einer Ausgabe von 1480, die sogenannte Koelhoffsche Chronik der Stadt Köln von 1499 oder die Bayern-Chronik des Wittelsbacher Hofhistoriographen Johann Aventin, ein Beispiel humanistischer Landesgeschichtsschreibung. Die berühmten Doppelbiographien Plutarchs fehlen ebenso wenig wie Einhards "Vita Caroli Magni" oder Melanchthons Lutherbiographie. Besonders hingewiesen sei auf eine Pergamenthandschrift der "Vita Annonis major" aus dem ersten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts sowie auf Samuel Pufendorfs reichspublizistische Biographie des Großen Kurfürsten.