Kabinettausstellung der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen


"ABC-Büchlein und Bilderbibel. Kinder- und Jugendliteratur in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen"



ABC-Büchlein und Bilderbibel: Der Titel der ersten Kabinettausstellung, die in dem ehemaligen kleinen Lesezimmer der historischen Kulissenbibliothek stattfindet, rückt mit Fibel und Bibel die Literaturformen in den Mittelpunkt, die Kindern in der frühen Neuzeit ein erstes Lektüreerlebnis vermittelten. Präsentiert werden ausgewählte Beispiele der Literatur für Kinder und Jugendliche aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die die Zunahme und allmähliche Differenzierung der Literatur für Kinder und Jugendliche ebenso nachzeichnen wie die allmähliche Herausbildung der Kinder- und Jugendliteratur als eigenständige Literaturform gegen Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts. Erst ab diesem Zeitpunkt vollzog sich die Trennung von Schul- und Kinderbuch und entwickelte sich der uns heute selbstverständlich erscheinende Büchermarkt für Kinder.
An einem Ort wie den Franckeschen Stiftungen, an dem Tausende von Kindern erzogen und ausgebildet worden sind, erhält die Spurensuche nach Büchern für Kinder und Jugendliche aus dem 17. und 18. Jahrhundert eine zusätzliche Dimension und wirft verschiedene Fragen auf: Welche Literatur hielten die Bibliothek des Waisenhauses und die Bibliotheken der von August Hermann Francke begründeten Schulen für Lehrer und Schüler bereit? Ging das Angebot über "Fibel und Bibel" hinaus? Finden sich auch Bücher für Kinder mit primär unterhaltendem Charakter? Welche Bücher verfassten die Lehrer der Stiftungsschulen für den Unterricht?
Erstaunlich ist, dass in den Beständen der Bibliothek eine gute Auswahl der zeitgenössischen Literatur, die an Kinder und Jugendliche adressiert ist, anzutreffen ist. Nicht nur ABC-Bücher und Kinderbibeln, sondern auch Erbauungsliteratur, Lehrbücher aller Unterrichtsfächer, Sitten- und Anstandslehren sowie moralisch-unterhaltende Literatur finden sich in oft kleinformatigen, unscheinbar wirkenden Ausgaben, deren Charakteristikum stets ihre didaktische Absicht ist. Ganz allmählich entwickelte sich die Illustration zum zentralen Bestandteil der Kinderliteratur, angefangen mit dem 1658 erstmals erschienenen "Orbis sensualium pictus" des Johann Amos Comenius, dessen plastische Bilder Lerninhalte durch unmittelbare Anschauung vermittelten. Erst hundert Jahre später finden sich kindgerechte Illustrationen in Kinderbibeln, wie der Bilder-Bibel von Christoph Kratzenstein (1767). Die vorrangige Methode des Wissensvermittlung stellte aber das im Katechismus vorgebildete Frage-Antwort-Schema dar, die mündliche Wiedergabe des Lernstoffes durch den Erzieher. So enthalten viele Bücher, wie etwa auch das "Erbauliche Handbüchlein für Kinder" (1734) des dem hallischen Pietismus nahestehenden Johann Jakob Rambach, sowohl eine Vorrede an die Eltern als auch an die Kinder. Rambachs Buch steht ganz im Dienst pietistischer Pädagogik, die auf die Erziehung zum wahren christlichen Lebenswandel zielte.
Wie viele Bücher tatsächlich in die Hände von Kinder gelangten und gelesen wurden, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Zumindest dürften Kinder, die nur in seltenen Fällen in ihrem Haushalt Bücher vorfanden, in Franckens Schulen eine gute Chance gehabt haben, die in den Bibliotheken vorhandene Literatur für Kinder im Schulunterricht präsentiert zu bekommen. Erst als im Zuge der Aufklärung die Buchproduktion ab der Mitte des 18. Jahrhunderts immens zunahm und breitere Schichten der Bevölkerung zum aktiven Lesepublikum zählten, erweiterte sich das Angebot an Literatur für Kinder und Jugendliche. Die belehrend-sachorientierten Schriften berühmter Pädagogen wie Johann Bernhard Basedow, Johann Heinrich Campe, oder Christian Gotthilf Salzmann gelangten in die Bibliotheken der Franckeschen Stiftungen. Die Stiftungsschulen reagierten auf den neuen Literaturmarkt für Kinder mit der Einrichtung von Schul- und Kinderbibliotheken, um den Lehrer und Erzieher weiterhin in der Rolle des Vermittlers der Lektüre für Kinder zu belassen. Der erhaltene schriftliche Katalog der Kinderbibliothek der Bürgerschule des hallischen Waisenhauses (1833) kündet aber zugleich von einer neuen Zeit, in der sich die Schulbibliotheken der Unterhaltungsliteratur für Kinder nicht länger verschließen konnten.


Katalog:
ABC-Buechlein und Bilderbibel : Kinder- und Jugendliteratur in Franckens Stiftungen ; [Begleitband zu der ersten Kabinettausstellung der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen zu Halle 7. Mai 2000 - 27. August 2000] / Franckesche Stiftungen zu Halle. [Ausstellung und Katalog: Brigitte Klosterberg]
Halle, 2000, 47 S. : Ill.
(Kleine Schriftenreihe der Franckeschen Stiftungen ; 1)
Preis:
DM 5.-
Bezugsadresse:
Franckesche Stiftungen
Franckeplatz 1 / Haus 1
06110 Halle (Saale)
Tel.: (0345) 21 27 450