Franckeblätter Ausgabe 01/2010

Preisverleihung für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten
in den Franckeschen Stiftungen


Carmela Keller, Vorsitzende der Landesjury Sachsen-Anhalt

Seit 1973 gibt es den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, an dem Schüler und Jugendliche teilnehmen, die sich auf historische Spurensuche begeben. In sechsmonatigen Projekten erforschen sie Geschichte, die an ihrem Wohnort stattgefunden hat und oft bis in die Gegenwart nachwirkt. Sie recherchieren in Archiven und Bibliotheken, interviewen Zeitzeugen und befragen Experten. Die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren sie in Filmen, Theaterstücken, Spielen oder Manuskripten, die bei der Körber-Stiftung für den Wettbewerb eingereicht werden.


l.: Blick in den Saal; r.: Förderpreisträger

Der Wettbewerb findet alle zwei Jahre statt und geht auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Hamburger Stifters Kurt A. Körber zurück. Bisher haben über 115.000 Jugendliche mit mehr als 23.000 Projekten am Geschichtswettbewerb teilgenommen. Das Thema des letzten Wettbewerbs 2008/2009 war: „Helden: verehrt – verkannt – vergessen“. Daran nahmen bundesweit 6.600 Schüler mit 1.831 Beiträgen teil. In Sachsen-Anhalt haben 132 Jugendliche 37 Arbeiten eingereicht, die überwiegend in Halle und Osterwieck entstanden sind. Von diesen Wettbewerbsbeiträgen bekamen 7 einen Förderpreis und 7 einen Landespreis. Die Preisverleihung für die Landespreise wurde von den Franckeschen Stiftungen am 14.08.2009 ausgerichtet und fand im Freylinghausen-Saal statt. Stiftungsdirektor Dr. Thomas Müller-Bahlke und Kultusminister Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz zeichneten die Landessieger aus, deren Beiträge für den Bundesausscheid nominiert wurden.


Die Vertreter der Stiftungen: Herr Dr. Zaunstöck; Frau C. Keller

Preisträger waren: Christoph Georg Rohrbach (Gymnasium Am Thie, Blankenburg), Klasse 10. Das Lied des Cheruskers. Wer war Arminius, war er der legendäre Siegfried?
Christoph Georg Rohrbach widmete sich der Frage, ob der germanische Feldherr Arminius mit dem Drachentöter Siegfried aus der Nibelungen-Sage gleichgesetzt werden könnte. Über lateinische Texte fand er Zugang zu seinem Thema und brachte dadurch auch seine besondere sprachliche Kompetenz zum Ausdruck. Er differenzierte zwischen heutiger und zeitgenössischer Sicht und versuchte, seinen Helden einzuordnen. Ihm war es wichtig mit seiner Arbeit zu ergründen, woraus sich Helden eigentlich legitimieren, welche Funktion sie haben und wie der Umgang mit ihnen erfolgen sollte.


Prof. Olbert und Dr. Müller-Bahlke bei der Auszeichnung von Rebecca Swalve und Felicitas Mügge

Rebecca Swalve (Elisabeth Gymnasium, Halle) und Felicitas Mügge (Landes-gymnasium Latina "August Hermann Francke", Halle), Klasse 10. „Erinnern heißt Leben“ In Memoriam Gudrun Goeseke
Ausgehend von dem alten jüdischen Sprichwort „Erinnern heißt Leben“, begaben sich Rebecca Swalve und Felicitas Mügge auf Spurensuche. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht das Wirken von Gudrun Goeseke und die Frage, ob sie eine Heldin war. Rebecca und Felicitas befragten Zeitzeugen und recherchierten in vielen Institutionen in Halle: die Jüdische Gemeinde, den Verein für Zeitgeschichte, das Neue Forum, das Stadtmuseum und das Stadtarchiv, die Moritzburg und das Archiv der BStU. Schule und Eltern ermöglichten ihnen eine Reise nach Berlin in das Centrum Judaicum. Dort stießen sie auf eine handschriftliche Kartei ihrer Heldin mit vielen Informationen zum jüdischen Leben in Halle. Das Resultat der umfangreichen Recherchen von Rebecca und Felicitas ist eine spannende Arbeit, die das Engagement einer Frau widerspiegelt, die sich Zeit ihres Lebens für die Jüdische Gemeinde in Halle eingesetzt hat.

Lennard Hagen Dewitz (Fallstein-Gymnasium, Osterwieck), Klasse 8. Anna Landmann. Todesurteil für die Nächstenliebe.
Thema der Arbeit von Lennard Hagen Dewitz ist die Osteröderin Anna Landmann, die 1597 in Hornburg als Hexe verbrannt wurde. Der Autor widmete sich erst einer ungefähren Heldendefinition und überprüft dann anhand der so erarbeiteten Kriterien, ob auch Anna Landmann als Heldin angesehen werden könnte. Hierzu gab er einen Überblick über die Hexenverfolgung aus historischer Sicht und erläuterte detailliert den genauen Ablauf eines Hexenprozesses, wie ihn die Protagonistin seiner Arbeit womöglich erlebt haben wird. Bemerkenswert ist die methodisch sehr hochwertige Analyse von historischen Quellen zum Prozess der Anna Landmann. Lennard gelang es sehr gut, seine gewonnenen Erkenntnisse mit vorhandenen Publikationen zu verknüpfen und damit ein multiperspektivisches, aber auch quellenkritisches Bild der Person Anna Landmann und ihrer Geschichte rund um den Hexenprozess zu zeichnen.
David Huros (Fallstein-Gymnasium, Osterwieck), Klasse 8. Der Trompeter von Mars-la-Tour. Ein Held auf Abruf.
David Huros erforschte das Leben von August Binkebank, einem jungen Mann, der mit 19 Jahren freiwillig in das Kürassier-Regiment Nr. 7 eintrat. Er diente dort als Trompeter und nahm bis zur Reichsgründung 1871 an mehreren Schlachten der „Einigungskriege“ teil. David beschreibt detailliert und illustrierend den Werdegang Binkebanks vom Kriegsteilnehmer bis hin zum Pflegefall. Im Speziellen widmet er sich der Schlacht bei Mars-la-Tour, bei welcher der Protagonist Binkebank als Trompeter das Signal zum Angriff blasen sollte. Schließlich erarbeitet er sich einen Heldenbegriff und überprüft Binkebank anhand der gewonnenen Kriterien. Seine Arbeit ist multiperspektivisch und quellenkritisch angelegt. Dem Leser erschließt sich ein eindrucksvolles Kaleidoskop vielschichtiger Betrachtungen, die alle thematisch mit August Binkebank verbunden sind und eine sehr gute Leistung darstellen.
Oliver Meyer (Georg-Cantor-Gymnasium, Halle), Klasse 11. Johann Friedrich Struensee. Ein vergessener Held?
Oliver Meyer ging in seiner Arbeit der Frage nach, ob Johann Friedrich Struensee ein vergessener Held gewesen ist. Der Reisearzt des Dänischen Königs Christian VII. ist ein Sohn der Stadt Halle, wird aber in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Oliver recherchierte nicht nur umfangreich in der Sekundärliteratur, sondern sammelte auch in Archiven und Museen Informationen zum Thema. Die Arbeit besticht durch umfangreiche und breit gefächerte Nachforschungen, durch akribische Analyse, durchdachte Deutungen sowie medienkritische Interpretation der gewonnenen Informationen. Oliver erarbeitete eine Heldendefinition und überprüft anhand der Biographie Struensees den Heldenanspruch. Für ihn erfüllt Johann Friedrich Struensee mit seinen Leistungen und seinem Charakter die von ihm erarbeiteten Kriterien, die einen Held ausmachen.
Luisa Majewski (zur Zeit des Wettbewerbs am Giebichenstein-Gymnasium "Thomas-Müntzer", Halle), Klasse 9. Der kleine Trompeter.
Luisa Majewski widmete sich in ihrer Arbeit Fritz Weineck, der vielen als der Kleine Trompeter bekannt ist. Sie verwendete umfangreiches und vielfältiges Material aus unterschiedlichen Zeiten. Sie stellte den Roman „Der kleine Trompeter und sein Freund“ mit Zeitungsartikeln aus der DDR und zeitgenössischen Quellen gegenüber, um so Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu ermitteln. Ergebnis ihrer Forschung war nicht nur eine umfangreiche Biographie Weinecks, sondern eine Analyse der Heldenfigur „Kleiner Trompeter“. Luisa überprüfte für sich den umstrittenen Heldenanspruch auf Fritz Weineck und gelangte zu der Erkenntnis, dass er aus ihrer Sicht zwar eine temporäre Person, aber keine temporäre Persönlichkeit war.
Anna Wandschneider (Fallstein-Gymnasium, Osterwieck), Klasse 11. Das versteckte Porträt - keine Bilderbuchgeschichte.
Der sensationelle Fund eines übermalten Porträts einer jungen Frau weckte die Neugier und den Forscherdrang bei Anna Wandschneider. Das Gemälde führte sie zu dem Maler Otto Bücher, der, wie sich herausstellte, seine jüdische Frau Elli vor dem Konzentrationslager bewahrt hatte. Wie es dazu kam und wer Otto Bücher war, damit beschäftigte sich Anna in ihrer Wettbewerbsarbeit. Bei ihrer Spurensuche hatte sie stets ihr Thema im Blick, band die vorhandenen Quellen in ihre Darstellung ein und setzte sich mit dem Begriff des Helden differenziert und ausführlich auseinander. So zeichnete sie ein vielschichtiges Bild „ihres“ Helden und unterschiedliche Sichtweisen beleuchteten die Leistungen und Grenzen ihres Protagonisten. Auf diese Weise entstand eine hochwertige historische Arbeit, die durch große fachliche und methodische Kompetenz den Leser überzeugt.
Anna Wandschneider erreichte in der bundesweiten Wertung einen dritten Platz.


Preisträger (Fotos: Markus Scholz u. I. Walther)

Am 6. November 2009 zeichnete Bundespräsident Horst Köhler in Schloss Bellevue die fünf Erstpreisträger und die Vertreter der zehn erfolgreichsten Schulen aus. Leider war kein Schüler aus Sachsen-Anhalt dabei, aber vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal!

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