Franckeblätter Ausgabe 03/2009

Prof. Dr. J.-H. Olbertz, Kultusminister: "Das Erbe, übersetzt ins Hier und Jetzt."
MZ: Neuer Nachbar hinter Gittern. 1)


HALLE/MZ - Die Kulturstiftung des Bundes, zurzeit Untermieter bei den Franckeschen Stiftungen, profitiert mit 2,6 Millionen Euro vom Konjunkturpaket und baut sich einen eigenen Sitz - oder ist es mehr ein Käfig? Die computersimulierte Ansicht des geplanten Neubaus in der Lücke zwischen Franckes Wohnhaus - frisch restauriert - und einem Alt-Glauchaer Haus - derzeit in Sanierung - könnte der Traum eines Wellensittich-Züchters sein.
Elf Stunden hat die Jury gebraucht, um den Wettbewerb zum geplanten Neubau der Bundeskulturstiftung zu entscheiden. Man ahnt, warum es so lange gedauert bat. Am Ende aber wurde der Entwurf der Münchner Architekten Dannheimer & Joos einstimmig auf den Sockel gehoben und mit klarem Abstand zu den nachfolgenden zweiten und dritten Preisen.


Mit einem Gitter aus Stahlstäben überzogen, präsentiert sich der Entwurf für den Neubau der Bundeskulturstiftung.
(Abb.: Dannheimer & Joos, Architekten)

Es braucht schon genaues Hinschauen, bis die kühne Frische dieses Entwurfs nicht nur als Provokation - darum handelt es sich -, sondern als durchdachte Antwort auf die Umgebung und die Aufgabe zu erkennen ist. Harter Kontrast gehörte einmal zum Repertoire des "Bauens im Bestand". Das war vielfach ein Freibrief für denkfaules Auftrumpfen. Auch dieser Entwurf gibt sich ungeniert originell.
Er stellt ein Gebäude in den Umrissen seiner Nachbarn als vergitterte Erscheinung an den Hingang zum historischen Waisenhaus-Karree und zur Giebelfront des steinernen Haupthauses gegenüber. Das konstruktive Skelett aus Stahlbeton wird über die Fassade bis zum abgeschrägten Dach mit einem engmaschigen Gitterwerk aus Stahlstäben überzogen, die Zwischenräume sind verglast.
Das könnte nun freilich aussehen wie ein umgekippter Supermarkt-Trolley, doch das Gitternetz wird nicht silbern-metallisch, sondern weiß gestrichen sein. Insofern bildet es doch wieder eine Einheit mit den Häusern des Stiftungsgeländes, unterstrichen noch durch die Dachschräge und die erkennbar aufgenommene Geschossgliederung. Zugleich aber schließt der Bau die Lücke nicht nahtlos, sondern hält deutlichen Abstand zu den Nachbarhäusern.
Und so ist die Botschaft zu verstehen: Die Hausherren ziehen in eine Residenz, die ihre Eigenständigkeit hervorhebt, den angestammten Nachbarn jedoch keinen Fremdkörper aufzwingt. Der Jury-Vorsitzende Peter Kulka, milder gewordener Erz-Modernist, der in Potsdam das Schloss wieder aufbaut, bezeichnete diesen Balanceakt denn auch als "Spagat": Einerseits sich einfügen, andererseits sich darstellen.
Geht man durch die Reihen der 24 eingereichten Entwürfe, wird man immer wieder auf diesen Spagat stoßen. Die Mehrheit der Einsender neigt zur Lückenscbließung in entweder historisierenden oder blockhaft modernen Formen. So wird ein "Passstück" daraus, wie es die Stuttgarter Architekten Oberst & Kohlmayer nennen, die den zweiten Platz belegten. Andere bieten auch ein freistehendes Gebäude an, doch suchen sie alle nach dem angepassten Umriss mit Satteldach, Gauben und Fenstern, manche bauen in Stein oder Backstein, zumeist aber eingefärbtem Beton.


Doppelhaus II/III vor der Zerstörung

Die Sieger aber hatten einen Blick wie niemand sonst für das Fachwerk, mit dem Francke alle seine Häuser außer dem Hauptgebäude errichtete. Auch ihre Stützkonstruktion zeigt sich in der Manier von Fachwerk, man sieht es an der verglasten Seitenfront ebenso wie in den kreuzförmigen Stützen im Foyer und in den Fluren. Die Nüchternheit ihres Vorbildes wollen sie im Innern hinter sich lassen, da soll viel Farbe ins Spiel kommen, auch an den Innenseiten des Gitterwerks.
Jan-Hendrik Olbertz, parteiloser Kultusminister, vormaliger Direktor der Franckeschen Stiftungen und Jury-Mitglied, nennt den Entwurf denn auch einen Glanzpunkt: "Er stellt sich selbstbewusst ins Erbe und übersetzt es ins Hier und Jetzt." Die Architekten wiederum sind überzeugt, in der kompakten Bauweise - ohne den Luftraum eines Atriums zum Beispiel und mit wenig technikgestützter Lüftung und Klimatisierung - auch etwas zur "Nachhaltigkeit" beizutragen. Dass man sich an den Anblick gewöhnen muss, auch an das hochgeklappte Eingangsmotiv, das wird das Publikum bis zur geplanten Eröffnung in zwei Jahren sicher gelernt haben.

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1) Mitteldeutsche Zeitung vom 26. September 2009 Beitrag von Günter Kowa
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