Franckeblätter Ausgabe 03/2009

Erinnertes und Reflektiertes aus meiner Schulzeit – und der Zeit danach (III)


Prof. Dr. Klaus Dieter Schwenke

Erinnerungen an die Schulzeit vermischen sich nach mehr als einem halben Jahrhundert zwangsläufig mit einer Rückblende prägender Ereignisse in der großen und kleinen Politik, die für die Generation der Enkel – sofern ihnen diese überhaupt vermittelt werden – schon in nebulöser Ferne zu liegen scheinen.
Zehn Tage nachdem wir Abiturienten mit dem Abschlusszeugnis in der Hand die Stiftungen verlassen hatten, wurden wir Zeugen der Ereignisse um den 17. Juni 1953. Ausgelöst durch die massiven Proteste der Bauarbeiter der Berliner Stalin-Allee gegen unakzeptable Arbeitsnormen kam es zu republikweiten Protestaktionen, insbesondere auch der Chemiearbeiter der Leuna- und Bunawerke vor den Toren Halles, die sich schließlich zu einem Volksaufstand gegen das Ulbrichtregime entwickelten. Einige Mitschüler unseres Abiturjahrgangs beteiligten sich dabei an der Erstürmung des hallischen Untersuchungsgefängnisses. Das als „Roter Ochse“ bekannte hallische Zuchthaus jedoch erwies sich für die Aufständischen als uneinnehmbar. Etliche taten klug daran, sich der Festnahme nach der Niederschlagung des Aufstandes durch schleunige Flucht nach dem Westen über das damals noch offene Berlin zu entziehen.
Ich erinnere mich, wie das allgemeine politische Klima im Vorfeld dieses Ereignisses durch eine monatelange Kampagne der parteinahen Presse gegen alles ideologisch nicht Konforme angeheizt wurde. So brachte Die Junge Welt (die offizielle Zeitung der FDJ) in regelmäßiger Folge Artikel gegen die Junge Gemeinde, mit denen konfessionell gebundene Jugendliche diskreditiert werden sollten. – An das Goethe-Wort „Über’s Niederträchtige nimmer dich beklage, denn es ist das Mächtige, was man dir auch sage“ musste ich auch später noch sehr oft denken.
In dieser Atmosphäre fanden Ende 1952, ein halbes Jahr vor dem Abitur, an der August-Hermann-Francke-Oberschule Überprüfungsgespräche mit den Schülern statt, die ohne Beteiligung unserer Lehrer von beauftragten Vertretern der FDJ geführt wurden. Einem Mitschüler wurde dabei sein Bekennermut zum Verhängnis; er wurde der Schule verwiesen und zum Abitur erst zugelassen, als die Obrigkeit sich nach dem 17. Juni zu Zugeständnissen an die Bevölkerung gezwungen sah.

Mir war klar, wie wichtig es in dieser Situation war, sich nicht auf das Glatteis einer aussichtslosen Diskussion mit den ideologisch festgelegten FDJ-Funktionären zu begeben sondern den Inhalt des Gespräches nach Möglichkeit selbst zu bestimmen. Am Ende erwies ich mich als hoffnungsloser, für die Partei wenig zuträglicher Fall. Und das blieb so. Als ich mich anlässlich meiner ersten Dienstreisegenehmigung ins westliche Ausland als Fünfzigjähriger beim DDR-Forschungsministerium vorzustellen hatte, wurde ich von dem zuständigen wissenschaftlichen Betreuer gefragt, wie er mich anreden dürfe, Genosse oder Kollege Schwenke; ich antwortete Kollege.
Die vier Jahre unserer Schulzeit in der AHF-Oberschule fielen genau in die Zeit zwischen der Gründung der DDR (1949) und dem ersten Aufstand gegen ihre politische Führung am 17. Juni 1953. Nicht wenige Mitschüler verließen damals den Osten Deutschlands, was offiziell Republikflucht genannt wurde. Ein ehemaliger Klassenkamerad berichtete beim Goldenen Abitur-Treffen, wie er seinen Klassenlehrer, Herrn Dr. Deinhard, in seinen Plan, nach dem Westen zu gehen, eingeweiht und von diesem eine positive Beurteilung erhalten hatte, die ihm den Neubeginn im Westen erleichtern half. Das dürfte exemplarisch für das Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Lehrern an unserer Schule gewesen sein.
Zu den Weisheiten, die uns unser verehrter Lehrer Papa Wensch mit auf den Weg gab, gehörte das Bibelwort „Seid klug wie die Schlangen, aber ohne Falsch wie die Tauben“ (Math. 10, 16), ein Wort, das für uns in den Jahren der DDR eine besondere Bedeutung erhalten sollte.
Die Versetzung des Direktors Dr. Osterwald aus den ehrwürdigen Franckeschen Stiftungen an eine Schule nach Wernigerode im Jahre 1950 zeigte, wie ernst es der DDR-Obrigkeit mit radikalen Veränderungen in den Schulen in Richtung sozialistische Erziehung war. Die Besetzung des Direktorenstuhls mit einer „Genossin“ vollzog sich so wie in vielen anderen Institutionen des Landes, in denen ein alter Geist durch eine linientreue Leitung ersetzt werden sollte. Die Haltung der Schüler zur Abberufung ihres bei aller Strenge doch beliebten Direktors zeigte sich in einer spontanen abendlichen Sympathiebekundung vor dem Pädagogium, seiner Wohnung in den Stiftungen. Es war mehr als ein Abschied von einer geschätzten Direktorenpersön-lichkeit, es war ein stiller Protest gegen das, was sich nun als neuer Leitungsstil im Sinne einer sozialistischen Partei-Doktrin ankündigte. Tatsächlich konnte die Parteiführung weder der Lehrer noch der Schüler sichern sein; zu fest wirkte eine lang gewachsene Tradition in den Stiftungen. Da wo es sich anbot, den Unterrichtsstoff ideologisch zu untersetzen, in Geschichte und Gegenwartskunde, vermieden es unsere Lehrer, uns zu indoktrinieren. Auch da, wo ein Lehrer wie Herr Petras, genannt Kaki, mit dem Herzen Sozialist, an das Gute in der DDR-Ordnung glaubte, gab es Offenheit für uns Schüler und Raum für kritisches Hinterfragen. Dass die Doktrin der herrschenden Partei mit ihrem Anspruch auf eine „wissenschaftliche Weltanschauung“ auch die Naturwissenschaften zu durchdringen suchte, hat der Qualität des Unterrichts in den naturwissenschaftlichen Fächern keinen Abbruch getan. Es bedurfte allerdings des diplomatischen Geschickes einer erfahrenen Pädagogin wie Frau Hagemann, uns die im Biologie-Lehrstoff der 12. Klasse verordnete einseitige Lehre von Lyssenko über die Vererbung erworbener Eigenschaften darzulegen. („Die meisten theoretischen Thesen und praktischen Vorschläge L.s wurden wissenschaftlich nicht bestätigt“, lesen wir dazu in Mayers Neuem Lexikon, Leipzig 1974.). Weitere Lehrer in den Klassen 10 bis 12 verdienen an dieser Stelle genannt zu werden, Physik: Dr. Reichert und Herr Höhne, Chemie: Dr. Giesing und Herr Klühe, Biologie: Dr. Giesing und Dr. Liesche.
Gegenstand weltanschaulicher Spekulationen wurden insbesondere die Grenzgebiete der Physik, wie manche schief geratenen Widerlegungsversuche der Rela-tivitätstheorie zeigten. Dabei galt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Äußerung meines Philosophie-Dozenten im Doktoranden-Seminar 1963 über ein entsprechendes Buch eines parteinahen Autors: "Verges- sen Sie das, der hat ja Einstein überhaupt nicht verstanden!“, zeigt jedoch, dass bereits damals kritisches Denken an den Philosophie-Lehrstühlen der DDR vorhanden war.
Die Kurse in Marxismus-Leninismus, die seit 1951 das Studium der Naturwissenschaften zu flankieren hatten, was uns letztendlich nicht dümmer machte, hatten praktisch keinen Einfluss auf die Vermittlung dieser Wissenschaften selbst.
Allen voran war es die Chemie, deren Studium aus volkswirtschaftlichen Gründen von der Regierung der DDR besonders gefördert wurde. Mir erschien damals die alma mater hallensis als eine Art Eldorado der Chemie: Im alten Institut an der Mühlpforte, in dem schon der Liebig-Biograph Volhard und der spätere Nobelpreisträger Karl Ziegler gelehrt und geforscht hatten, befand sich neben der Physikalischen Chemie ( Franz Sauerwald, Horst Sackmann) die Organische Chemie mit meinem späteren Doktorvater Wolfgang Langenbeck (mein Mentor war Manfred Rothe, nach 1961 Professor in Mainz und Ulm), dessen wissenschaftliche Genealogie über Freudenberg und Windaus letztlich bis auf Liebig zurückging. Hier lasen Herbert Funk Anorganische und Franz Runge Technische Chemie, während uns Friedrich Asinger in die Petrolchemie und der Langenbeck-Schüler Wilhelm Pritzkow in die Theoretische Organische Chemie, damals noch Neuland, einführten. Für die Grenzgebiete zur Botanik und Physiologie standen Kurt Mothes und Horst Hanson (letzterer in der Nachfolge von Emil Abderhalden).


Neue Direktorin E. Perkatz

o.: H. Petras
u.: Klasse 12B1 mit Dr. Reichardt


o.: W. Höhne
u. Dr. Reichardt

Die Veranstaltungen der Leopoldina, die ebenso wie die Goethe-Gesellschaft Weimar als DDR-übergreifende gesamtdeutsche Institution wirkte, erschienen uns wie Sternstunden wissenschaftlicher Kommunikation, und so war es nicht verwunderlich, dass sich hier in Halle zu diesen Anlässen Kollegen aus allen Teilen der Republik in dem überfüllten Vortragssaal des „Klubhauses der Werktätigen“ zusammenfanden. Persönlichkeiten wie der langjährige Leopoldina-Präsident Kurt Mothes, der sich nicht scheute, auch Herrn Ulbricht, wenn es sein musste, seine Meinung zu sagen, haben dazu beigetragen, in dieser Akademie der Naturforscher auch eine Art moralischer Instanz zu sehen.
Tatsächlich war die Geschichte der DDR, so wie ich sie erlebt habe, durch ein Auf und Ab von Zugeständnissen und Repressionen gekennzeichnet. Kaum waren die Zügel der Kulturpolitik ein wenig gelockert worden, als auch schon der Schreck über die eigene Courage für eine Retourkutsche in Gestalt eines Parteiplenums sorgte. 1957 wurde der Philosoph Ernst Bloch, dessen eigenwillige Art marxistischer Gesellschaftslehre nicht parteikonform war, an der Universität Leipzig zwangs-emeritiert. Sein Prinzip Hoffnung erschien mir wie eine Offenbarung im tristen Blätterwald politischer Pflichtlektüre. Allerdings gab es darunter auch Werke, deren scharfe Gesellschaftsanalyse heute wieder von erschütternder Aktualität ist, wie z. B. die Nachfrage nach den Schriften von Karl Marx zeigt. Es war die Zeit scharfer Auseinandersetzung mit den sogenannten dekadenten philosophischen Strömungen westlicher Prägung, und so geriet der Existenzialismus Heideggers und Jaspers’ in die besondere Schusslinie der Parteiphilosophen, deren Polemik häufig ohne jeden in-tellektuellen Tiefgang war. Ich erinnere mich an die philosophische Grundvorlesung, die wir als Studenten der Naturwissenschaften zu absolvieren hatten. Ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat von Carl Jaspers „Philosophieren heißt sterben lernen“ sollte dabei dessen „reaktionäre“ Lehre verdeutlichen; es hatte Aufgabe der Philosophen zu sein, entsprechend der elften Feuerbach-These von Karl Marx, „die Welt zu verändern“. Längst hatte ich diesen Gedanken von Jaspers in den Essais meines Lieblingsautors Montaigne gefunden. Dass die angehenden Naturwissenschaftler Montaigne oder gar Plato gelesen haben könnten, lag offensichtlich außerhalb des Vorstellungsvermögens des Dozenten.
Viele Künstler und Intellektuelle begannen damals in einem Land, dessen antifaschistisch-demokratische Ordnung ihnen die Verwirklichung der schönen Utopie eines Sozialismus verhieß, sich nicht mehr wohl zu fühlen. Der Dichter Franz Fühmann sprach auf einer Lesung davon, dass er keine Gedichte mehr schreiben könne, nachdem er seine Heimat in diesem Lande verloren habe. Er hatte sich aus Berlin nach Märkisch-Buchholz zurückgezogen und schrieb Kinderbücher, großartige Nachdichtungen antiker Stoffe. Mehr und mehr Bürger der DDR verließen ihre Heimat. Tausende qualifizierter Arbeitskräfte, darunter eine große Zahl Akademiker, gingen so der DDR-Wirtschaft verloren. Es war eine ungeheure politische Blamage für die SED-Führung und ein volkswirtschaftlich nicht mehr tragbarer Zustand, den sie durch Errichtung des sogenannten sozialistischen Schutzwalls an der Staatsgrenze zum Westen gewaltsam zu beenden versuchte.
Als in der Nacht vom 12. zum 13. August 1961, direkt vor meiner Haustür, der Grenzübergang nach Berlin-Lichterfelde durch Stacheldraht, Vorläufer der späteren Mauer, geschlossen wurde, erlebte ich hautnah ein Stück politischer Wirklichkeit, deren Dramatik und Tragik sich in der folgenden Zeit erst richtig offenbaren sollte.
Unter solchen Umständen wurden die Prager Ereignisse des Jahres 1968, der „Prager Frühling“, in der DDR mit großer Sympathie begleitet. Nicht jedoch von der Parteiobrigkeit, die sofort bereit war mit einem eigenen Truppenkontingent an der Niederschlagung des Volksaufstandes durch Truppen des Warschauer Paktes teilzunehmen, was allerdings durch eine Weisung aus Moskau verhindert wurde. Nichts hätte damals unsere Betroffenheit besser ausdrücken können als unser solidarisches Schweigen, als wir aus dem Munde unseres kreidebleichen Institutsdirektors die Nachricht vom Einrücken sowjetischer Panzer in Prag vernahmen. Dieses Ereignis gehört zu jenen Momenten persönlicher Geschichtswahrnehmung, die sich mir fest im Gedächtnis eingegraben haben. 35 Jahre später, im März 2003, erlebte ich im vereinigten Deutschland eine fatale „Wiederkehr des Gleichen“, als auf einer wissenschaftlichen Tagung der Veranstaltungsleiter die Sitzung unterbrach und den sehr betroffenen Gästen aus den alten und neuen Bundesländern mitteilte, dass Bagdad bombardiert worden sei.

Irgendwann war in der Obrigkeit der DDR die Erkenntnis herangereift, dass es auch für einen Staat des „real existierenden Sozialismus“ nicht ausreiche, diesen allein auf dem historischen Fundament der „revolutionären Tradition der Arbeiterbewegung“ aufzubauen, sondern dass dazu die gesamte geschichtliche und kulturgeschichtliche Tradition unseres Landes dienen müsse. So wurde der 500. Geburtstag Martin Luthers 1983 ein Anlass zur Bildung eines staatlichen Festkomitees unter der Leitung Erich Honeckers - ein geschichtliches Paradoxon möchte man meinen, hatte man doch bis dato die Person des Reformators vor allem negativ apostrophiert und ihn auch in den offiziellen Schullehrplänen der positiven Gestalt des Revolutionärs Thomas Müntzer gegenübergestellt. Wenige Jahre später, 1986, wurde das Denkmal Friedrichs II. anlässlich seines 200. Todestages aus seinem Versteck in Potsdam Sans Souci wieder nach Berlin an seinen angestammten Platz Unter den Linden gebracht: Die Geschichte Preußens war wiederentdeckt worden. Schließlich kehrte auch der Reichsgründer Bismarck in die offizielle DDR zurück; das Erscheinen einer bemerkenswerten Bismarck-Biographie belegte eine neue historische Sicht auf sein Wirken in Preußen und dem deutschen Kaiserreich. Es war eine Zeit der Öffnung der DDR nach innen und nach außen, in die wir voller Hoffnung auf eine Demokratisierung blickten. Der ehemals „republikflüchtige“ Literatur-wissenschaftler Hans Mayer wurde zu einer Veranstaltung von der Akademie der Künste nach Ost-Berlin eingeladen. Buchpublikationen erfolgten, von denen wir vorher nicht zu träumen wagten, Schon kündigte sich die „Perestroika“ in der Sowjetunion durch eine gesellschaftskritische Literatur – gefördert durch weitsichtige Politiker wie Jurij Andropow und Michail Gorbatschow – an, die sofort ins Deutsche übersetzt, vom Berliner Verlag Volk und Welt auf unseren Büchermarkt gebracht wurden. Doch unser Prinzip Hoffnung musste angesichts politischer Uneinsichtigkeit der SED-Führung zu Hoffnungslosigkeit verkümmern. Honecker war blind gegenüber der Wirklichkeit seines Landes, dessen Bürger ihren friedlichen Protest längst in Montagsdemonstrationen äußerten oder massenhaft über die ungarisch-österreichische Grenze nach dem Westen flohen. Zuvor waren Protestaktionen in den größeren Städten von den „bewaffneten Organen“ mit äußerster Brutalität niedergeschlagen worden; die Gefängnisse der Stasi füllten sich. In dieser Situation fanden viele DDR-Bürger Rückhalt bei der evangelischen Kirche; Gotteshäuser wie die Leipziger Nikolai-Kirche oder die Berliner Zionskirche wurden zum Treffpunkt und zum Versammlung- oder gar Zufluchtsort. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Das waren deutliche Worte von Michail Gorbatschow an Erich Honecker während der Militärparade anlässlich der bombastischen Feier zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR, wenige Wochen vor ihrem faktischen Ende. Hans Mayer hat seine lesenswerten Erinnerungen an eine Deutsche Demokratische Republik mit dem Titel Der Turm von Babel versehen; er beginnt mit dem folgenden prophetischen Gedicht von Johannes R. Becher: Das ist der Turm zu Babel,/ Er spricht in allen Zungen./ Und Kain erschlägt den Abel/ und wird als Gott besungen. - Er will mit seinem Turme/ Wohl in den Himmel steigen/ Und will vor keinem Sturme,/ Der ihn umstürmt, sich neigen. – Gerüchte aber schwirren,/ Die Wahrheit wird verschwiegen. / Die Herzen sich verwirren - / So hoch sind wir gestiegen! – Das Wort wird zur Vokabel,/ Um sinnlos zu verhallen./ Es wird der Turm zu Babel/ Im Sturz zu nichts zerfallen.
Selten habe ich eine politische Manifestation mit solcher Spannung und innerer Ergriffenheit am Fernsehschirm verfolgt wie jene Großveranstaltung vor dem Berliner Roten Rathaus im November 1989 mit Tausenden friedlicher Demonstranten, unter denen ich meine erwachsenen Kinder wusste. In Reden bisher nicht gehörter Deutlichkeit forderten Kultur- und Geistesschaffende unterschiedlicher Weltanschauung, unter ihnen Stefan Heym, Heiner Müller und Christa Wolf, Demokratie und Bürgerrechte ein. Christa Wolf, verehrt von ihren Lesern, verkörperte in diesen Jahren den guten Geist der DDR-Literatur, verwirklichte sie doch in hohem Maße das Bild des Schriftstellers als einer moralischen Instanz. Ihre heute gerne vergessene Protesthaltung gegen den parteihörigen mächtigen DDR-Schriftstellerverband brachte ihr wenig Sympathie der Obrigkeit ein. Ich hatte also viele gute Gründe, sie zu einer Lesung in mein Institut einzuladen; doch ihr politisches Engagement hatte in dieser aktuellen Situation Vorrang vor der Kunst: Anlässlich eines „Runden Tisches“ in der Zionskirche wurden unter ihrer Leitung die brutalen Übergriffe der „Staatssicherheit“ gegen verhaftete friedliche Demonstranten zur Sprache gebracht.


o.: Dr. Liesche
u.: Dr. Giesing

Im Roten Rathaus tagte der Runde Tisch, an dem Bürgerrechtler wie Wolfgang Ullmann die Interessen der DDR-Bürger vor dem Hindergrund der bevorstehenden Vereinigung Deutschlands vertraten. Ließ sich ihr berechtigter Wunsch nach einer Neuerarbeitung des Grundgesetzes verwirklichen? (Sollte doch nach Artikel 146 das Grundgesetz seine Gültigkeit verlieren „an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Selbstbestimmung beschlossen worden ist“.)
Die Staatsgrenze der DDR war durchlässig geworden, die westliche Welt war plötzlich für uns alle zugänglich. Bis dahin waren direkte wissenschaftliche Kontakte mit westdeutschen Kollegen unterbunden worden. (An mir z. B. blieb die Peinlichkeit hängen, eine freundliche Einladung zu einer Vorlesung an einer westdeutschen Universität nicht einmal persönlich beantworten zu können.) Nunmehr ergaben sich spontan auch zahlreiche Kontakte mit westdeutschen Kollegen.
Die Zukunft der ostdeutschen Wissenschaftler hing jedoch davon ab, ob ihre Institutionen nach einer Evaluierung durch den westdeutschen Wissenschaftsrat „abgewickelt“ oder umstrukturiert werden würden. Bei der Entscheidung über das Erhaltenswerte in der neuen deutschen Wissenschaftslandschaft spielte neben rein sachlichen Argumenten naturgemäß auch Konkurrenzdenken eine Rolle. Mit dem Wissenschaftsminister Riesenhuber saß, einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik, ein sachkundiger Naturwissenschaftler auf dem Bonner Ministersessel. Er hatte ein „Wissenschaftler-Integrations-Programm“ (WIP) aufgelegt, das die Wissenschaftler der aufgelösten Akademie-Institute der DDR in die Universitäten integrieren sollte, sich aber letztendlich nicht realisieren ließ. Andererseits bestand bei den zuständigen Bundesministerien, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen bundesdeutschen Gremien große Bereitschaft zur Förderung wissenschaftlicher Projekte in den neuen Bundesländern.
Mein altes Akademie-Institut in Potsdam-Rehbrücke förderte seit den 1970er Jahren wissenschaftliche Symposien auf Schloss Reinhardsbrunn/Thüringen, die ich veranstalteten durfte. Meine begrenzten oder sogar fehlenden Reisemöglichkeiten wurden durch Einladung meiner Fachkollegen aus Westeuropa und Übersee dabei kompensiert. Tatsächlich hatten sich diese Tagungen durch die Teilnahme von Wissenschaftlern aus Osteuropa und der Sowjetunion zu einer Art Institution mit Ost-West-Brückenfunktion entwickelt, besonders als nach der Wende endlich auch westdeutsche Kollegen eingeladen werden konnten.
Anlässlich des Luthergedenkjahres 1996 schrieb der ehemalige Direktor der ehrwürdigen Bibliothek in Wolfenbüttel und Neubegründer der Franckeschen Stiftungen nach der Wende, Prof. Paul Raabe, im Jahresheft der Stiftungen: „….Vierzig Jahre Teilung Deutschlands hat bewirkt, dass im Westen die historische Verwurzelung dieses großen kulturellen Erbes im Vergessenheit geriet und im Osten infolge der politischen Fixierung auf eine sozialhistorische Utopie als bürgerliche Kultur letzten Endes missachtet wurde. – Die Wiedervereinigung steht noch immer unter dem Schock der Schwierigkeiten eines wirtschaftlichen und sozialen Ausgleichs zwischen Ost und West. Darüber vergessen die Westdeutschen die unverdiente Rückgewinnung der einzigartigen Werte deutscher Kultur mit der historischen Überlieferung in Mitteldeutschland. Die Ostdeutschen aber haben vielfach das Vertrauen in diese Werte verloren, die sie in die Wiedervereinigung einbringen ....“. Liest man das Editorial von Albrecht Koch zur Nr. 3/08 der Francke-Blätter, so gewinnt man den Eindruck, dass sich in den zurückliegenden 13 Jahren hinsichtlich des „Zusammenwachsens, was zusammen gehört“ wenig geändert hat. Während 40 Jahren in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen gewachsene Denk- und Verhaltensweisen zu harmonisieren und die Gräben, die politisches Fehlverhalten aufgerissen hat, wieder zuzuschütten, ist wohl noch immer als eigentliche psychologische Problem der Wiedervereinigung.
Wie schwer es ist, unsere jüngste Geschichte vorurteilsfrei und einigermaßen objektiv darzustellen, zeigen gegenwärtige Interpretationsversuche über das Leben in der DDR, deren Lückenhaftigkeit ehemalige DDR-Bürger kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. So erging es mir, als ich von einer Ausstellung über den „Antisemitismus in der DDR“ erfuhr, einer „Dokumentation“ Berliner Schulkinder, die selbst die DDR nie erlebt hatten. An anderer Stelle wurde sogar die Vokabel „DDR-spezifischer Antisemitismus“ gebraucht. Das veranlasst mich, Selbsterfahrenes anzufügen: Dass es in der August-Hermann-Francke-Oberschule ein selbstverständliches Miteinander mit unseren beiden hochbegabten jüdischen Mitschülern gab, entsprach auch zu DDR-Zeiten nicht nur dem Geist der Stiftungen. Auch dass die Studenten der Martin-Luther-Universität in der Vorlesung Viktor Klemperers über französische Literaturgeschichte im überfüllten Hörsaal saßen, gehörte ebenso zur DDR-Normalität wie die offizielle wissenschaftliche Zusammenarbeit mit jüdischen Kollegen aus der Sowjetunion, die in nicht wenigen Fällen zu lebenslangen Freundschaften führten. Auch Persönlichkeiten, die das wissenschaftliche, kulturelle und politische Leben der DDR mitbestimmt haben wie z. B. Samuel M. Rapoport, Jürgen Kuczynski, Arnold Zweig, Anna Seghers und Klaus Gysi, müssen hier genannt werden.
Die Ostdeutschen, die nach 1945 allein für die Reparationszahlungen an die Sowjetunion aufzukommen hatten und auf ihre Weise versuchten, unter schwierigen politischen und wirtschaftlichen Umständen ihr Leben würdig zu gestalten, haben kurz nach der Wende eigenartige neue Erfahrungen machen müssen. Sie mussten zur Kenntnis nehmen, dass sie eigentlich im „Busch“ leben, denn die Aufbauhelfer aus dem Westen erhielten eine „Busch-Zulage“. Sie erfuhren des Weiteren aus dem Munde eines Beamten der damaligen Bundesregierung, dass sie mit einem „Neidkomplex“ gelebt hatten. So nämlich glaubte er sich auf einer Bürgerversammlung in einer großen Nachbargemeinde äußern zu müssen, als der Beginn einer Restitutionswelle in den Berliner Randgebieten zu einer großen Verunsicherung der Bevölkerung über einen möglichen Verlust ihrer Wohnungen oder ihres erworbenen Eigentums geführt hatte.
Über Geschmack soll man nicht streiten, wohl aber über politisches Taktgefühl!
Die Ostdeutschen erfuhren, dass man politische Kultur wohl von ihnen einfordern kann, ohne ihr selbst gerecht zu werden. Mit Verwunderung registrierten sie das Verhalten von Abgeordneten des Deutschen Bundestages, als in den 1990er Jahren der hochbetagte Schriftsteller Stefan Heym, der als Jude das Naziregime erlebt hatte, in seiner Eigenschaft als Alterspräsident mit beispielhaft verbindenden Worten die Sitzung des neu gewählten Plenums eröffnet. Als Parteiloser hatte er in seinem Berliner Bezirk für die PDS kandidiert (offenbar ein nicht gut zu machender Fehler) und von den Wählern die nötigen Stimmen für den Bundestag erhalten. --- Wenig erfahren in der Praxis des politischen Wahlkampfes, mussten wir Neubundesbürger überrascht zur Kenntnis nehmen, wie dabei „mit eisernem Besen“ gekämpft wurde, denn mit diesen Worten versprach ein prominenter Westberliner Politiker „das sozialistische Nest [gemeint war das Land Brandenburg] auszukehren“, sobald die Fusion mit dem Land Berlin vollzogen wäre. Die Brandenburger, empfindlich gegen solche Art politischer Arroganz, die im Ton an die DDR-Zeit erinnerte, und nicht gewillt, ihre eigene Landesverfassung in Frage zu stellen, stimmten damals mehrheitlich gegen diese „Länderehe“. - Vernachlässigbarer Kleinkram von Nachwende-Versehen?
Dass die Treuhand beim Ausverkauf der DDR (für mich ist es ein Problem, dafür ein anderes Wort zu finden) Fehler gemacht hat, wurde jüngst von ihrer langjährigen Leiterin eingeräumt. Das Ausmaß und die politischen Folgen dieser „Fehler“ wird die Geschichtsschreibung einmal zu analysieren haben. So wurde auch ein kulturgeschichtlich bedeutsames Objekt wie die Wirkungsstätte von Albrecht Thaer am Rande des Oderbruchs, wo er vor 200 Jahren den Grundstein für eine „rationelle Landwirtschaft“ gelegt hatte, von der Privatisierung nicht verschont, nachdem es über Jahre als Sitz der „Fördergesellschaft Albrecht Daniel Thaer“ Stätte beispielhafter kultureller Traditionspflege und für mich ein Ort fruchtbarster Anregung für wissenschaftsgeschichtliche Forschung gewesen war.
Waren die friedliche Revolution der DDR-Bürger im Jahre 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands nicht vorhersehbare Quantensprünge unserer Geschichte? Mein Geschichtslehrer in Klasse 11, Ewald Erb, würde hier sicher die von Marx gebrauchte Hegelsche Argumentation der Negation der Negation, den Umschlag einer Quantität in eine neue Qualität als eine sich immer wiederholende historische Notwendigkeit ins Feld führen.
Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland. So begann einstmals die Nationalhymne der DDR, in der auch ein Prinzip Hoffnung ihrer Bürger auf eine Wiedervereinigung seinen Ausdruck fand, bis sie nicht mehr gesungen werden durfte.
Eine wirkliche Auferstehung aus Ruinen ist für mich als ehemaligem Franckianer die Wiedergründung der Stiftungen nach der Vereinigung Deutschlands, wofür ich allen Grund habe dankbar zu sein.

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