Franckeblätter Ausgabe 01/2009
Anfänge des Informatikunterrichtes an der EOS August Hermann Francke
OStD. Dietrich Strech *1)
|
|
Am Ende des Schuljahres 1984/85 erreichte uns eine Anfrage des Fachbereiches Methodik des Mathematikunterrichts der Martin-Luther-Universität, mit dem uns nicht nur wegen der räumlichen Nähe (Franckesche Stiftungen, Haus 6) eine gute Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil verband. Zwischen den schriftlichen und mündlichen Abiturprüfungen sollte mit Abiturienten des Jahrgangs getestet werden, ob der Einsatz des Kleincomputers KC 85 in der Erweiterten Oberschule möglich sei. Die ersten Unterrichtssequenzen verliefen erfolgreich und mündeten in der Vereinbarung, ab Schuljahr 1985/86 für Schüler der 11. Klassen einen fakultativen Kurs Informatik anzubieten. Da es von vornherein feststand, dass Dr. Pruzina, wissenschaftlicher Assistent der Universität, im zweiten Schulhalbjahr als Leiter nicht zur Verfügung stehen würde, setzten sich Herr Goldowsky und Herr Strech, beide Fachlehrer für Mathematik/Physik, mit den Schülern gemeinsam auf eine Schulbank. Der Unterricht fand im Rechenzentrum der Universität im heutigen Weinbergcampus statt. Dort existierten etwa 20 Arbeitsplätze. Jeder Arbeitsplatz bestand aus einem KC 85/1, einem Kassettentonbandgerät (als externer Datenträger und zum Laden des BASIC-Interpreters) und einem Kofferfernsehgerät vom Typ Junost (sowjetische Produktion) als Monitor.
|
|
| Einige technische Daten des KC 85/1: |
| Prozessor | U880D (Z80)/2,4576 MHz |
| Arbeitsspeicher | 17 KByte davon 16 KByte nutzbar |
| Festwertspeicher | 6 KByte ROM |
| Speichererweiterung | max. 64 KByte durch Module |
| Bildaufbau | 24 Zeilen x 40 Zeichen (20 Zeilen x 40 Zeichen) |
| Grafik | 128 Grafiksymbole |
| Farbmöglichkeiten | Schwarzweiß, Farb(Blockgrafik)-möglichkeit nachrüstbar (nur RGB) |
| Tastatur | alphanumerische Elastomertastatur mit 65 Tasten |
| externer Speicher | Kassettenmagnetbandgerät |
| externe Anschlüsse | TV, Tape, E/A, 2xSpielhebel, 4 Steckmodule für Erweiterungen |
| Tonausgabe | Summer |
| Programmiersprachen | BASIC, Assembler |
| Bauform | Kompaktgerät mit integrierter Tastatur |
| Gewicht | 4,1 kg |
| Preis | KC85/1 1500,- DDR-Mark (1986) |
| Hersteller | VEB Robotron-Messelektronik "Otto Schön" Dresden |
|
 D. Strech am Lehrerarbeitsplatz
 11. Klasse 1988/89
 Hinten links, Kai Tittmann, Abitur 1990, z. Zt.Juniorprofessor am Institut für Biochemie der MLU Halle
|
Im Zentrum des Unterrichts stand die Beschäftigung mit der Programmiersprache BASIC. Über die Algorithmisierung eines Problems (z. B. Rechnen mit Brüchen, Quadratwurzelziehen, Erzeugen von Spiegel-worten, Sortieren von Daten, einfachste Reaktionsspiele) wurden elementare Program-me geschrieben und schrittweise ausgebaut.
Die so von Jugendlichen entwickelte Software konnte auch über den Jugendsender DT 64 empfangen, mit dem Kassettengerät (hörbar!) aufgezeichnet und auf dem KC getestet werden.
Der Unterricht begann mit dem mehrere Minuten „endlos“ langen Laden des BASIC-Interpreters mittels Kassettentonbandgerät und war auf Anhieb auch nicht immer erfolgreich.
Frei verkäuflich waren die Geräte, die ursprünglich Heimcomputer heißen sollten, nicht (mehr dazu bei http://www.robotron-net.de). Die Anschaffungskosten, alles in allem etwa 3000 DDR-Mark, waren bei einem monatlichen Gehalt eines Lehrers von etwa 1000 Mark auch beträchtlich. Im 2. Halbjahr wurde der Unterricht dann von den beiden Lehrern übernommen. Anzumerken wäre noch, dass die Lehrer über das Wochenende mal einen PC ausleihen konnten. Das bedeutete für die Familie fernsehfrei, das TV-Gerät wurde doch als Monitor gebraucht. So konnten sich die Kursleiter einen kleinen Vorteil verschaffen. Auf diese Weise qualifiziert, konnte ab Schuljahr 1986/87 der fakultative Kurs Informatik in eigener Regie angeboten werden. Eigene Hardware stand uns aber noch nicht zur Verfügung. In der Folgezeit waren wir Nutzer der Computerräume der Volkshochschule, des Fachbereiches Methodik des Mathematik-unterrichts in den Stiftungen und der EOS Thomas Müntzer, die als eine der ersten Schulen in Halle einen Computerraum erhielt. Das Interesse der Teilnehmer erlahmte auch nicht angesichts der Tatsache, dass wir als "Fremdnutzer immer nur in den späten Nachmittags- oder frühen Abendstunden in den Räumen arbeiten konnten. Wenn wir die letzten Nutzer waren, wurde die Zeit von 90 Minuten
für den Kurs auch manchmal beträchtlich überzogen. Die Entwicklung der Hardware schritt voran, vergleichsweise zu heute sehr gemächlich. Die Mathematikmethodiker der Universität erhielten eine neue Ausstattung und boten uns ihre alte (KC 85/1, KC 85/3, Junost und andere S/W-Fernsehgeräte) als „Dauerleihgabe“ an. Wir griffen natürlich zu und richteten im Winter 1988 im Haus 10 des Internates der Schule einen Raum ein. Welch eine Erleichterung für den Unterricht, aber eines Morgens ein riesiger Schreck: Einige Geräte, ja nur geliehen, hatten über Nacht offensichtlich ihren Geist aufgegeben!
Des Rätsels Lösung: Da der Raum, wie alle Räume im Internat, nur über eine Ofenheizung verfügte, war er über Nacht so ausgekühlt, dass die Betriebstemperatur der Rechner unterschritten wurde. Internatsschüler der damaligen Zeit können sich garantiert auch noch an eingefrorene Wasserleitungen erinnern! Also, mit dem Erreichen von für Schüler erträglichen Zimmertemperaturen erwachten auch die Computer zu neuem Leben. Eine andere räumliche Lösung musste gefunden werden.
Die Chemiker besaßen im Schulgebäude (Haus 43) neben den beiden Fachunterrichtsräumen und der Sammlung noch einen Praktikumsraum, der nicht voll ausgelastet war. Uneigennützig stellten sie diesen für ein künftiges Computerkabinett zur Verfügung. Mit viel Eigenleistung wurde dieser Raum hergerichtet und konnte zum Schuljahr 1988/89 in Betrieb genommen werden. Wir verfügten über sechs Schüler- und einen Lehrerarbeitsplatz, dieser sogar noch mit einem Fernsehgerät als zweiten Monitor für die Schüler.
|
|
So konnten jeweils 12 Schüler an einem Informatikkurs teilnehmen. Eine Bewertung der Leistungen mit Zensuren erfolgte nicht. So wurden die wenigen Schüler nicht bevorteilt, die sich über „Westverwandte“ für zu Hause einen Commodore C64, Plus4 oder Atari besorgen konnten. Übrigens, so bewusst, zielstrebig, ausdauernd und partnerschaftlich lernend hat der Verfasser kaum andere Lerngruppen erlebt!
Zum Schulsportfest 1989 kam erstmals ein von Kursteilnehmern entwickeltes Programm zum Einsatz, welches das komplette Ergebnis bei etwa 500 Teilnehmern getrennt nach Ge-
schlechtern und Klassenstufen vom ersten bis zum letzten Platz in den Einzeldisziplinen und im leichtathletischen Dreikampf ausgab. Zusätzlich wurde noch die sportlichste Klasse anhand des durchschnittlichen Dreikampfergebnisses ermittelt. Ein beeindruckendes Programm und nur mit BASIC geschrieben! Als Hardware wurde aber ein Commodore Plus4 mit seinen peripheren Geräten „ausgeborgt“.Nach dem ersten Testlauf kurz vor dem Sportfest mussten noch einige Nachtschichten zur Anpassung des Programms geleistet werden. Hardware und Programm gibt es noch!
|
 KC 85/3 mit separater Tastatur
|
|
Die Idee hatten die beiden Kursleiter und einige Schüler, die am jährlichen Rennsteiglauf teilnahmen (schulische Tradition seit 1978). Jeder Läufer erhielt zur Identifikation als Datenträger eine Lochkarte aus Plastik, die auch an Kontrollpunkten der 45 km langen Strecke von Neuhaus nach Schmiedefeld wirklich noch zusätzlich gelocht wurde. Nach der Abgabe beim Zieleinlauf ermittelte eine Rechenanlage von ROBOTRON die Platzierung bis ins Detail. Die Ergebnislisten lagen kurz nach Zielschluss ausgedruckt vor und wurden den Teilnehmern später als Broschüre zugeschickt.
Mit Beginn des Schuljahres 1989/90 wurde der Raum mit sieben Bildungscomputern BIC robotron A 5105 (eine für das Bildungswesen spezifisierte Variante des PC 1715), einem Farbfernsehgerät als Zusatzmonitor für die Schüler und sogar einem Drucker ausgestattet, Gesamtwert etwa 80.000 DDR-Mark! |
|
| Einige technische Daten des BIC robotron A 5105: |
| 1. Grundgerät | |
| Computerflachtastatur UA 880 D, Taktfrequenz 3,75 MHz 48 KByte RAM als Programmspeicher für RBASIC 64 KByte RAM Arbeitsspeicher 128 KByte RAM als Bildspeicher Kassetteninterface Modulsteckplatz |
| 2. Diskettenspeichereinheit | |
| 5,25" Diskettenlaufwerk V.24 Drucker- und Plotterinterface 2 x 8-Bit-Parallel-Interface für Schülerexperimentiergerät |
| 3. Monitor | |
| monochrom 12" Farbfernseher am RGB-Eingang 25 Zeilen x 40/80 Zeichen 16 Vordergrundfarben, 8 Hintergrundfarben 320 x 200 Pixel mit 16 Farben; 640 x 200 Pixel mit 4 aus 16 Farben |
| Als Betriebssystem kam das ROM-orientierte Basisbetriebssystem RBASIC oder SCPX 5105 zum Einsatz. SCPX 5105 ist vollständig zum SCP des PC 1715 kompatibel. |
|
|
Das war ein Arbeiten, kein Laden des Basic-Interpreters, ein Monitor, ein Diskettenlaufwerk (5,25 Zoll), der PC augenblicklich betriebsbereit - was für ein Luxus!
Kein Jahr später war die Technik, auf die wir so stolz waren, museumsreif!
Schade, dass keiner auf die Idee kam, die Hardware zu sammeln, die im Verlauf des Informatikunterrichts verwendet wurde. Zu dieser Sammlung müsste auch unbedingt der Apple-Computer gehören, der uns zu Beginn des Schuljahres 1991/92 vom Paulinum in Münster für die Stunden- und Vertretungsplanung geschenkt wurde!
* * * * * * * * * *
1) Dietrich Strech war von August 1980 bis Februar 1991 stellvertretender Direktor an der EOS AHF bzw. der Latina und bis Februar 1992 deren Schulleiter. Gegenwärtig ist er Schulleiter des Giebichenstein-Gymnasiums "Thomas Müntzer" in Halle.
|
Seitenanfang |
|