Franckeblätter Ausgabe 03/2008

Alfred Hoschke


Marita Rauh, seine Enkelin

Alfred Hoschke wurde am 28.August 1882 in Sömmerda als Sohn eines Schuhmachermeisters geboren. Es war ihm eine besondere Freude, mit Goethe am gleichen Tag Geburtstag zu haben, denn zeit seines Lebens hatte er zu diesem eine enge innere Beziehung. Er berief sich auch gern auf seine Herkunft von Handwerkern, die noch auf der großen Walz gewesen waren. Sein Vater siedelte 1884 mit der Familie nach Kölleda über, wo er Hausvater der christlichen Herberge zur Heimat wurde und die Handwerksgesellen auf ihrer Wanderschaft dort Unterkunft fanden.
Gern wäre Alfred Hoschke wegen seines zeichnerischen Talentes Maler geworden, und der Vater suchte eifrig für ihn eine Lehrstelle. In der Familien-Chronik schreibt er darüber: "Als aber doch nicht alles so passte, wie es sollte, hatte ich nichts dagegen, als mich der Vater nach meiner Mutter Wunsch auf der Präparandenanstalt meiner Geburtsstadt anmelden wollte. Ich habe es nicht zu bereuen gehabt." So wurde er Lehrer und hat über viele Jahrzehnte die Schuljugend gebildet, geformt und sicher auch geprägt. Seit 1907 lehrte er in Halle und beendete seinen Schuldienst erst im Jahre 1954 im hohen Alter von 72 Jahren. War er zunächst an der Volksschule Weingärten tätig, so arbeitete er nach bestandener Mittelschullehrerprüfung an der Martinschule (1912-1932). 1932 wurde er zum Rektor der Friesenschule ernannt. 1938 berief ihn das Direktorium der Franckeschen Stiftungen "zum Rektor unserer Mittelschule". Es waren die Kriegsjahre, in denen er die Schule leitete, die zeitweilig den Namen "Hans Lody" trug. War er wirklich der "überzeugte Parteigenosse", als den Hilmar Thate ihn erlebt haben will? Eher wohl hatte er sich angepasst, wie dies Diktaturen erwarteten. 1) Der Schulbetrieb lief trotz der Kriegshandlungen weiter und wurde nach Kriegsende nur für ein Vierteljahr unterbrochen. Danach unterrichtete Alfred Hoschke wieder als Lehrer an der Grundschule in den Franckeschen Stiftungen. Mit 75 Jahren hatte er noch als Deutschlehrer für Meisterkurse an der Volkshochschule des Saalkreises und als Dozent am Institut II für Lehrerbildung in Halle gearbeitet.

Was ihn als Lehrer auszeichnete, war sicher sein großes Wissen und sein pädagogisches Geschick der Vermittlung. In seinem Nachlass finden sich Abhandlungen für pädagogische Fachzeitschriften, für lokale Zeitungen, für den Rundfunk und für Vorträge, die er im Rahmen der Lehrer-weiterbildung und als Redner in Kulturvereinen gehalten hat. Die Themen waren weit gefächert, vor allem ging es um Sprache und Literatur. Mit seinem halleschen Lehrerfreund Wilhelm Vogel-pohl schrieb er das Buch "Leben im Wort". Über die Polarforscher Scott und Amundsen verfasste er ein Jugendbuch "Sieg und Tod am Südpol". Bemerkenswert ist auch sein Einsatz für den Schwimmunterricht an der Mittelschule, wie aus verschiedenen Beiträgen in der "Zeitschrift für das gesamte mittlere Schulwesen" im Jahre 1926 ersichtlich wird. Ein Artikel von ihm endet: "Nun liegt es daran, daß wir Lehrer uns für diese ausgezeichnete Leibesübung einsetzen und das Ziel der neuen Bestimmungen durchdrücken helfen: `Kein gesundes Kind, das nicht in der Schule schwimmen gelernt hat!´"(Halle, 28. 4. 1926).
In besonderer Weise widmete er sich sein Leben lang der Deutung der Familiennamen. Schon am 7. 1. 1927 veröffentlichte die "Allgemeine Zeitung Halle" einen Artikel von ihm unter der Überschrift "Hallesche Namen, die auffallen". Am 12. 1. 37 hielt er im Melanchthonianum einen Vortrag über "Mittelalterliches in unseren Familiennamen". Im Jahr 1933 wurden im "Mitteldeutschen Rundfunk" Vorträge über Familiennamen gesendet, die großen Anklang fanden und deshalb fortgesetzt wurden. Der Otto Beyer Verlag in Leipzig war durch die Rundfunkvorträge auf ihn aufmerksam geworden und ließ ihn für die Leser der Zeitschriften "Für Alle" und "Hella" Namen deuten. Im Laufe eines Jahres hat er 1322 Familiennamen gedeutet.

Auch in der DDR waren Leser der halleschen Zeitungen "Der Neue Weg" und "LDZ" an seinen "Sprachecken" sehr interessiert. Am 22. 8. 61 veröffentlichte die "LDZ" die 200.Sprachecke und die Redaktion hoffte "auf noch lange währende gute Zusammenarbeit". Noch vom Krankenbett aus kam er dieser Anforderung nach und bis zu seinem Tod am 30. Januar 1963 erschienen die wöchentlichen Beiträge in der halleschen Tageszeitung.
Zum 100.Geburtstag ehrte ihn die "LDZ" mit einem Beitrag, der auf Informationen vom Enkel des Jubilars, Dr. Walter Wessel (Berlin), beruhten. Der Artikel schließt: "Für viele, die ihn kannten, hat er, nicht zuletzt durch seine menschliche Güte, maßstabsetzend gewirkt."
Mit Fakten zum beruflichen Werdegang und öffentlichem Wirken ist ein Leben nicht beschrieben. Unser Großvater Alfred Hoschke hatte wohl die Gabe gehabt, seinen Mitmenschen in großer Zuneigung zu begegnen und sie ein Stück des Lebensweges treu mit Rat und Tat zu begleiten. So schreibt ein Studienfreund über das Jahr 1897 in seinen Memoiren, die er 50 Jahre später verfasste; "Mein Landsmann Alfred Hoschke, der bereits ein Jahr Präparande besuchte, führte mich in meine neue Umgebung ein, wurde mein gewissenhafter und begabter Mentor auch durch die anschließende Seminarzeit, so dass es nur natürlich war, wenn uns eine echte und wertvolle Freundschaft bis auf den heutigen Tag verbindet." Die Verbundenheit mit seinen Schülern und Schülerinnen beweist sein umfangreicher Briefwechsel mit ihnen. Er ermunterte, lobte und spornte an. So gratulierte er per Postkarte einem ehemaligen Schüler 1960 nach Münster: "Nun wirst Du 21 Jahre alt, d. h. Du wirst mündig, volljährig, kannst nach alter Währung, die ja für Dich in Deiner neuen Heimat gilt, Dein Schicksal in eigne Verantwortung nehmen. Es heißt auch Schluß mit der Jünglingszeit, zielbewusstes Streben zur Vollreife des jungen Mannes, der da weiß, was er will. Daß es bei voller Gesundheit und Freude am Schaffen und Gelingen auf Dein Lebensglück hin münde, das ist der Herzenswunsch Deines alten Lehrers." Ein langer Brief endete 1958: "Ich habe den langwierigen Winter bei guter Gesundheit und stets tätig überstanden. Ein Bibelspruch ist mir Lebensregel: `Lasset uns wirken, solange es Tag ist! Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.' Die Arbeit verschönt mir das Alter, und hinzu kommt die Freude, die Ihr lieben Jungen und Mädchen mir damit macht, daß Ihr Euch noch gern an Euren alten Lehrer erinnert. In diesem Sinne grüße ich Dich herzlich und nehme an Deinem ferneren Lebenswege getreulich Anteil als Dein alter Lehrer Alfr. Hoschke" Wenn ehemalige Schüler der August-Hermann-Francke-Grundschule ihn noch heute verehren, so kann dies wohl als gelungene Lehrerberufung Alfred Hoschkes gedeutet werden. Am 19. 05. 08 schrieb ein Ehemaliger der August-Hermann-Francke-Grundschule an seinen Klassen-kameraden: "Ich habe wie bei keinem anderen Lehrer aus meiner ganzen Schulzeit nur dankbare Erinnerungen an ihn und nach vielen Jahrzehnten unveränderte Verehrung für ihn in seiner gütigen und doch ganz konsequenten Art." Wenn der Briefschreiber noch hinzufügt, ich sei "um diesen Großvater zu beneiden", dann ist dem nicht zu widersprechen.

Alfred Hoschke war seinen drei Töchtern ein treu sorgender Vater und seinen 8 Enkelkindern ein liebevoller und an ihrer Entwicklung interessierter Großvater. Wir begegneten ihm mit dem nötigen Respekt und erhielten Verständnis und Zuneigung. Stolz präsentierten wir Schulerfolge und erlebten mit ihm neben seinen kindgemäßen Belehrungen auch Zauberkunststücke und fröhliche Spiele. Seine Freude als Großvater zeigt ein Foto inmitten der Enkelschar, aufgenommen in einem Fotoatelier. Anschließend gingen wir gemeinsam mit ihm in eine Zirkusvorstellung. Unsere Geburtstagsgeschenke für ihn waren selbstverständlich kreative Arbeiten, die schon unter einem gewissen Konkurrenzdruck entstanden. Unsere Kartengrüße an ihn waren kleine Aufsätze und seine Glückwünsche und Buchwidmungen endeten bedeutungsvoll mit "Dein Dich liebender Großvater", was ich tief verinnerlichte.

Nach dem frühen Tod seiner Frau im Jahr 1934 heiratete er noch einmal, und die zweite Frau war unsere "Ömi". Traurig war es, als er die 15 Jahre jüngere Frau auch durch den Tod verlor und er dieses Leid noch einmal durchleben musste.
Mit seiner in Halle lebenden Tochter Frau Ingeborg Wessel, hochbetagt, wird im großen Familienkreis der Enkel und Urenkel sein Andenken wach gehalten, was durch die vielen Handschriften und Veröffentlichungen gut unterstützt wird.
Eine Buchwidmung von ihm zu seinem Buch "Leben im Wort" trägt das Zitat: "Dienst an der Muttersprache ist auch Wirken über das Grab hinaus."

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1) Als "überzeugter Parteigenosse" hätte Alfred Hoschke bei den strengen Bedingungen der Entnazifizierung in der damaligen Ostszone niemals weiter an der neu gebildeten Grundschule August Hermann Francke unterrichten dürfen! (R. O.)

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