Franckeblätter Ausgabe 01/2003

Der Jahrgang 1937 der Latina – Ein Stimmungsbild aus dieser Zeit


Prof. Dr. Heinrich Dupuis

Nun bin auch ich gebeten worden, zu o. g. Thema einen Beitrag zu leisten. Natürlich deckt sich vieles von dem Erlebten mit den in den Francke-Blättern bereits erschienenen Berichten der Klassenkameraden. Und doch sind die Hintergründe, Situationen und Entwicklungen oft ganz unterschiedlich gewesen. Also berichte ich über meine Erlebnisse und deren Wertung ‘aus dieser Zeit’ und derjenigen, die darauf folgte.

Wo liegt die Wurzel der Familie Dupuis? - Natürlich in Frankreich: du puits = ‘vom Brunnen’. Folglich konnte und kann ich viele Überraschungen in Schreibweise und Aussprache meines Namens erleben. So hat mich mein Griechisch-Lehrer Heiseler stets ‘Du-pu-i’ angeredet, z.B.:
"Du-pu-i, hab’ ich dich doch mal erwischt, dass du deine Aufgaben nicht gemacht hast!"

Etienne (Stephan) Dupuis wurde 1715 in Paris (oder Versailles?) geboren, studierte Architektur und wurde als Baumeister in dem Dienst des Kurfürsten Clemens von Köln in Bonn angestellt.
Die innere Dekoration des jetzigen Bonner Rathauses wurde von ihm geschaffen. Weiter war er an dem Schlossbau zu Brühl beteiligt.


Professor Dr. H. Dupuis

Mein Großvater war bereits 1854 in Halle geboren, besuchte dort die Latina, ebenso wie später auch mein Vater (1901 -1910), der zweifellos begabt war, in den unteren Klassen ‘Primus’. Sein stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn führte ihn nach dem Abitur zum juristischen Studium. Den 1. Weltkrieg erlebte er ausschließlich an der Westfront, insbesondere in den Schlachten um Verdun. Es folgte die Kriegsgefangenschaft in England bis Ende 1919. Zurückgekehrt fand er nichts mehr vor: Die Mutter war schon kurz nach seiner Geburt gestorben, der Vater 1914. Nur seine Braut, meine Mutter, hatte jahrelang auf ihn gewartet. Ihr Vater war Apotheker und auch sie hatte im Krieg Pharmazie studiert:
Staatsexamen ‘summa cum laude’ und Approbation, für Frauen in dieser Zeit recht ungewöhnlich.

Die Heirat 1922 fiel in die Zeit der großen Wirtschaftskrise und Inflation. So reichten die Geldgeschenke aller Hochzeitsgäste gerade, um am anderen Tag einen Handfeger und eine Kehrschaufel anzuschaffen!
Als ‘Zuhause’ kam zunächst nur eine Mietwohnung infrage, im Süden Halles, in der Gustav-Hertzberg-Straße, in der ich geboren wurde. 1929 war es unter großen finanziellen Anstrengungen möglich, die Hälfte eines Doppelhauses ‘Am breiten Pfuhl Nr. 6’ mit Garten zu erwerben, der unmittelbar an die Felder des Städtischen Gutes ‘Rusches Hof’ grenzte.
Hier habe ich mit meinen zwei Schwestern eine schöne Kindheit verbringen können.


Oberstudiendirektor Dr. Max Dorn

Nach der Grundschule stand für mich die Umschulung an. Ich bin meinen Eltern noch heute sehr dankbar dafür, dass sie mir den Besuch de Latina - nunmehr in der 3. Generation - ermöglicht haben. Und lebhaft erinnere ich mich an die Vorstellung bei dem Direktor Dr. Max Dorn, der auf meine Eltern einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat und den wir dann als Schüler stets hoch verehrt haben. Neu für mich waren die morgendlichen Andachten im Beisein aller Schüler und Lehrer in der Aula, die deutlicher Ausdruck der christlichen Tradition dieser Schule waren.
Es muss wohl betont werden, dass dieser Geist und das Bekenntnis zur Kirche während der ganzen Zeit des Nationalsozialismus, d.h. bis zum Kriegsende, an der Schule aufrechterhalten werden konnten.

Für meine Eltern war auch selbstverständlich, dass ich (1941) konfirmiert wurde, aber nicht in der für uns zuständigen Lutherkirche, sondern durch Pastor Gueinzius, einen Vertreter der ‘Bekennenden Kirche’, in der Gemeinde St. Johannes. Dabei war es für meinen Vater auch eine Selbstverständlichkeit, in Uniform - er war im Krieg Hauptmann d. R. - an dem Konfirmationsgottesdienst teilzunehmen.

Über die eigentliche Schulzeit, die Klassenkameraden und die Lehrer ist in den Francke-Blättern ausführlich berichtet worden. Dass dabei Streiche, Späße und jugendliche Freude eine große Rolle spielten, ist für Schüler normal. Wichtig war aber, dass die Schule uns Einsichten zur Notwendigkeit und Methodik des Lernens, zum systematischen Arbeiten, zu äußerer (und innerer) Ordnung, Disziplin und Verantwortlichkeit, aber auch zur Selbstständigkeit vermittelt hat. Jedenfalls habe ich dies zurückblickend so empfunden und weiß, dass ich daraus im Berufsleben, und nicht nur dort, Nutzen gezogen habe.

Im Schulalter spielte auch die obligatorische Mitgliedschaft, d. h. der ‘Dienst’ im Jungvolk und in der Hitlerjugend eine Rolle. Meine Begeisterung hielt sich hierfür in Grenzen und war im Wesentlichen von der geistigen und charakterlichen Qualität unserer Führer, aber auch von der Art des Dienstes bestimmt. Sportlicher Dienst (Ausnahme: Boxen) fand meist meine Zustimmung. Dies galt auch für Geländespiele, die gelegentlich sonntags nach einem langen Marsch vom Süden durch die Stadt auf den ‘Brandbergen’ vor der Heide stattfanden. Wenn allerdings einer unserer Führer - neben der Marschkolonne gehend - Erwachsene, die die Hitlerjugendfahne nicht grüßten, zurechtwies, empfand ich dies als äußerst beschämend.

Es blieb nicht aus, dass die Waffen-SS bei der Hitlerjugend um Freiwillige warb. Dies hatte sich zuvor rumgesprochen und es war in der Schulklasse die Parole ausgegeben worden, dass es am besten sei, sich umgehend bei der Wehrmacht als Reserveoffiziersbewerber anzumelden. So haben wohl die meisten von uns, so auch ich, gehandelt. Dies war mein Glück! Denn sonst wäre mein Leben schon im Mai 1945 beendet gewesen:
Im sowjetischen Gefangenenlager Melnik/Tschechoslowakei wurden wir als erstes daraufhin untersucht (Blutgruppe am Oberarm), ob wir zur Waffen-SS gehörten oder nicht. Im positiven Fall erfolgte ohne Urteil die sofortige Erschießung!

Der Februar 1943 - ich war 15 Jahre alt - brachte für unsere Klasse einen starken Einbruch in den schulischen Ablauf. Die katastrophale Niederlage von Stalingrad erforderte einen Nachschub von Tausenden von Soldaten an die Ostfront, um einen ‘Dammbruch’ zu verhindern. Dazu mussten Soldaten von der ‘Heimatflak’ abgezogen und durch uns Schüler ersetzt werden. Über unsere 1 ½ jährige Dienstzeit als ‘Luftwaffenhelfer’ ist mehrfach in den Francke-Blättern berichtet worden, wobei die Wertung dieser Zeit vorwiegend übereinstimmend, z.T. auch abweichend ausgefallen ist. Meine persönliche Wertung ist positiv, insbesondere aus zwei Gründen.
Wir empfanden die uns gestellte Aufgabe als notwendig: den Versuch einer schützenden Abwehr feindlicher ‘Geschwader’, die die zivilen Wohngebiete der Stadt und das Leunawerk mit Bombenteppichen eindeckten. Der hierfür erforderliche Dienst bei Tag, mehrheitlich aber bei Nacht, konnte von uns geleistet werden und führte zu einer Gemeinschaft, die wir bisher in der Schulklasse nicht gekannt hatten.
Wir hatten das Gefühl, dass wir zusammen gehörten und dass sich jeder auf den anderen verlassen kann, sei es, dass er in der Messstaffel oder - wie ich - in der Geschützstaffel Dienst tat. Dass wir außerdem noch Schüler waren, gehörte auftragsgemäß dazu:
Sofern nicht längere nächtliche Alarmbereitschaft bestanden hatte, besuchten uns morgens die Lehrer in der Stellung und hielten Unterricht. Dabei ging es meist ‘locker’ zu und wir gaben uns i. d. R. Mühe, den Unterrichtsstoff zu verarbeiten.

Nach der Entlassung von der Flak erfolgte noch ein kurzer Dienst in einem ‘Wehrertüchtigungslager’ bei Klostermannsfeld, in dem der Umgang mit Handfeuerwaffen und das Verhalten im Gelände geübt wurden. Auch eine 2-monatige Zeit beim Reichsarbeitsdienst RAD in Groitzsch bei Leipzig musste absolviert werden, eine ‘verlorene’ Zeit, die mit unangenehmen Erinnerungen verbunden ist. Aber Weihnachten 1944 konnte ich wieder ein paar Tage zu Hause sein.

Für den 6. Januar 1945 lag der Einberufungsbefehl für mich und auch für Erich Reichelt vor.
Ziel: Grenadier-Ersatzbataillon 53 in Naumburg.
Nach kurzer intensiver infanteristischer Ausbildung bei Kälte und Schnee im Gelände geht es in Güterwaggons nach Wittenberg zum Bau von Panzersperren und Schützengräben. Täglich begegnen uns Flüchtlingstrecks aus dem Osten, die Nachtquartiere suchen. Viele berichten von grausamen Erlebnissen mit Soldaten der Roten Armee. Ende März wird die Kompanie bis nach Niesky unweit der Neiße verlegt. Wir hören das Grollen von der nahen Front. Wenige Tage später beginnen die Sowjets nach einem Trommelfeuer ihren Durchbruch nördlich von uns bei Weißwasser. Wir setzen uns nach Süden ab und begegnen wieder Flüchtlingen, die über Vergewaltigungen und bestialische Morde an dem Ortsbürgermeister und dem Pfarrer berichten.
In einer Scheune werden etwa 50 von den Rotarmisten durch Genickschuss getötete ‘Volkssturmsoldaten’ (Jungen unter 15 Jahren sowie ältere Männer) entdeckt.

Weiter geht der Marsch nach Südosten vorbei an Bautzen und Zittau in das Gebirge.
Auf dem Gebirgskamm erfahren wir gegen Mitternacht, dass am 8. Mai der Krieg durch Waffenstillstand beendet ist. Naiv glauben wir, dass uns auch keine Kriegsgefangenschaft mehr droht! Die Restverpflegung wird verteilt, die Waffen werden vernichtet. Ich versuche zusammen mit Erich Reichelt und anderen durch das Sudetenland einen Weg nach Westen zu finden. Nachdem uns Tschechen bereits ausgeplündert haben, geraten wir bei Melnik in sowjetische Gefangenschaft. Wir werden zuerst nach Prag getrieben, dann wieder zurück nach Norden bis in ein großes Lager bei Zittau.
Dort befinden sich schon ca. 15000 deutsche Soldaten.
Wir sind halb verhungert und müssen stundenlang anstehen, um einen Becher Wasser zu erhalten. Und dann werden uns die Haare geschoren!! Nun sind wir jederzeit als Gefangene erkennbar und wissen, was uns bevorsteht. Als 1000 Gefangene ‘für landwirtschaftliche Arbeiten in Schlesien’ zusammengestellt werden, melden Erich und ich mich, nur um aus dem Lager herauszukommen. Unter scharfer Bewachung durch 25 Sowjetsoldaten geht es durch Görlitz über die Neiße nach Nordosten, aber nicht nach Schlesien... sondern - wie wir später erfahren - zum Bahntransport nach Sibirien. Für mich und einen Kameraden bietet sich unterwegs eine Gelegenheit ‘abzutauchen’!
Leider wurden wir aber bei diesem Manöver von Erich Reichelt getrennt!
Der Schrecken sitzt uns noch in den Gliedern, aber jetzt haben wir wieder Hoffnung!
Es beginnt der Marsch Richtung Heimat: Überquerung der Neiße, viele Tagesmärsche durch Wälder und über Felder, immer in Deckung, denn wir sind ja als Kriegsgefangene gekennzeichnet. Dann Durchschwimmen der Elbe nördlich von Mühlberg und weiterer Fußmarsch bis an die Mulde, die (noch) die Grenze zur amerikanischen Besatzungszone darstellt. Hier in dem Grenzdorf bin ich wieder allein, denn mein Fluchtkamerad hatte seine Heimat schon erreicht. Ich finde bei einem Bauern Unterschlupf und verrichte alle Arbeiten in Hof und Feld, immer auf eine Gelegenheit zur Überquerung der Mulde hoffend.
Täglich werden Hunderte aus amerikanischer oder englischer Gefangenschaft entlassener deutscher Soldaten von den Sowjets abgefangen, nach Mühlberg/Elbe getrieben und dort zum Transport in die Sowjetunion verladen.
Dann kommt das Gerücht auf, dass die Amerikaner abziehen und die Provinz Sachsen-Anhalt sowie Thüringen an die Russen übergeben werden.
Das kann doch nicht wahr sein!
Aber es ist so!
So kann ich mich wenige Tage später von meinem Bauern verabschieden, nach Eilenburg laufen und dort einen der ersten Züge nach Halle erreichen. In Halle empfängt mich am Bahnhofsvorplatz ein rotes Transparent ‘Die Frauen und Kinder der Stadt Halle grüßen die Helden der Sowjetarmee als ihre Befreier’!

Meine Mutter und meine beiden Schwestern sind glücklich über meine gesunde Heimkehr. Auch von meinem Vater gab es ein Lebenszeichen, dass er gesund in amerikanische Gefangenheit geraten war.
Aber was nun? Wovon sollten wir leben, zumal alle Bankguthaben von den Russen gesperrt waren? Es gelang mir, einen Arbeiterstatus zu erreichen: Ich wurde vom Betriebsrat der Zuckerraffinerie als Rangierer bei der Werkseisenbahn eingestellt.
Als solcher hatte ich Waggons zu koppeln und zu entkoppeln, Bremsschuhe zu legen, Weichen und Drehscheiben zu bedienen und Züge zusammenzustellen. Denn die Zuckerraffinerie, die Rohzucker zu Weißzucker verarbeitete, hatte jeden Tag einen kompletten Güterzug mit Weißzucker auf dem Güterbahnhof abzuliefern, der jeweils morgens als Reparationsleistung von den Russen nach dem Osten abtransportiert wurde. Trotz Bewachung gelang es nachts immer wieder besonders mutigen Bürgern, unter einem Waggon liegend, mit einer Handbohrmaschine Löcher in den Waggonboden zu bohren, so dass Zucker in den bereitgestellten Sack rieseln konnte. Diese Reduzierung der Reparationsleistung entdeckten wir dann morgens stets in Form von im Gleisbett verschütteten Zucker!

In dem Zusammenleben mit Fabrikarbeitern gewann ich auch vielfältige Erfahrungen, so auch während der Auseinandersetzungen vor der Zwangsvereinigung von KPD und SPD. Viele SPD-Mitglieder wehrten sich gegen die Auflösung ihrer Partei und den geforderen Übertritt zur SED. Wer dies zu deutlich bekundete, erschien am anderen Morgen nicht mehr an seinem Arbeitsplatz, sondern hatte zwangsweise einen Platz im Zuchthaus eingenommen.

Auch in der Nachbarschaft zu Hause gab es große Not.
Die Mutter eines früheren Spielgefährten von mir war Halbjüdin, war aber von den Nazis nicht verhaftet oder in ein KZ eingeliefert worden. Der Vater war Syndikus in einem großen Werk und sollte auf Wunsch der Sowjets nun dort Direktor werden. Da er jedoch dieses Angebot nicht annahm, wurde ihm dies als antisozialistische Haltung ausgelegt. Er wurde in das Zuchthaus Halle gebracht, anschließend in das Konzentrationslager Buchenwald, wo er einige Monate später ‘verstarb’.
Im Frühjahr 1946 erfolgte die plötzliche Beschlagnahme meines Elternhauses mit sämtlichem Inventar und die Zwangsausweisung,
da ein ‘Genosse’ in unser Haus einzuziehen wünschte. Dies war Anlass für meine Mutter und meine Schwestern, nach dem Westen umzusiedeln. Für mich hatte mein Freund und Klassenkamerad Wilfried Hammer eine landwirtschaftliche Lehrstelle in der Nähe von Bad Kösen vermittelt (eigentlich wollte ich ja gerne Förster werden, aber dafür bestand damals keine Chance). Ich lernte nun die Landwirtschaft von Grund auf kennen in einem bäuerlichen Kleinbetrieb mit Pferdeanspannung. Trotz der schweren körperlichen Arbeit war es eine schöne Zeit des Lebens mit der Natur, mit Tieren und mit freundlichen, liebenswerten Menschen.
Nach dem 1. Lehrjahr entschied ich mich jedoch - wieder auf dringendes Anraten von Wilfried - das Abitur nachzumachen. So absolvierte ich ab Herbst 1947 einen der letzten ‘Ergänzungskurse’ für Kriegsteilnehmer in den Franckeschen Stiftungen, um nach 4 ½ Monaten mit dem Abitur abzuschließen. In dieser Zeit durfte ich, da mein Elternhaus ja für mich nicht mehr existierte, im Haus von Wilfrieds Eltern wohnen. Aber schon nach 3 Wochen wiederholte sich das Schicksal:
Das Haus wurde ebenso von den Kommunisten beschlagnahmt und die Ausweisung binnen 3 Tagen vollzogen. Wilfried, seiner Mutter und mir wurden 2 Zimmer und Küchenmitbenutzung in einer Mietwohnung zugewiesen.

So wurde mir nach dem Abitur im Frühjahr 1948 nach allen gemachten Erfahrungen klar, dass ein Verbleib für mich in der Sowjetzone nicht sinnvoll ist:
Mein Elternhaus war verloren, meine Familie war schon ‘im Westen’, und ich würde hier niemals eine Zulassung für ein Studium erhalten! Mit sehr ‘gemischten Gefühlen’ habe ich meine Heimatstadt verlassen.

Meine Eltern lebten damals unter primitiven Verhältnissen in einem Dorf in Niedersachsen. Sie waren ohne Hab’ und Gut untergekommen, jedoch als ‘Zonenflüchtlinge’ auch nicht immer willkommen. Aber sie hatten für mich einen Vertrag über ein 2. Lehrjahr auf einem mittelgroßen modernen landwirtschaftlichen Betrieb abgeschlossen. Dort konnte ich andersartige Arbeitsverfahren, Technik und Bewirtschaftung kennenlernen und wurde zudem freundlich in der Familie des Lehrherren aufgenommen.
Aber wie sollte es nach der Lehre weitergehen?

Nachdem ich von einem Max-Planck-Institut für Landarbeit und Landtechnik erfahren hatte, das 1945 von Breslau nach dem Westen verlegt worden war, habe ich mich um Mitarbeit beworben... und hatte Glück:
Im Sommer 1949 konnte ich dort eine Stelle eines Versuchstechnikers antreten. Ich merkte sehr bald, dass ein ‘guter Geist’, Aktivität und der Wille herrschten, auf wissenschaftlicher Basis Neues, Besseres für die menschliche Arbeit in der Praxis zu schaffen. Ein später erbetenes Beratungsgespräch mit dem Institutsdirektor, Prof. Dr. Preuschen, bestärkte mich in der Absicht, trotz großer finanzieller Schwierigkeiten ab Sommersemester 1950 das landwirtschaftliche Studium an der Universität Göttingen aufzunehmen. Dort waren honorige Professoren tätig, so z. B. der aus Halle übergewechselte Betriebswissenschaftler Woermann und der Physiker Pohl, der für uns und gleichzeitig für die Medizinstudenten eine interessante und anschauliche Grundvorlesung hielt. Meine schlechte materielle Basis machte es allerdings erforderlich, als Werkstudent zu arbeiten, z.B. als Möbeltransporteur, Teppichreiniger, Bienenbetreuer, Schlepperfahrer. Nach der Mindestzahl von 6 Semestern bestand ich im Frühjahr 1953 die Diplomprüfung.

Ich hatte das Glück, sofort in eine wissenschaftliche Tätigkeit einsteigen und ein gemeinsames Forschungsprojekt an zwei Max-Planck-Instituten (MPI) bearbeiten zu können. Von dem MPI für Landarbeit und Landtechnik in Bad Kreuznach erhielt ich einen Arbeitsvertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Projekt ‘Zweckmäßige Gestaltung des Schlepperführerstandes’. Nach Durchführung von Feldversuchen zur Ermittlung des IST-Zustandes der Belastung und Beanspruchung der Fahrer folgte ein zweiter Abschnitt im MPI für Arbeitsphysiologie in Dortmund, das dem Ziel diente, ergonomische Grundlagen zur Verminderung der Beanspruchung zu entwickeln. Diese wurden dann im Kreuznacher Institut umgesetzt, indem ein Schlepper so umgebaut werden konnte, dass sich die Reduzierung der Beanspruchung in Feldversuchen nachweisen ließ. Das Projekt fand großes Interesse bei der Schlepperindustrie und konnte von mir für die Anfertigung der Dissertation verwendet werden. Ein ähnliches Projekt ‘Ergonomische Gestaltung des Fahrerplatzes für den Standardlinienbus’ haben wir später durchgeführt. Heute sind alle Omnibusse entsprechend gestaltet.

Wesentlich für meine weitere berufliche Entwicklung war die Tätigkeit im MPI für Arbeitsphysiologie in Dortmund gewesen. Dort hatte ich erfolgreiche interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Medizinern, Ingenieuren, Biologen und Psychologen kennengelernt. Diese Erkenntnisse bewogen mich, mich künftig ausschließlich dem Forschungsbereich ‘Mensch - Technik - Gesundheit’ zuzuwenden. Entsprechende Vorstellungen fanden bei dem Institutsdirektor in Bad Kreuznach volle Unterstützung, der mir zum Einstieg eine mehrmonatige Studien- und Informationsreise in die USA und schließlich den Aufbau einer Arbeitsgruppe ‘Anthropotechnik’ in seinem Institut ermöglicht hat. Eine mehrjährige Zusammenarbeit mit dem Orthopäden Dr. Christ (dessen Selbstversuche an der Wirbelsäule!), leitender Oberarzt an der Berufsgenossenschaftlichen Klinik Tübingen, auf dem Gebiet der Biomechanik und Epidemiologie der Wirbelsäule war der entscheidende Beginn weiterer interdisziplinärer Forschung im Bereich von Belastung und Beanspruchung des Skelettsystems durch die Einwirkung mechanischer Schwingungen und durch Heben und Tragen schwerer Lasten.

In diesen Jahren hatte Wilfried Hammer im gleichen Max-Planck-Institut einen vergleichbaren wissenschaftlichen Werdegang, allerdings auf einem anderen Forschungsgebiet als ich, für das er ebenfalls eine Arbeitsgruppe gründen konnte. Mit seinen Arbeiten konnte er sich an der Universität Gießen habilitieren und wurde dort zum Professor ernannt. Es ist selbstredend, dass wir unsere wissenschaftlichen Probleme stets miteinander diskutiert haben. Dabei war uns die systematische Denkweise, die wir in der Latina gelernt hatten, oft eine Hilfe.
Die Möglichkeit einer Habilitation für das Fach ‘Anthropotechnik’ bot sich für mich 1968 an der TU München in Anlehnung an das dortige Institut für Arbeitsphysiologie, Ernennung zum apl. Professor 1973. So habe ich, von Bad Kreuznach anreisend, viele Jahre lang 14-tägig an der TU München Vorlesungen über ‘Mensch und Technik’ für Studenten des Maschinenbaues und der Elektrotechnik gehalten.

Nach Schließung des MPI in Bad Kreuznach 1976 wurde die Übernahme meiner Arbeitsgruppe zum Institut für Arbeits- und Sozialmedizin der Johannes Gutenberg Universität Mainz und meine Umhabilitation von München zum Fachbereich Medizin in Mainz ermöglicht. In der Lehre bedeutete dies für mich eine nicht unerhebliche Umstellung, weniger jedoch im Bereich der Forschung, da das bisherige Forschungsgebiet weitergeführt werden konnte. Auch das Forschungslabor verblieb bis 1999 in Bad Kreuznach. Die Kosten für Personal, Material und Miete wurden jeweils durch eingeworbene Forschungsmittel (‘Drittmittel’) gedeckt. Weitere Aufgaben betrafen die Betreuung von Doktoranden (43, davon 7 Dr.-Ing., 34 Dr. med.), Prüfungen im Rahmen des medizinischen Staatsexamens und Vorträge an Arbeitsmedizinischen Akademien.


Marktplatz zu Bonn - Kupferstich von Charles Dupuis 1743

Nach Eintritt in den offiziellen Ruhestand mit dem 65.Lebensjahr erfolgte noch eine Verlängerung der Dienstzeit bis März 1994 als ‘Rentnerprofessor’ mit Lehraufgaben und der Abwicklung von Forschungsprojekten. Darüber hinausgehend bin ich mit Sachverständigengutachten zu Berufserkrankungen des Skelettsystems, vorwiegend für Sozialgerichte, befasst, bei denen Art, Intensität und Dauer der gefährdenden Tätigkeit zu beurteilen sind.

Betrachte ich rückblickend mein bisheriges Leben, so zeigt dieses eine Vielfalt der Erlebnisse und der damit verbundenen Empfindungen, die ich hier so geschildert habe, wie sie für mich waren. Die Kindheit, Jugend- und Schulzeit verliefen glücklich und bleiben in dankbarer Erinnerung. Ich bin mir sicher, dass die Schuljahre auf der Latina mich entscheidend geprägt und mir wertvolle Impulse für den beruflichen Werdegang (und nicht nur für diesen) gegeben haben.

Die Jahre 1945 - 1948 werden immer mit bedrückenden Erinnerungen verbunden bleiben, aber auch damit, persönlich mit viel Glück ‘noch einmal davon gekommen’ zu sein. Glücklich kann ich mich auch schätzen, nach praktischen manuellen Tätigkeiten, die ich nicht missen möchte, im Beruf selbstständige wissenschaftliche Tätigkeit in einem interessanten Forschungsbereich für den arbeitenden Menschen gefunden zu haben. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass eine bestimmte berufliche (Aus-) Bildung für ein ganzes Leben oft nicht ausreicht, sondern durch weitere Fortbildung und Neuorientierung ergänzt werden muss.
Dies aber macht das Leben ja besonders interessant.

Klassenspiegel

Heutzutage scheint nichts undenkbar zu sein, so konnte ich kürzlich einem von mir sehr geschätzten Feuilleton den Gedanken entnehmen, dass man den 11. September als Datum mit zwei Ereignissen in Beziehung setzen könne:
Mit der Zerstörung des World Trade Centers in New York und mit dem Brand des Präsidentenpalastes in Santiago de Chile und der Ermordung Salvador Allendes 1973. So weit hatte ich bisher nicht gedacht.

Wir waren in den ersten Latinajahren 1937-39 viel zu harmlos und arglos, um über die Hintergründe und Folgen politischer Morde, von denen es in der alten Geschichte geradezu wimmelt, uns tiefergehende Gedanken zu machen. Wir bestaunten Mucius Scaevola, der Rom dadurch vor den Etruskern rettete, daß er sie als Beispiel römischer Standfestigkeit in starres Erstaunen versetzte: Er verbrannte seine rechte Hand in einem Altarfeuer ohne mit der Wimper zu zucken, wir bewunderten Caesar und übersetzten die Verschwörung des Catilina und sein Ende. Viel tiefer ging das wohl nicht. Dafür erfreuten wir uns an kleinen Unzulänglichkeiten mancher Lehrer gern, mehr im Sinne eines Schabernacks. Der Name Dupuis eines Klassenkameraden bot dazu immer wiederkehrenden Anlaß.
Wir wußten natürlich, wie dieser Hugenotten (?)-Name auszusprechen war, aber nicht jeder neu in die Klasse kommende Lehrer war dafür gerüstet, wenn ihm der Name im Klassenspiegel zum ersten Male begegnete. Auf diesen Augenblick warteten wir mit Spannung, und ohne daß uns dies so recht bewußt war, fiel in dieser Situation ein Steinchen auf die Waagschale, die über das künftige Ansehen dieses Lehrers von Bedeutung war.
Gibt es heute denn noch Klassenspiegel?
Bleibt die Sitzordnung noch für ein Schuljahr unverändert?
Zu unserer Zeit war der Klassenspiegel ein selbstverständliches, leicht zu beschaffendes, einfaches und logisches Hilfsmittel jedes neu in eine Klasse versetzten Lehrers. Bei dieser Gelegenheit war der Name Dupuis eine Hauptklippe.
Die meisten Lehrer verhielten kurz und fragten dann, ob sie den Namen richtig aussprechen.
Einmal aber sagte einer Dupius und erntete dafür überlegenes Lachen.
Der arme Heiner mußte aufstehen und die richtige Aussprache vorführen.
Das nütze jedoch so viel nicht, denn bei diesem Lehrer klang der schöne Name Dupuis immer wie "Dippi", wobei dieses "weiche" D ganz in die Nähe des "harten" t gesprochen war.
Sicherlich war diese Nebenfunktion eines Klassenspiegels auf den Jahrgang 1937 der Latina begrenzt.


Prof. Dr. H.-H. Haase
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