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August Hermann Francke und der Hallesche Pietismus

Francke-Denkmal  August Hermann Francke (Ϯ 1727) wurde am 22. März 1663 als Sohn eines Juristen in Lübeck geboren. Seine Jugend verbrachte er in Gotha, dem Zentrum der thüringischen Kirchen- und Schulreform. Er studierte Theologie in Erfurt, Kiel und Leipzig, wo er sich der pietistischen Reformbewegung anschloss und mit anderen Studenten einen Gesprächskreis (Konventikel) zur gemeinsamen Bibelauslegung gründete. Auf Veranlassung der lutherischen Orthodoxie musste Francke Leipzig und später auch Erfurt verlassen.

Die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein, erlangte er während der Vorbereitung einer Predigt in Lüneburg im Oktober 1687: „Nun erfuhr ich wahr zu sein, was Lutherus saget: Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neu gebieret aus Gott.“
Philipp Jakob Spener (1635-1705), sein geistiger Mentor, vermittelte ihm eine Professur für orientalische Sprachen an der neu gegründeten Universität im brandenburgischen Halle und eine Pfarrstelle in der Vorstadt Glaucha, wohin er vom Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg 1691 berufen wurde. Hier begann Francke sein Lebenswerk, das durch die Hinwendung zum einzelnen Menschen die Ideen Martin Luthers bis tief in die Gesellschaft hinein und über die Grenzen Europas hinaus wirksam werden ließ.

Der Hallesche Pietismus

Das Zentrum des Halleschen Pietismus bildete die 1698 von August Hermann Francke gegründete Schulstadt, die als „Pflanzstätte“ für Kinder und Jugendliche eine Universalreform der Gesellschaft durch breite Bildung und Erziehung zur Selbstverantwortung nach christlichen Maßstäben anstrebte. Das Hallesche Waisenhaus wurde zum Kennzeichen dieser nach der Reformation größten gesellschaftlichen Reformbewegung der Frühen Neuzeit. Mittels eines sorgfältig gepflegten, engmaschigen Netzwerks erlangten die Reformideen Franckes nahezu weltweite Verbreitung. Die dem Pietismus eigene Hinwendung zum Individuum schärfte den Blick auf die Bedürfnisse und Förderungsmöglichkeiten jedes Einzelnen. Der so Bekehrte sollte mit seinem Handeln die Reformideen weitertragen, die dank der weltweiten Vernetzung rund um den Erdball wirksam werden würden. Basierend auf der Bibel und in dem Verständnis, „Werkzeug Gottes“ zu sein, brachte Francke eine Reihe von Neuerungen auf den Weg, die noch heute als Ergebnis einer breit angelegten Bildungsreform, wegweisender Veränderungen im Sozial- und Gemeinwesen sowie einer fruchtbaren religiösen Erneuerung weltweit spürbar sind.

Am Anfang waren vier Thaler...

Francke berichtet, dass im Frühjahr 1695 eine gewisse Person „Vier Thaler und sechzehn Groschen“ in die Armenbüchse der Pfarrwohnung gelegt habe und „als ich dieses in die Hände nahm, sagte ich mit Glaubens-Freudigkeit: Das ist ein ehrlich Capital, davon muss man etwas rechtes stiften; ich will eine Armen-Schule damit anfangen.“ Innerhalb von nur 30 Jahren baute Francke vor den Toren Halles eine eigene Stadt auf. Bereits im 18. Jahrhundert sorgten die Dimension der überwiegend aus Fachwerk konstruierten Gebäude für Aufsehen. Der Kurfürst Friedrich III. erkannte seine Einrichtung, die als private Initiative begonnen hatte, als „publiques Werck“ an. Er unterstützte Franckes Arbeit durch die Überreichung eines Gründungsprivilegs, das den Anstalten bedeutende Vorteile zusicherte. Ungeachtet dessen kämpften die Franckeschen Stiftungen in ihrer über 300-jährigen Geschichte immer wieder um das finanzielle Überleben. Dank der Umsicht ihrer Direktoren stehen sie heute für über 300 Jahre deutscher Bildungsgeschichte mit internationaler Ausstrahlung.

Parallel zur Waisenanstalt entstand eine Schule zur Unterrichtung der Armenkinder. Kurz darauf richtete Francke das Pädagogium als Erziehungs- und Bildungsanstalt für Kinder aus dem Adel und dem wohlhabenden Bürgertum ein. 1697 folgte schließlich die Lateinische Schule, die Bürger- und begabte Armenkinder auf ein Universitätsstudium vorbereitete und 1698 für die Mädchenbildung eigens ein Gynäceum. Damit war der Grund für ein differenziertes System von pädagogischen Einrichtungen gelegt, das weit über den Bildungsstandard der Zeit hinausreichte und Kindern aller sozialen Schichten die Chance auf eine angemessene Bildung bot. Die Lehrpläne der Anstaltsschulen enthielten einen breiten Fächerkanon. Besonderer Wert wurde auf die Realien gelegt, praxisnahe Fächer, zu denen die Vermittlung von Handfertigkeiten ebenso gehörten wie etwa früher Technikunterricht. Das Realschulwesen in Deutschland und die Professionalisierung des Lehrerberufs haben ihren Ausgangspunkt in den Franckeschen Stiftungen. Bis in die heutige Zeit sind die Franckeschen Stiftungen ein renommierter Bildungsstandort.

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