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Das Archiv der Franckeschen Stiftungen zu Halle besteht seit über 300 Jahren. Von August Hermann Francke Ende des 17. Jahrhunderts eingerichtet, spiegeln seine Bestände den schwierigen Aufstieg, die weltweiten Erfolge, aber auch den Niedergang des Halleschen Pietismus wider. So stammt der überwiegende Teil des Bestandes aus der Blütezeit des Halleschen Pietismus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Handschriften, Dokumente, Materialien und Unterlagen aus der wechselvollen Geschichte der Franckeschen Stiftungen sind ein weiterer Hauptbestandteil des Archivs.

Zunächst besaßen die einzelnen Stiftungseinrichtungen eigene Registraturen bzw. Archive. Die Bestände verteilten sich in der Verwaltung, in den Schulen, in der Missionsanstalt und in den einzelnen Wirtschaftsbetrieben der Stiftungen. Wertvolle Manuskripte wurden in der Handschriftensammlung der Bibliothek aufbewahrt. Durch Nachlässe und Schenkungen wurden diese Bestände erweitert und ergänzt.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Archiv nur nebenamtlich betreut und war nicht für die öffentliche Benutzung zugänglich. Der Privatsekretär Gotthilf August Franckes (1696-1769), Sebastian Andreas Fabricius (1716-1790), hat in seiner 50-jährigen Tätigkeit einen Großteil der Dokumente, vor allem des Missionsarchivs, in die noch heute vorhandene Ordnung gebracht. In der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor das Archiv mehr als 11.000 Handschriften, die unter Ausnutzung einer Vertrauensstellung entwendet wurden. Es ist der damaligen Königlichen Bibliothek zu Berlin zu danken, dass sie diesen Teilbestand geschlossen erworben und als "Francke-Nachlass" für die Öffentlichkeit nutzbar gemacht hat. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen die Stiftungsdirektoren Gustav Kramer (1806-1888) und Wilhelm Fries (1845-1928) mit der ersten quellengestützten wissenschaftlichen Darstellung der Stiftungsgeschichte.

Nach der Aufhebung der Franckeschen Stiftungen 1946 wurde das Archiv als eigenständige zentrale Institution gegründet, das Archivgut der einzelnen Einrichtungen zusammengeführt und eigenen Archivabteilungen zugeordnet. Platz fanden die in den letzten Kriegsjahren ausgelagerten Bestände in den Räumen der ehemaligen Waisenanstalt, heute Haus 2-7. Die Stelle eines Archivars wurde erstmals professionell besetzt. Von 1955 bis 1992 stand es unter der Leitung von Dr. Jürgen Storz. Ihm gelang es ungeachtet der schlechten Bedingungen, die Bestände zu sichern und eine eingeschränkte Nutzung zu ermöglichen. In dieser Zeit begann die systematische Erschließung der Dokumente. Es entstanden erste Findmittel. Trotz der ungünstigen äußeren Bedingungen wurde mit der wissenschaftlichen Auswertung der Archivalien begonnen. Die in diesen Jahren erschienenen Veröffentlichungen bilden noch heute eine wichtige Grundlage für die Beschäftigung mit dem Pietismus.

Mit der Wiederbelebung der Franckeschen Stiftungen 1992 wurde das Archiv neu organisiert. Unter neuer Leitung sollten zunächst geregelte Benutzungsbedingungen geschaffen werden. 1993 zog das Archiv in die Räumlichkeiten des früheren Niederlagegebäudes, Haus 30, in dem es bis zur Sanierung der Häuser 23 bis 24, wo ehedem die Cansteinsche Bibelanstalt beheimatet war, untergebracht wurde. Die Archivalien wurden einer gründlichen Revision unterzogen, während moderne Archiv- und Computertechnik Einzug hielt. Die Arbeit an der Erschließung und an der Erstellung von Findmitteln wurde fortgesetzt. Zahlreiche wissenschaftliche Kontakte konnten wieder aufgenommen, vertieft oder neu geknüpft werden. Im Jahre 2003 wurde das Archiv mit der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen zum Studienzentrum August Hermann Francke zusammengeführt.