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Die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen

Geschichte

Im 17. und 18. Jahrhundert waren Kunst- und Naturalienkammern nichts Ungewöhnliches. In ganz Europa legten Adlige, aber auch Bürgerliche sogenannte Wunderkammern an. Ihr Ziel war die Schaffung eines möglichst vollständigen Mikrokosmos zur Untersuchung der als "Wunder der Schöpfung" wahrgenommenen Welt.

Unterstützt vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., begann August Hermann Francke Ende des 17. Jahrhunderts eine Kunst- und Naturaliensammlung im damaligen Hauptgebäude der Stiftungen anzulegen. Mit Hilfe seiner weltweiten Verbindungen gelang es ihm schnell, Kuriositäten aus einer Vielzahl von Gegenden zusammenzutragen. Als Materialsammlung für den Realienunterricht der Stiftungsschulen konzipiert, gewann die Kammer schnell auch als öffentliches Museum Bedeutung, als sie ab 1734 komplett im Dachgeschoss des Historischen Waisenhauses untergebracht wurde. Gottfried August Gründler, Maler und Kupferstecher, entwarf die Ordnung und katalogisierte die Sammlung. Er ist auch für die reiche und bunte Dekoration der bemalten Sammlungsschränke verantwortlich.

Im Zuge der Aufklärung und der Spezialisierung der Wissenschaften im 18. Jahrhundert gerieten die Kuriositätenkabinette aus der Mode. Der uns kühn erscheinende, ganzheitliche Anspruch konnte nicht länger aufrechterhalten werden und viele Kammern wurden aufgelöst und Einzelstücke neuen, spezialisierten Museen zugeordnet. Die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen aber blieb intakt. Sie wurde weiter für den Unterricht gebraucht. Erst im 19. Jahrhundert geriet sie langsam in Vergessenheit.

Während des Zweiten Weltkrieges ausgelagert, war sie in der DDR zugänglich, bis der allgemeine Verfall der Stiftungsgebäude auch dieses einmalige Kabinett zu zerstören drohte. Mit der Sanierung des Historischen Waisenhauses in den 1990er Jahren konnte auch die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen in originaler Form an originaler Stätte wieder aufgebaut werden. Für die Besucher wird die Urform des Museums und die frühmoderne ganzheitliche Weltschau auf plastische Weise erlebbar.

Der Ausstellungsraum

Wunderkammer_Thomas Meincke_2013_klein  Die Präsentation der einzelnen Sammlungsstücke unterscheidet sich erheblich von der einer modernen Ausstellung. Viele Gegenstände drängen sich auf engem Raum und keine Beschriftung bietet Orientierung. Dies ist im Einklang mit der originalen Gestaltung, denn im frühmodernen Kuriositätenkabinett trat das Einzelobjekt gegenüber dem Gesamtensemble zurück. Gleichwohl folgt die Ordnung der Objekte den damals modernsten Erkenntnissen. Die Schränke waren genauestens auf ihren jeweiligen Inhalt wie auch auf die Raumverhältnisse abgestimmt. Die jetzige Anordnung entspricht im Wesentlichen derjenigen von 1741.

In der linken, südlichen Raumhälfte befinden sich die Naturalien, also die Gegenstände natürlicher Herkunft. Klar davon getrennt ist die Kunstsammlung, die im Norden des Saals beginnt und sich entlang der Ostwand fortsetzt. Hier sind die Artefakte, also die von Menschenhand gefertigten Dinge, aufgehoben.

Die Naturalien

Animalienschrank_Göltz  Die Naturalien teilen sich in Mineralien und Flora (Schränke I A, II B und III C) und Fauna (Schränke IV D, V E und VI F). In diesem Teil ist die Tiersammlung einschließlich menschlicher Embryonen untergebracht, aber auch Muscheln, Schnecken und Schalentiere. Außen vor den Schränken findet sich – Standard frühmoderner Naturalienkammern – ein Krokodil, aber auch indische Vogelnester, Walknochen und ein Apothekentisch, in dem früher Pflanzen und Pflanzenteile untergebracht waren.

Die Artefakte

Schreibkunstschrank Bekrönung Göltz_klein  Die Schränke mit Kunstwerken und Artefakten befinden sich an der östlichen Seite des Raumes, links und rechts der Eingangstür, sowie am nördlichen Ende. So bilden die sechs reich verzierten Sammlungsschränke an der nördlichen Stirnseite das Pendant zu den gegenüberliegenden Naturalienschränken und enthalten den Grundstock der Kunstsammlung. Jeder Schrank ist einem anderen Sammlungsgebiet gewidmet. Neben dem Malabarenschrank (XI L) mit Artefakten aus Indien werden im Eckschrank (XII M) Gegenstände und Symbole unterschiedlichster Religionen gezeigt. Ein weiterer Schrank (XIII N) umfasst Alltagsgegenstände. Im Tuchschrank (XIV O) sind frühmoderne Kleidungsstücke aus unterschiedlichen Weltgegenden zu sehen. Er steht neben einem schmalen Schrank (XV P) mit Reliefs, Kupferstichen und Gemälden. Der Schriftenschrank (XVI Q) zeigt Gegenstände aus dem Bereich der Schreibkunst.

Entlang der Ostwand sind sechs grau bemalte Schränke aufgestellt. Zu sehen sind die alte Handbibliothek der Kammer (VII G) und der Münzschrank (13), in dem heute auch Totenwachsmasken unterschiedlicher, teilweise noch nicht identifizierter Personen aus dem pietistischen Umfeld aufbewahrt werden. Darüber hinaus sind Sammlungsstücke aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Ethnografisches aus Borneo ausgestellt (Schränke 14 und 18). Die ausgedehnte Modellsammlung der Schränke IX J und X K macht den pädagogischen Hintergrund der Kunst- und Naturalienkammer am deutlichsten. Mit ihnen, aber auch den anderen Artefakten und Naturalien konnte der Unterricht lebensnah und anschaulich gestaltet werden.

Die Kunstsammlung setzt sich außerhalb der Schränke fort. Eine lappländische Zaubertrommel, Hausmodelle und ein grönländisches Kajak sind vorhanden. An der Westwand ist eine kleine Waffensammlung zu sehen. In der Mitte des Raums steht die große Armillarsphäre, die von einem Himmels- und einem Erdglobus flankiert wird. Es handelt sich dabei um ein geozentrisches System, das seit etwa 1720 neben dem kopernikanischen Modell für den Astronomieunterricht an den Anstaltsschulen eingesetzt wurde. Zur Modellsammlung gehören ebenfalls die zwei Modelle niederländischer Fregattschiffe - sogenannte Ostindienfahrer - aus der Zeit um 1700 im Südteil des Saals. Auch Ölgemälde gehören zur Sammlung. Vor allem das Bild der brandenburg-preußischen Herrscherfamilie an zentraler Stelle, denn sie unterstützten auf Bitten Franckes die Anfänge der Kammer großzügig.

Zwei Modelle von Salzkothen 

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