Historischen Bibliothek-Archivtruhen  Die großzügige Stiftung von Dr. Liselotte Kirchner aus Offenbach macht es möglich, Forschungsstipendien an junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu vergeben. Stipendiatinnen und Stipendiaten aus aller Welt sind zu Gast in den Franckeschen Stiftungen, um die reichhaltigen Quellensammlungen vor Ort für ihre Forschung zur Geschichte der Franckeschen Stiftungen zu nutzen. Ihre Forschungsergebnisse stellen sie in öffentlichen Vorträgen im Indien-Zimmer im Historischen Waisenhaus vor.

 

14. September 2017 | 14.30 Uhr | Indien-Zimmer
Dr. Miss. Jayavidhya Narasiman (Srirangam): "Cultural traditions and moral values – analyzing and comparing the palm leaf manuscripts Koyir puranam and Chidambara puranam"

Die von Halleschen Missionaren im Indien des 18. Jahrhunderts gesammelten, heute im Archiv der Franckeschen Stiftungen aufbewahrten seltenen Palmblatthandschriften sind von hoher Bedeutung für die mittelalterliche und frühmoderne Kulturgeschichte Indiens. Die historischen Handschriften geben einen Einblick in das Alltagsleben der Menschen in Indien sowie in deren vor allem religiös geprägte Literatur. Auf der Basis eines intensiven Studiums der „Koyir puranam“ und „Chidambara puranam“ aus dem Archiv der Franckeschen Stiftungen sowie unter Einbezug anderer bekannter Textvarianten wird Frau Narasiman neu gewonnene Einsichten in Ursprung und Erzählkunst dieser zentralen Werke präsentieren und Forschungsperspektiven für diese alten heiligen Texte (= puranam) aufzeigen.

 

7. September 2017 | 14.30 Uhr | Indien-Zimmer
Dr. Idan Gillo (Stanford): "Bekehrung und Wiedergeburt als politische Theologie im hallischen Pietismus (1696-1740)"

Das Thema von Bekehrung und Wiedergeburt bildet in der Regel einen Bestandteil wissenschaftlicher Definitionen des Pietismus. Traditionell wird dieser Zentralbegriff in erster Linie auf seine theologische Dimension hin untersucht. Es lassen sich aber, so wird der Vortrag zeigen, über die theologische Signifikanz hinaus im Halleschen Pietismus zugleich auch politische Implikationen der Botschaft in Joh. 3:3 belegen — dass niemand das Reich Gottes sehen kann, es sei denn er wird wieder geboren.

 

31. August 2017 | 14.30 Uhr | Indien-Zimmer
Dr. Simon Mills (Kent): "Das hallische Projekt einer Arabischen Bibel im 18. Jahrhundert: Forschung, Zusammenarbeit, Mission"

Der Vortrag von Dr. Simon Mills (Kent) behandelt die Erforschung, den Druck und die Distribution einer Arabischen Bibel durch die hallischen Pietisten. Zunächst wird der Entwurf eines Curriculums für Theologiestudenten durch August Hermann Francke, das auf philologischen Wurzeln gründete, vorgestellt. Danach zeigt der Vortrag, wie die Entdeckung der Bibel in ihren orientalischen Versionen ein Interesse an den Sprachen des Nahen Ostens ausgelöst hat und dadurch zwei syrische Gelehrte im 18. Jahrhundert nach Halle kamen. Anschließend wird mit Blick auf die gelehrten und missionarischen Aktivitäten von Johann Heinrich Callenberg der Versuch geschildert, eine Arabische Bibel herzustellen und zu verbreiten. Damit werden einige der Verbindungen der ersten Pietistengeneration zu Zirkeln von Gelehrten, Klerikern, Händlern und Diplomaten – vom Georgianischen Britannien bis zum Ottomanischen Syrien – vorgestellt.

 

29. Juni 2017 | 16.00 Uhr | Indien-Zimmer
Prof. Philippa Koch (Springfield/Missouri): "Protestant Responses to Sickness in Eighteenth-Century North America"

Der Vortrag befasst sich mit Samuel Urslpergers Arbeit „Der Kranken Gesundheit und der Sterbenden Leben“ – ein Handbuch über Krankheiten für Seelsorger, das 1723 veröffentlicht wurde und durch die Salzburger Immigranten Eingang in die nordamerikanischen Kolonien fand. Die Forschung hat bisher den Standpunkt vertreten, dass den Protestanten des 18. Jahrhunderts beigebracht wurde, sich mit Schmerzen sowie Umständen und Auswirkungen einer Krankheit abzufinden, diese zu ertragen und passiv zu sein. Zugleich wurden Krankheiten mit moralischen Bedeutungen aufgeladen, was religiöse Führungsfiguren in den amerikanischen Gemeinden nutzten, um Kontrolle auszuüben. Der Vortrag wird dagegen aufzeigen, dass die protestantischen Schriften und Lehren keinesfalls Passivität im Umgang mit Krankheit lehrten. Ein genauerer Blick in die gedruckten Schriften sowie handschriftlichen Manuskripte Urlspergers und anderer protestantischer Kleriker offenbart vielmehr, dass sie zu einem sehr aktiven Umgang mit Krankheiten aufgeforderten: Reflektion und Buße sollten die Kranken zu Sinngebung und Trost führen.

 

29. Juni 2017 | 14.30 Uhr | Indien-Zimmer
Dr. Matteo Revolti (Frankfurt am Main/Trento): "Gottfried August Gründler, die Wunderkammer und Linnés Systema Naturae"

Im Jahr 1760 gab die Buchdruckerei Curt in Halle die 11. Auflage des wegweisenden Systema Naturae von Carl von Linnè heraus. Das Frontispiz war sehr bedeutungsvoll: Es zeigte einen fiktiven Linné, der die zoologische Welt beschreibt. Diese Illustration versuchte die göttliche Schöpfung und die Naturwissenschaften zu vereinen. Ausgedrückt wurde dies durch das Motto „numeros et nomina“. Autor dieser Illustration war der vielseitige Künstler und Naturforscher August Gottfried Gründler (1710-1775), der Gestalter der „Wunderkammer“ im Waisenhaus. Der Vortrag versucht, das Projekt der 11. Auflage des Systema Naturae und einen Aspekt der Geschichte von Halle im 18. Jahrhundert zu beleuchten. Erstens, ist das Ziel zu überprüfen ob man von einer „Linneanischen Gemeinschaft“ in Halle sprechen kann. Gemeint ist damit ein Netzwerk von Naturforschern und Missionaren, das sich über Halle hinaus bis nach Indien und Schweden erstreckte. Zweitens fragt der Vortrag danach, welche ikonographischen Quellen und zoologischen Sammlungen die Illustration Gründlers der Systema Naturae inspiriert haben. Denn diese Abbildung geht über die traditionellen Illustrationen der Genesis hinaus, und das Motto „numeros et nomina“ erscheint nicht in der Bibel. Dieses Zitat wurde von Johann Joachim Lange (1699-1765) in der Einleitung der Systema Naturae gewählt, um die Innovation des Linneanischen Systems zu zeigen. Tatsächlich bezeichnete „numeros et nomina“ den Kern von Linnés System, d.h. alle Geschöpfe können geordnet werden.